Ausgezeichnet

Goethe-Preis 2026: Schriftstellerin Shida Bazyar hält die Laudatio auf Uwe Timm

Am 28. August wird der Schriftsteller Uwe Timm in der Frankfurter Paulskirche mit dem renommierten Goethe-Preis 2026 ausgezeichnet. Das Kuratorium würdigt damit sein reichhaltiges und von tiefster Humanität geprägtes Lebenswerk – von literarischen Meilensteinen wie „Die Entdeckung der Currywurst“ und „Am Beispiel meines Bruders“ bis hin zu seinem jüngsten Werk „Alle meine Geister“. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert und wird alle drei Jahre am Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes verliehen.

Laudatio Goethe Preis
© © Alexander Paul Englert

Die Laudatio auf den Preisträger hält die Autorin Shida Bazyar.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, 

was für eine Freude, zu diesem Anlass hier sprechen zu dürfen, ich gratuliere dir, lieber Uwe, zu dieser verdienten Auszeichnung und der Stadt Frankfurt zu diesem Preisträger. Preise wie dieser würdigen ihre Preisträger und im gleichen Zug ihren Namensgeber, weswegen ich als Erstes gerne das Wort an Johann Wolfgang von Goethe übergeben möchte: „Dass die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden müsse, darüber ist in unseren Tagen wohl kein Zweifel übrig geblieben. Eine solche Notwendigkeit entsteht aber nicht etwa daher, weil viel Geschehenes nachentdeckt worden, sondern weil neue Ansichten gegeben werden, weil der Genosse einer fortschreitenden Zeit auf Standpunkte geführt wird, von welchen sich das Vergangene auf neue Weise überschauen und beurteilen lässt.“ Geschichtsschreibung ist ein dynamisches Unterfangen, auch wenn der Mensch an sich es gerne anders hätte. Denn wie beruhigend wäre es, das Vergangene als abgeschlossen abzutun, statt es immer wieder als Resultat unserer jeweiligen Interpretationen zu betrachten und neu bewerten zu wollen. Die Gegenwart dazu herauszufordern, das Vergangene anders zu denken, ist unbequem. Die Worte Goethes waren 1810 genauso wahr, wie sie heute wahr sind, und fangen das Werk Uwe Timms bemerkenswert gut ein. Ich für meinen Teil beginne diese Rede aber allein deswegen mit diesem Zitat, damit Sie, verehrte Zuhörende, dem Trugschluss erliegen, ich würde über ein umfangreicheres Wissen verfügen und aus einem breiten Fundus aus Verbindungen zwischen Uwe Timm und Johann Wolfgang von Goethe schöpfen können. Die Wahrheit ist, dass ich mich von Deutschlands wichtigstem Dichter abgewandt habe, als ich in der zwölften Klasse eine freiwillige Facharbeit schreiben wollte. Ich wollte dem Verhältnis Goethes zu dem persischen Dichter und Mystiker Hafis nachgehen, ich wollte mehr über beide erfahren. Meine Deutschlehrerin ließ die Arbeit nicht zu. Statt einen anderen Vorschlag zu machen, sagte sie nüchtern, dass es im Deutschunterricht immer noch um deutsche Dichter und Autoren zu gehen habe. Ich traue mich, von meinen Wissenslücken bezüglich Goethe zu erzählen, weil ich mich mit der deutschen Literatur beschäftigt habe - vorzugsweise außerhalb des Deutschunterrichts - und dabei auf Autoren wie Uwe Timm gestoßen bin. Einem denkbar uneitlen Autor, dessen Antrittsrede vor der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit so wunderbaren Worten wie diesen beginnt: „Darüber, daß ich jetzt zu Ihnen spreche, würde sich am meisten ein ehemaliger Lehrer wundern, der Lehrer, der mich auf der Volksschule in Deutsch unterrichtet hatte. Für ihn war ich ein ganz hoffnungsloser Fall.“ Uwe Timms Lebensweg zeugt von jemanden, der immer gelesen, immer beobachtet, immer zugehört und gesammelt hat, und das, obwohl die äußeren Umstände ihm eigentlich sämtliche Steine in den Weg zu legen schienen, die auffindbar waren. Es liegt mir fern, einen hart erkämpften Bildungsweg romantisieren zu wollen, doch ich komme nicht umhin, Menschen mit sogenannten ungeraden Lebenswegen mitunter eine Offenheit zu attestieren, die nur beeindrucken kann. Und wenn ich auf die Vielzahl und Vielfalt des Werks Uwe Timms schaue, dann komme ich nicht umhin, von einem sehr wachen und sehr offen denkenden Menschen auszugehen. Wenn wir diese Offenheit allein an der Bandbreite historischer Themen festmachen wollen, dann stoßen wir in Uwe Timms Werk auf die Phase technischer Innovationen im deutschen Kaiserreich; den Kolonialkrieg sowie den Völkermord an den Herero und Nama; wir begegnen der Eugenik der NS-Zeit und den Bomben des zweiten Weltkriegs, wir erfahren vom Alltag der Nachkriegszeit, von Besatzung und Wirtschaftswunder, wir finden die Studentenbewegung der 1968er wieder, bis hin zu jenen Menschen, die man irgendwann als alt-68er bezeichnet hat. Damit kommen wir auf über einhundert Jahre deutsche Zeitgeschichte. Dabei lassen sich weder Uwe Timms Schreiben noch sein Veröffentlichen in diese hier suggerierte (und vermutlich unvollständige) Chronologie bringen, und das macht seine Poetik auch aus. Das Erinnern ist nicht chronologisch, das mündliche Erzählen – dem er viel Raum gibt – ist nicht chronologisch, das Schreiben ist es nicht. Der Text als solches ist es auch nicht, Uwe Timm ist ein Meister der Montage, handle es sich im Großen um das Wechselspiel verschiedener Textgattungen innerhalb eines Romans oder im Kleinen um einen einzelnen Absatz, in dem ein einzelner Satz erneut fällt und wirkmächtig wird. Was für einen Schatz an literarischen Mitteln