Eine Geschichte zwischen Deutschland und Rumänien - Alexandra-Maria Pipos im Interview
Im Buch wird die »Schuld des Aufsteigers« fast körperlich spürbar – das Gefühl, den Eltern den eigenen Erfolg schuldig zu sein, während sich gleichzeitig eine emotionale und sprachliche Entfremdung breitmacht. Wie lässt sich dieser schmerzhafte Spagat zwischen tiefer Loyalität zur Familie und dem Drang nach individueller Emanzipation überhaupt auflösen?
Ich glaube nicht ans Auflösen, sondern daran, dass wir uns in jedem Augenblick, mit jeder neuen Möglichkeit zwischen diesen beiden Polen hin- und herbewegen - Mal näher an dem einen, mal an dem anderen. Selbst wenn wir uns radikal für einen Pol entscheiden würden, existiert der andere weiter: Vielleicht als schmerzhafter Gedanke, den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen oder sie enttäuscht zu haben, vielleicht als Tagträumerei in Form eines »Was wäre, wenn ich mich damals für mich entschieden hätte?«
Das »Imposter-Syndrom« ist ein zentrales Thema für viele Bildungsaufsteiger:innen. Ioana versucht diese Angst durch extreme Vorbereitung zu betäuben. Glaubst du, dass dieses Gefühl der permanenten Unzulänglichkeit besonders junge Menschen mit Migrationsgeschichte betrifft, die das Gefühl haben, sich den Platz am Tisch »doppelt hart« erkämpfen zu müssen?
Der Erfahrungsraum junger Menschen mit Migrationsgeschichte ist so vielfältig, dass ich das nicht 100% mit »Ja« beantworten kann. Aber es gibt bestimmt Menschen, die so fühlen. Spannend finde ich vielmehr die Frage, warum Zugehörigkeit zu einem Moment wird, der immer wieder hergestellt und bestätigt werden muss - und das vor allem im Außen.
Dein Roman bricht mit Klischees und zeigt Rumänien jenseits von folkloristischer Nostalgie: Es ist ein Land der Transformation, zwischen unberührter Karpaten-Biodiversität, maroden Kombinaten, Penny-Märkten und der Allgegenwart von Uber und Tinder. Welches Bild von Rumänien möchtest du den Leser:innen vermitteln?
Gute Frage. Dieses Bild hat sich erst beim Schreiben zusammengesetzt - und zwar immer wieder anders. Im Kern geht es mir darum, das Land nicht auf Klischees zu reduzieren, auch wenn sie Teil des Bildes sind. Doch Rumänien ist eben »nicht nur«, sondern »sowohl als auch«. Auch ich überschreibe mit jedem weiteren Besuch mein Bild neu, was irritierend, manchmal auch enttäuschend, aber auch wunderschön sein kann.
Leseeindrücke unserer Verlagskolleginnen
»Ein Debütroman, so rasant, so tiefgehend und fesselnd, dass ich direkt von der ersten Seite drin war. Ich mochte vor allem, dass die Protagonistin Ecken und Kanten hat und dennoch in ihren Problemen und Herausforderungen relatable ist. Zudem bekommt man einen Einblick in eine scheinbar fremde und eher unbekannte Kultur: Rumänien. Gleichzeitig bedeutet die Rückkehr in die Heimat für viele Menschen, Gefühle der Nostalgie und Vertrautheit mit dem Gefühl der Entfremdung zusammenzubringen. Absolute Sogwirkung ist garantiert!«
»Ein atmosphärisches und fesselndes Debüt in einem angenehmen Tempo, sodass man am liebsten sofort zu Ende lesen möchte. Der Autorin ist es sehr gelungen, den inneren Konflikt der Protagonistin zu transportieren, die zwischen zwei Ländern und zwei unvereinbaren Versionen ihrer selbst hin- und hergerissen ist. Auch der Perspektivwechsel zwischen der Protagonistin und den rumänischen orthodoxen Ikonen, die über die Familie wachen, hat mir gut gefallen und das Lesen umso intensiver gemacht. Lebhaft und zugleich feinfühlig, vor allem aber bis zum Schluss mitreißend!«
»Alexandra Pipos schafft hier eine rasante Kammerspiel-Szenerie, bei der man gar nicht hinsehen will, aber einfach dranbleiben muss. Ihre Figuren, allen voran die Protagonistin Ilona, sind authentisch und auf gleiche Weise liebenswert wie unausstehlich. Die familiären Prägungen und die innere Zerrissenheit bieten viel Identifikationspotenzial – weit über Rumänien hinaus.«


