23.10.2012

Eva Menasse über Günter Grass

Die österreichische Schriftstellerin und KiWi-Autorin Eva Menasse hat eine Rede gehalten. Nicht irgendeine Rede, wie wir als ihr Verlag Kiepenheuer & Witsch meinen, und auch keine Rede über irgendetwas oder irgendwen, sondern eine bemerkenswerte Rede über Günter Grass.

Anlässlich des 85. Geburtstags des Literaturnobelpreisträgers und der feierlichen Wiedereröffnung des Grass-Hauses in Lübeck sprach Eva Menasse dort am 14. Oktober 2012 vor 400 geladenen Gästen und vor Günter Grass. Bei der Ansprache zu Ehren des Jubiliars fand Eva Menasse durchaus auch kritische Töne: Sie nahm sich Grass’ israelkritisches Gedicht »Was gesagt werden muss« vor und sagte unumwunden: »Ich halte das Gedicht für eine Torheit«.

Da wir Eva Menasses Einlassungen zu Günter Grass, dessen Rolle in der deutschen Kultur und zum Umgang mit Intellektuellen und moralischen Autoritäten in Deutschland alles andere als töricht finden, dokumentieren wir hier Eva Menasses Rede im Wortlaut.

Foto: © Ekko von Schwichow


Eva Menasse über Günter Grass, Rede vom 14.10.2012

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Günter Grass!

Ich stehe hier trotz des Israel-Gedichts von Günter Grass, das, wie Sie wissen, den Titel trägt »Was gesagt werden muss«. Diesen Titel nehme ich nun für mich selbst in Anspruch, wenn ich sage: Ich halte dieses Gedicht für eine Torheit, und es hat mich bei seinem Erscheinen auf diese resigniert-verzweifelte Weise wütend gemacht, mit der man sonst auf Naturkatastrophen reagiert. Eben noch ein hoher, kantiger, im äußersten Gipfelbereich etwas unzugänglicher, aber irgendwie vertraut-verlässlicher Berg – da kommt plötzlich eine Schlammlawine herunter. Und alles ist hin, die ganze Aussicht und das eigene Haus. Schockiert und verletzt will man aufgeben, man will alles hinter sich lassen und woanders neu anfangen. Tabula rasa. Als wäre das möglich. Es ist nicht möglich. Deshalb ist es typisch für den Menschen, dass er irgendwann mit dem Aufräumen beginnt. Er geht nicht weg, er bleibt und gräbt aus, was er behalten will. Das andere lässt er liegen.

Und deshalb bin ich da, trotz, aber genauso sehr wegen dieses Gedichts. Das „trotz“ und das „wegen“ sind nämlich Geschwister, und wenn sie es nirgends mehr sein können, dann bleiben sie es zumindest in der Sprache. Wenn ich also zutiefst davon überzeugt bin, dass dieses Gedicht eine Torheit ist, dann muss der Geschwister-Satz lauten: Menschen machen Fehler. Auch Günter Grass macht Fehler. Was für eine banale Aussage. Trotzdem scheint es mir, die ich seine Enkelin sein könnte, beinahe wie Majestätsbeleidigung, das zu sagen. Aber eben nur beinahe. Ich kann es sagen, ich habe es gerade gesagt, denn ich kenne Günter Grass, den Menschen, nicht nur das Monument. Zugegeben, es ist nicht leicht, sich zwischen den dreien nicht zu verlaufen, zwischen dem Menschen, dem Autor und der Autorität. Die Autorität Günter Grass hat von seinem Deutschland vor langer Zeit das epitheton ornans „moralisch“ erhalten: Die moralische Autorität. Heute wird das gern mit von Ekel geschürztem Mund ausgesprochen, aber damals hat man es so gewollt, man hat ihn gebraucht, so dringend wie den sprichwörtlichen Bissen Brot. Damals hat ein schuldstarres, halbiertes, ein intellektuell gelähmtes und politisch sicherheitshalber verzopftes Land aufgeschaut zu Künstlern wie ihm, die mit ebenjenem Furor, mit dem sie ihrem Volk die Leviten lasen, etwas Neues, Unerhörtes schufen, das als deutsche Kultur neu und ganz anders hinausgehen konnte in die Welt. Später, als man sich nach Jahrzehnten des bescheidenen Stillhaltens wieder ein Stückchen geläutertes Selbstbewusstsein verdient hatte, wurde es zur natürlichen Aufgabe der Jüngeren, die in seinem Windschatten denken gelernt haben, die Nachkriegs-Autoritäten vom Sockel zu stoßen. So ist das gedacht, im Rhythmus der Geschichte, ein paar müssen auf den Sockel, und dann müssen sie irgendwann eben wieder herunter. Weil sich die Zeiten und die Bedürfnisse ändern, mal hierhin, mal dorthin, obwohl wir das optimistisch „Fortschritt“ nennen wollen und hoffen, es ginge immer nur in eine Richtung, nämlich aufwärts.

