Thees Uhlmann »Sophia, der Tod und ich«

Sophia, der Tod und ich

Thees Uhlmann

Sophia, der Tod und ichRoman

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 08.10.2015

Der Tod gibt sich die Ehre und bringt Leben in die Bude

Im Debütroman des Musikers Thees Uhlmann geht es ums Ganze. Der Tod klingelt an der Tür. Aber statt den Erzähler ex und hopp ins Jenseits zu befördern, gibt es ein rasantes Nachspiel. Ein temporeicher, hochkomischer, ...


Teil 1

Es klingelte an der Tür, und im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee. Das tat es eigentlich gar nicht, aber ein Freund von mir meinte einmal, wenn er einen Roman schreiben würde, würde er genau mit diesem Satz anfangen: „Im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee”. Weil irgendeine Jury den besten Romananfang aller Zeiten prämiert hatte, der da lautete: “Ilsebill salzte nach.” Er meinte, wenn das stimmen würde, wäre er mit “Im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee” so weit vorne, dass der Rest des Romans fast egal wäre. Es klingelte an der Tür, und ich wusste noch gar nicht, wie es im Treppenhaus roch, denn sowas riecht man erst, wenn man die Tür geöffnet hat.
Dass ich die Tür öffnete, kam eh eigentlich nie vor. Das liegt erstens daran, dass bei mir eigentlich nie jemand klingelt. Und zweitens daran, dass ich nach dem Klingeln erstmal darüber nachdenke, wer warum ausgerechnet bei mir klingeln könnte, und ich dann deswegen die Tür nicht öffne.
Es gab mehrere Möglichkeiten, warum man bei mir klingeln könnte:
a) ein Freund kommt überraschend vorbei.
Analyse: Kein Mensch über 38 kommt einfach so überraschend vorbei. „Die Wohnung sieht zwar aus wie nach einer Hausdurchsuchung, aber wir haben uns echt lange nicht mehr gesehen. Schön, dass du zufällig in der Gegend warst. Klar, komm doch rein!“, sagt kein Mensch.
b) „Guten Tag, wir würden gerne Ihren Zähler ablesen.“
Analyse: Ich habe alles auf meinen Konten so eingerichtet, dass eigentlich niemand mehr vorbei kommen muss. Ich ÜBERWEISE. Und wenn es zu viel ist, ist es mir egal, denn … Hauptsache, es klingelt keiner.

Es klingelte, und in der Hoffnung, es könne im Treppenhaus nach frisch gebrühtem Kaffee riechen, ging ich zur Tür, freute mich darüber, dass ich gleich die Tür öffnen würde, freute mich über diese Freude, drehte den Schlüssel im Schloss und erinnerte mich daran, dass man früher Familienmitglieder anhand des Schlüsselgeklappers auseinander halten konnte. Erinnerte mich daran, wie mein Vater nach der Trockenrasur den Rasierkopf im Waschbecken sauber ausschlug, dreimal “tack tack tack”, was ich im Kinderbett hörte und was nur das Startsignal dafür war, dass gleich mein Vater kommen würde, um mich an der Hand ins Bad zu führen, während ich vergeblich sechs Jahre lang versuchte, meine Morgenlatte zu verstecken. Nach sechs Jahren ging ich schließlich alleine ins Bad, ohne von meinem Vater auch nur irgendwann einmal ein norddeutsches “issnormal” zu hören, was mir Dutzende von Monaten der Scham genommen hätte.
Ich dachte daran, dass früher Türklingeln so schön wie Orchester waren, und es heute nur noch zwei Arten von Türklingeln gab. Düdüdüü und düdüdüd. Und dachte einfach den normalen Scheiß, den man denkt, wenn man eine Tür öffnet.