bergen seine Romane, es ist kein Wunder, dass es eine unüberblickbare Menge literaturwissenschaftlicher Abhandlungen zu seinem Werk gibt. Ein Schatz an literarischen Mitteln, ein Schatz an Figuren und Widersprüchen. Für mich, als Leserin, vor allen Dingen ein Schatz an Bildern, die sich in mir festgesetzt haben und die ganze Geschichten entfalten. Eine Feldplane, graugrün gesprenkelt, die als Regenschutz herhält. Das Schwein, das auf einem Bügelbrett aus dem Auto klettert. Die in der Ferne aufleuchtende Zigarette eines russischen Soldaten. Das in Silberpapier gewickelte Plättchen, das der Fahrer des schwarzen Jeeps jenem Kind reicht, das zwölf Jahre lang von seinen Eltern versteckt gehalten wurde. Der Junge, der auf der Steinbrücke am Fluss sitzt, ein Bein über das andere geschlagen, und der in sein Notizbuch schreibt. Ein in einem gefütterten Versandbeutel verpacktes, rechteckiges Plastikteil, schwer, aber im Griff weich, mit der leuchtend roten Aufschrift: „Danger! Explosiv!“. Das riesige Branntweinfass, das von vierundzwanzig Zugochsen durch die Steppe gezogen wird. Dieses Branntweinfass steht, Sie werden es wissen, für die Absurditäten und Abgründe kolonialer Träume und Handlungen, wie Uwe Timm sie in seinem Roman „Morenga“ beschreibt. Ein Roman, der 1978 in der von Uwe Timm mitbegründeten AutorenEdition erschienen ist – übrigens im selben Jahr wie Edward Saids „Orientalism“ in der englischsprachigen Erstveröffentlichung – und somit, bevor der postkoloniale Diskurs beginnen konnte. Der Kolonialkrieg sowie der Völkermord an den Herero und Nama bildeten in der deutschen Geschichtsschreibung eine Leerstelle, die Uwe Timms aufwändige Recherchearbeit und seine gewitzte Montagetechnik beleuchtet hat. Skurrilitäten wie die des riesigen Branntweinfasses stellt Timm neben zeithistorische Dokumente, wo sie nur scheinbar im Kontrast zueinanderstehen. Denn es sind doch gerade die sehr ernsthaften Beschreibungen der phantastischen Episoden, die den universalen Wahrheitsanspruch aller Herrschenden fragwürdig erscheinen lassen. Wie ernst nehmen sich doch all diese Nebenfiguren in ihren jeweiligen kuriosen Bestrebungen, die deutschen „Schutzgebiete“ für sich zu nutzen und einzunehmen. Die zeithistorischen Dokumente, in denen beispielswese die Rede davon ist, dass ein Tauende ein humaneres Züchtigungsmittel für die sogenannten Eingeborenen sei als die Flußpferd- oder Elefantenpeitsche, hätten auch für sich stehend die begangenen Verbrechen beschrieben. Es kennzeichnet aber den Autor auch in diesen frühen Werken – „Morenga“ war nach seinem Debüt „Heißer Sommer“ der zweite von ihm veröffentlichte Roman –, auf eigensinniges literarisches Werkzeug zurückzugreifen, um die Dimensionen und Ebenen der Abgründe herauszustellen. Es handelt sich nicht nur um die von Johann Wolfgang von Goethe formulierten „neuen Standpunkte“, von denen aus erzählt wird, sondern auch um ein Erzählen, das sich ganz eigenen Mitteln bedient. Diesen Roman zu lesen und die Dokumente abschließend als bedauerliche, zeitgeschichtliche Norm abzutun, wird den Lesenden verunmöglicht. Zum Erzählen aus einem neuen Standpunkt heraus gehört in diesem Fall insbesondere, den Widerstand der Einwohnerinnen des heutigen Namibia, personifiziert in der Figur Morenga, zu beschreiben. Uwe Timm sagte in einer seiner Poetikvorlesungen, der Roman „kann und will nicht die vergangene Wirklichkeit rekonstruieren, sondern eine Gegengeschichte schreiben“. Wie wichtig dieses Vorhaben ist, erkennen wir allein daran, dass die Bundesrepublik Deutschland den Völkermord an den Herero und Nama erst im Jahr 2021 offiziell als solchen anerkannt hat. Bis heute bleibt „Morenga“ eines der sehr wenigen deutschsprachigen literarischen Werke, die sich diesen deutschen Verbrechen annehmen. Mit Blick darauf, dass die Gedenkstättenkonzeption der derzeitigen Bundesregierung den deutschen Kolonialismus nicht mehr als weitere Säule der deutschen Erinnerungskultur berücksichtigen möchte, erscheint er umso notwendiger geworden zu sein. Zwei Bücher, die sowohl von deutscher Geschichte als auch vom Erinnern selbst handeln, sind die Anfang der 2000er im Abstand von zwei Jahren erschienenen Bücher „Am Beispiel meines Brüders“ sowie „Der Freund und der Fremde“. Die Literaturkritik attestierte den beiden Büchern gegenläufige Bewegungen. Während das Bruder-Buch anhand einer individuellen Situation – der Bruder hatte sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und war an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben – exemplarisch die Beweggründe einer ganzen Gesellschaft beleuchte, stehe die Freundschaft mit Benno Ohnesorg dafür, das Symbol, das dieser durch den Tod geworden ist, wieder zurück zu einem Individuum werden zu lassen. Nichts spricht gegen diese Lesarten, zumal sie bekannte Phänomene beschreiben: In jeder Familienbiografie findet sich etwas, das für die jeweilige Zeitgeschichte exemplarisch ist, und hinter jedem staatlich verursachten (oder zumindest in Kauf genommenen) Tod verbirgt sich ein Menschenleben. Diese gegensätzliche In-Bezug-Setzung der beiden Bücher ist nachvollziehbar, bedauerlich ist, dass sie so sehr dem Blickwinkel einer Rezeption verhaftet bleibt und nach einem Nutzen zu suchen scheint. Denn der Autor, der Erzähler selbst, der in den wenigsten Momenten von seinem eigenen Ich als ein