»So forsch, so furchtlos« von Andrea Abreu

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Ein sprachgewaltiger Debütroman von Andrea Abreu über eine innige Mädchenfreundschaft auf Teneriffa, die an den Wachstumsschmerzen der Pubertät, an zu viel Liebe und zu großer Lust zerschellt.

In einem heißen Sommer auf Teneriffa, hoch oben im Norden der Insel zwischen den Vulkanen, weit ab von den Touristen. Zwei junge Mädchen, beste Freundinnen, versuchen die Langeweile zu bekämpfen. Sie wollen dünn bleiben, indem sie Süßigkeiten erbrechen; sie träumen von glänzenden BMWs, die sie an den Strand bringen, wo sie endlich das Meer genießen könnten, genau wie die Touristen, deren Ferienhäuser ihre Mütter putzen. Aber als aus dem Juni der Juli wird und der Juli in den August übergeht, verwandelt sich die schwelende Liebe der Erzählerin zu ihrer Freundin Isora in ein schmerzhaftes sexuelles Erwachen. Sie versucht, mit Isora Schritt zu halten, muss aber einsehen, dass das Erwachsenwerden ein Weg ist, den man allein gehen muss.

Der größte Überraschungserfolg der letzten Jahre - Andrea Abreu ist der neue Shootingstar der spanischsprachigen Literatur.

 

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SO FORSCH, SO FURCHTLOS

Wie eine Katze. Isora kotzte wie eine Katze. Uckuckuck, und die Kotze platschte ins Klo, um vom unermesslichen Untergrund der Insel aufgenommen zu werden. Das machte sie zwei-, drei-, viermal in der Woche. Sie sagte, hier tut es mir total weh, und zeigte auf die Mitte ihres Oberbauchs, da, wo der Magen ist, mit ihrem dicken, braun gebrannten Finger mit dem ausgefransten Fingernagel, der aussah, als hätte ihn eine Ziege bearbeitet, und kotzte, wie andere sich die Zähne putzen. Sie zog die Spülung, klappte den Klodeckel zu, trocknete sich mit dem Ärmel ihres fast immer weißen Pullovers mit dem Wassermelonenaufdruck die Lippen und machte weiter. Sie machte immer weiter.

Früher hatte sie das nie gemacht, wenn ich dabei war. Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich sie zum ersten Mal kotzen sah. Wir hatten unser Ab- 8 schlussfest an der Schule und es gab jede Menge Essen. Wir stellten es morgens auf die zusammengeschobenen Schultische, auf denen bunte Kindergeburtstags Papiertischtücher lagen. Es gab Munchitos, scharfe Risketos, Erdnussflips, Conguitos, Cubanitos, Sandwiches, Zitronen-Donuts, Meringen, Fanta, Clipper, Seven-up, Ananassaft, Apfelsaft. Isora und ich spielten besoffen und torkelten Arm in Arm durch das Klassenzimmer wie zwei Ehemänner, die ihre Frauen betrogen hatten und es jetzt bereuten.

Die Feier war vorbei und wir kamen in den Speisesaal und da gab es noch mehr Essen. Die Köchinnen machten uns Kartoffeln mit Rippchen, Ananas und Soße, Isoras Lieblingsessen. Und als wir mit dem Metalltablett, mit unserem Brot und dem Glas Wasser (von dem wir vermuteten, dass es aus dem Wasserhahn kam, obwohl man das auf der Insel eigentlich nicht trinken durfte), unserem Besteck und den Joghurts an die Reihe kamen, fragten uns die Herrinnen des Speisesaals, rote oder grüne Soße, und Isora sagte, rote Soße, und ich dachte, so mutig, rote Soße, hat sie denn keine Angst, dass es scharf wird, hat sie keine Angst, Erwachsenensachen zu essen, und ich wollte sein wie sie, so forsch, so furchtlos.

