Zum Tod von Mario Adorf
Nun auch Mario Adorf, dachte ich, als heute Morgen der Tod dieses Jarhundertschauspielers gemeldet wurde, mit dem wir bei Kiepenheuer & Witsch über Jahrzehnte so eng verbunden waren. Als vor kurzem Jürgen Habermas starb, fühlte sich das für viele von uns ein wenig so an wie der Tod der Philosophie schlechthin. Und auch mit Mario Adorfs Tod geht mehr zu Ende als das Leben eines erfolgreichen Künstlers. Seine gigantische Lebensleistung als Theater- und Filmschauspieler über sieben Jahrzehnte machte ihn zu d e m Repräsentanten der Schauspielkunst eines ganzen Landes und einer ganzen Epoche - von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in unsere Gegenwart. Und er war noch mehr: ein begnadeter Entertainer, Sänger und - nicht zuletzt - ein großartiger Schriftsteller, der mit seinen zahlreichen Erzählungsbänden und autobiografischen Veröffentlichungen ein Millionenpublikum erreichte. Alle seine Bücher, seit „Der Mausetöter“ im Jahr 1992, sind bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Zeit seines Lebens war Mario Adorf stolz, im selben Verlag seine Heimat gefunden zu haben wie Heinrich Böll, den er verehrte und dem er eine seiner großen Rollen verdankte - die des Kommissar Beizmenne in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.
Wie Heinrich Böll war Mario Adorf ein großer Humanist und Demokrat. Mit seinen hinreißenden Erzählungen und Erinnerungen, die bis in seine Kindheit und Jugend in der NS - Zeit zurückgingen, hat er ganze Generationen von Leserinnen und Lesern immer wieder vor der Rückkehr der Barbarei gewarnt, die er am eigenen Leib in seiner Heimatstadt Mayen in der Eifel erlebt hat. Auch deswegen war er ein europäischer Künstler und ein Weltbürger - und für viele Mitarbeiter war er ein Vorbild und ein guter Freund, den wir nicht vergessen werden.
Als ich ihn vor kurzem zum letzten Mal in Paris besuchte, nahm er seine Friedrich Schiller Gesamtausgabe aus dem Bücherregal, übergab sie mir und sagte: „Das ist kein Geschenk, sondern eine Staffelübergabe. Arbeite Du jetzt damit weiter. Ich habe meine Arbeit getan.“
Wir verneigen uns mit Ehrfurcht vor der Lebensleistung eines großen Künstlers und vor einem Freund, den wir nicht vergessen werden.
Helge Malchow im Namen aller Kolleginnen und Kollegen des Verlages