2000 - 2010 Start ins neue Jahrtausend

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Die Jahrtausendwende

Neue Autoren und außergewöhnliche Bucherfolge lassen Kiepenheuer & Witsch seit der Jahrtausendwende in der öffentlichen Aufmerksamkeit nochmals deutlich an Gewicht gewinnen.Im Jahr 2000, dem 49sten Jahr seines Bestehens, hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch einen Rekord vorzuweisen: Er verkauft so viele Bücher wie noch nie (mit Ausnahme des Jahres 1985 in dem Günter Wallraffs sensationeller Bestseller Ganz unten erschien). Michael Kumpfmüllers Debüt-Roman Hampels Fluchten erscheint und sorgt für Diskussionen. Auch Der römische Schneeball von Mario Adorf, Sabriye Tenberkens Mein Weg führt nach Tibet oder Der große Unterschied von Alice Schwarzer werden zu großen Bucherfolgen.

Nach einem derartig gelungenen Start ins neue Jahrtausend verlaufen auch die folgenden Jahre äußerst positiv.

Mit der Übernahme von 85% der Verlagsanteile durch die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck (15% verbleiben bei Reinhold Neven Du Mont) im Jahr 2002 wird die Verlagsführung neu geregelt.

Reinhold Neven Du Mont übergibt nach insgesamt 39 Jahren im Verlag Kiepenheuer & Witsch – 33 Jahre davon als Verleger an der Spitze – die verlegerische Geschäftsführung an den Cheflektor Helge Malchow, kaufmännischer Geschäftsführer wird Peter Roik.

Mitglieder der Geschäftsleitung werden neben den beiden Geschäftsführern Gaby Callenberg und 2004 Kerstin Gleba, seit 2007 auch Lutz Dursthoff sowie als assoziiertes Mitglied der Vertriebsleiter Reinhold Joppich.

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Impulse für politische Debatten

Im Bereich des politischen Sachbuchs entfachen zwei zeitgeschichtliche Bücher heftige Diskussionen um die 68er-Bewegung: Die Tagebücher Rudi Dutschkes Jeder hat sein Leben ganz zu leben (2003) und Gerd Koenens Auseinandersetzung Das rote Jahrzehnt (2001) sowie seine Untersuchung der »Urszenen des deutschen Terrorismus« unter dem Titel Vesper, Ensslin, Baader (2003).

Starke Impulse für politische Debatten kommen auch von Necla Keleks Die fremde Braut (2005) und Die verlorenen Söhne (2006).

Die kritische Analyse neokonservativer Positionen in der US-amerikanischen Publizistik und politischen Theorie liefert 2005 der amtierende deutsche Außenminister Joschka Fischer, und schließt 2007 seine Erinnerungen an seine Regierungszeit und an Die rot-grünen Jahre an.

Dagegen wird Alice Schwarzer unter dem Titel Die Antwort eine feministische Bestandsaufnahme der Geschlechterverhältnisse in Deutschland 32 Jahre nach Der kleine Unterschied liefern.

Das Sachbuchprogramm wird außerdem bereichert durch Carola Stern, die nach vielen Jahren mit ihrer Autobiografie Doppelleben (2001) und ihren Künstlerbiografien Alles, was ich in der Welt verlange (2003), Auf den Wassern des Lebens (2005) und Kommen Sie, Cohn! (posthum 2006) als Autorin zum Verlag Kiepenheuer & Witsch zurückkehrt.

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Lichtjahre der deutschsprachigen Literatur

Im Bereich deutsche Literatur werden in den Jahren nach 2001 unter anderem Malin Schwerdtfeger, Feridun Zaimoglu, Eva Menasse, Thomas Hettche, Thomas Pletzinger, Moritz Rinke und Moritz von Uslar Kiepenheuer & Witsch -Autoren. Große öffentliche Beachtung finden auch Uwe Timms Buch Am Beispiel meines Bruders (2003), Peter Härtlings Erinnerungen Leben lernen (2003) und Michael Kumpfmüllers zweiter Roman Durst (2003).

In der deutschen Literatur herausragend ist auch Katja Lange-Müllers Roman Böse Schafe (2007), mit dem sich die Autorin endgültig in die Riege der besten deutschsprachigen Gegenwartsautoren schreibt.

Eine heftige literaturtheoretische Debatte löst 2006 Volker Weidermann mit seiner kurzen Geschichte der deutschen Literatur nach 1945 (Lichtjahre) aus. Ein seltener Fall: ein Buch über Literatur, das ein Bestseller wird!

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© Linda Rosa Saal

Der Fall Esra

Im Frühjahr 2003 erscheint der Roman Esra von Maxim Biller, gegen dessen Verbreitung durch den Verlag kurz nach der Veröffentlichung eine einstweilige Verfügung aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen ergeht. In zahlreichen, langwierigen Prozessen versucht der Verlag Kiepenheuer & Witsch, die Freiheit der Kunst gegen die persönlichkeitsrechtlichen Ansprüche zu verteidigen. Aber das Bundesverfassungsgericht bestätigt am 12. Oktober 2007 bedauerlicherweise das letztinstanzliche Verbreitungsverbot des Romans.

