Ausgezeichnet: Laudatio von Eva Menasse auf Katja Lange-Müller zum Günter-Grass-Preis

Katja Lange-Müller © Heike Steinweg

Katja Lange-Müller
© Heike Steinweg

Günter-Grass-Preis an Katja Lange-Müller am 19. Februar 2017
©Eva Menasse

Dieser Preis ist etwas Besonderes. Wie die Aufzeichnungen unserer unfehlbaren Anna Mikula  ergeben, war es am 28. Januar 2010 , als wir, eine lose, sich immer wieder durch und um und bei Günter Grass zusammenfindende Autorengruppe beschlossen, einen Literaturpreis zu vergeben. Dieser leicht größenwahnsinnige Plan war Ausdruck eines Gefühls von Mangel. Denn es gibt zwar viele Literaturpreise in Deutschland, aber die wenigsten werden allein von Autoren vergeben. Dazu noch die Umstände: Entweder bewirbt man sich selbst – eines der hässlichsten und peinlichsten zu schreibenden Genres – zittert dann monatelang und meist vergeblich, oder man muss schau-lesen und schau-über-sich-diskutieren-lassen, oder es wird erwartet, dass man sogar das Schau-Verlieren in Kauf nimmt, prominent und in Großaufnahme. Andere Preise sind angenehmer, am angenehmsten die: man hat von ihnen noch nie gehört, aber plötzlich ruft einen jemand an und man hat einen Preis gewonnen, von dem man gar nicht wusste, dass es ihn gab.
Unser Lübecker Literaturpreis ist zum Glück nicht mehr ganz unbekannt. Dass er ab dieser, seiner vierten Ausgabe zu unserer großen Freude und Ehre nach Günter Grass, dem Begründer und Spiritus Rector des Lübecker Literaturtreffens heißen darf, verleiht ihm noch mehr Bedeutung und Ansehen. Unser Preis ist also nicht ganz unbekannt, aber er ist – und das ist auch in Hinblick auf unsere diesjährige Preisträgerin nicht unwichtig – ein auf schönste Weise kauziger, ein chaotisch-kreativer Preis. Ein echter Autorenpreis eben. Artikel lesen ›

Was ich mag / Was ich nicht mag (Tijan Sila)

 Tijan Sila kam 1981 in Sarajevo zur Welt und emigrierte 1994 mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg. Heute lebt er in Kaiserslautern, wo er als Lehrer an einer Berufsschule arbeitet. »Tierchen unlimited« ist sein erster Roman. Das ist seine Kurzvita.
Wir erfahren noch viel mehr erfahren wir über den Autor, wenn wir uns den Fragebogen Was ich mag / Was ich nicht mag anschauen,  den er für den Tagesspiegel ausfüllen durfte. Eine gekürzte Version erschien am 19. Februar  im Tagesspiegel am Sonntag. Die Kollegen aus Berlin haben uns freundlicherweise erlaubt, alle Fragen und Antworten zu zeigen. Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken. Danke <3!

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© Sven Paustian

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Das Buch der Stunde – Helge Malchow über Julian Barnes‘ neuen Roman

U1_978-3-462-04888-9Heute erscheint der neue Roman von Julian Barnes in der deutschen Übersetzung von Gertraude Krueger. »Der Lärm der Zeit« ist ein Roman über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch, für den Guardian »ein großartiger Roman, Barnes’ Meisterstück. Wie in ›Vom Ende einer Geschichte‹ erzählt er ein ganzes Leben in einem schmalen Buch.«
Für Helge Malchow, Verlegerischer Geschäftsführer von Kiepenheuer & Witsch, geht der Stellenwert des Buches über sein ästhetisches Gelingen als Künstlerroman und über das geschilderte Schicksal eines der renommiertesten Komponisten des 20. Jahrhunderts weit hinaus:

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Backlist der verlorenen Herzen #2 (Hannes Ulbrich über »Der bleiche König« von David Foster Wallace)

Was zunächst klingt wie ein trostspendendes Kuchenrezept, ist in Wahrheit das Rückgrat, das Profil eines Verlages, die Crème de la Crème aller Bucherscheinungen. Unter dem Begriff Backlist bezeichnen Verlage nämlich das Verzeichnis aller lieferbaren (und verkäuflichen) Bücher, die keine Neuerscheinungen sind.