Wir setzten uns an den Tisch und fingen an zu essen, und zwar in der gleichen Geschwindigkeit, mit der sich die Jungs aus San Andrés mit ihren Seifenkisten die steilen Straßen hinunterstürzten. Es gab kein Halten mehr. Die rote Soße lief uns übers Kinn, die Zöpfe hingen uns in die Teller und troffen vor Fett, die Zähne waren voller Mais- und Oreganoreste, Weiße-Tauben-Kacke, wie Isora das Essen zwischen den Zähnen nannte. Und wie wir so fraßen, überkam mich eine Traurigkeit wie ein Donnerschlag, ein Schmerz in der Magengrube, mein Mund war trocken, wie wenn ich Milchpulver mit Gofio und Zucker gegessen hatte. Den Sommer über würden wir nicht mehr aus unserem Viertel rauskommen, der Strand war weit weg. Wir waren nicht wie die anderen Mädchen, die im Zentrum der Ortschaft lebten, wir wohnten ganz oben im Nirgendwo. Isora stand auf und sagte, Shit, komm mit aufs Klo. Und ich stand auf und folgte ihr. Ich wäre ihr aufs Klo oder an den Krater des Vulkans gefolgt, hätte mich mit ihr drübergebeugt, bis wir das schlafende Feuer sehen würden, bis wir das schlafende Vulkanfeuer innen im Körper spürten. Und ich folgte ihr, aber wir gingen nicht auf das Klo im Speisesaal, sondern in den ersten Stock, wo niemand war, wo es hieß, dort lebte das Gespenst eines Mädchens, das die Kackwürste der Mädchen auffraß, die ihre Hausaufgaben abschrieben.

Ich machte schnell Pipi, damit Isora gehen konnte. Sie pinkelte, und nachdem sie sich die Hose hochgezogen hatte, nachdem ich ihre Mimi gesehen hatte, die struppig war wie ein Gebüsch an einem Berghang, beugte sie sich über die weiße Schüssel und steckte sich Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt in den Mund. So was hatte ich noch nie gesehen. Eigentlich sah ich es auch damals nicht. Ich drehte mich zum Spiegel. Hörte sie husten wie ein kleines unterernährtes Tier, sah meine großen Augen, zwei Fäuste gespiegelt im Glas. Mein erschrockenes Gesicht, eine Angst, die mir von innen in die Haut zwickte, Isora verbrannte sich den Schlund, und ich stand daneben und tat nichts. Ich hörte sie kotzen. In meinem Kopf stellte ich mir ihre Kette mit der Heiligen Jungfrau von Candelaria vor, wie sie ihr am Hals hing, knapp über dem Klowasser, das nachher alles wegspülen würde, was sie erbrochen hatte.

 

NUR EIN WINZIGES FITZELCHEN

Doña Carmen, machen Sie Maggi-Suppe, die aus der Packung?, fragte Isora die alte Frau. Nein, meine Kleine, warum? Meine Oma sagt, die Maggi-Suppe ist für Nutten. Ah, meine Kleine, ich weiß ja nicht. Ich mach meine Suppe aus meinen Hühnern, die ich hier halte. Doña Carmen war seltsam im Kopf, aber grundgut. Fast alle verachteten sie, weil, wie meine Oma sagte, sie mit Vorsicht zu genießen war. Doña Carmen vergaß fast alles, lief stundenlang durch die Gegend und murmelte dabei Gebete, die niemand kannte, sie hatte einen Hund, bei dem die unteren Zähne abstanden, die standen ab wie bei einem Kamel. Du blöder Hund, blöder Hund du, geh weg, soll dich doch der Teufel holen, sagte sie zu ihm. Manchmal legte sie ihm zärtlich die Hand auf den Kopf, manchmal schrie sie ihn an, weg da, du blöder Hund, weg da, du Teufelsvieh. Doña Carmen vergaß fast alles, aber sie war eine großzügige Frau. Sie mochte es, wenn Isora sie besuchte. Sie lebte unterhalb der Kirche, in einem Häuschen aus weiß bemalten Steinen mit einer grün lackierten Tür und alten Ziegeln voller Moos und Eidechsen und alten Schuhsolen aus Caracas, Venezuela, und Affenpalmen so groß wie kleine Bäume. Doña Carmen vergaß alles, außer das Kartoffelschälen, das konnte sie, sie schälte kreisförmig, nahm die Kartoffeln hochkant und löste mit einem Messer mit Holzgriff die Schale ab wie eine riesenlange Kette. Doña Carmen machte Pommes mit Ei als Zwischenmahlzeit. Isora brachte ihr Kartoffeln und Eier aus dem Laden ihrer Großmutter und sie hob etwas davon auf für Isoras frühes Abendessen. Sie hob etwas davon für Isora auf, und wenn ich dabei war, bekam ich auch was. Ich bekam auch was, aber Doña Carmen hatte mich nicht so gern wie Isora, das wusste ich ganz genau. Isora konnte mit alten Leuten reden. Ich hörte ihnen bloß zu. Wollt ihr ein Schlückchen Kaffee, meine Lieben? Ich darf keinen Kaffee trinken, sagte ich. Ich schon, ein kleines Schlückchen, sagte Isora. Nur ein winziges Fitzelchen. Sie nahm immer ein winziges Fitzelchen. Sie probierte alles. Einmal aß sie was von dem Hundefutter aus dem Laden, um herauszufinden, wie sich das anfühlte. Sie probierte alles; wenn nötig, kotzte sie es danach wieder aus. Ich hatte Angst, meine Eltern würden den Kaffee aus meinem Mund riechen und mir Hausarrest verpassen, aber Isora hatte nie Angst. Sie hatte keine Angst, obwohl ihre Großmutter ihr öfter mit einer Tracht Prügel drohte. Sie fand, man lebte nur einmal und man musste immer ein winziges Fitzelchen probieren, wenn es ging. Und ein winziges Schlückchen Anislikör? Nur ein winziges Schlückchen. Ein winziges Fitzelchen, sagte sie.