In den Jahren zuvor hatte Kiepenheuer & Witsch dreimal (erfolgreich) große Prozesse zur Verteidigung der künstlerischen Freiheit führen müssen: 1. für Günter Wallraff und sein Undercover-Projekt Der Aufmacher. Der Mann, der bei BILD Hans Esser war gegen den Springer-Konzern (1981, BGH), 2. gegen die Indizierung des Romans American Psycho von Bret Easton Ellis im Jahr 1995 durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (OVG Münster) und 3. für Heiner Müller und sein letztes Theaterstück Germania 3 gegen die Erben von Bertolt Brecht (BuVerG, 2000).

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Internationale Autoren

Auch aus der ausländischen Literatur kommen im neuen Jahrtausend große Erzähler zum Verlag Kiepenheuer & Witsch: David Foster Wallace, Dave Eggers, Zadie Smith und Jonathan Safran Foer, der mit seinem Debütroman Alles ist erleuchtet (2003) und seinem zweiten Roman Extrem laut und unglaublich nah (2005) international Furore macht. Ebenso herausragend sind die junge Autorin Dorota Maslowska mit ihrem Debüt Schneeweiß und Russenrot (2004) und ihrem beeindruckenden Rap-Roman Die Reiherkönigin (2007), die mittlerweile die bekannteste Autorin Polens ist, sowie die amerikanische Schriftstellerin A.M. Homes mit Dieses Buch wird Ihr Leben retten (2007).

Ein internationales publizistisches Ereignis ist das Erscheinen des lange erwarteten Romans Erinnerungen an meine traurigen Huren (2004) des Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez.

Bemerkenswerte Erfolge unter den fremdsprachigen Autoren von Kiepenheuer & Witsch erzielen außerdem Nick Hornby mit A long way down (2005), Bret Easton Ellis’ Roman Lunar Park (2006) und Julian Barnes’ Arthur & George (2007). 2007 erscheint von Don DeLillo, der als der literarische Chronist der amerikanischen Geschichte gilt, der lang erwartete Roman über den 11. September Falling Man (2007). Die Kritik wertet ihn als Buch, »in dem die Erschütterung, die damals die Welt aus den Angeln hob, in jeder Zeile nachbebt«. (Neue Zürcher Zeitung).

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© Till Gläser

Bestseller

Im Bereich der populären Kultur unterstreicht Kiepenheuer & Witsch seine Ausnahmestellung als Buchverlag mit den Tagebüchern von Kurt Cobain, den Memoiren von Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers (2005), mit Greil Marcus’ Studie über Bob Dylans Jahrhundertsong Like a Rolling Stone und Eric Claptons US-Autobiografie Mein Leben (2007). Große Erfolge folgten mit dem Roman Der Tod des Bunny Munroe (2009) von Nick Cave und mit Patti Smiths Erinnerungen Just Kids (2010).

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Auch eine ganze Reihe ambitionierter Bücher über Fußball in der Nachfolge von Nick Hornbys berühmten Fever Pitch kommen ins Programm, von so fußball-versierten Autoren wie Christoph Biermann (Fast alles über Fußball, 2005), Klaus Theweleit, Marcel Reif, Ronald Reng, Sönke Wortmann und anderen.

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Einer der größten Verkaufserfolge der letzten Jahre wird 2004 Frank Schätzings Öko-Thriller Der Schwarm. Frank Schätzing ist der deutsche Erfolgsautor. Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt 7,3 Millionen; sie werden in mehr als 27 Sprachen übersetzt. Ein Jahr lang steht auch das den Schwarm ergänzende Sachbuch Nachrichten aus einem unbekannten Universum ganz oben auf allen Bestsellerlisten. Von der Zeitschrift bild der wissenschaft wird es als Wissenschaftsbuch des Jahres 2006 in der Kategorie »Unterhaltung« ausgezeichnet. Im Jahr 2009 erscheint dann der zweite große Roman Limit von Deutschlands erfolgreichstem Thrillerautor bei Kiepenheuer & Witsch, der wie Der Schwarm weltweite Erfolge feiert.

Sensationell erfolgreich wird auch Bastian Sicks Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod in der Kiwi-Reihe, ein heiterer Führer durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Inklusive der drei Folgebände werden sich bis zum Ende des Jahres 2010 seine Bücher ca. 4 Millionen Mal verkaufen.

Mehr über Bastian Sick und seine Bücher > 

Ähnliche Dimensionen erreichen die Bücher über naturwissenschaftliche Alltagsfragen von Ranga Yogeshwar Sonst noch Fragen? und Ach so!.

In derselben Zeit erscheint bei Kiepenheuer & Witsch immer wieder sehr erfolgreiche Spannungsliteratur – vor allem die Krimiserien von Volker Kutscher, Wolfgang Schorlau und Christian von Ditfurth. Damit entsteht ein neues Segment innerhalb des Verlagsprogramms.