Mit dieser neuen Rubrik möchten wir mit Ihnen einen Ritt durch die Backlist von KiWi unternehmen und eine Inventur der bleibenden Eindrücke machen. Zu diesem Anlass haben wir unsere Kollegen gebeten, ihr liebstes KiWi zu präsentieren, Schätze zu heben oder längst zu Klassikern gewordene Titel vorzustellen. Von Büchern zu erzählen, an die sie einst ihr Herz verloren.
Kurz: KiWis stellen KiWis vor.

»Vom Heldentum« von Hannes Ulbrich

Eine Lokalzeitung in Peoria, Illinois, berichtet vom Tod des Steuerprüfers Frederick Blumquist, der nach einem letalen Herzinfarkt vier Tage lang reglos am Arbeitsplatz eines Großraumbüros saß, ehe ein Mitarbeiter überhaupt Notiz von dessen Ableben nahm.
Ein internes Memorandum der Steuerbehörde listet die häufigsten Krankheitssymptome unter Beschäftigten der Steuerprüfstelle auf. „Herzinfarkt“ ist nicht darunter; Frederick Blumquist ist durchs Raster der sonst so kleinkarierten Bürokratie gefallen.
David Foster Wallace oder DFW, wie er von der verehrenden Schar genannt wird, ist ein grandioser Beobachter und ein virtuoser Figurenzeichner. In seinem posthum erschienenen Romanfragment Der bleiche König verbindet er diese Fähigkeiten zu einer Tragödie des Menschen und zu einer fantastischen Deklination der Langeweile.  Artikel lesen ›

Wiederentdeckt: Uwe Timm »Morenga« und die deutsche Kolonialmacht im heutigen Namibia

Über den deutschen Kolonialismus ist lange geschwiegen worden. Obwohl das Deutsche Reich seit den 1880er Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 eine der großen europäischen Kolonialmächte war, rückt die koloniale Vergangenheit hierzulande erst seit wenigen Jahren zunehmend ins öffentliche Bewusstsein – aktuell durch zwei Ausstellungen in Berlin und Hannover:

Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin zeigt seit letztem Oktober eine große Sonderausstellung Deutscher Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart, die noch bis zum Mai 2017 über 500 Exponate aus Sammlungen und Archiven präsentiert und die die Auswirkungen der kolonialen Ideologie auch nach 1919 untersucht. Parallel hinterfragt im Landesmuseum Hannover die Schau Das heikle Erbe noch bis zum 26. Februar 2017, unter welchen Umständen völkerkundliche Objekte aus den ehemaligen deutschen Kolonien ihren Weg ins Museum gefunden haben. Auch diese Reflektion kolonialer Sammlungen bietet die Chance, die bis heute spürbaren Folgen des deutschen Kolonialismus endlich aufzuarbeiten.

Dass der Kolonialismus gerade jetzt verstärkt thematisiert wird, hat zudem realpolitische Ursachen. So bringen die dramatischen Flüchtlingsbewegungen, die auch auf Europas koloniale Vergangenheit zurückgehen, die verdrängte Kolonialzeit zurück ins Blickfeld. Eine Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord in Armenien im vergangenen Sommer hat auch den deutschen Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia wieder in Erinnerung gebracht. Die Bundesregierung hatte im Juli 2016 den Massenmord an den Herero und Nama erstmals offiziell als Völkermord eingestuft – rechtliche Folgen dieser Einschätzung allerdings ausgeschlossen. Vertreter der Herero und Nama haben nun aber am 5. Januar 2016 in New York eine Sammelklage eingereicht. Sie fordern von Deutschland Entschädigungen für die während der deutschen Kolonialherrschaft begangenen Verbrechen an ihren Völkern.