Natürlich gerät man nicht zufällig da hinauf, auf das nationale Rednerpult. Es hat mit Günter Grass schon den Richtigen getroffen, und er hat sich nicht nur schieben lassen, er ist auch aktiv gestiegen. Nicht nur seine immense künstlerische Potenz, sondern auch sein Temperament, sein politischer Kopf und der Wille, mitzugestalten, haben ihm den Weg gewiesen. Ja, das hat auch etwas mit Macht zu tun. Nicht jeder hat sie, und nicht jeder, der sie hat, will sie. Günter Grass hatte sie, und er will sie bis heute. Die Aussicht dort oben ist gut, die Luft frisch und prickelnd, man wird gehört und gesehen, und das, was man sagt, gewinnt durch die Fallhöhe an Gewicht. Das Publikum applaudiert eine Weile, manchmal buht es; falls es aber Lust bekommen sollte, mit Gegenständen zu werfen, bietet der, der oben steht, ein logisches Ziel. Immer sind im Publikum solche, die allein die Tatsache, dass einer sich aktiv zu Wort meldet, für verwerflich halten. Das sind die Gelbgesichtigen, die sich selbst nichts trauen, schon gar nicht, eine Meinung zu haben, aber die anderen schon allein wegen der angeblichen Anmaßung, sich zu äußern, ablehnen. Wer den Mund aufmacht, macht sich angreifbar. Das ist eine Tatsache. Wir als Gesellschaft sind aber vital darauf angewiesen, dass Menschen diesen Mut haben, dass sie frei denken und sprechen, dass sie auch das Unmoderne, das Unangenehme, meinetwegen auch das Törichte formulieren, dass sie sich jedenfalls gegen den Mainstream stellen, der so mitreißend doch nur unsere Faulheit bedient. Der Spaß am Risiko ist so viel kreativer als die betuliche Sorge, einen Fehler zu machen.

Ebenso ist es eine Tatsache, dass es auch beim Mutig-Sein zu Routinen kommen kann. Wenn einer sich lange genug da oben hält, in der dünnen Luft mit der spektakulären Aussicht, dann kann es passieren, dass er die eigene Bedeutung auch an der Stärke des Gegenwindes zu messen beginnt. Das ist kein Drama, nur ein Mechanismus, den man sich gelegentlich in Erinnerung rufen sollte, wenn man sich in derart exponierter Lage befindet. Natürlich braucht man eine dicke Haut. Vielleicht ist das das Schwierigste: Die dicke Haut gegen die Kälte und die Gelbgesichtigen, aber die dünne, durchlässige Haut für die ernstgemeinten und ernsthaften Einwände, und auch dafür, um gelegentlich, zur Lockerung der geistigen Muskulatur, in die Schuhe des Gegenübers steigen zu können. Man könnte meinen, dass Günter Grass diese Rolle längst verflucht, die ihm in den letzten Jahren so viele zusätzliche Beschwerden macht, den Mühen des Alters quasi aufgedoppelt. Ihn ein bisschen kennend, bezweifle ich das. Ich vermute vielmehr, dass er weiterhin alles Unangenehme unmittelbar in Energie umwandelt, auf geheime, kaschubische Weise.

