»Ostersonntag« und kein Ende

Ostern steht vor der Tür. Auch wenn man das Gefühl nicht los wird, dass dieses Fest richtungslos durchs Jahr mäandert, irgendwann lässt es sich dann doch auf den Tag genau bestimmen und fordert unüberhörbar seinen Tribut, soll heißen die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit. Für viele bedeutet das nicht nur den Beginn der »österlichen Freudenzeit«, die bekanntermaßen bis Pfingsten andauert, sondern eine mühevolle Einkehr in den Schoß der Familie. Doch was ist eine Familie eigentlich? Und was nicht? In ihrem Debütroman »Ostersonntag« widmete sich Harriet Köhler 2007 eben dieser Frage »mit fulminanten Sprachgefühl, nicht ohne Witz und mit feinem Gespür für Zwischentöne« (Süddeutsche Zeitung). Wir haben ihn angesichts des nahenden Festes neu für uns entdeckt und stellen fest: Familie ist, wenn man trotzdem lacht.

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©Gerhard Richter, »Mädchen mit Sonnenbrille« 1966

Ulla

»Nur Mut, Baby, Kleine, komm schon, es tut nicht weh, zumindest nicht mehr als alles andere. Na los doch, tu es, aber erschrick nicht. Worauf wartest du noch? Dreh dich um! Dreh dich um und schau in den Spiegel. Keine Bange, Herzchen, er wird nicht zerspringen, wozu auch: Sieben Jahre Unglück sind viel zu knapp bemessen für das, was du so gedankenlos Leben nennst. Jaja Kleines, lass dir ruhig Zeit. Klar, es ist spät, du bist müde. Also gut, schließ die Augen. So, jetzt aber: Dreh dich um, Stück für Stück und einen Schritt zurück. Na siehst du, geht doch: Du musst dich gar nicht so verkrampfen. Locker. Ruhig. Und jetzt: Mach die Augen auf! Da! Das bist du im Spiegel! Und tu nicht so, als sähest du geschminkt besser aus. Tu nichts so, als glaubtest du tatsächlich, die Mascara könnte deine Jahre vertuschen. Tu nicht so,  als glaubtest du tatsächlich, man könnte deine ausgefransten Lippen nochmal saftig spritzen. Jaja. Heul doch! Ja, los, komm schon, wenn du glaubst, dass das befreit. Und jetzt sieh dich nochmal an. Dich und dein verquollenes Gesicht: Diese biestigen kleinen Risse um die biestigen kleinen Augen. Diese Furchen auf der Stirn. Und die zerfransten Adern um das gepuderte Näschen. Anfangs hat man sie nur morgens gesehen, inzwischen hat jeder einzelne schlechte Tage – und es gab eine Menge davon – dir wütend das Gesicht zerkratzt. Und du weißt ja, Häschen: Die Zeit meißelt weiter wie ein Presslufthammer gegen dich an. Hörst du sie rattern? Was wünscht du dir jetzt? Dass du nicht in die Zukunft, sondern in eine Maschinengewehrsalve fallen würdest?«

Heiner

»Eigentlich hat sie dich von Anfang an nicht so richtig gemocht, aber daraus hast du dir nie viel gemacht. Du bist schließlich Professor gewesen, hattest an der Uni zu tun und hast immer dafür gesorgt, nicht ohne einen Kopf voller Gedanken oder einen Stapel Arbeit unterm Arm nach Hause zu kommen. Du machst das absichtlich: Lässt Ulla glauben, du läsest die Meinungsseite. Breitest sie vor dir aus, als gälte es ein konzentriertes Gesicht zu verstecken oder eine gerunzelte Stirn. Dabei ist es viel ernster: Im Schutz der wissensgeschwärzten Seiten sitzt du da und stirbst. Heute ist es besonders schlimm. Heute ist es schlimmer und es wird mit jedem Heute schlimmer für einen, der gestern noch Forschungsberichte geschrieben hat. Wenn einer, der nie groß, nie kräftig, nie blond oder  braun gebrannt, sondern immer nur schlau war, vor einer Zeitung sitzt und sie nicht lesen kann, ist das Wort schlimm ein Euphemismus. Doch deine Aufmerksamkeit perlt von der Zeitung ab wie der Schweiß von deiner Stirn, wenn du im Auto spürst, dass du das Wasser nicht halten kannst.«