Es klingelte an der Tür. Ich drehte den Schlüssel im Schloss, und die Tür quietschte beim Öffnen und ich erinnerte mich daran, dass ich einmal wirklich erlebt hatte, dass Zeugen Jehovas an meiner Tür klingelten. Sie waren zu dritt und unter 28 und waren ungeschminkt und gutaussehend und weiblich.
Die: „Guten Tag. Wir gehen durch die Nachbarschaft und suchen Menschen, die an Gott glauben.”
Ich: „An welchen?”
Die: „Naja, an Jesus und an Gott!”
Die Einschränkung ist relativ wichtig, wegen der Tatsache, dass ich in einer Gegend wohne, in der die Menschen entweder an Allah glauben oder gar nicht glauben, weil sie nach 1971 geboren sind. Die Frauen vor meiner Tür sehen irgendwie scharf aus beim Religiössein.
Ich: „Naja, ich glaube nicht so richtig an Gott!”
Die: „Schade!”
Ich: „Ja, finde ich auch!”
Die: „Warum nicht?”
Ich: „Hab ich an Gott geglaubt nach meiner Konfirmation. Bekam ein Klassenkamerad von mir Krebs. Hab ich gebetet, dass er überlebt. Ist er gestorben. Hab ich nicht mehr geglaubt!”
Die: „Die, die Gott liebt, nimmt er als erstes zu sich!”
Ich: „Dann liebt Gott die Sahel Zone ja mal so richtig!”
Die: „Lesen Sie die Bibel?”
Ich: „Nur die brutalen Stellen und die Verwandtschaftsverhältnisse im Alten Testament! Zu welcher Kirche gehört ihr eigentlich?”
Die: „Zu den Zeugen Jehovas!”
Ich: „Krass, ihr seid die?”
Die: „Ja!”
Ich: „Find ich gut, dass ihr hier durch die Gegend geht. Anstrengend hier für euch, oder?”
Die: „Ja!”
Ich: „Ich bin leider nicht der richtige Ansprechpartner für euch, aber echt alles Gute. So hugenottisch gemeint. Gott liebt die, die den harten Acker pflügen!”
Die: „Wollen Sie uns verarschen?”
Ich: „Ich meinte das ernst. Wenn selbst die Zeugen Jehovas an Ironie glauben, dann geht es wirklich mit der Welt zu Ende. Darf ich dann mit?”
Die: „Beten Sie denn ab und zu?”
Ich: „Nur wegen Fußball!”
Die: „Ich glaube, das reicht nicht.”
Ich: „Glauben, ne?”
Die: „Dürfen wir noch mal wieder kommen?”
Ich: „Ich glaube, das bringt nichts. Aber ich finde es toll, dass ihr das macht.”
Die: „Okay, dann bis bald!”
Ich: „Ja, dann bis bald!”

Ich schloss die Tür und freute mich über das erste ernsthafte Gespräch seit Wochen, hörte ihre Stimmen im Treppenhaus und hatte auf einmal extrem gute Laune.

Ich öffnete die Tür zu meinem Treppenhaus. Es roch nach frisch gebrühtem Kaffee. Vor mir stand ein Mann, der ähnlich groß wie ich war, so alt war wie ich und eine gewisse Ähnlichkeit mit mir hatte. Das Schönste, was ich jemals über mein Aussehen gehört hatte, ist, dass ich aussehen würde wie eine Mischung aus Brad Pitt und Hape Kerkeling und einem unterklassigen Fußballspieler.


Teil 2

Ich: “Guten Tag. Kann ich Ihnen helfen?“
Hinter mir lag kein Paket, das ich für die Mitmieter meines Hauses angenommen hatte.
Er: „Guten Tag. Eigentlich können Sie mir gar nicht helfen. Ich bin der Tod und Sie müssen jetzt mitkommen.“
Ich: „Ja, dann warten Sie kurz. Ich pack nur noch schnell meine Sachen und komm dann!“
Der Mann verdrehte die Augen, schaute mich an und sagte: „Oh, einer der Humorvollen! Wundervoll. Noch nie gehört den Witz. Sie haben jetzt noch drei Minuten Zeit über alles nachzudenken. Wenn Sie jemanden anrufen oder schreien, sterben Sie sofort.“
Von allen abgedrehten Dingen, die ich je gehört und erlebt hatte, war das vermutlich eines der abgedrehtesten.
Andere abgedrehte Sachen, die ich gehört habe:
1. Ich kannte mal einen Mann, der hatte einen Ford Fiesta 1 und ihm wurde von einem KFZler ins Ohr geflüstert, dass jeder zehnte Fiesta eigentlich dasselbe Schloss habe. Deswegen hatte er immer ein Mixtape mit seinen Lieblingssongs dabei. Probierte bei allen Fiesta 1 aus, ob sein Schlüssel passte, und wenn, legte er sein Tape in den Fiesta und schrieb auf die Klebe-Etiketten der Kassette „Timos Lieblingshits“ und auf die andere Seite „Viel Spaß!“.
2. Ein anderer Freund von mir überfuhr auf seiner Jungfernfahrt nach Erwerb des Führerscheins eine Katze und konnte im Rückspiegel erkennen, nachdem es unter dem Auto gepoltert hatte, wie die Katze weiter rannte in Richtung eines Bauernhofes an der Straße. Er parkte, ging auf den Hof, sah die Katze schwer atmend auf dem Boden liegen, daneben den Bauern. Er sagte: „Es tut mir leid. Ich glaube, ich habe Ihre Katze gerade überfahren.“
„Das macht nichts!“, sagte der Bauer. „Wir haben genug davon!“. Er nahm einen Spaten und schlug mit der Kante zweimal in das Genick der Katze.
3. Ich stand in einer U-Bahn voller schlechter Laune und voller Menschen, und ich hatte einen leichten Schnupfen und musste hochziehen. Einfach nur ein akkurates Rinnsal, ungefähr so viel, dass man hoffen konnte, die Kassiererin an der Kasse sähe nicht, wie das Ende des Nasenkanals glänzt. Ein Junkie in der U-Bahn reichte mir ein Taschentuch, lächelte mich an und sagte „Gute Besserung“.

