Nein, Bücher vibrieren nicht

Es war kurz vor Weihnachten und ich saß auf dem grünen Cordsessel, den Johannes in seiner Buchhandlung aufgestellt hatte, vor einer Säule mitten im Raum, der schmal und lang wie ein Schiffsdeck war. Links und rechts waren die Regale bis unter die Decke mit Büchern gefüllt. Es gab einen zweiten Sessel hinten im Laden, außerdem zwei Tische mit wechselnden Themenschwerpunkten, an diesem Tag Bücher von Nobelpreisträgern und Märchenadaptionen.
Ich war auf der Suche nach einem Tipp für ein Buch, das ich Isa schenken wollte. Johannes Buchhandlung war in der Stadt, in der ich meinen Zivildienst leistete, weshalb ich nach der Arbeit bei ihm vorbeischaute und ihn um Rat fragte.
»Wie wäre es mit Die Wellen von Virginia Woolf?«, sagte er. »Das liest du gerade, nicht wahr? Viele Menschen haben eine Abneigung dagegen, Klassiker der Moderne zu verschenken. Wahrscheinlich denken sie, die Leute kennen das Buch oder sie haben keine Lust auf ältere Werke. Ich schenke Freunden deshalb oft zwei Bücher, einen Klassiker und einen zeitgenössischen Roman, und das regt meine Freunde manchmal sogar an, über die Gemeinsamkeiten nachzudenken. Das wäre doch auch eine gute Geschenkidee für deine Freundin? Die Wellen kannst du mit so gut wie jedem Buch kombinieren.«
»So spricht ein Buchhändler«, sagte ich nur.
»Probier es aus«, sagte Johannes und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Er hatte auf der Mitte der Stirn ein kleines, verlorenes Haarbüschel, sodass sein rötliches Gesicht wie ein gemaltes Herz aussah. Außerdem hatte er eine Vorliebe für Brillen mit dickem Gestell und für karminrote Pullover. Artikel lesen ›

Panama Papers – das Manifest von John Doe (die anonyme Quelle der Dokumente)

U1_978-3-462-05002-8Die Panama Papers haben weltweit enorme Reaktionen ausgelöst. Nun hat sich „John Doe“, die anonyme Quelle der Dokumente, zu Wort gemeldet. Sein Manifest lässt sich als Erklärung seines Handelns lesen. Es ist zugleich eine dringliche Aufforderung zu politischem Engagement.

Wir dokumentieren hier das Manifest des Informanten unserer beiden Buch-Autoren Bastian Obermayer und Frederik Obermaier.

Von „John Doe“

Die Ungleichheit der Einkommen, die Kluft zwischen Arm und Reich, ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Es betrifft jeden von uns, weltweit. Seit Jahren tobt die Debatte über eine plötzliche Verschlimmerung der Lage, doch Politiker, Wissenschaftler und Aktivisten sind trotz unzähliger Reden, Analysen, schwacher Proteste und ein paar Dokumentarfilmen rat- und hilflos, wie diese Entwicklung aufzuhalten ist. Die Fragen bleiben: Warum? Und warum gerade jetzt?

In den Panama Papers ist die Antwort darauf nun offensichtlich geworden: massive, alltägliche Korruption. Dass ausgerechnet eine Rechtsanwaltskanzlei diese Antwort liefert, ist keineswegs Zufall. Mossack Fonseca ist mehr als ein Rädchen im Getriebe der „Vermögensverwaltung“. Die Kanzlei nutzte ihren Einfluss, um weltweit Gesetze zu diktieren und zu umgehen und so über Jahrzehnte hinweg die Interessen von Kriminellen durchzusetzen. Artikel lesen ›

Die Welt danach – Panama Papers und die Folgen. Eine Zwischenbilanz von Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

U1_978-3-462-05002-8Der Abend des 3. April 2016, kurz nach 19:30 Uhr. Wir haben noch etwa eine halbe Stunde, bis um 20 Uhr die Panama Papers bekannt werden – dann nämlich werden unsere Rechercheergebnisse auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Tatsächlich sind die Webseiten mit unseren Texten jetzt schon „live“, also online, allerdings inoffiziell. Unsere Digital-Kollegen haben eine aufwendige Seite programmiert, die unter realen Bedingungen getestet werden muss. Das gefällt uns natürlich nicht sonderlich, aber unsere Einwände lösen die Kollegen routiniert auf: In der halben Stunde bis zur offiziellen Sperrzeit seien unsere Panama-Texte nicht zu finden. Man müsse schon wissen, dass wir an diesem Projekt arbeiten und die genaue Adresse der Webseite eingeben. Sprich, man müsse gezielt danach suchen.
Wir testen also dies und das, gehen noch einmal die englischen Übersetzungen durch, bereiten erste Tweets vor, damit wir um Punkt 20 Uhr loslegen können.
Unsere Geschichten für den ersten Tag stehen längst. Alle juristischen Prüfungen sind durch, alle Korrekturen, alle Grafiken. Die ersten Zeitungen sind gedruckt und in Lastwägen verfrachtet auf dem Weg zum Leser.
Alles ist bereit. Noch 15 Minuten.
Unnötig zu sagen, dass wir alle nervös sind. Wir haben mehr als ein Jahr an dieser Sache gearbeitet, und keiner weiß, was nun passieren wird. Wie werden andere Medien es aufnehmen? Was werden die Menschen da draußen sagen? Oder wird es durch das Aufmerksamkeitsraster fallen, wird man es als „nur noch ein Leak“ abtun?
Plötzlich ruft ein Kollege: „Edward Snowden hat uns gerade getwittert!“
Wir schauen uns verblüfft an. Es ist 19:48 Uhr. Edward Snowden?
Wir gehen auf Twitter, und tatsächlich hat Edward Snowden seinen fast zwei Millionen Followern diese Nachricht geschickt:
„Das größte Leak in der Geschichte des Datenjournalismus ging gerade live, und es geht um Korruption.“ Artikel lesen ›

