Im Gespräch

Jochen Mariss über »Tage am Fluss« und das Hühnerorakel

Jochen Mariss
© privat

Herr Mariss, gerne nutzt die Fährfrau Sara in ihrem Roman ein sogenanntes Hühnerorakel, um Prognosen für den Tag zu bekommen. Je mehr Hühner auf der linken Seite picken, umso besser! Wie sehe das Orakel bei Ihnen aktuell aus?

Im Hinblick auf mein Romandebüt picken sämtliche Hühner auf der linken Seite! Da ist ein Traum wahr geworden, und ich kann mein Glück noch gar nicht so richtig fassen. Aber wenn ich auf die Welt schaue, dann möchte ich die Hühner dieser Erde mit erhobenen Armen und mit viel Geschrei von rechts nach links scheuchen, so wie es auch Sara am Ende des Buches tut.

Zeit für das Hühnerorakel

»Sara schloss die Augen. Vor ihr lag der Weg, der von hier aus am Hühnerstall vorbei bis zum Fluss herunterführte und das Gelände in zwei Bereiche teilte. Die entscheidende Frage war: Hielt sich die Mehrzahl der Hühner links des Weges auf – was einen guten Tag ankündigte – oder musste Sara mit dem Schlimmsten rechnen, weil sich die meisten Hühner auf der rechten Seite aufhielten? Die Zuverlässigkeit dieser Vorhersage war erstaunlich. Fast immer passierten im Laufe des Tages Dinge, die Sara eindeutig dem Orakel zuordnen konnte. Kein Wunder – bei dem Orakel, schoss es ihr dann durch den Kopf. Zwar konnte sie es weder beweisen noch erklären, aber von der prophetischen Gabe ihrer Hühner war sie felsenfest überzeugt.« aus »Tage am Fluss« von Jochen Mariss

Was hat Sie nach der Fotografie, der Lyrik und Kinderbüchern bewogen, mit „Tage am Fluss“ den Schritt zum Debütroman zu machen?

Meine Gedichte sind vor allem durch die Veröffentlichung auf Foto-Text-Postkarten bei der Grafik Werkstatt bekannt geworden – wenig Platz für wenige Worte, an denen du sehr lange feilst wie ein Diamantenschleifer, bis der Text endlich zu funkeln anfängt. Irgendwann wurde es mir auf der Postkarte schlichtweg zu eng. Komplexere Textlandschaft fingen an, mich zu reizen, die Erschaffung von vielschichtigen Lebenswirklichkeiten, die Begegnung von Figuren – eine Arbeit, die vielleicht eher mit der eines Teppichknüpfers vergleichbar ist und die ungeheuren Spaß macht. Es ist ein großer Glücksfall für mich, so spät im Leben mit meinem Debütroman einen dieser Geschichtenteppiche in die Welt fliegen lassen zu können.

 

Der Roman spielt am „Grünen Mond“, einem idyllischen, aber auch isolierten Ort an einem Fluss. Was hat Sie an diesem Setting gereizt?

Der „Grüne Mond“ ist letzten Endes ein Symbol für unseren bedrohten Planeten, eine Art Sehnsuchtsort, an den sich Sara Harmsen mit ihrer Angst vor einer ungewissen Zukunft und den dunklen Geheimnissen ihrer Vergangenheit zurückgezogen hat. Im besten Fall erleben die Leser*innen diese kleine Welt mit ihren Wundern und ihrer Verletzlichkeit als einen Ort, den es zu bewahren lohnt – und lassen sich ermutigen, sich für den Erhalt unseres blauen Planeten stark zu machen.

 

In „Tage am Fluss“ trifft eine Frau mittleren Alters auf einen jungen Klimaaktivisten. Warum war Ihnen diese Begegnung der Generationen so wichtig?

Die beiden bilden ja eine Art Zwangsgemeinschaft, ein Gegensatzpaar, das miteinander klarkommen muss: Sara, eine Frau jenseits der Lebensmitte, die sich an niemanden binden will, schweigsam, autark, menschenscheu. Und Leon, jung, haltlos, voller Zukunftsängste, jemand, der Fragen stellt, der nach Nähe und Verbindung sucht. Mich hat das gereizt  dieser Prozess, in dem sich die beiden annähern, in dem Ablehnung und Fremdheit zu flirrender Anziehung wird.

 

Der Roman mit dem sommerlich leichten Cover behandelt auch ernste Themen wie Vergänglichkeit, Generationenkonflikte und Umweltzerstörung. Wie gelingt Ihnen dieser Spagat? 

Dieses Spannungsfeld ist ein wichtiges Thema im Buch: das Hintergrundrauschen von diffusen Bedrohungen, das schöne Sommertage überschatten kann und dass es manchmal wie ein Verrat erscheinen lässt, wenn ich einfach nur das Leben genieße. Dieser Widerspruch zeigt sich in den beiden Figuren: Für Leon sind der Klimawandel und der Kampf für einen bewohnbaren Planeten omnipräsent, während Sara versucht, trotz dieser Zukunftsängste ihren Frieden auf dem „Grünen Mond“ zu finden. 

 

Sara Harmsen trägt eine schwere Last aus der Vergangenheit mit sich herum, die sie an den Fluss fesselt. Inwieweit ist 'Tage am Fluss' auch eine Geschichte über die Schwierigkeit, sich selbst zu vergeben?

Eine Schuld loszulassen und sich selbst zu verzeihen, ist auf jeden Fall ein starkes Subthema des Buches. Das gilt für Sara und ihr Gefühl der Verantwortung für den Tod ihres Bruders Jan, aber auch für Leon, der von der Sorge erdrückt wird, nicht genug gegen den Klimawandel zu tun. Im Laufe der Geschichte finden die beiden den Mut, diese Schuldgefühle miteinander zu teilen und erleben, dass allein das Gespräch über diese Wunden schon ein wichtiger Schritt zur Heilung ist.

Portrait von Jochen Mariss
© privat
Jochen Mariss

Jochen Mariss , geboren 1955 in Köln, studierte Grafikdesign mit Schwerpunkt Fotografie in Bielefeld und war Mitbegründer des Verlags Grafik Werkstatt. Hier erschienen zahlreiche Gedichte und Fotografien von ihm, u. a. in Form von Foto-Text-Postkarten, und machten sei ...

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