Ich schreibt, tut in erster Linie eines: Er bleibt ganz nah an den beschriebenen Menschen, obwohl sie ihm jederzeit zu entgleiten drohen. Der Filter, durch den er blickt, sind seine Erinnerungen, und er geht mit ihnen sorgsam um, wissend, dass sie ihn dazu verleiten, Kausalitäten herzustellen, die keine sind. Seine Zugänge sind Schriftstücke, Dokumente und Gespräche, manchmal schmerzhaft knapp, manchmal sogar gänzlich in Verlorenheit geraten. Man kann diese beiden Bücher auch als den ständigen Versuch verstehen, die beiden Verstorbenen, den Bruder wie den Freund, trotzdem zu erahnen, sie trotzdem erkennen zu können, sie irgendwie zu greifen. Als würde der Erzähler eigentlich ein Gespräch mit ihnen führen, schmerzhaft, denn beide sind nicht mehr dazu in der Lage, zu sprechen und ihre eigene Geschichte zu erzählen. Schmerzhafter noch, obendrein, wo doch beide ursprünglich geschrieben haben, für sich zumindest. Der Bruder führte während des Kriegseinsatzes ein geheimes Tagebuch, das ihn nie zu Gefühlsbeschreibungen verleitete und ihn trotzdem, in all der Verknappung, zum Autor seiner Kriegserfahrungen macht. Der Freund, Benno Ohnesorg, so erfahren wir, hat dagegen sehr bewusst und mit großer Sorgfalt, dezidiert literarisch, geschrieben, nur scheint es, als habe er das Geschriebene, bis auf eine einzige Veröffentlichung unter Pseudonym, ausschließlich mit seinem Freund Uwe Timm geteilt. Zwei Autorschaften der deutschen Geschichte, für die keine öffentliche Leserinnenschaft vorgesehen war. Und es ist allein Uwe Timm zu verdanken, dass es trotzdem eine Art Gespräch mit ihnen gibt. An einer Stelle von „Am Beispiel meines Bruders“ thematisiert Uwe Timm dieses Missverhältnis dessen, wer spricht und wer sprechen kann: „Ich hingegen hatte eigene Worte finden können, Wiederworte, das Fragen und Nachfragen. Und Worte, mit denen sich das Traurigsein und Angst ausdrücken ließen – im Erzählen.“ So beschreibt er etwas, was die deutsche Gesellschaft selbst nach 1945 nicht getan hat, als sie sich in Schweigen über die an den eigenen Nachbar*innen begangenen Verbrechen und die eigene Verantwortung hüllte. „Es ist die zur Gewohnheit gewordene Feigheit – das Totschweigen“, heißt es da. Im Text geht es somit auch jedes Mal weiterhin implizit um den Bruder, wenn der Autor über das Verhalten der Erwachsenen nachdenkt und auch hier mittels Montage Verlogenheiten und Missstände aufdeckt. So fällt in seinen Erinnerungen an die Bombardierungen und die Luftschutzkeller der scheinbar einfache, scheinbar lose Satz: „Juden war das Betreten des Luftschutzraums verboten.“ Dass ein Satz niemals einfach ist, wenn er an der richtigen Stelle eingefügt und nicht weiter kommentiert wird, dass er genau durch diese richtige Stelle sein ganzes Grauen offenbart, weiß der Autor sehr genau. Häufig findet sich in Rezensionen der Satz, Uwe Timm würde sich in diesem Buch die Frage stellen, warum der Bruder sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet habe. Zwanzig Jahre später irritiert mich dieser Fokus, fällt in diesem Buch doch der sehr eindeutige wie wichtige Satz: „Es war die wortlose Ausführung von dem, was der Vater im Einklang mit der Gesellschaft wünschte.“ Für mein Gefühl weicht die Frage nach dem Warum im Laufe des Romans einer Beschreibung des Wie. Das Wie des Vaters, das Wie des Einklangs, das Wie der Gesellschaft. Es ist immerhin dieselbe Generation Väter, die die deutschen Kolonien so romantisiert und die dort begangenen Verbrechen akzeptiert hat. Dieselbe Generation Väter, die nach 1945 nächtelang darüber diskutierte, durch welche Schlachten der Krieg doch noch hätte gewonnen werden können. Die Generation Väter, die von ihren Kindern beim Verlust aller Wertesysteme beobachtet wurde: degradiert und besiegt. In verschiedenen Texten stellt Uwe Timm einen Zusammenhang her zwischen dieser Kindheitserfahrung und dem Aufbegehren seiner Generation Ende der 1960er Jahre. Wo, wenn nicht in diesen Büchern, können wir so viel deutsche Vergangenheit erfahren? Und wie häufig wurde etwas, was zunächst als abgeschlossen daherkam, durch Uwe Timms Beschreibungen wieder aufgewühlt, durcheinandergebracht, neu zusammengesetzt. Und hierbei hat er sich nie angemaßt, es besser zu wissen, die endgültige, neue Sichtweise zu kennen, ein vollständiges Bild zu entwerfen. Viel mehr erlebe ich seine Bücher als ein Gespräch mit der Vergangenheit, das in die Gegenwart hineinführt. In einer seiner Poetikvorlesungen sagte Uwe Timm über Johann Wolfgang von Goethes „Die Wahlverwandtschaften“: „... es gibt dieses Erwachen immer wieder neu bei der Lektüre des Romans, und jedes Mal wieder das Staunen über dessen Reichtum“. Über diese Formulierung freute ich mich kürzlich, denn sie deckte sich mit einem Gefühl, das mir durch die Vorbereitung für die heutige Preisverleihung wohlvertraut geworden ist. Immer wieder das Staunen über den Reichtum in Uwe Timms Werk. Jedes Mal ein neues Erwachen. Ich muss hier und heute wohl längst nicht mehr dafür werben, Uwe Timms Bücher zu lesen. Aber ich möchte mir herausnehmen, dafür zu werben, sie wieder und wieder zu lesen, neu zu lesen, neue Bilder aus diesem Reichtum zu schöpfen. Und die deutsche Geschichte immer wieder neu zu hinterfragen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, vor allen Dingen aber danke ich dir, lieber Uwe, für deine Bücher.