Fest steht: Weder er noch Deutschland hatten die Wahl. Für mich, die ich Ausländerin bin, ähneln sich die beiden nämlich in vielerlei Hinsicht, Günter Grass und Deutschland. Sie ähneln sich im Besten wie im Schlechten. Ohne einander sind sie kaum denkbar. Beide sind Riesen mit Sprüngen. Und der Clinch, in den sie miteinander verstrickt sind, ist ein eminent deutscher Clinch.
Das hohe, höchste Gut, um das hierzulande immerzu gestritten wird, ist das Rechte. Das Rechte denken, das Rechte tun, ein Rechtsstaat sein. Rechtssicherheit wird gefordert. Man will Recht haben und behalten, alle sollen rechtgläubig sein, und das können die deutschen Linken natürlich mindestens ebenso gut wie die Rechten. Ich kenne kein anderes Land, in dem so angestrengt, verzweifelt, ja fanatisch nach dem moralisch Richtigen gestrebt wird. Fünfe dürfen niemals grade sein – um das zu beweisen, geht man jederzeit bis Karlsruhe. An dieses Richtige knüpfen sich geradezu messianische Erlösungsphantasien. Als wäre das Land gerettet, sobald es gefunden und ins Grundgesetz geschrieben wäre. Leider hat jeder eine andere Vorstellung davon, was es ist, dieses Richtige, dieser Leitkultur- oder Post-Auschwitz-Ethik-Gral. Hans-Ulrich Gumbrecht hat einmal so treffend bemerkt, dass in den Vereinigten Staaten ein Mormone, ein Sikh, ein Jude, ein Presbyterianer und ein Muslim zwar friedlich-freundschaftlich miteinander in einem Unternehmen arbeiten können, deshalb aber noch lange nicht davon ausgehen, dass sie automatisch dieselben Werte teilen. Sie gehen davon nicht aus, und das beunruhigt sie auch nicht. Genau das ist in Deutschland anders. Jede Differenz schafft Unbehagen, aber anstatt das Unbehagen als das Problem zu begreifen, soll die Differenz verschwinden. Das scheint mir ein Grund, warum die Deutschen, die ihrer moralischen Fackelträger manchmal so kindlich bedürfen, diese wiederum so hart bestrafen, sobald sie Fehler machen. Sobald sie vom „rechten Weg“ abweichen. Warum es im deutschen Diskurs tatsächlich Versuche gibt, den anderen intellektuell zu exkommunizieren, ihn mit einem exklusiv deutschen Wort „mundtot“ zu machen. Die Versuche gibt es vereinzelt wirklich, aber genauso hat sich längst die bedenkliche Gegenstrategie etabliert, die darin besteht, jedwede Kritik an der eigenen Meinung als Mundtotschlag zu entwer-ten. In diesem Netz sind wir alle gefangen, die wir uns – zu was auch immer, beson-ders aber zum Nazi-Juden-Israel-Komplex – äußern. Wir entkommen diesen einge-übten Spielregeln nicht.

