Chronik

 

1945 - 47

Die Vorgeschichte des Verlages Kiepenheuer & Witsch beginnt in Jena. Der gelernte Bibliothekar Dr. Joseph Caspar Witsch leitet dort seit 1936 die Thüringische Landesstelle für das volkstümliche Büchereiwesen. Nach dem Krieg wird er in dieser Funktion von den sowjetischen Besatzungsbehörden bestätigt und als Landesstellenleiter unter anderem mit vorbereitenden Aufgaben zur Lizenzierung von Verlagen betraut. Auf diese Weise kommt er mit dem renommierten Weimarer Verleger Gustav Kiepenheuer in Kontakt. Das NS-Regime hatte den Gustav Kiepenheuer Verlag mit einem Veröffentlichungsverbot belegt; mit Witschs tatkräftiger Unterstützung erhält er 1945 als erster Verleger belletristischer Werke eine sowjetische Lizenz zur Produktion von Büchern. Gustav Kiepenheuer und Joseph Caspar Witsch entwickeln erste Pläne zur Gründung eines gemeinsamen Verlagsunternehmens in Westdeutschland.

Frühjahr 1948

Wachsende Differenzen mit den sowjetischen Behörden über die Organisation des Büchereiwesens in der SBZ zwingen Witsch zur Flucht in den Westen. Ihm droht die Verhaftung. Seine Frau und die vier Töchter folgen wenig später nach. Erste Anlaufstelle der Familie ist Hagen (Westfalen). Ausgestattet mit einer Vollmacht Gustav Kiepenheuers unternimmt Witsch die notwendigen Schritte zur Einleitung der Verlagsgründung.

November 1948

Am 20. November beantragt Witsch eine Buchverlagslizenz für die britische Zone.

Am 27. November findet die Gründungsversammlung der Gustav Kiepenheuer GmbH vor einem Hagener Notar statt. Neben Gustav Kiepenheuer und Joseph Caspar Witsch fungieren als weitere Gesellschafter: Witschs langjähriger Freund, der Arzt Dr. Fritz Breuer, der Direktor einer Hagener Papierfabrik Dr. Adalbert Borgers und der britische Offizier und örtliche Befehlshaber der Britischen Militärregierung Fulco Peter Alexander.

Witsch startet mit sechs Titeln aus dem Rechtepool des Weimarer Kiepenheuer-Verlages. Als erstes Buch erscheint Schneeweißchen und Rosenrot der Gebrüder Grimm mit Aquarellen des heute weltbekannten Hagener Malers Emil Schumacher. Es folgen Titel von Carlo Collodi, Elizabeth Goudge, Julien Green, Ricarda Huch und Franz Kafka.

Frühjahr 1949

Im Januar bezieht der Verlag seine ersten Büroräume im Rohbau eines Hagener Hallenbades.

Die Lizenzierung des Verlages erfolgt zu einem Zeitpunkt, als die erste Jahresproduktion bereits bei den Buchhändlern liegt. Am 10. Februar erhält Witsch die Mitteilung der Behörden, dass seinem Antrag auf Erteilung einer Buchverlagslizenz stattgegeben wurde.

Am 5. März wird die Firma Verlag Gustav Kiepenheuer Gesellschaft mit beschränkter Haftung ins Hagener Handelsregister eingetragen.

Am 6. April stirbt Gustav Kiepenheuer nach schwerer Krankheit in Weimar, ohne dass er Witsch ein einziges Mal am Ort der gemeinsamen Verlagsgründung hätte treffen können. Nach seinem Tod kommt es zum Streit zwischen Witsch und der Witwe des Verlegers, Noa Kiepenheuer. Es geht um den künftigen Standort des Verlages und um die Vertretungsberechtigung. Nach Witschs Auffassung hat nie ein Zweifel daran bestanden, dass Gustav Kiepenheuer seinen Verlag vollständig in den Westen verlegen wollte. Noa Kiepenheuer bestreitet dies nach dem Tod ihres Mannes und beharrt darauf, das Weimarer Unternehmen in der SBZ / DDR weiter fortzuführen. Es gibt nun zwei Verlage, die sich auf den Namen Gustav Kiepenheuers berufen.

September 1949

Der Verlag nimmt an der ersten Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche teil, stellt 25 Titel aus und erreicht einen Messe-Umsatz von 8.000 DM. Unter den Neuerscheinungen finden sich auch die ersten Bücher Joseph Roths, die in Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Verlag Allert de Lange entstanden sind: Die Legende vom heiligen Trinker und Radetzkymarsch.