Isora trank den letzten Rest Kaffee, der noch in Doña Carmens Tasse war, und streckte gleich den Arm aus, um nach dem Gläschen zu greifen, in das die alte Dame Anislikör, Marke Del Mono, eingeschenkt hatte. Isora rülpste, rülpste vielleicht fünfmal nacheinander. Und dann gähnte sie. Und in dem Moment fasste Doña Carmen sie am Kinn und schaute ihr in die Augen, ihre grünen Augen, grün wie grüne Trauben. Sie stocherte in diesen feuchten Augen wie jemand, der mit dem Pickel Grubenwasser ablässt. Die Alte erschrak: Meine Kleine, weißt du, ob jemand neidisch auf dich ist? Isora saß bewegungslos da. Wieso, Doña Carmen? Was ist los? Mädchen, ich sehe bei dir den bösen Blick. Geh um Himmels willen zu Doña Eufracia, die soll dich segnen. Sag es deiner Großmutter, die kennt sich mit diesen Sachen aus, die soll dich hinbringen, damit Eufracia für dich betet.

Als wir aus der Tür gingen, lief die Fünf-Uhr-Telenovela. Um diese Tageszeit legte sich immer eine riesige Wolkendecke über die Häuserdächer des Viertels. Jetzt lief Die Frau im Spiegel, nicht mehr Die Leidenschaft von Gavilanes. Die Hauptdarstellerin war dieselbe wie Gimena in Die Leidenschaft, aber Isora und ich fanden sie nicht so gut. Es war Juni, die bunten Festtagsgirlanden aus Papier waren noch nicht im Ort aufgehängt worden, und es würde noch dauern, bis es so weit wäre. Vom Fenster im Eingang zu Doña Carmens Haus konnte man das Meer und den Himmel sehen. Das Meer und der Himmel sahen aus wie eins, die gleiche schwere graue Masse wie immer. Es war Juni, aber es hätte auch jeder andere Monat im Jahr sein können, in jedem anderen Teil der Welt. Es hätte ein abgelegenes Bergdorf in Nordengland sein können, ein Ort, wo man fast nie den offenen himmelblauen Himmel sah, ein Ort, wo es die Sonne nur als ferne Erinnerung gab. Es war Juni und das Schuljahr war erst seit einem Tag vorbei, aber ich spürte schon diese unendliche Erschöpfung, die Traurigkeit der tief hängenden Wolken über unseren Köpfen. Es fühlte sich nicht an wie Sommer. Mein Vater arbeitete auf dem Bau und meine Mutter putzte Hotelzimmer. Sie arbeiteten im Süden der Insel und meine Mutter putzte auch manchmal die Landhäuser in unserem Viertel, direkt neben unserem Haus in El Paso del Burro. Sie mussten beide früh raus und kamen spät heim. Isora und ich waren in unserem Viertel eingesperrt, wir kamen nicht über eine Hand voll Häuser, ein Kiefernwäldchen und die kieferngesäumten Straßen im oberen Teil der Ortschaft hinaus. Es war Juni und ich spürte die Traurigkeit. Und jetzt auch die Angst.