Bei einem wie Riesen wie Günter Grass vergrößern und vergröbern sich diese Effekte ins Monströse. Auch deshalb sage ich: Trotz allen inhaltlichen Widerspruchs weigere ich mich, das irregegangene Israel-Gedicht als Summe und Bilanz eines 85jährigen Künstlerlebens zu begreifen, wie es manchen nun so herrlich in den Kram zu passen scheint. Das ist es nicht. Das Gedicht nicht, nicht die paar Monate in der Waffen-SS und nicht das merkwürdig späte Geständnis. Diese Dinge fügen dem, was wir über Günter Grass wissen, was Günter Grass und sein Lebenswerk für Deutschland bedeuten, in Wahrheit nichts Neues hinzu. Höchstens etwas Menschliches. Günter Grass hat ein großes, spektakuläres, ungezügeltes literarisches Werk geschaffen, vor dem die meisten von uns – damit meine ich uns Schriftsteller, seine Kollegen – blass und winzig aussehen. Er hat dieses Werk uns allen als seinen Lesern, er hat es nicht zuletzt diesem Land geschenkt.

Aber die zweite große Lebensleistung des Günter Grass ist die Selbstverständlich-keit, mit er sich immer eingemischt hat, lieber würde ich ja sagen: mit der er das Maul aufgemacht hat. Er hat seine Meinung gesagt, wann immer es ihm nötig schien. Er nimmt bis heute keine Rücksicht darauf, ob es gerade modern ist, sich als Schriftsteller zur Weltlage zu äußern oder ob, wie seit etlichen Jahren, gepflegtes Elfenbeinturmsitzen für einzig standesgemäß gehalten wird. Wie oft wurde allen Ernstes behauptet, dass politisches Engagement der Literatur schade? Dass Grass’ Bücher messbar schlechter würden, seitdem er Wahlkampf macht? Das war ihm alles immer wurscht. Er hat sich nicht beirren lassen, er hat sich nicht auf die Rolle festlegen lassen, dass der glückliche Künstler seinen Erfolg genießt und maximal Sonntagsreden hält, er hat sein Maul aufgemacht und sich selbiges oft genug verbrannt. Er hat andere gemaßregelt und vermutlich beleidigt, man hat ihm mit gleicher Münze zurückgezahlt. Aber ohne das geht es eben nicht.Günter Grass hat gezeigt, dass man den Profis das Feld streitig machen kann, den Politikern und Medien, die gemeinsam und gegeneinander den Diskurs steuern. Das ist eine große, eine vorbildliche Leistung, die uns noch spektakulärer vorkommen wird, in einer Zukunft, in der uns blitzschnelle, anonyme, virtuelle Mobs bedrohlicher erscheinen könnten als noch so wütender, aber wenigstens namentlich gezeichneter Widerspruch.

Günter Grass konnte noch gut auf den „Reputationsmanager“ verzichten, ohne den, wie man hört, unsere Kinder nicht mehr auskommen werden. Er hat nicht aufgegeben, daran zu glauben, dass Worte etwas ändern können. Selbst in den letzten Jahren, als seine alten Mitstreiter schwächer wurden und starben und ihm von den Jüngeren kaum einer mehr folgen wollte, als die Kommentatoren theatralisch aufstöhnten, weil er als einziger schon wieder, noch immer Wahlkampf machte, als die Kollegen theatralisch aufstöhnten, weil er wieder irgendwelche Petitionen herumschickte: da hat er trotzdem nicht resigniert. Er macht weiter, er wird weitermachen und sich einmischen, so lange er kann. Und so ist dieses Gedicht eben auch Ausdruck seiner ungebrochenen Auseinandersetzung mit der Welt, in der er lebt, so lange er lebt. Günter Grass hat gewiss noch ein bisschen Tinte übrig. Und wir alle können ihm, genau wie uns selbst, nur wünschen, dass es nicht vergeblich war, dass ihm nicht nur Feigheit und Schweigen folgen, sondern dass Künstler nachkommen, die nicht nur sein Talent, sondern auch seine Neugier und seine Unverfrorenheit haben, seine kämpferische Lust, sich täglich aufs Neue zu verwickeln – koste es, was es wolle, vielleicht sogar ein paar so genannte Freunde. Gewiss und glücklicherweise kostet es den geistigen Ruhestand.

© Eva Menasse

Eva Menasse bei Kiepenheuer & Witsch