2019: Neue Leitung und klare Haltung
Am 1. Januar 2019 wird Kerstin Gleba Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch. Sie folgt auf Helge Malchow, der dem Verlag als editor-at-large verbunden bleibt. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Verlags, der seit seiner Gründung durch Joseph Casper Witsch nun erst den dritten Wechsel in der Leitung erlebt.
Im ersten Jahr unter der verlegerischen Geschäftsführung von Kerstin Gleba setzt KiWi deutliche Akzente: In der Belletristik dominiert Sibylle Berg mit ihrem wütenden dystopischen Roman GRM. Brainfuck, der später den Schweizer Buchpreis gewinnt. Julian Barnes erzählt in Die einzige Geschichte meisterhaft von der Liebe, und Vea Kaiser legt mit Rückwärtswalzer ihren dritten Bestseller vor.
Grünen-Chef Robert Habeck plädiert in Wer wir sein könnten für eine offene Sprache der Demokratie, während Satire-Politiker Martin Sonneborn in Herr Sonneborn geht nach Brüssel Einblicke in das Europaparlament gewährt. Ein besonders bewegendes Zeugnis legt der Welt-Korrespondent Deniz Yücel mit Agentterrorist ab, in dem er seine einjährige Haft in der Türkei verarbeitet. Das erste Buch von Sophie Passmann Alte weiße Männer wird sofort zum Bestseller.
Auch kulturelle Ikonen prägen das Frühjahr: Thomas Pletzinger gelingt mit The Great Nowitzki ein gefeiertes Porträt des Basketball-Stars Dirk Nowitzki, Schauspiellegende Mario Adorf blickt in Zugabe! auf sein Leben zurück, und der Verlag feiert den 100. Geburtstag seines Hausautors J.D. Salinger mit Neuausgaben seiner Werke.
Im Herbst besticht das Programm durch eine außergewöhnliche Dichte an starken Debüts und literarischen Stimmen: Der Schauspieler Matthias Brandt legt mit Blackbird seinen ersten Roman vor, der sofort zum Bestseller avanciert. Dana von Suffrin debütiert mit dem viel gelobten Roman Otto. Zudem erscheinen neue Werke von KiWi-Hausautor:innen wie Isabel Bogdan (Laufen) und Peter Schneider (Vivaldi und seine Töchter).
Start der KiWi Musikbibliothek: Am 10. Oktober 2019 startet mit der KiWi Musikbibliothek eine neue Reihe, die Literatur und Popkultur verbindet. Die Idee: Bekannte Autorinnen und Autoren schreiben leidenschaftliche Liebeserklärungen an ihre Idole, Bands oder Lieblingsalben. Den Auftakt machen vier starke Stimmen: Thees Uhlmann schreibt über Die Toten Hosen, Sophie Passmann über Frank Ocean, Anja Rützel über Take That und Tino Hanekamp über Nick Cave. Die hochwertig gestalteten Bände im kleinen Hardcover-Format werden sofort zum Sammlerobjekt. Begleitet wird der Launch von einem eigenen Podcast. Den Start der KiWi-MuBi feiert der Verlag mit einer rauschenden Party auf der Frankfurter Buchmesse 2019.
2020: Verlegen in Zeiten der Pandemie
Das Frühjahr 2020 beginnt programmatisch stark mit Leif Randts Allegro Pastell, einem Roman, der den Zeitgeist der späten Zehnerjahre perfekt einfängt. Doch ab März prägt die Corona-Pandemie das Verlagsleben: Der Verlag arbeitet weitgehend aus dem Homeoffice, die Verlagskonferenz findet erstmals rein virtuell statt.
Trotz der Krise wird der Herbst 2020 zu einem der erfolgreichsten der Verlagsgeschichte. Thomas Hettches Roman Herzfaden über die Augsburger Puppenkiste wird ein von der Kritik gefeierter Bestseller (Shortlist Deutscher Buchpreis). Und es gibt ein besonderes Double - gleich zwei KiWi-Autoren springen am 16. September 2020 von Null auf Eins der Bestsellerliste: Der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff erobert mit Hamster im hinteren Stromgebiet, dem fünften Teil seiner autobiografischen Romanreihe Alle Toten fliegen hoch, auf Anhieb die Spitze bei der Belletristik (Hardcover). Der Satiriker und Moderator Jan Böhmermann kanns sich mit Gefolgt von niemandem, dem du folgst, seinem Twitter-Tagebuch 2009–2020, ebenfalls gleich von null auf Platz 1 der Hardcover-Bestsellerliste im Sachbuch setzen. Große Resonanz im Feuilleton und beim Publikum findet auch Andrea Petkovic mit ihrem literarischen Debüt Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht.