Als wir aus Doña Carmens Tür kamen, hatte ich einen fetten Wurmkloß im Hals. Dieser schwarze Wurm flüsterte, du warst schon mal neidisch auf Isora. Ich mochte die Farbe ihrer Haare und ihrer Arme. Mir gefiel ihre Schrift. Sie machte ihr G mit einem riesigen Schweif, der unlesbar machte, was in der Zeile drunter stand. Mir gefielen ihre Augen und noch so viele andere Sachen. Ich beneidete sie dafür, wie sie mit Erwachsenen reden konnte. Sie war in der Lage, Unterhaltungen zu unterbrechen und zu sagen, nein, Moreiva ist die Tochter von Gloria, die in der Kurve wohnt, nicht die andere Gloria. Ich beneidete sie um ihre runden Brüste, weich wie gezuckerte Geleestücke, obwohl ihr die nicht schmeckten. Und weil sie schon ihre Tage hatte und Haare auf der Mimi. Isora hatte eine Menge dicke schwarze Stachelhaare, wie der Kunstrasen in den Landhäusern. Ich beneidete sie um das Modul mit den Gameboy-Spielen drauf, das ein Cousin zweiten Grades für sie gerippt hatte, der war Informatiker und lebte in Santa Cruz. Ich beneidete sie darum, weil auf dem Modul das Hamtaro-Spiel drauf war, und ich liebte Hamtaro.

Isora hatte keine Mutter. Sie lebte bei ihrer Tante Chuchi und ihrer Großmutter Chela, der der Einkaufsladen des Viertels gehörte. Darum, dass sie keine Mutter hatte, beneidete ich sie nicht. Darum, dass sie keine Mutter hatte und sich ihre Tante und ihre Oma um sie kümmerten, beneidete ich sie echt nicht. Angst hatte ich damals davor, dass ihr jemand sagen würde, ich hätte ihr den bösen Blick angehängt. Chela, Isoras Großmutter, glaubte an solche Sachen. Wenn sie merkte, dass ich das ihrer Enkelin angetan hatte, würde sie mir den Kopf abreißen. Isoras Großmutter war eine dicke Frau mit Schnurrbart. Dick und schnurrbärtig und streitlustig. In Wirklichkeit hieß sie Graciela, aber alle sagten Chela vom Laden zu ihr. Sie war sehr gläubig und sehr biestig. Und weil sie so gläubig war, wurde sie auch Chela die Heilige genannt. Chela die Heilige, weil sie ihre wenige Freizeit mit Beten und im Gespräch mit dem Priester verbrachte und damit, die Kirche mit Bogenhanf und anderen Sträuchern zu dekorieren, die sie bei sich ums Haus schnitt, und mit Zephirblumen, deren Blüten wie weißer Watteregen vom Himmel fielen. Andererseits gefiel es der Großmutter von Isora, allen Mädchen die Sache mit dem Fett zu erklären. Oder vielmehr die Sache mit dem Schlanksein. Um schlank zu sein, müsst ihr kleinere Portionen essen, sagte sie, um schlank zu sein, müsst ihr weniger Pommes essen, eine Pommes ist wie zwei Salzkartoffeln, ihr dummen Gören müsst zuerst mal aufhören, so viele Süßigkeiten zu fressen, dieser Kleinen hier geb ich erst mal eins mit der Gerte, damit sie aufhört, Scheißdreck in sich reinzustopfen, ich hab das Mädel auf Diät gesetzt, weil sie schon ganz fett wird, und wenn ich sie lasse, geht sie ganz auseinander und frisst die ganze Zeit Gummitiere und wird dick wie ein Nilpferd, schlingschling, und dann die Scheißerei, die kommt ja drei Tage nicht vom Klo runter, stinkt wie ein Wiedehopf und schlingschling, und dann kotzt sie wieder, die Sau, und scheißt und frisst und scheißt und kotzt und sie schmeißt Fortran wie Gummibärchen und frisst und scheißt und scheißt und scheißt und kotzt, die dreckige Drecksau, und wenn sie sich wieder vollstopft, dass ihr nicht mal mehr ein Strohhalm durch den Arsch passt, dann schmeißt sie wieder Pillen ein, damit sie scheißen kann. Die wird mir noch krank, krank wird die mir noch vor lauter Fresserei, das Mädel, dieser elende kleine Teufel.

Isora hasste ihre Großmutter mit aller Kraft. In der Schule hatte sie gelernt, dass Bitch Schlampe heißt, und seitdem antwortete sie, wenn die Großmutter ihr sagte, bring Doña Carmen die Kartoffeln und die Eier, kassier hier mal ab, hol dem Mädchen doch mal zwei Packungen Hähnchenkeulen, vier Brote, zweihundert Gramm Käse, zweihundertfünfzig Gramm Ziegenkäse, tu dem Mädel noch ein Stück Guavengelee dazu, einen Sack Kartoffeln, hol ein paar Garnelen aus dem Keller, kassier mal den Ausländer ab, du kannst doch Englisch, ich sprech ja nur die Christensprache, okay, Bitch, ich geh schon, Bitch, in Ordnung, Bitch, was immer du willst, Bitch, danke, Bitch, noch was, Bitch? Und die Großmutter sah sie misstrauisch an, aber Isora behauptete steif und fest, Bitch hieße Oma auf Englisch.