Kaninchen_gedoens_rosaLinda

»Du kannst nochmal die Wiederwecktaste drücken, aber das wird nichts daran ändern. Etwas daran ändern könntest du nur selbst, aber darum geht es gerade nicht. Gerade geht es nur darum aufzustehen, wieder aufzuerstehen aus der Asche, zu der dich die letzte Nacht verbrannt hat. Häng ein Bein aus dem Bett, einen Arm, lass dich fallen. Du kniest auf deinen Pumps, aber immerhin: du kniest. So könnte man dir wenigstens den Arsch versohlen, aber mach dir nichts vor: Ob und wie du dich selbst zerstörst, das interessiert nun mal keinen. Da können noch so viele Leute in der Schlange vor dem Club stehen, in dem du gerade deinen sechsten Caipirinha kippst: In das Loch, das du dir am Morgen danach schaufelst, fällst du allein. Es klingelt. Das muss die Erinnerung an gestern sein. Im Taxi legst du die Schläfe an die kalte Scheibe und fühlst schwach deinen Puls Das ist mein Loop, denkst du, egal, was gerade der Kopf macht, die Maschine läuft. Das beruhigt dich. Draußen pochen Rücklichter im Rhthymus des Stoßverkehrs. Das Leben pocht noch.«

Ferdinand

»Die Haustür öffnet sich, ein Typ deines Alters trägt auf der Schulter ein Mountainbike heraus. Ehe du den Mut dazu fassen kannst, schlüpfst du ins Haus. Auf dem Weg nach oben fischst du aus dem Briefkasten die Tageszeitung, deren Abo auf deine Freundin läuft. Du bist betrunken, aber nicht so schwer, wie du es sein müsstest, um nach einer langen Nacht diesen Morgen zu ertragen. Mit jedem Schritt, mit dem du dich deinem Stockwerk näherst, wirst du dir fremder. Vor der Wohnungstür bleibst du stehen und lauschst. Deine Freundin duscht noch. Du setzt dich in die Küche und nimmst einen Schluck aus ihrer Tasse. Deinem Rachen wird wohlig, weil der Kaffee süß und noch heiß ist. Das Gefühl durchströmt dich wie der Zungenkuss einer Frau, die du liebst. Es ist sogar besser als das. Kaffee bleibt, die Frauen, die du liebst, aber gehen, gehen in einem fort.«

12 Fragen an Peter Wittkamp #2

Kiepenheuer & Witsch ist ein Verlagshaus mit Tradition, sagen wir uns und schreiben es stolz auf unsere Homepage. Doch was wären wir ohne unsere Autoren? Eben. Und deswegen wird es an dieser Stelle in Zukunft und in unregelmäßigen Abständen Antworten auf Fragen geben. Genauer auf 12 Fragen, mit denen wir uns an unsere Autoren gewandt haben. Fragen, die uns auf der Zunge brannten und am Herzen lagen.

Den Fragebogen, der all diese Fragen versammelt, sinnigerweise »12 Fragen an…« genannt, schicken wir unseren Autoren zusammen mit einer Einwegkamera und bitten sie, ihren Alltag für uns festzuhalten. Gespannt wie ein Flitzebogen warten wir dann auf die Rücksendungen und freuen uns wie gleich mehrere Schneekönige über die Antworten und Fotos. Artikel lesen ›

»Schlump ist immer.« – Die Geschichte eines vergessenen Buchs

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»Es ist der 10. Mai 1933, kurz nach Mitternacht. Auf dem Berliner Opernplatz tobt ein Spektakel. Man sieht den Feuerschein schon von weitem. Zehn, zwölf Meter hoch schlagen die Flammen, die Organisatoren haben eine pyrotechnische Firma mit den Vorbereitungen beauftragt. Acht große Stapel wurden aus meterlangen Holzscheiten errichtet, vorher hat man Sand ausgestreut, damit das Pflaster keinen Schaden nimmt.«

aus: Das Buch der verbrannten Bücher von Volker Weidermann Artikel lesen ›

»Wie übersetzt man eigentlich…Alison Bechdel?«

cleverprinting 2009Thomas Pletzinger wurde 1975 in Münster geboren und lebt als Autor und Übersetzer mit seiner Familie in Berlin. Bei Kiepenheuer & Witsch erschienen sein Roman Bestattung eines Hundes (2008) und sein Sachbuch Gentlemen, wir leben am Abgrund (2012).