Wie die meisten anderen Menschen hatte ich eine angespannte Beziehung zum Tod. Aber fast noch angespannter war meine Beziehung zu Menschen, die versuchten sich durch Negatives emotional unvergesslich zu machen. Ich war mal auf einer Hochzeit und eine Bekannte von mir sagte zur Braut: „Das Kleid steht dir wirklich überhaupt nicht!“ Die Braut sah wundervoll aus und außerdem ist es egal, wie man aussieht am Tag der Trauung. Es ist alles großartig auf einer Hochzeit. Das Essen, die Gäste, die Sitzordnung, die Geschenke, die Reden, die Spiele, ALLES. Das ist, wie wenn Fußball ist. Es ist erst mal großartig, dass Fußball ist. Der Rest kommt später.
Sie sagte „Das Kleid steht dir gar nicht!“, und das nennt sie dann „Ich bin doch nur ehrlich!“ – die überschätzteste aller Tugenden – will sich aber nur einen Moment der Ewigkeit im Leben der anderen sichern und ergötzt sich an dem Wissen, dass die Eheleute, so es denn sein soll, noch in 50 Jahren zu sich sagen werden: „Weißt du noch, als sie das über mein Kleid gesagt hat!?“
Ich schloss die Tür und ließ das Schwein, das mir auf die Nerven gehen wollte, stehen, wo es nach frisch gebrühtem Kaffee roch, ging ins Bad, um zu pinkeln, öffnete die Hose und dachte an die Hochzeit und die Traurigkeit, die die Braut befallen haben musste durch den Satz über das Kleid und darüber, wie kaputt man sein muss, um bei fremden Menschen zu klingeln und ihnen mitzuteilen, dass man der Tod ist.
„Jetzt nicht erschrecken!“, sagte der Mann, der eben noch vor meiner Tür gestanden hatte und nun auf dem Rand meiner Wanne saß, während ich gerade pinkeln wollte.
Wenn man etwas erlebt, was wirklich seltsam ist, bleibt man seltsam ruhig. Am Anfang meiner Karriere im Altenpflegebereich war ich einmal für ein halbes Jahr zur Finanzierung meines unaufwendigen Lebenswandels mobiler Altenpfleger und sah dort zum ersten Mal eine tote Frau. Sie war, als sie noch lebte, sehr nett und blind und rauchte 100er Zigaretten von Lidl, die sie aufgrund von fortgeschrittener Parkinson oder schwindender Sehkraft am Filter oder in der Mitte anzündete. Der Teppich der Wohnung war so von Brandflecken übersät, als ob der Vesuv in der Nähe ausgebrochen wäre, und irgendwann kam ich in die Wohnung und diese Frau war tot. Ich war nicht erschrocken. Ich war nicht verängstigt. Ich war einfach nur als erster in einer Wohnung, über der eine fundamentale Ruhe lag. Es war wie ein Date, zu dem man ein wenig zu spät gekommen ist. Man ist traurig, dass der andere nicht mehr da ist, aber man hatte wenigstens ein Date gehabt.
Ich zog den Reißverschluss wieder zu und schaute den Mann an, der eben noch vor der Tür gestanden hatte.
Er: „Schön haben Sie das hier!“
Ich: „Oh, der Tod hat Humor. Das wusste ich auch noch nicht.“
Er: „Sie verstehen das nicht.“
Ich: „Der Tod siezt mich. Das wird wirklich immer besser. Einer der Chefs des Universums siezt mich.“
Er: „Nur wer sich siezt, kann sich später duzen!“
Ich: „Der Tod hat Humor. Okay, okay, wenn man drüber nachdenkt, würde man fast selber draufkommen. Und was soll jetzt schön sein an meiner Wohnung?“
Er: „Die Fülle der Gedanken. Die dunklen und die hellen! “
Ich: „Ich denke nicht! Ich habe schon seit Jahren nicht mehr gedacht!“
Er: „Das denken Sie.“
Ich: „Der Tod hat Humor, siezt mich und weiß mehr über mein Gehirn als ich. Wenn ich jetzt, in DIESEM Moment, wo ich das erleben darf, Lotto spielen würde, hätte ich sechs Richtige gehabt!“
Er: „Ja, hätten Sie. Aber das wäre ja auch egal, weil Sie ja in drei Minuten gehen müssen. Wir befinden uns im Endeffekt ja gerade in einem Alles-Egal-Areal.“
Ich: „Ein Alles-Egal-Areal? Jetzt habt ihr auch noch Marketingausdrücke!?“
Er: „Ja, hab ich mir einfallen lassen. Gut, ne? Sonst verstehen die Leute das ja nicht. Wenn sich jemand vor dem Tod etwas wünscht, dessen Erfüllungswahrscheinlichkeit sich sonst im niedrigen Prozentbereich bewegt, dann klappt das jetzt. Hat ja auch keinen Veränderungswert für die Welt. Wir sind ja in drei Minuten tot.
Ich: „WIR sind in drei Minuten tot?“
Er: „Naja, ich bin es ja die ganze Zeit, und du kommst mit!“
Ich: „Okay, ich will eine Million haben!“