Im Laden arbeitete auch Chuchi. Chuchi, Isoras Tante, war Chelas zweite Tochter. Chuchi wurde von allen Chuchi genannt, aber niemand wusste, wie sie wirklich hieß. Chuchi hatte grüne Augen wie Isora, aber ihre hatten Flecken in der Farbe von auf weißem Grund verschüttetem Kaffee. Wie Kaffeereste auf dem Boden einer Tasse. Chuchi war groß und schlank, hatte lange Arme und Beine, war hager, vertrocknet. Sie hatte keine Ähnlichkeit mit Isora, außer den Augen. Niemand hatte sie je mit einem Mann gesehen und sie hatte keine Kinder. Chuchi war auch andauernd in der Kirche, aber sie träumte nicht wie ihre Mutter davon, eine Heilige zu sein, sondern davon, Verkäuferin zu sein. Eine Zeit lang hatte sie den Nachbarinnen im Dorf Schminke und Cremes fürs Gesicht und Seife fürs Haar und Seife für den Körper verkauft. Sie ging im Sekretärinnendress von Haus zu Haus, grünes Jackett, grün wie ihre Augen, grüner Rock, grün wie die Augen von Isora, braune Stiefel mit quadratischem Absatz, eine Mappe mit den Katalogen von Avon unterm Arm, in denen die Produkte aufgeführt waren. Ihre Mutter sagte zu den Leuten, ihre Tochter ginge vor die Hunde, weil sie den ganzen Tag auf der Straße herumlief wie die Nutten.

Wir gingen die Hauptstraße hoch, bis wir vor dem Laden standen. Isora hielt nicht an, um ihrer Großmutter Bescheid zu sagen. Wo geht ihr denn hin? Gehört ihr nicht ins Haus?, rief uns Chela von der Theke aus zu, um die sich die Leute drängten. Ihr lungert ja nur wieder sonst wo rum! Isora ging weiter bergauf, als wär nichts. Ich lief hinter ihr und schaute zu Chela und Chuchi. Chuchi schnitt mit gesenktem Kopf Wurstwaren und lauschte Chelas Gebeten, als hätte sie ein Gewicht im Nacken, ein Monster, das schwer auf ihren Halswirbeln saß, die niederdrückende Anwesenheit ihrer Mutter. Lass uns zu Eufracia gehen, die soll für mich beten, die Bitch muss es ja nicht mitkriegen, sagte Isora. Und wieder der schwarze Wurmkloß. Ich wusste eigentlich wenig über den bösen Blick. Ich wusste, dass Babys, wenn sie noch rot waren und glatzköpfig und hässlich und zahnlos und den Schädel voller Schorf hatten, ein rotes Band an den Kinderwagen gebunden bekamen, weil die Mütter und Großmütter Angst hatten. Angst, sagte meine Oma, vor dem bösen Blick. Wenn die Leute den Babys zu lang in die Augen schauten oder ihnen zu viele nette Sachen sagten, was für ein süßes Kind, Gott schütze es, Gott schütze es, wie alt ist es denn, so ein süßes Kerlchen, dann wurden die Mütter und die Großmütter steifer als der Arm von einem Toten. Wenn Oma ein Neugeborenes sah, bekreuzigte sie es zu allererst und wiederholte, Gott schütze und segne dich auch, von den Füßen bis zum Bauch. Von den Füßen bis zum Bauch und drüber nicht, oder wie, dachte ich. Damals glaubte ich, dass man diesen Teil des Körpers mit dem bösen Blick belegte, den Teil mit Mimi und Po und den Haaren an den Beinen, von denen ich wollte, dass meine Mutter sie mir rasierte, das tat sie aber nie. Isora und ich machten viele Sachen an diesem Teil des Körpers, von den Füßen bis zum Bauch. Besonders an dem Teil mit der Mimi. Vielleicht hatte der böse Blick ja damit zu tun. Aber ich war still und sagte nichts, war still und wir liefen weiter.

Die Autorin:

 

Andrea Abreu, 1995 auf Teneriffa geboren, studierte Journalismus und jobbte als Kellnerin und als Angestellte bei einer renommierten Dessousmarke. Vor der Veröffentlichung ihres bahnbrechenden Debüts „So forsch, so furchtlos“ veröffentlichte Abreu ein Fanzine über Endometriose und mehrere Gedichtbände. 2021 wurde sie vom Granta Magazine zu einer der besten jungen spanischsprachigen Romanautor*innen gekürt.