Sophie Hunger gewinnt Rauriser Literaturpreis 2026
Sophie Hunger erhält für ihren Debütroman "Walzer für Niemand" den Rauriser Literaturpreis 2026.
Nach Meinung der Jury (Christa Gürtler, Bettina Hering und Rainer Moritz) ist der Autorin ein literarisches Debüt gelungen, „das seine besondere Sogkraft aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Ausdrucksformen bezieht. Der Text entwickelt sich entlang der Coming-of-Age-Geschichte einer symbiotischen Freundschaftsbeziehung und entfacht dabei eine dichte atmosphärische Spannung, einem Walzer nicht unähnlich, dessen Kreisbewegung zugleich die Tanzenden verbindet und sachte wieder trennt“. Dabei sei ein Werk entstanden, „das sich mit tiefer Empathie und gleichzeitig formaler Klarheit gängigen Erzählmustern entzieht und gerade darin überzeugt“.
Die Preisverleihung fand am 25. März 2026 im Rahmen der Rauriser Literaturtage statt.
Die Jurorin und Dramaturgin, Regisseurin und Intendantin Bettina Hering hielt folgende Laudatio auf Sophie Hunger und "Walzer für Niemand":
Geschätzte anwesende und abwesende Literaturafficionados, wunderbare Veranstalter und Unterstützer der Rauriser Literaturtage, beste Mitjuror:innen, geehrte Festgäste,
und vor allem: Liebe und: Ausgezeichnete Sophie Hunger!
Es gibt Künstlerinnen, die in einer Disziplin zu Hause sind. Und es gibt jene seltenen Bewohner eines besonders kreativen Archipels, die sich nicht festhalten lassen – sie klettern wie Gämse behende über die schwierigsten Felswände in höchste Höhen, auch gerne in der Schweiz, singen betörend, musizieren nicht mit Pauken und Trompeten, aber multiinstrumental, zeichnen auf Notizblöcken mit schwarzem Stift, wie hingeworfen, Frauenkörper in unterschiedlichen Lebensstadien und erzählen soghaft tragisch-komisch-poetisch über Liebe und Verlust.
Sie sind unaufhaltbar unterwegs zwischen Formen, die neu gebildet, verbunden und gleichzeitig erratisch bleiben, Sprachen, die verschiedene Herkünfte und dadurch auch unterschiedliche Zugänge aufzeigen, zwischen Klang, Intellekt, großen Gefühlen und Stille.
Sophie Hunger, sie haben es unschwer erkannt, stammt von dort und vereint all das Beschriebene und ganz sicher noch mehr in sich, sie sucht und findet, und – zum Glück für uns! – kann und will sich mitteilen - und das Gefundene mit uns teilen. Dass die bisher als coole, innovative, höchst erfolgreiche Musikerin, Sängerin, Songwriterin und Filmkomponistin bekannte und geliebte Künstlerin mit Walzer für Niemand ihren Debütroman vorlegt, entspricht also keineswegs einem Seitenwechsel, ihr Walzer in Buchform ist für uns alle eine beglückende und bereichernde Erweiterung ihres künstlerischen Universums, eine neue Andockstation.
Walzer für Niemand, um dieser Mär gleich zuvorzukommen, ist keine platte Erweiterung des gleichnamigen Songtextes von 2008 von ihrem wunderbaren Album Monday´s Ghost. Sophie Hunger ist keine Musikerin, die einen literarischen Versuch gestartet hat, geschweige denn, sich in einer Biographie ausbreitet. Hier ist eine Autorin am Werk, die sich mit und in Tönen und Melodien genauso einzigartig artikuliert wie in ihren Liedtexten – nun auch mit den Mitteln der Prosa.