2021: Lockdown-Lektüren und große Jubiläen
Während der öffentliche Kulturbetrieb noch im Lockdown verharrt, beweist das Buch seine Relevanz als „Lebensmittel“. 25 Jahre nach seinem Debüt Faserland veröffentlicht Christian Kracht mit Eurotrash einen Roman, in dem derselbe Erzähler erneut auf eine Reise geht, diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgründe der eigenen Familie. Eurotrash wird sowohl für den Preis der Leipziger Buchmesse als auch für den Deutschen Buchpreis und später, im Jahr 2025, für den International Booker Prize nominiert. Im Sachbuch domiert Sophie Passmanns Komplett Gänsehaut im Frühjahr die Bestsellerlisten und Feuilletons. Robert Habeck liefert mit Von hier an anders einen Entwurf für die politische Zukunft. In die Debatte um die Klimakrise schaltet sich zudem Frank Schätzing mit seinem Sachbuch Was, wenn wir einfach die Welt retten? ein. Tom Hillenbrand landet mit seinem Thriller Montecrypto über die Welt der Kryptowährungen einen großen Bestseller.
Ein phänomenaler Erfolg prägt das Krimi-Programm: Unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec veröffentlicht der ehemalige Verleger Jörg Bong seit einem Jahrzehnt seine Fälle für Kommissar Dupin, die ein Millionenpublikum begeistern und die Bretagne auf ganz einzigartige Weise in Szene setzen. Mit dem zehnten Band Bretonische Idylle feiert die Reihe 2021 ein großes Jubiläum und unterstreicht ihren Status als eine der erfolgreichsten deutschen Krimiserien überhaupt.
Im Herbst, pünktlich zum 70. Verlagsjubiläum, erscheint Eva Menasses monumentaler Roman Dunkelblum, der die österreichische Zeitgeschichte aufrollt. Alina Bronsky landet mit Barbara stirbt nicht einen weiteren Publikumserfolg. Maxim Biller gelingt mit Der falsche Gruß ein virtuoses Kabinettstück über die Abgründe des Literaturbetriebs. Auch international bleibt der Verlag am Puls der Zeit, etwa mit Imbolo Mbues Wie schön wir waren.
2022: Revolutionen, literarische Inventuren und große Debatten
Das Jahr beginnt kämpferisch und politisch: Sibylle Berg setzt mit RCE. #RemoteCodeExecution ihre dystopische Analyse des digitalen Kapitalismus fort, während Kurt Krömer mit seinem Bestseller Du darfst nicht alles glauben, was du denkst ein wichtiges Gespräch über Depressionen anstößt und damit zum erfolgreichsten Sachbuch des Jahres wird. Maxim Leo gelingt mit Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße eine hochkomische Mediensatire. Im Herbst dominiert die Frage nach der Zukunft unserer Wirtschaftsweise: Ulrike Herrmanns Das Ende des Kapitalismus trifft einen Nerv und löst monatelange Debatten aus. Jörg Bong startet mit Die Flamme der Freiheit sein monumentales Projekt zur Geschichte der deutschen Demokratie. Literarisch beeindrucken Daniela Dröscher mit ihrem autofiktionalen Roman Lügen über meine Mutter (Shortlist Deutscher Buchpreis) und Thomas Melle mit Das leichte Leben. Zudem startet die von Volker Weidermann herausgegebene Reihe Bücher meines Lebens, in der Autor:innen wie Florian Illies und Mithu Sanyal über ihre prägenden Lektüren schreiben. Rock-Ikone Patti Smith gewährt in Buch der Tage einen visuellen Einblick in ihr Leben.