Teil 3

Der Tod verdrehte schon wieder die Augen.
Er: „Es gibt so viele schöne Dinge auf der Welt wie Moleküle und jeder vierte Trottel wünscht sich eine Million.“
Ich: „Ja nu!“
Er: „Was, ja nu?“
Ich: „Ja nu, was soll man sich auch sonst wünschen?“
Er: „Ach dieses Nachgedenke über die letzten Wünsche, die man nicht teilen kann mit den andern. Das macht mich ganz depressiv. Das macht mich noch depressiver als diese ganze Abholerei.“
Ich: „Charmant, sarkastisch, humorvoll, ironisch, depressiv, sieht fast so aus wie ich. Was der Tod nicht alles ist. Man muss sich wundern.“
Er: „Moooment, das mit dem Aussehen kann ich nicht steuern! Ich sehe immer ein wenig so aus, wie die Leute, die ich abhole. So, was wollen wir jetzt tun?“, fragte mich der Tod.
Ich: „Ich hab keine beschissene Ahnung!“
Er: „Weißt du, was das Gute ist an euch Menschen?“
Ich: „Ehrlich gesagt, habe ich die letzten zehn Jahre genau darüber nachgedacht und bin nicht so richtig zu einem Ergebnis gekommen!“
Er: „Dass ihr fluchen könnt!“
Ich: „Du kannst nicht fluchen? Kann doch jeder! Sind doch nur aneinandergereihte Wörter, die nicht im Duden stehen.“
Er: „Ja, aber es bedeutet mir nichts.“
Ich: „Kleinen Zeh im Dunkeln stoßen und dann fluchen?“
Er: „Nein!“
Ich: „Ausgleichstor in der 89. Minute?“
Er: „Nein!“
Ich: „Scheiße sagen, wenn man eine Frau zum ersten Mal nackt sieht und nicht glauben kann, wie hübsch sie ist?“
Er: „Mein Verhältnis zu Frauen und zu Menschen im Allgemeinen ist eher angespannt. Also, was sollen wir jetzt machen?“
Ich: „Mozarts Requiem hören? Das dauert wenigstens länger als drei Minuten!“
Er: „Oh, den kannte ich noch nicht. Aber ich höre keine klassische Musik. Klassische Musik macht mich traurig und man muss sich Zeit dafür nehmen!“
Ich: „Und du hast ja immer nur so drei Minuten!“
Er: „Exakt!“
Ich: „Können wir eine grundsätzliche Frage klären?“
Er: „Ich liebe Grundsatzdiskussionen!“
Ich: „Was ist auf der anderen Seite?“
Er: „Oh, das weiß ich nicht!“
Ich: „Das weißt du nicht? Das ist ja fast so gut wie die Frage, die ich einem Mädchen stellte: „Liebst du mich?“ Und sie darauf antwortete: „Ich weiß es nicht.” Der Tod schenkt mir eine Million und sagt, dass ich noch drei Minuten leben darf, aber er weiß nicht, was am anderen Ende auf einen wartet. Das Leben in der Mitte zwischen dem Hier und dem Danach ist wirklich noch nerviger als alles andere.“
Er: „Ich helf nur beim Latschen. Ich bin wie ein Taxifahrer, der jemanden ins Bordell bringt. Und wenn du dann fragst „Was passiert hinter der Tür?“ kann der Taxifahrer nichts sagen. Er kann hoffen oder fürchten, aber wissen tut er nichts.“
Ich: „Der Tod hört keine Klassikmusik und bringt Bordell-Analogien. Dass ich das noch erleben darf.“