Die Neuausgabe von 2016, der Roman erschein erstmals 1978 in der AutorenEdition

Die Neuausgabe von 2016, der Roman erschein erstmals 1978 in der AutorenEdition

Genau an dieser Stelle empfehlen wir die Neu- und/oder Wiederlektüre eines Romans, der wie keine zweiter die damaligen Ereignisse und die koloniale Mentalität vergegenwärtigt.
Die Rede ist von Uwe Timms Morenga aus dem Jahr 1978, der die Geschichte vom Aufstand der Herero in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, als grandiosen historischen Roman erzählt. 1904 führte das Deutsche Kaiserreich dort einen erbarmungslosen Kolonialkrieg gegen aufständische Hereros und Hottentotten. An der Spitze der für ihre Freiheit kämpfenden Schwarzen stand Jakob Morenga, ein früherer Minenarbeiter. Was von 1904-1907 in dem heute unabhängigen Namibia geschah, hat Uwe Timm in einer geschickten Montage von historischen Dokumenten und fiktiven Aufzeichnungen verdichtet. Artikel lesen ›

Maxim Billers Roman »Biografie«: Balzac reloaded?

Der Schweizer Literaturkritiker Stefan Zweifel über Billers letztes Buch

Ich erinnere mich gut, wie ich nach 300 Seiten Lektüre von „Biografie“ ein Gespräch mit Maxim Biller in Zürich absagen wollte, weil ich die Kraftmeiereien seiner Figuren reflexartig auf den Autor zurückprojizierte. Mich nervte die „cool-uncoole“ Pose, und ich neigte wie viele Kritiker dazu, Anspielungen wie „der kamerageile Schriftsteller“ oder „du kleine, traurige, deutsche Woody-Allen-Kopie“ als eitle Selbstinszenierung Maxim Biller zuzuschreiben und mit seinen Kolumnen kurzzuschließen.

Doch aufgrund meiner Erfahrungen, was einem Kritiker blüht, wenn er wie Elke Heidenreich nichts oder nur 50 Seiten von Büchern wie Heideggers „Schwarzen Heften“ oder Christian Enzensbergers „Nicht Eins und Doch“ liest, setzte ich mich der Leseerfahrung aus. Bald erfasste mich Billers Lust an der Provokation, die man aus den Hasskolumnen kennt. Aus den Tempo-Jahren, deren Stil meine Jugend mit Sehnsucht geprägt hatte, da er für mich, im biederen Zürich sitzend, so unerreichbar war, worauf ich damals, aus narzisstischer Kränkung, immer mit kristallkalter Kritik reagierte, um meinen Abgott Woody Allen zu schützen, den Biller genauso demontierte wie den Sexappeal von Mickey Rourke, dem ich mich in masochistischer Selbstgeißelung des Zeitgeiststrebers hingab. Nun, im Rückblick, genoss ich diese Demontage meines damaligen Selbst. Und doch hatte ich mit dieser Lust am präpotenten Provo-Text den kühnen Wurf des Buches noch immer verkannt. Artikel lesen ›

Wir Alkoholiker: Günter Wallraff über »Nüchtern« von Benjamin von Stuckrad-Barre

Wir Alkoholiker

Günter Wallraff  über »Nüchtern am Weltnichtrauchertag« von Benjamin von Stuckrad‐Barre und das eigene Verlangen nach Rausch

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Ich habe dieses Büchlein, kaum größer als ein Notizbuch, sicher schon zwanzigmal in meinem Bekanntenkreis verschenkt. »Nüchtern« von Benjamin von Stuckrad-Barre. Ich schenke es all den Gelegenheits– und Gewohnheitstrinkern, all den sonst wie Süchtigen. Zu denen auch ich gehöre. Das Übliche halt: Beim Essen trinken, in Gesellschaft trinken, drei- bis sechsmal die Woche, jeweils mehrere Glas Wein trinken, auch mal eine ganze Flasche trinken.
Benjamin von Stuckrad‐Barre ist ein Suchtmensch. Über seine Abstürze hat er grausam ehrlich geschrieben, außer in »Nüchtern« auch in seinem neusten Werk »Panikherz«, es ist so etwas wie seine Autobiographie, die Story eines vielfach Abhängigen. Als er mit 17 mit dem Schreiben begann, hat er auch seine Suchtkarriere begonnen, um seinen »Helden« nachzueifern: den schreibenden Alkoholikern von Truman Capote über Charles Bukowski, F. Scott Fitzgerald, Alan Ginsberg bis Jörg Fauser.  Artikel lesen ›