2023: Literarische Schwergewichte und neue Perspektiven
Ein Jahr großer literarischer Stimmen: Uwe Timm legt mit Alle meine Geister eine meisterhafte Erkundung seiner Lehrjahre vor, und Zadie Smith begeistert mit ihrem historischen Roman Betrug. Benjamin von Stuckrad-Barre löst mit seinem brillanten Roman Noch wach? eine breite gesellschaftliche Debatte aus. Viele hatten dem Buch, das den Machtmissbrauch in einem Medienunternehmen mit literarischen Mitteln untersucht, entgegengefiebert; das Magazin Der Spiegel macht Stuckrad-Barres Roman zur Titelgeschichte. Bret Easton Ellis meldet sich eindrucksvoll mit seinem lang erwarteten Roman The Shards zurück. Ein literarisches Ereignis ist auch Maxim Billers Roman Mama Odessa, in dem er der Figur der Mutter und ihrer bewegten Geschichte ein ebenso humorvolles wie zärtliches Denkmal setzt. Das Debüt der US-Amerikanerin Tess Gunty, Der Kaninchenstall, sorgt international und hierzulande für Furore. Im Sachbuch setzen KiWi-Autor:innen erneut Maßstäbe: Sophie Passmann analysiert in Pick me Girls scharfzüngig den männlichen Blick, Carolin Kebekus stürmt mit ihrem feministischen Buch Es kann nur eine geben die Bestsellerlisten und Sascha Lobo beschäftigt sich mit der Großen Vertrauenskrise. Auch die Unterhaltung kommt nicht zu kurz, etwa mit Tom Hillenbrands historischem Roman Die Erfindung des Lächelns oder dem lang ersehnten neuen Roman von Helge Schneider.
2024: Weltbestseller und politische Memoiren
Das Jahr 2024 geht als eines der ereignisreichsten in die Verlagsgeschichte ein. Im Frühjahr erscheint posthum ein literarisches Weltereignis: Gabriel García Márquez’ verschollener Roman Wir sehen uns im August. Maxim Leo (Wir werden jung sein) und Martina Bogdahn (Mühlensommer) landen große Publikumserfolge.
Auch im Bereich der politischen und atmosphärischen Spannungsliteratur setzt KiWi Maßstäbe. Wolfgang Schorlau führt seine Bestseller-Reihe um den Privatermittler Georg Dengler mit Black Forest fort und verknüpft erneut hochbrisante politische Themen mit fesselnder Handlung. Zugleich erobert Gil Ribeiro mit seinen Lost in Fuseta-Krimis um den autistischen Ermittler Leander Lost ein Millionenpublikum.
Der Herbst wird dominiert von einem historischen Buchprojekt: Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel veröffentlicht ihre politischen Memoiren Freiheit bei Kiepenheuer & Witsch – ein Buch, das am 26. November 2024 im Deutschen Theater Premiere feiert, ein riesiges Medienecho auslöst und zeitgleich in 30 Ländern erscheint. Bis Jahresende werden 600.000 Hardcover allein im deutschsprachigen Raum verkauft. Angela Merkel stellt ihr Buch noch vor Weihnachten 2024 auf einer internationalen Tour in Washington D.C. (mit Barack Obama), in London, Paris, Barcelona, Mailand und Amsterdam vor. Für über eine Millionen verkaufte Einheiten weltweit wird Angela Merkel später mit dem Gold Award von Media Control ausgezeichnet.
Flankiert wird dieses Ereignis von Frank Schätzings furiosem Historien-Thriller Helden und einem neuen Roman von Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen, der sechste Band des Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch, eine berührende Mutter-Sohn-Geschichte, die hundertausende Leserinnen und Leser begeistert Alina Bronsky gewinnt mit ihrem Roman Pi mal Daumen nicht nur erneut die Herzen des Publikums, sondern auch den Preis Lieblingsbuch des Unabhängigen Buchhandels.
2025: Neue Wege und das „Wundermittel Buch“
In Zeiten anhaltender globaler Unsicherheiten setzt der Verlag auf Bücher, die Orientierung und Zuversicht bieten. Stephan Grünewald analysiert in Wir Krisenakrobaten den gesellschaftlichen Gemütszustand. Literarisch brillieren Sibylle Berg mit La bella vita, Vea Kaiser, Leif Randt, Helene Hegemann und Thomas Melle, der mit seinem Roman Haus zur Sonne auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht. Christian Kracht wird mit seinem großen Roman Air für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein besonderer Coup gelingt mit Weltmeister Christoph Kramer, dessen Roman Das Leben fing im Sommer an die Bestsellerlisten stürmt. Strategisch stellt sich der Verlag für die Zukunft auf: Im Herbst 2025 startet mit „kiwi space“ ein neues Imprint, das sich gezielt an die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen richtet und Themen und Erzählweisen ihrer Lebenswelt in den Fokus rückt.
2026: 75 Jahre Kiepenheuer & Witsch
Kiepenheuer & Witsch wird 75. Ein Jubiläum, das im März 2026 mit einem großen Festival gefeiert wird. Der Verlag blickt auf eine Geschichte voller mutiger Stimmen zurück – von Heinrich Böll bis zur Gegenwart – und richtet den Blick zugleich nach vorn: auf ein Programm, das den Anspruch hat, die gesellschaftlichen Debatten mitzugestalten, literarische Stimmen zu finden und durchzusetzen und gute Geschichten zu erzählen.