 

Uwe Timm Bild 2
© © Alexander Paul Englert)

Es folgt die Dankesrede von Uwe Timm

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
die Berliner U-Bahnlinie 9 ist besonders laut, Quietschen, Schienenschlagen und metallisches Geklapper. Das Telefon vibrierte, ich verstand nichts, versprach einen Rückruf an der nächsten Station – Spichernstraße. Mike Josef, Oberbürgermeister von Frankfurt: Die Jury habe mir den Goethe-Preis zugesprochen, ob ich den Preis annehme? Ich habe nicht lange nachdenken müssen.

Ich stand da, blickte auf das Schild Spichernstraße. Wer verbindet schon etwas mit dem Namen Spichern? Mit den militärischen Erzählungen des Vaters großgeworden, wußte ich, dort hatte 1870 die erste Schlacht zwischen Deutschland und Frankreich stattgefunden. Das ging mir durch den Kopf, und dass unsere Zeit ähnlich von Umbrüchen, Katastrophen und Kriegen bestimmt ist. Das Wort Zeitenwende findet Gebrauch.

Goethe sprach 1792 von einer neuen Epoche. Der Gedanke, nochmals seine biografische Schrift „Campagne in Frankreich“ zu lesen, drängte sich auf. Der Zufall bildet für den, dem er zufällt, einen neuen Sinn- und Handlungsraum. Der Kürschnermeister Walter Kruse, der im Arbeiterbildungsverein organisiert war, hatte mir, dem sechzehnjährigen Lehrling empfohlen, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zu lesen. Nach den sonstigen Büchern, die ich wahllos abends und nachts las, nein verschlang, forderte dieser Roman einen Einschnitt, derart, dass ich ihn gleich abermals las, langsamer, stutzender, fragender als beim ersten Mal.

