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Anregung zur permanenten Bewegung - zum zehnten Todestag von Christoph Schlingensief

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privat

v.l.n.r.: Kerstin Gleba (Lektorin), Christoph Schlingensief, Carl Hegemann
Frühjahr 1998

1998 erschien das erste Buch von Christoph Schlingensief bei KiWi: »Chance 2000 - Wähle Dich selbst«. Ein Band, entstanden in Zusammenarbeit mit Carl Hegemann, der alles enthielt über die Entstehung der Initiative Chance 2000, eine Anregung zur permanenten Bewegung: »Machen Sie mal was! Was ist egal. Hauptsache, Sie können es vor sich selbst vertreten. Natürlich wird es eine Pleite werden, wenn Sie selbst was machen. Aber eine Pleite, die von Herzen kommt, ist besser als eine Million, an der Scheiße hängt. Das nächste Jahrtausend kommt mit Ihnen oder ohne Sie. Sie haben es in der Hand. Chance 2000 hilft Ihnen, etwas aus Ihrem Leben zu machen. Sie haben nur eins. Freiheit ist, grundlos etwas zu tun. Das kann gut oder böse sein. Wir haben uns diesmal für das Gute entschieden.«

Mit Christoph zu arbeiten, war ein großes Glück und eine ständige Überforderung. Ein sich Emporschrauben in Gedankengebilde, die den Gesetzen der Tektonik trotzten und die im Moment größter Schönheit und Klarheit von Christoph gleich wieder zum Einstürzen gebracht wurden. Ein Hinabstürzen in Abgründe voller Wunder und Schrecken.

»Chance 2000« zog als ganzer Tross durch die Lande, in Fußgängerzonen, ins Theater, zum Wolfgangsee. Wohin Christoph auch kam, er verwandelte den Ort. Die Buchpremiere zu »Wähle Dich selbst« fand in Köln statt, in der Mayerschen Buchhandlung auf der Hohe Straße, im Schatten des Doms. Zwischen Buchregalen für Selbsthilfe und Krimis im ersten Stock war eine Fläche freigeräumt, die zur Bühne wurde für etwas, das mit dem Wort Lesung vollkommen unzureichend beschrieben ist. Über 400 Menschen drängten sich zwischen den an den Rand geschobenen Büchertischen und erlebten einen sich verausgabenden, sich geradezu verschwendenden und gleichwohl hochkonzentrierten Künstler, der in sich die Rolle des Philosophen, Politikers, Motivationscoach, Buchautors und des an den Verhältnissen verzweifelnden Kleinbürgers vereinte. Der all diese Rollen und noch viele mehr spielerisch erprobte aus einer künstlerischen, einer existentiellen Notwendigkeit heraus und der sie zugleich mit jeder Faser seines Wesens in aller Ernsthaftigkeit verkörperte. Christophs große künstlerische Energie, der die Selbstüberforderung als Programm eingeschrieben war, ging einher – und das ist ein wahres Wunder – mit einer außergewöhnlichen Freundlichkeit, einem irre tollen Humor, mit einer berührenden Aufmerksamkeit für sein Gegenüber, einer großen Herzenswärme.

Wir alle im Verlag Kiepenheuer & Witsch, die wir mit Christoph haben arbeiten dürfen, sind zutiefst dankbar für alles, was er uns und der Welt gegeben hat, für seine große Kunst, für fünf Bücher, die wir haben verlegen dürfen, und für sein großes Herz. Für uns wird er auf immer da sein.

Gestern erschien »Kein falsches Wort jetzt«, ein von Aino Laberenz wundervoll komponierter Gesprächsband. Wir sind glücklich, Christoph auch auf diesen Seiten wiederbegegnen zu können.

Kerstin Gleba
Verlegerin