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Editorische Aufgaben

Zu den Aufgaben eines Verlages, der auf Zukunft setzt, gehört es, junge Autoren zu fördern und ihnen eine Chance zu geben. Neue Tendenzen – ob literarische, politische oder gesellschaftliche – zu einem frühen Zeitpunkt zu dokumentieren, ist schon immer der Anspruch von Kiepenheuer & Witsch gewesen.

Gleichzeitig will der Verlag die Werke bedeutender Autoren sammeln, in gut edierten Ausgaben zusammenstellen und der Öffentlichkeit in schöner Ausstattung zugänglich machen: In den neunziger Jahren legt Kiepenheuer & Witsch eine sechsbändige Ausgabe der Werke von Joseph Roth vor und startet eine sechsbändige Ausgabe der Werke von Dieter Wellershoff, die Ende 2011 mit drei weiteren Bänden abgeschlossen wird.

Die Werkausgabe von Peter Härtling wird abgeschlossen.

Seit Oktober 2002 erscheinen in jedem Jahr drei Bände der Werkausgabe Heinrich Bölls. Das auf neun Jahre angelegte Editionsvorhaben präsentiert Heinrich Bölls Werk in einer 27 Bände umfassenden textkritisch durchgesehenen und kommentierten Ausgabe. Diese sogenannte Kölner Ausgabe ist das bislang größte editorische Unternehmen in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Der Abschluss der Ausgabe 2010 wird in den Räumen der Heinrich Böll Stiftung in Berlin mit einer großen Veranstaltung gefeiert, an der auch der Kulturstaatsminister Bernd Neumann teilnimmt.

Band 1 der Kölner Werkausgabe Heinrich Böll >

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Umzug ins Stadtzentrum

Im Juni 2008 schlägt der Verlag Kiepenheuer & Witsch ein neues Kapitel seiner Geschichte auf. Nach über 50 Jahren verlässt er sein angestammtes Domizil im Kölner Süden. Die Villa in der Rondorfer Straße im Stadtteil Marienburg bietet für die mittlerweile mehr als 40 Mitarbeiter nicht mehr genügend Platz.

Dem Standort Köln bleibt der Verlag jedoch treu. Die neue Verlagsadresse – »ein Glücksfall«, so Verleger Helge Malchow – befindet sich mitten in der Kölner Innenstadt. Direkt gegenüber von Hauptbahnhof und Dom – in der zweiten Etage des denkmalgeschützten Deichmannhauses – steht dort mit ca. 1200 qm fast doppelt so viel Platz wie in der Marienburger Villa zur Verfügung.

Kiepenheuer & Witsch verlegt die Werke von über 200 Autoren. In ihren Werken spiegelt sich einerseits eine lange, über 50 Jahre andauernde Verlagstradition, andererseits der moderne, innovative Charakter des Verlages zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Ansprüche der Autoren an ihren Verlag sind gewachsen. Diesen Ansprüchen zu genügen, den Autoren ein Gefühl von Verlässlichkeit und Kontinuität zu geben und ihre Bücher professionell zu betreuen – dafür wird der Verlag Kiepenheuer & Witsch weiterhin stehen, um auch in den kommenden Jahrzehnten für seine Autoren – und natürlich für deren Leser – attraktiv zu sein und zu bleiben.

Dies gilt auch für das digitale Zeitalter, dessen Herausforderungen in Form ganz neuer Trägermedien, Vertriebsmöglichkeiten und Geschäftsmodelle sich der Verlag aktiv stellt. Das digitale Zeitalter führt zu neuen hybriden Buchformen (enhanced ebooks) und zu einer Revolution der Verlags-Leser-Bindung durch die sozialen Netzwerke.

Auf die Entwicklung Berlins als neuem kulturellem und literarischen Zentrum in Deutschland hat der Verlag auf unterschiedliche Weise reagiert – durch zahlreiche Veranstaltungen, Buchvorstellungen, Verlagsfeste, Pressekonferenzen in Berlin und durch die Neugründung des Verlagsimprints Galiani Berlin, das von Wolfgang Hörner und Esther Kormann in Berlin geführt wird und sofort nach seiner Gründung 2009 große Erfolge hatte.

In das Jahr 2009 fiel auch ein tragisches Ereignis für den Verlag: Durch den Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3.3.2009 wurde auch ein großer Teil des Verlagsarchivs (Korrespondenzen, Dokumente, Akten etc.) zerstört. Über den Grad der Verluste und der Zerstörung lassen sich auch Ende 2010 noch keine verlässlichen Angaben machen. Betroffen sind auch der Nachlass Heinrich Bölls sowie die sogen. Vorlässe von Dieter Wellershoff und Günter Wallraff.

Das Jahr 2011 steht im Zeichen des 60. Geburtstags des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Im Herbst des Jahres 1951 waren die ersten Bücher unter dem heutigen Verlagsnamen erschienen. Das Jubiläum begeht der Verlag mit einem großen Fest im September in Berlin.

 

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