Bestimmte Situationen, Sätze und Figuren wie die Philine begleiten mich seitdem durch mein Leben. Eine Erweckung, der ich im Studium nachgegangen bin und die ihre Spuren in den Romanen „Kerbels Flucht“, „Vogelweide“ und „Ikarien“ hinterlassen hat. Die lebenslange Lektüreverbindung zu Goethe hat mit dazu beigetragen, dass Mike Josef mich in der Berliner U9 anrief.

Goethe bewunderte die französische Lebensweise, die Revolution lehnte er ab. Die sogenannte Campagne, der Feldzug der österreichischen und preußischen Monarchien gegen das revolutionäre Frankreich begann im Juli 1792. Das Ziel war, Ludwig XVI., der damals noch König war, aber unter Hausarrest stand, wieder in seine absolutistischen Rechte einzusetzen. Herzog Carl August hatte Goethe gebeten, ihn bei diesem Feldzug zu begleiten.

Fast dreißig Jahre später begann Goethe 1820 mit der Niederschrift des Erlebten. „Die Campagne in Frankreich“ ist nicht, was sie in der Form vorgibt, ein Tagebuch, sondern eine erzählerische Rekonstruktion. Sie beginnt mit dem 23. August 1792 und wird von Tag zu Tag bis zum 30. Oktober fortgeschrieben. Goethe beschreibt den Weg der preußisch-österreichischen Truppen durch Lothringen in die Champagne: Regen, aufgeweichte Wege, die Chaise Goethes bleibt stecken, Reiten, Laufen, Schlafen unter tropfenden Zeltdächern neben schnarchenden Grenadieren, Hunger, Durst, Diarrhö, Häuser werden requiriert, Schafe geschlachtet, Schweine gebraten, das Pittoreske tritt in den Vordergrund.

Goethe blickt nach Wochen erstmals wieder in einen Spiegel, sieht sich, wie er schreibt, mit einem „strauchigen“ Bart, sieht seine langen Haare „wie ein verworrener Hanfrocken umherquellen“. Er beschreibt die Lebensgewohnheiten der französischen Provinz, die Häuser, das Mobiliar, die feinen Unterschiede in der Kleidung, die Speisen, die kandierten Früchte, aber auch den Pot au Feu auf offenem Feuer, lobt den guten Wein, die lebhaften, elegant gekleideten Frauen und immer wieder schwärmerisch: das weiße Brot. So sehr er die französische Lebensweise bewundert, so entschieden jedoch lehnt er die Revolution ab.

Goethe hat, dürfen wir vermuten, während des Feldzugs in Frankreich nicht scharf geschossen, war aber womöglich, wie wir indirekt erfahren, bewaffnet, steckt er doch einmal eine geschenkte Wurst in sein Pistolenhalfter. Aus der zeitlichen Distanz richtet der Dichter seinen Blick auf exemplarische Situationen, schreibt anekdotische, zuweilen sogar novellistische Stücke, und hin und wieder finden sich Passagen von intensiver Unmittelbarkeit: „An den Stellen, wo die Kanonade hingewirkt, erblickte man großen Jammer: die Menschen lagen unbegraben, und die schwer verwundeten Thiere konnten nicht ersterben. Ich sah ein Pferd das sich in seinen eigenen, aus dem verwundeten Leibe herausgefallenen Eingeweiden, mit den Vorderfüßen verfangen hatte und so unselig dahin hinkte“ 

Die Kanonade von Valmy erlebt Goethe reitend, im Hagel der Kanonenkugeln, die um ihn herum einschlagen und im Matsch stecken bleiben. Das revolutionäre französische Heer hatte eine taktisch vorteilhafte, höher gelegene Stellung bezogen, brachte das preußische Heer zum Stehen und zwang es zum Rückzug. Der Mythos Valmy war in der Welt. „...von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt' sagen, ihr seyd dabei gewesen.“ Goethe zitiert sich selbst, ob er den Ausspruch damals tatsächlich getan hat, wird bezweifelt.

Geologische, kunsthistorische, literarische Exkurse finden sich in dieser Kriegsbiografie, jedoch keine, die man von dem Juristen und Staatsmann Goethe, dem „Canzeleymann“, wie er sich nennt, erwartet hätte, keine Auseinandersetzung mit dem alles bewegenden politischen Konflikt, mit der Revolution und deren Forderung nach Freiheit und Gleichheit. Der Geheimrat schreibt von Bürgerunmut, von der Störung der Ordnung. Kein Bedacht, dass eine Ordnung, die als ungerecht empfunden wird, eine sprengende Kraft des Widerstands in sich trägt. Warum sollen Soldaten aus deutschen Landen gepresst ihr Leben in die Schanze schlagen, damit Ludwig XVI. wieder in seine absoluten Rechte eingesetzt werden kann? Unerwähnt bleibt auch der andere, bestimmende Grund für den Feldzug, die Absicherung der absolutistischen Macht Österreichs und Preußens. Dass Goethe derart fraglos für die absolutistische Autorität einsteht, ist nicht bruchlos aus seinem früheren Leben abzuleiten. Im Werther und im Wilhelm Meister findet sich eine luzide Kritik am Adel. Der bekannte Ausruf Götz von Berlichingens richtet sich nicht gegen den Kaiser, aber entschieden gegen die herrschende Ordnung. Der sprachlich so staunenswerte Hymnus „Prometheus“ ist eine Feier des sich selbst erschaffenden Subjekts, eine Absage an jegliche übergeordnete Instanz.