Er: „Dass du das noch erleben darfst, ist ein wenig witzig in diesem unserem Zusammenhang und dem Zeitfenster, das wir noch haben. Was möchtest du jetzt noch machen?“
Ich: „Ich möchte nichts mehr machen. Ich möchte meine Ruhe. Ich möchte nur irgendwie meine Ruhe. Weißt du, meine Mutter hat mich neulich angerufen. Sie war auf dieser Insel, wo sie immer hinfährt. Wie heißt die noch? Juist. Und sie hat mich angerufen von Juist. Und immer, wenn sie von da anruft, steht sie gerade zum ersten Mal am Strand, und dann sagt sie: „Naaaa, rate mal, wo ich bin?“ Und ich habe dann immer einen Ohrwurm von “I juist can ́t get enough” und ich denke, dass das echt ein guter Slogan wäre für das Fremdenverkehrsbüro von Juist. Und dann möchte ich das denen vorschlagen und dann habe ich aber die Nummer nicht vom Juister Tourismusbüro. Und selbst wenn ich sie hätte, würde ich mit einem Typen telefonieren, der sagen würde „Nein, ich denke, dass der Slogan „Juist, die große Perle in der Kette der Nordfriesischen Inseln“ besser ist als “I juist can’t get enough!“ Und dann werde ich beim Denken ärgerlich und ich weiß nicht warum, und darüber werde ich noch ärgerlicher und dann höre ich die Stimme von meiner Mutter am Strand und dann hat sie diesen Tonfall drauf, der mir nichts anderes sagt als „Wenn du einmal Hunger im Leben hattest, dann reicht dir ein Telefon, um deinen Sohn anzurufen und der Strand einer verdammten Insel, um Ruhe zu spüren.” Und ich habe nie gehungert und werde auch nie hungern, und dann bekomme ich Herzrasen. Und wenn ich Herzrasen habe, möchte ich Weißwein trinken, was mich unruhig macht, und dann trinke ich mehr, weil es Spaß macht Weißwein zu trinken, wenn man Herzrasen hat und dann rast das Herz noch mehr, weil man schneller denkt, über alles, das Gute und das Schlechte und dann ist es, wie bei dieser Frau mit der Waage vor Gericht, dass es sich in Sekundenbruchteilen entscheiden kann, ob man gut gelaunt ist oder schlecht gelaunt beim Weißweintrinken. Und dann boxen im Kopf beide Gedanken. Und dann denkt man, dass der gute Gedanke in den Pausen der Boxrunden auch Weißwein trinken sollte statt Wasser, und plötzlich steht man da angezählt nach zwölf Runden und weiß immer noch nicht, ob man gut oder schlecht gelaunt ist, sondern man ist einfach nur RUHIG, weil es summt, weil die Synapsen schütten, weil man Gedankengänge logisch findet, die man sonst nicht denkt und vor allen Dingen, weil man überhaupt nichts denkt und darüber nachdenkt. Und am nächsten Tag ist alles egal, weil man unruhig ist, weil man einen Kater hat und die Synapsen sich zur Ins-Moloch-Herunterziehmaschine zusammengeschlossen haben und dann … ich rede zu viel. Woran sterbe ich eigentlich?“