Tobias Schnettler wurde 1976 in Hagen geboren, studierte in Hamburg Amerikanistik und arbeitet als freier Übersetzer in Frankfurt am Main. Zuletzt übersetzte er die Romane »Die amerikanische Nacht« von Marisha Pessl (2013) und »Geschichte für einen Augenblick« von Ruth Ozeki (2014).

Zusammen haben sie nun Alison Bechdels Graphic Novel »Wer ist hier die Mutter?« übersetzt, nach dem internationalen Bestseller »Fun Home«, in dem Alison Bechdel ihrem Vater auf die Pelle rückte nun die gewitzte, melancholische Abrechnung mit ihrer Mutter. Mit ihrer unnachahmlichen Gabe, Worte durch Bilder sprechen zu lassen, pflügt Alison Bechdel das oft beackerte Terrain der Mutter-Tochter-Beziehung ganz neu um und lässt uns die wichtigste Beziehung unseres Lebens noch einmal mit ganz anderen Augen betrachten. Doch wie übersetzt man ein Buch in Bildern? Isabel Bogdan, Übersetzerin, Bloggerin und Autorin, fragte nach! Artikel lesen ›

Ausgezeichnet: Laudatio von Michael Schmitt für Stefanie de Velasco

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Laudatio

Michael Schmitt

für 

Stefanie de Velasco

anlässlich der Überreichung der Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendiums 2014

am 13. März 2014 auf der Leipziger Buchmesse Artikel lesen ›

»Einmal Alles. Zum Mitnehmen bitte.« Ein »Didacta«-Besuch

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»Frau Feynberg! Ich war gestern so Schock!«

»Frau Feynberg, ich schwör, Sie haben’s drauf.«
»Ah ja?«
»Ja, wie Sie uns immer zwingen, Sachen zu machen, und wir machen die.«
»Was quatschst du denn da?«
»Wir wollen ja nicht lesen, schreiben und arbeiten und so. Und dann zwingen Sie uns und wir machen es. Wie machen Sie das?«
Lea Feynberg erzählt in »Ich werd sowieso Rapper« rasant und zärtlich von ihrem Alltag an einer Berliner Sekundarschule und wie sie sich nach jeden Schulferien auf die Frage freut: »Schwören Sie, war schwer für Sie, zwei Wochen ohne mich?« Jetzt war Lea Feynberg für uns auf der Didacta unterwegs!

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Making of Frauengedöns: »Wenn die Liebe hinfällt«

»Wenn jemand zu uns kommt und uns erzählt, auf dem Mond wachsen Erdbeeren, beginnen wir sofort, ihn davon zu überzeugen, dass dies doch nicht möglich sei, anstatt uns zu fragen, warum ihm solch absonderliches einfiele, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen.«

Sigmund Freud

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Aus dem Notizbuch des Verlegers #7

malchow 350pxMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen acht Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen ab sofort in unserer neuen Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselnden zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow kürzlich den Proust-Fragebogen für Blogger aus.

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12 Fragen an Jens Sparschuh #1

Kiepenheuer & Witsch ist ein Verlagshaus mit Tradition, sagen wir uns und schreiben es stolz auf unsere Homepage. Doch was wären wir ohne unsere Autoren? Eben. Und deswegen wird es an dieser Stelle in Zukunft und in unregelmäßigen Abständen Antworten auf Fragen geben. Genauer auf 12 Fragen, mit denen wir uns an unsere Autoren gewandt haben. Fragen, die uns auf der Zunge brannten und am Herzen lagen. Artikel lesen ›

Wie wir wurden, was wir sind – »Das Buch Witsch«

Cover_BuchWitschWie wurden wir, was wir heute sind? Wie konnten wir all die wunderbaren Autoren für uns gewinnen und sie dazu bringen, uns ihre Texte zu überlassen, damit wir sie als Bücher auf die Welt bringen? Der Kölner Journalist und Historiker Frank Möller hat sich auf Spurensuche begeben und Unglaubliches zutage gefördert: Uns gibt es doch tatsächlich schon seit 65 Jahren! Umso erstaunlicher ist, wie wenig bislang über die Gründerfigur des Verlags Joseph Caspar Witsch bekannt war und ist. Das soll sich mit dem »Buch Witsch« nun ändern, in dem Möller nicht nur der schwindelerregenden Lebensgeschichte des Verlagsgründers nachspürt, sondern auch eine Reise in die Abgründe des 20. Jahrhunderts unternimmt. Aber lesen Sie selbst, wie Frank Möller am Nasenring durchs 20. Jahrhundert gezogen wurde, im folgenden Auszug aus dem »Buch Witsch«!

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