Die biografische Schrift „Campagne in Frankreich“ hingegen liest sich, als wäre sie von jeglicher Kritik am Feudalismus gereinigt worden. Der Mangel an zeitnahen Einschätzungen wird beiläufig begründet. Auf der Rückkehr vom Feldzug, im idyllischen Pempelfort bei Düsseldorf, erwähnt Goethe ein von ihm geführtes Schreibheft: „...daß ich mit kurzsichtigem Dünkel manches falsch gesehen und unrichtig beurtheilt habe, und da man gegen nichts strenger ist als gegen erst abgelegte Irrthümer, es auch bedenklich schien dergleichen Papiere irgend einem Zufall auszusetzen, so vernichtete ich das ganze Heft, in einem lebhaften Steinkohlefeuer“.

Das wäre wohl das interessantere, widersprüchlichere, dem historischen Augenblick gerechter werdende Tagebuch gewesen. In der „Campagne“ wird allein der Sieg des Absolutismus literarisch bestätigt, ohne den ahnungsvollen Möglichkeiten der nahen Vergangenheit einen Platz zu gewähren. Die Verheißung der Französischen Revolution scheint bei Goethe zeichenhaft nur in einem Aquarell auf, das er 1793 an der Grenze zwischen Luxemburg und Frankreich gemalt hat. In einer amönischen Landschaft steht, mit der phrygischen Mütze geschmückt, der Freiheitsbaum, die Bänder, weiß, rot und blau wehen im Wind, ein Wanderer zeigt auf die am Pfahl angebrachte ovale Tafel mit der kleinen, sorgfältig in Rot gepinselten Inschrift: Passans, cette terre est libre.

In Mainz entsteht der erste demokratische Staat in Deutschland. Was mag der Maler, der Dichter, der Fürstendiener, dabei gedacht, gefühlt haben? Ist es nicht ebendieser Satz, der eine neue Epoche ankündigte?

Der in Mainz versammelte rheinisch-deutsche Nationalkonvent hatte am 18. März 1793 ein Dekret beschlossen. Es lautet: „Der ganze Strich Landes von Landau bis Bingen, welcher Deputierte zu diesem Konvente schickt, soll von jetzt an einen freyen, unabhängigen, unzertrennlichen Staat ausmachen, der gemeinschaftlichen, auf Freiheit und Gleichheit gegründeten Gesetzen gehorcht.“ Dies ist der erste demokratische Staat in Deutschland. Mainz aber wurde 1793 von den aus Frankreich zurückgekehrten preußisch-österreichischen Truppen eingeschlossen, monatelang belagert und kanoniert.

Abermals war Goethe auf Bitten des Serenissimus, des Herzogs von Weimar, als Beobachter dabei. Finden sich in der „Campagne“ noch kritische Äußerungen über die preußische Kriegsführung, werden Plünderungen, Übergriffe auf Zivilisten und willkürliche Zerstörungen benannt, ist der Bericht über die „Belagerung von Mainz“ ganz im Sinne des Siegers, der verbündeten Truppen gehalten. Goethe beschreibt die von preußischen Kanonen zerstörte Stadt, schuld daran sind für ihn nicht die preußischen Granaten, sondern der Unsinn der Revolution: „Denn nicht der Krieg allein, sondern der durch Unsinn aufgelöste bürgerliche Zustand hatte ein solches Unglück bereitet und herbei geführt.“

Die Republikaner, die Jakobiner, die Mainz zum freien unabhängigen, demokratischen Gebiet erklärt hatten, waren schuld an der Bombardierung. Wer von ihnen, nachdem die Stadt am 22. Juli 1793 kapitulieren musste, nicht fliehen konnte oder wollte, wurde verfolgt, misshandelt und gefoltert. Goethe schreibt, er habe sich diesem rachsüchtigen weißen Terror, entgegengestellt. Zur Selbstjustiz führt er an: „... dem zurückkehrenden Landesherrn allein sollte das Recht zustehen zwischen guten und schlechten Bürgern den Unterschied zu bezeichnen.“

Am Schluss der „Campagne“ resümiert Goethe: „Der Dichter aber, der seiner Natur nach unparteyisch seyn und bleiben muß, sucht sich von den Zuständen beider kämpfender Theile zu durchdringen, wo er denn, wenn Vermittlung unmöglich wird, sich entschließen muß tragisch zu endigen.“

Goethe selbst kann nicht tragisch endigen, ist er doch höchst parteiisch. Nicht verwunderlich, dass die „Campagne in Frankreich“ von nationalistisch gesinnten Historikern fortan als beweismächtiger Augenzeugenbericht genutzt wurde. Die bürgerliche Freiheit im Ideellen, in der Kunst und Dichtung zu suchen, Heinrich Heine spricht von „Kunstbehaglichkeit“, ist jedoch kein Ersatz für die selbstbestimmt politische auf die Wirklichkeit einwirkende Freiheit.