Teil 4

Er: „Irgendwas mit Herz!“
Ich: „Ich bin neulich noch gejoggt!“
Er: „Das war vor einem halben Jahr!“
Ich: „Ich weiß!“
Er: „Unentdeckter Herzfehler, Ader platzt, das war’s!“
Ich: “Wie bei meinem Vater?”
Er: “Wie bei deinem Vater.”
Ich: „Alter, ist das scheiße traurig.“
Er: „Moment, der unentdeckte Herzfehler ist eine der besten Todesursachen. Er schont die Verwandten und Freunde. Es ist die Unauslöschlichkeit des Zufalls im Tode. Ein Auto hat jeder gesehen. Und dann diese Gedankenspiele. Wäre er nur zehn Sekunden später aus dem Haus gegangen.“
Ich: „Alter, das ist scheiße traurig.“
Er: „Dann frag mal, wie ich meinen Job finde. Alle hassen den Boten, aber niemand hasst den König!“
Ich: „Wer ist denn der König?“
Er: „Der auf der anderen Seite der Pufftür!“
Ich: „Ah ja!“
Er: „Können wir jetzt so langsam?“
Ich: „Ich muss wohl keine Sachen packen.“
Er: „Nein!“
Ich: „Was zu trinken mitnehmen?“
Er: „Nein. Können wir jetzt?“

Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist, bei mir war das Sterben so. Es fing an zu vibrieren. So als ob zwei Stockwerke über einem eine Waschmaschine schleudert und das ganze Haus anfängt zu wackeln und im unhörbaren Frequenzbereich so vibriert, dass einem ganz leicht schlecht wird.
Und es fühlte sich an, als ob man in die Länge gezogen wurde, wobei die Füße den Boden nicht verließen. Und es tat nicht weh, weil man keine Knochen im Körper hat, aber man weiß, dass man sich verabschieden muss, weil man noch nie gesehen hat, dass die Füße so weit von einem entfernt sind. Und es fühlte sich an, als ob es vor den Augen knistert. Was seltsam ist, da es vor den Augen nicht knistern kann, sondern nur in den Ohren. Als ob man 100 Stecker in 100 Steckdosen steckt und es diese kleinen Blitze in der Steckdose gibt und jemand Schlaues dann aus dem Off sagt „Das ist aber nicht gut für das Gerät“. Und es fühlte sich an, als würde es klingeln. Und als würde es noch mal klingeln. Und als würde es nochmal klingeln.
Und dann war ich auf einmal ganz klar.
Der Tod sagte: „Es hat geklingelt!“
Ich: „Ich weiß! Ich hab’s gehört.“
Er: „Niemand klingelt, wenn ich bei der Arbeit bin.“
Ich: „Soll ich ihn wegschicken? Ganz schön unhöflich!“
Er: „Niemand KANN klingeln, wenn ich arbeite. Das ist sozusagen … nicht vorgesehen!“
Ich: „Nicht vorgesehen. Nicht vorgesehen … herrlich. Der Tod hat etwas sehr angenehm Deutsches an sich!“
Er: „Was machen wir jetzt?“
Ich: „Der Tod fragt mich, was wir jetzt machen? Wahnsinn. Wir fragen, ob der da vor der Tür Skat spielen kann. Schließlich sind wir dann zu dritt! Kannst du Skat?“
Er: „Nein.“
Ich: „Ich auch nicht.“
Es klingelte wieder. Und zwar lange. Und zwar dringlich. Es ist komisch, das zu sagen, aber in mir regten sich Lebensgeister.
Ich: „Wir machen jetzt einfach die Tür auf!“
Er: „Das geht nicht. So was geht nie. So was passiert nicht. Ich töte dich gerade.“
Ich: „Du wolltest mich gerade getötet haben. So viel Konjunktiv der Vergangenheit muss sein.“
Er: „Weißt du was? Wir machen jetzt die Tür auf. Endlich mal Leben in der Bude. Ich hab schon viele Tode getroffen und davon gehört, aber ich hab noch nie einen Tod getroffen, dem das passiert ist. Wir gehen jetzt dahin und dann machen wir die Tür auf. Wouhou. So was ist seit Hunderten von Jahren nicht passiert und jetzt mir. Ich weiß noch nicht, WIE schlecht das ist, dass es klingelt beim Sterben, aber das ziehen wir jetzt durch. Wir machen jetzt die Tür auf. „Eh, Luzifer, alte Schwefellunge, kommst du auch mal wieder rum.“ Oder: „Erzengel Gabriel, geil ondulierte Haare. Was machst du hier?“ Los wir machen jetzt die Tür auf. Das wird geil!“

Ich ging zur Tür und öffnete. Davor stand Sophia und starrte mich an und sagte: „Du hast nicht wirklich wirklich vergessen, dass du heute zu deiner Mutter wolltest und mich zwei Monate lang angefleht hast mitzukommen? Oder? Alter, du bist wirklich der kaputteste Typ, den ich kenne. Wer ist er eigentlich?“
„Willst du nicht wissen“, sagte ich „das willst du nicht wissen!“