
Die Zukunft gehört den Andersdenkenden - Angelina Boerger im Interview
»Kirmes im Kopf« war eine Erleichterung für viele Betroffene. »Normal war nie der Plan« ist jetzt ein echtes Plädoyer für gesellschaftliche Veränderung. Was ist deine größte Hoffnung, was dieses Buch sowohl bei neurodivergenten als auch bei neurotypischen Leser*innen in Gang setzen wird?
Meine größte Hoffnung ist, dass beide Seiten die Welt danach ein bisschen anders sehen. Dass neurodivergente Menschen weniger Druck verspüren, sich ständig verbiegen zu müssen, um sich anzupassen, und sich häufiger fragen, ob tatsächlich sie das Problem sind oder ob es womöglich die Strukturen um sie herum sind. Und dass neurotypische Leser*innen hinterfragen, warum wir so enge Vorstellungen davon haben, wie man arbeiten, lernen, kommunizieren oder leben sollte.
Für mich bedeutet gesellschaftlicher Wandel nicht, dass wir jetzt für jede Abweichung eine neue Schublade brauchen, sondern dass wir insgesamt mehr Unterschiede zulassen. Wenn wir einfach mal öfter und schneller fragen: »Warum gibt es hier nur einen 'richtigen Weg?'«, anstatt sofort zu denken: »Mit dir stimmt was nicht«, dann hätte dieses Buch bereits viel bewirkt.
Ein zentraler Begriff, der sich durch dein neues Buch zieht, ist die »artgerechte Haltung« für das menschliche Gehirn. Du bezeichnest sie sogar als Menschenrecht. Warum ist das für dich kein Wellness-Luxus, sondern eine politische Forderung, an der unsere Leistungsgesellschaft aktuell scheitert?
Weil wir immer noch so tun, als müssten Menschen vor allem lernen, sich an bestehende Strukturen anzupassen – statt Strukturen auch an unterschiedliche Menschen anzupassen. »Artgerechte Haltung« bedeutet für mich nicht, dass sich alle jederzeit wohlfühlen müssen. Es bedeutet, Bedingungen zu schaffen, unter denen unterschiedliche Gehirne überhaupt gesund lernen, arbeiten und leben können. Das ist kein Trend oder Luxus, sondern eine Frage von Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Und genau da scheitert unsere Leistungsgesellschaft, weil sie alle am gleichen Maßstab misst und das dann fair nennt.
Du beleuchtest ein Thema, das in der Diskussion oft zu kurz kommt: den engen Zusammenhang zwischen Neurodivergenz, mentaler Gesundheit und sozialer Ungleichheit. Wie stark entscheidet der soziale Status, ob ein »andersdenkendes« Gehirn als Stärke gelebt werden kann oder im System untergeht?
Extrem. Denn ob Anderssein eine Stärke werden kann, hängt stark davon ab, welche Ressourcen jemand hat. Wer Geld, Bildung, ein stabiles Umfeld oder Zugang zu Diagnostik und Unterstützung hat, kann sich eher ein Leben bauen, das zum eigenen Gehirn passt. Wer diese Möglichkeiten nicht hat, muss viel häufiger einfach funktionieren – egal, zu welchem Preis. Deshalb dürfen wir Neurodivergenz nicht nur als individuelles Thema betrachten. Die Frage ist auch: Wer kann es sich überhaupt leisten, anders zu sein?
Du schreibst, dass wir sowohl Pippi Langstrumpf als auch Annika brauchen. Warum ist eine reine »Superkraft-Erzählung« über Neurodivergenz zu kurz gegriffen und wie sieht das gesunde Zusammenspiel aus Chaos und Struktur für dich aus?
Weil wir mit der »Superkraft-Erzählung« am Ende wieder Leistungsdruck erzeugen: Anderssein ist plötzlich mehr als okay – aber bitte nur, wenn dabei auch was Geniales rauskommt. Neurodivergenz kann Stärken mit sich bringen, aber eben auch echte Schwierigkeiten. Deshalb brauchen wir Pippi und Annika: Menschen, die Regeln hinterfragen, Neues wagen und kreatives Chaos stiften – und Menschen, die Struktur, Verlässlichkeit und Stabilität mitbringen. Es geht nicht darum, welche Art besser ist, sondern darum, dass wir uns gegenseitig ergänzen, anstatt alle gleich zu machen.