Der abendliche Überraschungsgast – Aus dem Verlegerleben#4

Die Tätigkeit des Verlegers hat etwas Endloses. Nie stellt sich das Gefühl »Alles geschafft!« ein. Wer auf geregelte Arbeitszeiten Wert legt, sollte einen anderen Beruf ergreifen.

Auf meinem Schreibtisch lagen in einer Mappe die nicht erledigten Vorgänge. Um diesen Stapel abzutragen, machte ich Überstunden, aber, wie von Geisterhand geführt, wuchs er immer wieder an. Zum Beispiel die Mitteilung eines Autors, dass er den abgesprochenen Ablieferungstermin seines Manuskriptes nicht einhalten kann. Das hat Folgen: Der zuständige Lektor muss umdisponieren, die Druckerei muss informiert werden, damit sie keine Leerzeiten berechnet. Der Auslieferungstermin verschiebt sich. Das muss der Vertrieb mit den Vertretern und der Verlagsauslieferung besprechen. Erst wenn dies alles geklärt ist, kann ich dem Autor das gewünschte Okay geben. In der Zwischenzeit waren die Geisterhände wieder fleißig am Werk.

Erfahrung hilft. Aber jeder Fall ist anders. Da kann Routine gefährlich werden. Bücher wollen eine individuelle Behandlung und Autoren das Gefühl, einzigartig zu sein.

Bernt Engelmanns "Schwarzbuch" über den Ex-Verteidigungsminister FJS

Bernt Engelmanns „Schwarzbuch“ über den Ex-Verteidigungsminister FJS

Nach getaner Büroarbeit warten auf den Verleger häufig Abendverpflichtungen. Ihnen nachzukommen, kann ein reines Vergnügen sein. Es gehört zu den Pflichten des Verlegers, Autoren zum Abendessen auszuführen, bei Veranstaltungen die einführenden Worte zu sprechen, das heißt, das Terrain zu bereiten für den Autor, der gleich lesen wird, in Diskussionsrunden den Moderator zu spielen oder Buchhandlungen, Ausstellungen und Literaturtage zu eröffnen. Das alles ist anregend und geht mit einiger Übung leicht von der Hand. Artikel lesen ›

Begrüßungsrede von Helge Malchow zur Buchvorstellung „Biografie“ von Maxim Biller

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© Christian Werner
write@christianwerner.org

 

Berlin, Deutsches Theater, 12. April 2016. Helge Malchow begrüßt zur Buchvorstellung des Romans »Biografie« von Maxim Biller, danach im Gespräch mit Adam Soboczynski (Die Zeit)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zu einem ganz besonderen Abend – der Premierenlesung von Maxim Billers Roman »Biografie«, einem Riesenwerk, erst einmal quantitativ, von 900 Seiten, an dem der Autor 10 Jahre mit höchster Anspannung und Anstrengung gearbeitet hat.
Aus verschiedenen Gründen liegt der Erscheinungstag schon ca. 2 Wochen zurück, so dass in der Zwischenzeit alle großen Zeitungen mit großen Rezensionen auf das Buch reagiert haben – und man kann nur sagen: es ging (und geht) hoch her.
Bevor ich auf einige dieser Stimmen zurückkomme, will ich Ihnen geradeaus und ohne Umwege ein paar Notizen vortragen, die ich mir in mein Notizbuch eingetragen hatte, nachdem ich das Manuskript zum 2. Mal gelesen hatte. Artikel lesen ›