Das wiederum heißt nicht, dass sie nicht aus dem Vollen ihrer Musikalität schöpft, dass sie diese nicht übersetzen, nicht mitnehmen kann. Der Walzer ist ernst zu nehmen. Wenn jemand eine Reise tut, So kann er was verzählen; Drum nahm ich meinen Stock und Hut, Und tät das Reisen wählen. Das hat uns schon Matthias Claudius wunderbar melodisch 1775 hinterlassen. Und entsprechend nimmt uns die Autorin mit auf eine Berg- und Talfahrt, eine Kletterpartie, eine Höhlenerkundung, eine Reise der besonderen Art, in der eine symbiotische Beziehung im Zentrum steht. Aber Walzer für Niemand nimmt uns nicht an der Hand und führt uns linear durch eine Geschichte, kein klassischer Spannungsbogen leitet uns, der Walzer würde das auch verbieten. 27 Kapitelüberschriften - von Spiegelbild über The Rules of Fire bis Nüt - 27 kulturgeschichtlich-soziologische Untersuchungen des Lebens und Überlebens der Walserin und 9 Skizzen spannen gemeinsam einen literarischen Kosmos auf, spartenübergreifend, formenübergreifend, sich inhaltlich ergänzend, überschneidend, assoziierend, tanzend.
Wir Lesende sind Partizipierende einer Coming-of-Age-Geschichte. Niemand und die Ich-Erzählerin leben und wachsen als Kinder von Militärattachés gemeinsam in verschiedenen Städten und Ländern auf. Von dieser ganz spezifischen Art von Zweisamkeit erzählt Sophie Hunger mit allergrößter Intensität. Unsere Schultern berührten sich immer leicht beim Gehen, wir waren ein schlenderndes Mobile. Diese Leichtigkeit und Innigkeit bleibt den beiden nicht erhalten. Über die Jahre hinweg entwickelt sich das symbiotische Verhältnis zu einem Abhängigkeitsverhältnis, das freiwillige ich gehöre zu dir verwandelt sich in eine ungesunde Schicksalsgemeinschaft. Zur Liebe bilden sich Vernichtungsgedanken, weil eine Ablösung, das Voranschreiten ins Erwachsenenalter und in die Unabhängigkeit anders nicht zu haben ist.
Das, was die beiden verbunden hat, was sie entdeckt und zu ihrer Lebensgrundlage gemacht haben, Töne, Frequenzen, die Musik!, bringt sie auseinander. Die Ich Erzählerin wird, nach Abitur und diversen Jobs, Musikerin - und sie wird immer erfolgreicher. Sie hat Blut geleckt, jeder Auftritt ist auch ein Teil einer Exit Strategie aus dieser umklammernden Beziehung. Niemand bleibt zurück, immer weiter zurück, bis am Schluss nur noch seine Schuhe auf einer Brücke in Paris aufzufinden sind. Aus einer Kinderliebe ist nicht blutiger Ernst geworden, sondern eine Trennung, die die Musikerin in neue Gefilde führt, und ihren Partner, der nie gefunden wurde, in den Tod, in den Suizid.
Wie stark muss eine Liebe sein, die nur durch den Tod zu lösen ist? Für diese Tragödie findet Sophie Hungers Debütroman divergierende Zugänge, Schichten, die kaum voneinander lösbar sind, weil sie sich bedingen, weil die Autorin sie so gebaut hat, dass sie sich bedingen.
Aber: Könnte nicht alles ganz anders sein? Und Niemand keine echte Figur, eine Metapher, ein Teil ihrer selbst, ein Ich-Splitter? Diese Frage findet auch in den Hochgebirgslagen der Walserin kein eindeutiges Echo.
Die Walserin, dies zur Erklärung, ist eine Angehörige der Volksgruppe, die bekannt dafür ist, in Hochgebirgslagen durch eigene Kulturpraktiken und eine eigene Sprache, die heute in der Schweiz nur noch in wenigen Dörfern vorhanden ist, zu überleben.
Die Einschübe nach jedem Kapitel über diese Walserin, in einer sehr eigenen, poetisch-pragmatischen Sprache, die Niemand erforschte und als Aufruf in eigener Sache formulierte, denn sie verehrt das Eis, das bewahrt und nicht das Feuer, das zerstört, zeigen auch im Roman diese Ambiguität auf. Niemand wollte die Beziehung bewahren – und fühlte sie bedroht und dann zerstört.