An dieser Stelle wollte ich – gerechterweise – dem Goethe der „Campagne“ den Dichter des Epos „Hermann und Dorothea“ gegenüberstellen, eingehen auf dessen Bemühung, die Not der Geflohenen und das Fremde zu verstehen und diese in ein staunenswert bewegliches Hexameter-Deutsch zu fassen. Das Kapitel „Polyhymnia“ trägt den bezeichnenden Untertitel „Der Weltbürger“. Aber die Zeit hier drängt, und die Zeiten sind weit drängender und vor allem bedrängender.

Ich will auf einen für die deutsche Demokratie so wichtigen Ort, die Paulskirche, eingehen. Wir wissen, die Märzrevolution 1848 hatte die absolutistischen Throne nicht stürzen können, aber doch ins Wanken gebracht. Symbolischer Höhepunkt war, als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. in Berlin vor den aufgebahrten erschossenen Revolutionären den Hut ziehen musste. Kronprinz Wilhelm, Kartätschenprinz genannt, floh unter dem Namen Lehmann nach England. Ein gutes Jahr später, 1849, wird er zurückkommen und an der Spitze preußischer Truppen die demokratische Bewegung liquidieren.

In der Zwischenzeit aber, vom 18. Mai 1848 bis zum 30. Mai 1849, haben an diesem Ort die gewählten Abgeordneten getagt, mit dem Ziel, Deutschland kraft einer Nationalverfassung zu einen. Die Kritiker der Nationalversammlung, darunter auch Heinrich Heine, haben die langen Debatten bemängelt, die den absolutistischen Monarchien die Zeit verschafften, sich zu konsolidieren.

Doch die langwierigen, kontroversen Diskussionen in der Paulskirche, die damals für Spott sorgten, waren, so denke ich, notwendig. Erst durch sie konnte, was Demokratie ausmacht, eingeübt werden, Rede und Gegenrede, kritisches Zuhören, Abwägen, Kompromissfindung. Den gewählten Abgeordneten gelang es, eine vorbildliche Verfassung auszuarbeiten, die ein konstitutionelles Kaisertum für Deutschland vorsah. Friedrich Wilhelm IV. wurde die Kaiserkrone angeboten. Doch der nahm von Bürgern keine Krone an. Ein Teil der Parlamentarier wollte die Verfassung wenigstens im Großherzogtum Baden zur Geltung zu bringen. Ein demokratisches Staatsgebiet auf deutschem Boden verbot sich aber aus preußischer Sicht. Truppen unter Prinz Wilhelm, alias Herr Lehmann, belagerten die Bundesfestung Rastatt. Nach der Kapitulation wurden 19 Mann in Rastatt sofort füsiliert, mehrere zum Tode, andere zu langer Festungshaft oder Zuchthaus verurteilt. Die meisten Demokraten flohen ins Exil, nach Frankreich, in die Schweiz, in die USA. Die Einigung war gescheitert und mit ihr der Versuch, ein demokratisch verfasstes Deutschland zu schaffen.

Als Bismarck fünfzehn Jahre später, 1864, vor dem preußischen Landtag eine Rede hielt, mit der er höhere Militärausgaben für eine deutsche Einigung nach seinem Gusto begründete, gab er den Ton an, der für die deutsche Politik bestimmend werden sollte: „... nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut.“

Wir sind an der Station der Berliner U-Bahnlinie 9, Spichernstraße angekommen. Mit dem Sieg über die revolutionären Truppen 1849 kamen andere Blut- und Eisen-Siege, nach denen Straßen und Bahnstationen benannt wurden. Wäre die deutsche Einigung durch Wahlen, also nach Diskussionen über Für und Wider und demokratisch erstrittenen Kompromissen erfolgt, hätte es vermutlich eine andere deutsche Geschichte und weniger Blutvergießen gegeben.

Bislang verfügt die AfD über keine SA-Horden, die politischen Leitlinien aber sind ähnlich. Norbert Elias hat in seinen „Studien über die Deutschen“ herausgearbeitet, wie sich durch diese kriegerische Einigung eine autoritäre Gesellschaft gebildet hat, wie die Mentalität des Bürgertums von dem auf Abstammung orientierten Habitus des Adels bestimmt wurde, wie das Militärische die soziale Hierarchie nicht nur in den schlagenden Verbindungen prägte. Was das blaue Blut und der Stammbaum für den Adel bedeuteten, machte sich das Bürgertum als Tradition zu eigen, was später von den Nationalsozialisten mit der Idiolatrie des Ariers auf das ganze Volk übertragen und in den Rassegesetzen festgeschrieben wurde.