Samba-Rhythmen in Stockholm: Nobelpreis für Gabo – Aus dem Verlegerleben#3

Stockholm ähnelt einer entfernten Verwandten von Hamburg. Vom Krieg verschonte Bürgerhäuser mit zurückhaltenden, aber edlen Fassaden liegen an malerischen Binnengewässern. Feudale Stadtpalais öffnen ihre gepflegten Parks dem Publikum. Keine Bettler, keine in Gruppen herumstehenden arbeitslosen Jugendlichen. Von Ende Mai bis Mitte September regnet es kaum, im Sommer muss es herrlich sein in Stockholm.
Aber ich kenne die Stadt nur im Winter, in der Adventszeit. Es ist die Zeit des Schneematsches. Ein trüber Himmel lässt gegen elf Uhr etwas Licht durch, um halb drei wird es wieder dämmrig. Da helfen auch die tausend Elektrokerzen der Weihnachtsbeleuchtung nicht, da hilft nur der Wodka, dessen Konsum um diese Jahreszeit sprunghaft ansteigt.
In dieser grauen Tristesse landete am 8. Dezember 1982 ein Jumbojet mit kolumbianischem Hoheitszeichen. Aus ihm quoll bunt, laut und lebenslustig ein Stück Karibik. Der verhasste Präsident, der ein Land regierte, das García Márquez nicht mehr betreten wollte, solange der an der Macht war, dieser Präsident hatte in dem Freudentaumel, den die Nachricht vom Nobelpreis auslöste, den Jumbo zur Verfügung gestellt. Gabo konnte einladen, wen er wollte, um den Flieger zu füllen: seine Familie, große und kleine Freunde, Journalisten, Sänger, Tänzerinnen und eine ganze Musikband. Gefeiert wurde schon an Bord, die Stewardessen servierten Köstlichkeiten, die sonst nur die Entourage des Präsidenten zu essen bekam. Artikel lesen ›

Aus dem Notizbuch des Verlegers #20 (Zu Jan Böhmermanns Gedicht)

malchow 350pxMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen neun Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen in unserer Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselnden zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow den Proust-Fragebogen für Blogger aus. Artikel lesen ›

Nachtmahl der Bettler: Günter Wallraff im Hessischen Hof – Aus dem Verlegerleben#2

Wer sich einige Tage und Nächte auf einer Messe aufhalten muss, sei es als Aussteller, Berichterstatter oder in anderer Funktion, braucht eigentlich abends nur ein Kopfkissen, auf das er sein müdes Haupt legen kann, und morgens eine Dusche, um sich zu erfrischen. Außerdem vielleicht ein Frühstücksbuffet, von dem er irgendetwas hastig isst, ohne darauf zu achten, was er sich da auf den Teller lädt.
Anders auf der Frankfurter Buchmesse. Da werden Hotels nicht nach den Zimmerpreisen, dem Komfort oder danach ausgesucht, ob ein Internetanschluss im Zimmer ist. Hier ist entscheidend, wer in dem Etablissement sonst noch absteigt, wer in der Lobby sitzt und mit kollegialer Herzlichkeit begrüßt werden muss und wem man im Speisesaal »Bon appétit!« zurufen kann.
Das adeligste unter den Frankfurter Hotels ist der Hessische Hof. Hier kann man für die Messezeit nicht einfach ein Zimmer, pardon Appartement, buchen, man muss es »erben«. Das heißt, man wird auf einer Warteliste geführt und muss sich gedulden, bis einer der Stammgäste verstirbt, um einen Platz aufzurücken. Artikel lesen ›

Post vom Kaffeedieb

KiWi-Autor Tom Hillenbrand, Verfasser erfolgreicher Kriminalromane, hat unlängst einen fabelhaften historischen Roman veröffentlicht. »Der Kaffedieb« ist ein 480 Seiten starker Abenteuerroman, »knallprall« wie der Stern schreibt, »blendend recherchiert«. Eine Recherche, die den Autor tief in die Welt seiner Protoganisten führte, so tief, dass es ihm heute noch manchmal schwerfällt, diese Welt zu verlassen. Ein besonderes Päckchen, das seinen Lektor kürzlich erreichte, zeugt davon. Danke, Tom! Wir zeigen Euch den beigelegten Brief von Obediah Chalon. Artikel lesen ›

Vorabdruck: Maxim Billers Roman »Biografie«

Die Braut, ihr Vater und Rabbi Balaban

Als Wowa und Balaban aus dem Riegerpark zurückkamen, sahen sie wie zwei Männer aus, die sich geprügelt hatten, obwohl beide keine Schrammen, keine blutunterlaufenen Augen oder angerissenen Hemdkragen hatten. Sie hatten noch in der Blanická angefangen zu streiten, dort, wo es an der Südseite das Parks so steil hinaufgeht, dass Balaban kurz Wowa am Ellbogen stützen musste, um ihn sofort wieder mit angeekeltem Gesicht loszulassen, und sie hörten erst auf, als sie eine Stunde später im ewig dunklen Vierzigerjahre-Hausflur in der Italská auf den Fahrstuhl warteten.

Der Spaziergang war Wowas Idee gewesen. Der alte Fuchs wartete seit Wochen auf den richtigen Moment, um mit Serafinas abscheulichem Lover abzurechnen. Dann hatte er vor zwei Tagen Balaban dabei beobachtet, wie er sich im matten Schimmer seines aufgeklappten Laptops einen runterholte, während Serafina gerade bei ihrer Therapie war. Auf dem Bildschirm sah Wowa eine thailändische oder japanische Lolita, halb nackt, mit zwei dicken Kleinmädchenzöpfen, die mit einem Teddybären spielte, und er selbst bekam davon ebenfalls einen relativ anständigen Steifen. Artikel lesen ›