Die Forschungen von Niemand, die sehr indirekt das Hauptgeschehen ergänzen, haben sowohl sprachlich und inhaltlich ihren Platz, genau 27mal. Die Ich-Erzählerin legt ihren Faden, der nicht aus dem Labyrinth führt, sondern immer tiefer hinein in den Kommandoraum des Lebens, in den erwähnten 27 Kapiteln aus. Beides sind Sprachgesänge, die als Duett, und gemeinsam mit den Skizzen, als Terzett, eine eigene Melodie komponieren.
Ja, die Sprache! Nicht nur spielt sie in dem Roman immanent eine so wichtige Rolle, sie wird von beiden Figuren in vielerlei Arten und Weisen erlernt, angewendet und ausprobiert. Die gefundenen Songtexte sprechen zu ihnen und sie mit ihnen. Es wäre, so schreibt Sophie Hunger in Walzer für Niemand, eine entsetzliche Vorstellung, wenn die Sprache das genaue Abbild der Welt wäre. Die Sprache entfacht, wie die Musik, den Phantasieraum der beiden Figuren, bis sie in ihrem jungen Bohemienleben diese als prätentiöse Formulierungssucht beschreiben, in der sie gefangen sind.
Sophie Hunger beherrscht als Autorin das Pathos wie die Poesie, die großen Metaphern wie die ganz genauen psychologischen Beobachtungen. Die Sprachformen gleiten ineinander und tun sich gut in dieser Melange. Französisch, Englisch, Schweizerdeutsch und Humor, sie fließen ebenfalls mit ein und aus der Melange wird ein Espresso genauso wie ein Kafi Crème.
Die zeitliche Entwicklung in Sophie Hungers Debütalbum verläuft fast im Walzertakt. Sie dreht sich und die Plätze wechseln, Schritte rechts- und linksherum und wieder auf Anfang, Rückblenden, Vorblenden, linear und wieder im Kreis herum – fast wie ein musikalisches Motiv, das immer wiederkehrt und sich doch jedes Mal verändert.
Denkt das Buch literarisch und fühlt es musikalisch? Nein, das wäre zu kurz gedacht. Es ist durch und durch literarisch, aber mit einem ungeheuren Rhythmusgefühl versehen. Musik und Sprache sind keine Antagonisten, sie bilden das gemeinsame Fundament von Niemand und der Ich-Erzählerin und in einem sind sie sich vollkommen einig: Wir mochten keine Geschichten, egal, in welcher Form. Wenn überhaupt ertrugen wir Märchen. Ein schauriges Gefühl erfüllte uns, wenn jemand versuchte, rote Fäden zu spannen, plausible Vergangenheiten und Zukünfte zu konstruieren. Geschichten: was für eine ekelerregende und erstickende Erfahrung. ....Erlösend und erhaben hingegen das Spiel der Nadel auf dem Plattenspieler, wenn sie absetzte oder sich federleicht verschieben ließ. ....Es gab kein grauenhaftes Voranschreiten der Zeit.
Diese Eröffnung des ersten Kapitels Spiegelbild versinnbildlicht das Gesagte: Es geht nicht um den roten Ariadnefaden, der helfen soll, aus dem Labyrinth herauszufinden, nachdem der Minotaurus getötet wurde. Dieser muss anders erlegt werden.
Dafür hat Sophie Hunger noch alle Zeit der Welt. Ich hoffe sehr, dass sie uns in beiden Gefielden, der Musik wie der Literatur, weiterhin beschenkt, denn in beidem ist sie - zum Niederknien.
Ich gratuliere Ihnen, Sophie Hunger, sehr herzlich zum Rauriser Literaturpreis 2026! Und von Auslands-Schweizerin zu Auslands-Schweizerin sage ich: „Das isch jetzt aber nüme nüt!“ (Bettina Hering)