»Aprikosenkind« - Judith Merchant über ihren neuen Thriller
»Aprikosenkind« spielt in einem typisch idyllischen Setting - Landleben, Haus, Kleinfamilie, in dem sich langsam Abgründe auftun. Wie kam es zu diesem Schauplatz für den Thriller?
Darauf hab ich gleich zwei Antworten! Zum einen lebe ich in einer Stadt, in der es gerade wahnsinnig stressig ist. Und mindestens einmal am Tag stelle ich mir vor, wie wundervoll mein Leben wäre, wenn ich irgendwo auf dem Land in Zeitlupe einen Apfelkuchen backen, dem Vogelgezwitscher lauschen oder Laub zusammenrechen würde...
Die andere Antwort ist etwas komplizierter. Ich glaube nämlich gar nicht an Idylle. Immer dann, wenn mal alles gut ist, ändert es sich wieder. Das muss nicht so extrem zugehen wie im Roman, aber dass das Leben schwankt, ist ja normal. Deswegen werde ich ganz hellhörig, wenn Menschen erzählen, was für ein perfektes Leben, eine perfekte Ehe, eine perfekte Familie sie haben. Ich bin mir sicher: Irgendjemand zahlt einen gewaltigen Preis dafür, damit bei den anderen alles im Gleichgewicht bleibt. Und mich interessiert natürlich, was dieses Gleichgewicht zum Einsturz bringt.
Nathalies kleine Tochter Ruby gibt den Erzieherinnen im Kindergarten Rätsel auf, weil sie statt Blumen oder Figuren konsequent einfarbige Rechtecke malt. Wie ist dieses besondere Motiv entstanden und was hat dich an dieser kindlichen Ausdrucksweise interessiert?
Ich finde Kinderbilder total spannend und auch immer etwas gruselig! Es ist ja ganz oft so, dass man darauf etwas Absonderliches zu erkennen glaubt. Und meistens gibt es eine ganz simple Erklärung. Man sieht ertrinkende Zyklopen, dabei soll das eine Familie mit Taucherbrille beim Schnorcheln zeigen und so. Meine eigenen Kinder haben auch ziemlich seltsame Sachen gemalt, die ich selbst aber verstanden habe, weil ich den Hintergrund kenne. Einer meiner Söhne malte riesige bunte Autos, am besten so groß wie das Blatt. Für Räder hatte er keinen Platz mehr auf dem Bild und Fenster konnte oder wollte er nicht malen. Ob andere Menschen das erkennen konnten, war ihm egal-. er wollte einfach Blätter mit Farbe füllen- er selbst wusste ja, dass das ein Auto war. Ich habe das dann einfach weitergesponnen...
Das Buch zeigt neben der nervenaufreibenden Spannung auch den Erwartungsdruck, dem Eltern durch Vergleiche oder ungebetene Ratschläge aus dem Umfeld ausgesetzt sind. War es dir ein Anliegen, diesen alltäglichen Druck auf Mütter zu thematisieren?
Ach, das hat sich ganz von selbst ergeben. Als Mutter bekommt man ja ohnehin non-stop Ratschläge. Ruby ist ein sehr besonderes Kind. Klar, dass Nathalie sich da eine Menge anhören muss. Ich glaube, das ist eine Situation, die viele Eltern nachvollziehen können- und auch, dass das irgendwann kippen kann. Darum geht es in meinem Buch eben auch: um diesen Thriller-Anteil im Alltag. Wer eine Kinderwunschbehandlung durchleidet, ein krankes Kind hat, eins mit ADHS, Autismus, Über- oder Untergewicht etc- so jemand erlebt oftmals einen ganz anderen Wahrheit als die Vergleichs-Mütter, die ungefragt ihre guten Ratschläge von sich geben. Und trotzdem muss sich jede Mutter ständig hinterfragen, ob sie es sich nicht doch zu einfach macht, wenn sie alle Ratschläge ablehnt. Und natürlich, ob sie sich auch genug hinterfragt hat. Das ist fast schon komisch, aber auch bitterernst. Und eine Antwort auf dieses Dilemma gibt es ja nicht. Finde ich zumindest.
Der Thriller spielt viel mit wechselnden Zeitebenen und Rückblenden. Wie sieht der Schreibprozess bei einer so verschachtelten Geschichte aus? Planst du den Verlauf der Geschichte von Anfang an, oder ist er organisch beim Schreiben entstanden?
Meine Planungen sehen auf dem Papier immer überzeugend aus, funktionieren aber im Endeffekt nie. Ich probiere endlos herum und ändere immer wieder, bis es mir stimmig vorkommt.


