
Die Lücken in unserer Gegenwart - Shida Bazyar im Interview
In deinem Roman blicken wir durch die Augen einer verstorbenen Erzählerin auf die Schicksale und Geheimnisse des kleinen Ortes Heimesbach. Warum hast du diesen ungewöhnlichen Blickwinkel für deine Geschichte gewählt?
Bei so vielen Figuren und Perspektiven war mir wichtig, dass es eine übergeordnete Erzählerin gibt, die die Fäden zusammenhält und die die menschlichen Abgründe nicht unkommentiert stehen lässt. Dabei musste unbedingt erkennbar sein, wer hier kommentiert und erzählt, denn in diesem Ort sind ja alle auf ihre Art in die Historie involviert. Die Erzählerin hat selbst eine besondere Beziehung zu dem Ort: sie hat dort in den 1990er Jahren Schutz vor einem Krieg gefunden und musste in dem Moment, in dem der Krieg zu Ende war, ihr neues zu Hause wieder verlassen. Erst nach dem Tod kehrt sie zurück und plötzlich kann sie ungewollt das, was uns allen verwehrt bleibt: durch die Zeit reisen und in die Köpfe der Menschen blicken, die sich zu jeder Zeit sicher sind, das einzig Richtige zu tun.
Für die geflüchteten Protagonistinnen – wie die junge Mutter Parvaneh, die Ende der 80er-Jahre aus dem Iran nach Heimesbach kommt – bietet das Dorf zwar physische Sicherheit vor dem Krieg. Gleichzeitig stoßen sie auf eine lähmende dörfliche Enge. Welchen Blick werfen deine Figuren auf dieses ambivalente Versprechen von deutscher »Heimat«?
Ich glaube, erst einmal geht es ihnen darum, in Sicherheit zu sein und möglichst bald wieder zurückzukehren. Viel größere Ansprüche erlauben sie sich gar nicht, auch, wenn das Leben in einem Hunsrücker Dorf für eine Person aus einer Metropole wie Teheran ein ziemlicher Kulturschock ist. Mir war wichtig, dass dieses dörfliche Soziotop für die sehr unterschiedlichen geflüchteten Figuren auf unterschiedliche Art ein neues zu Hause gibt. Sie mögen die bekannten Schwierigkeiten im Ankommen haben, aber dass jenseits der Hilfe, die sie bekommen, auch echte Freundschaften und Begegnungen entstehen können, gehört genauso dazu. Das ist für mich das schwer auszuhaltende: dass ein Ort, der seine jüdischen Einwohner*innen vertrieben und deren Ermordung geduldet hat, zu einem Ort wurde, in dem Menschen Zuflucht und ein neues zu Hause finden konnten. Ohne, dass irgendjemand darüber gesprochen hätte.
Nach 1945 weicht der NS-Terror im Dorf einer »Diktatur der Gleichgültigkeit«. Was hat dich daran gereizt, diese historischen Kontinuitäten und die verdrängte Schuld mit den Alltagsgeschichten der nachfolgenden Generationen zu verweben?
Die NS-Geschichte meines Geburtsortes Hermeskeil war bis zum Jahr 2018, in dem das Buch „Juden im Gaumusterdorf“ von Heinz Ganz-Ohlig erschienen ist, im Bewusstsein vieler meiner Generation nicht ansatzweise vorhanden. Mir hat das neu gewonnene Wissen auf ungeahnte Art die Augen geöffnet. Ich dachte immer, ich wüsste viel über den NS und die Verfolgung der Juden und Jüdinnen. In dem Moment, in dem ich es so detailreich an dem mir vertrautesten Ort gelesen habe, war es, als hätte ich eine neue Dimension gesehen. Ich habe das Grauen völlig neu, völlig gegenwärtig betrachtet und in seiner stumpfen Alltäglichkeit verstanden. Ich wollte, dass man diesen Aha-Moment beim Lesen auch hat. Deswegen war es wichtig, die ganze Kontinuität zu zeigen, über die Generationen hinweg, über verschiedene Familien und Biografien hinweg. Anders wäre das nicht gegangen.
Der Roman macht auch das Verschwinden und die Verdrängung der jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in Heimesbach spürbar. Wie verbindet sich dieses historische Schweigen für dich mit dem Titel des Buches, »Die Lücken«?
Wir halten uns erstaunlich selten vor Augen, wie viele Menschen, wie viele Familien eigentlich Teil unserer Gegenwart und Gesellschaft wären, wenn die Menschen in Deutschland sich nicht dazu entschieden hätten, sie zu vertreiben und zu ermorden. Wenn ich heute durch Hermeskeil gehe, dann weiß ich, welche Häuser einst jüdischen Familien gehörten, welche Läden einst jüdische Inhaber*innen hatten. In dieser dörflichen Nussschale werden die Lücken ganz besonders sichtbar, sofern man diese Dinge weiß und sich dieser Sichtweise aussetzt. Eigentlich müssten wir diesen Blick auf jeden Winkel in Deutschland (und weit darüber hinaus) haben. Diese tatsächlichen Lücken, die die unterschiedlichen Opfergruppen hinweg in unserer Gegenwart hinterlassen, hängen natürlich auch mit den Lücken im familiären Sprechen zusammen. Die öffentliche Aufarbeitung mag suggerieren, es gäbe ein Bewusstsein, das Schweigen innerhalb der Täterfamilien aber widerlegt das. Auch deswegen bewegen wir uns im Alltag durch eine Gegenwart, ohne die Vergangenheit darin zu sehen.