Im November 1932 war die NSDAP als stärkste Partei in den Reichstag gewählt worden, musste Koalitionspartner finden und fand sie unter Konservativen, die glaubten, sie könnten Hitler einhegen. Wir wissen, was geschah.

Heute, eine Woche vor der Wahl in Sachsen-Anhalt, tritt wieder eine nationalistische Partei an. Sie verfügt bislang über keine SA-Horden, die politischen Leitlinien aber sind ähnlich, da ist die Heimat als Bollwerk gegen alles Fremde, die Forderung nach mannhafter Härte, nach der Mutterbestimmung der Frau, nach kerndeutscher Abstammung, nach Remigration – was an die Entrechtung und Vertreibung jüdischer Menschen, Sinti und Roma denken lässt, die dem Holocaust vorangingen. Man lese nach, welche Eingriffe die AfD in Schulen, Theater, Museen, Rundfunk und Fernsehen plant oder schon probt. Das alles, um diese, unsere freie, offene Gesellschaft in eine autoritär-völkische rückzuverwandeln.

Das Grundgesetz, in dem der zwei Jahrhunderte lange demokratische Kampf um Gleichheit und Freiheit seinen Ausdruck findet, muss gegen nationalistische, chauvinistische und autoritäre Angriffe mit Wort und Schrift und Tat verteidigt werden. Mir ist unverständlich, wie die AfD, diese dezidiert rechtsradikale und xenophobe Partei von der CDU in einem Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Linken gleichgesetzt werden kann. Die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit ist nach deren permanentem Abbau die Aufgabe der Stunde, wie dringend sie ist, zeigt nicht nur der Blick auf die Statistik der ungleichen Vermögensverteilung, sondern ist ganz konkret bei jedem Facharztbesuch erlebbar.

Meine Erinnerung reicht weit in die Fünfzigerjahre zurück. Damals begegnete ich aufrechten Konservativen, die sich Vorwürfe machten, weil sie mit der NSDAP paktiert und 1933 geglaubt hatten, die Regierung Hitler sei nur ein Spuk, der schnell vorbeiginge. Er ging nicht vorbei, sondern wuchs sich zum absoluten Grauen des 20. Jahrhunderts aus.

Begonnen habe ich mit einer Epochenwende 1792 und bin in der Tagespolitik angekommen, an einem besonderen deutschen Ort, der Paulskirche. Er ist Heimat.

Hier möchte ich mich für die Ehre des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt bedanken, bei dem Herrn Oberbürgermeister Mike Joseph, beim Magistrat, bei der Jury und bei meiner Laudatorin, der von mir jochgeschätzten Shida Bazyar.
Danke.

Portrait von Uwe Timm
© Isolde Ohlbaum
Uwe Timm

Uwe Timm  wurde 1940 in Hamburg geboren. Geschichten faszinierten Uwe Timm von klein auf: Er lauschte dem »Seemannsgarn« seines Großvaters, einem Kapitän, schlich immer wieder zu seiner Tante ins Hafenviertel, in deren Küche sich Leute aus dem Rotlichtmilieu trafen, und schrieb schon als Schuljunge eigene Geschichten. Nach dem Tod des Vaters leitete er drei Jahre lang das Kürschnergeschäft, machte dann am Braunschweig-Kolleg sein Abitur und studierte in München und Paris Philosophie und Germanistik. Er promovierte mit einer Arbeit über Albert Camus. Anschließend studierte er Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Den Aufbruch Ende der sechziger Jahre erlebte Uwe Timm als Student aktiv mit. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern der 68er-Generation; die Aufarbeitung dieser Zeit zieht sich durch sein gesamtes Werk. Der Vater von vier Kindern verfasste auch vier Kinder- und Jugendbücher. Außerdem arbeitete er als Drehbuchautor. Für seine Romane und Erzählungen erhielt Uwe Timm zahlreiche Auszeichnungen und Preise: 2001 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und den Tukanpreis der Landeshauptstadt München, 2002 den Literaturpreis der Landeshauptstadt München, 2003 den Schubart-Literaturpreis und den Erik-Reger-Preis der Zukunftsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz. 2006 wurde Uwe Timm mit dem Premio Napoli sowie dem Premio Mondello ausgezeichnet, 2009 erhielt er den Heinrich-Böll-Preis und 2012 die Carl-Zuckmayer-Medaille. 2013 wurde Uwe Timm der Kulturelle Ehrenpreis der Landeshauptstadt München verliehen, 2018 der Schillerpreis und das Bundesverdienstkreuz. Uwe Timm lebt in München und Berlin.

Zum AutorBücher von Uwe Timm
Portrait von Shida Bazyar
© Tabea Treichel
Shida Bazyar

Shida Bazyar , geboren 1988 in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihr Debütroman »Nachts ist es leise in Teheran« (2016) wurde mehrfach übersetzt und ausgezeichnet, u.a. mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis, dem Uwe-Johnson-Förderpreis und der Nominierung zum International Booker Prize. »Drei Kameradinnen« folgte 2021 und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2023 wurde ihre Arbeit mit dem Ernst-Toller-Preis geehrt.

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