Meine Reise zu den Abschlüssen großer Reisen I

Von Olaf Petersenn

Die zweite Hälfte der letzten Woche wurde für mich zu einer »Sentimental Journey« der ganz besonderen Art. Am Mittwoch, den 30.11., machte ich mich auf den Weg nach Kiel, um die Verleihung der Ehrenprofessur an Feridun Zaimoglu mit diesem ausgezeichneten Autor gebührend zu feiern.

Es war gleichzeitig eine Rückkehr zu meinen eigenen Wurzeln, denn ich kam 1988 nach Kiel, um meinen Zivildienst zu leisten, und blieb bis 2001. Während meines Studiums an der Christian-Albrechts-Universität begegnete ich Feridun zum ersten Mal, es muss so um 1991 gewesen sein. In der Mensa II betrieb sein Kumpel Günter Senkel einen Büchertisch mit großer Auswahl und vielen neuwertigen Exemplaren. Einen großen Teil meiner Studienbibliothek erwarb ich dort, vor allem stw-Bände von Habermas, Rorty und Sennet, aber auch das Gesamtwerk Arthur Schnitzlers in Einzelbänden und vieles mehr.

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Viva liebt dich oder Alte Schwärme revisited

                                                           Von Stefanie Jacobs

Es muss irgendwann 1993 oder 1994 gewesen sein, ich war zwölf oder dreizehn. Mein obligatorisches Nachmittagsprogramm nach der Schule lautete „Interaktiv“ auf Viva, wegen der Musikvideos, klar, aber vor allem wegen Nils. In den war ich damals nämlich verknallt, so verknallt, wie man es nur mit dreizehn sein kann, und in dem Alter drängt so was ja ziemlich stark nach außen. Also, bei mir jedenfalls.

Weil ich ihm unbedingt auch mal was schicken wollte, zerschnitt ich ein altes T-Shirt meiner Mutter, besorgte mir von einer Freundin einen Rest goldener (!) Häkelborte und aus dem Badezimmer einen ordentlichen Batzen Watte, und daraus nähte ich – was sonst? – ein dickes, rotes Herz. Mit Filzstift schrieb ich riesengroß Nils darauf, verzierte das Ganze sicherheitshalber noch mit ein paar Extraherzchen und schickte meine kissengewordenen Teenagergefühle an „Interaktiv“. Und siehe da, nach langem Warten wurde eines Nachmittags tatsächlich mein Herz in die Kamera gehalten! Artikel lesen ›

Ausgezeichnet: Laudatio auf Shida Bazyar zum Ulla-Hahn-Autorenpreis 2016

Laudatio von Stephan Lohr, 19.11. 2016 in Monheim/Rhein

 

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von links nach rechts: Preisträgerin Shida Bazyar, Ulla Hahn, Daniel Zimmermann (Bürgermeister der Stadt Monheim am Rhein) © Ulla-Hahn-Haus

 

„Es gilt das gesprochene Wort!

Hermeskeil. Hermeskeil?  Den Namen des Ortes, in dem die Autorin geboren wurde , wie der rückwärtige Klappentext ihres ersten Buches verrät, kannte ich sowenig wie ich wusste, wo er lag. Weit weg, klein, Rheinland – Pfälzische Provinz, Hunsrück. Da kommt sie her…

Dann: Hildesheim. Größer als Hermeskeil, Bischofssitz der gleichnamigen Diözese, Ort grandioser romanischer Basiliken, Universitätsstadt, immerhin etwas über 100.000 Einwohner. Gehobene Provinz. Da hat die Autorin studiert.

Heute: Monheim, oder soll ich sagen: Dondorf?, am majestätischen Rhein gelegen, nobilitiert auch durch einen Roman, dessen Autorin dem heute verliehenen Preis ihren Namen leiht…

Allesamt Orte, in denen es selbst tagsüber ruhiger bleibt als es Nachts leise ist in Teheran…

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