Wiederentdeckt: Uwe Timm »Morenga« und die deutsche Kolonialmacht im heutigen Namibia

Über den deutschen Kolonialismus ist lange geschwiegen worden. Obwohl das Deutsche Reich seit den 1880er Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 eine der großen europäischen Kolonialmächte war, rückt die koloniale Vergangenheit hierzulande erst seit wenigen Jahren zunehmend ins öffentliche Bewusstsein – aktuell durch zwei Ausstellungen in Berlin und Hannover:

Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin zeigt seit letztem Oktober eine große Sonderausstellung Deutscher Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart, die noch bis zum Mai 2017 über 500 Exponate aus Sammlungen und Archiven präsentiert und die die Auswirkungen der kolonialen Ideologie auch nach 1919 untersucht. Parallel hinterfragt im Landesmuseum Hannover die Schau Das heikle Erbe noch bis zum 26. Februar 2017, unter welchen Umständen völkerkundliche Objekte aus den ehemaligen deutschen Kolonien ihren Weg ins Museum gefunden haben. Auch diese Reflektion kolonialer Sammlungen bietet die Chance, die bis heute spürbaren Folgen des deutschen Kolonialismus endlich aufzuarbeiten.

Dass der Kolonialismus gerade jetzt verstärkt thematisiert wird, hat zudem realpolitische Ursachen. So bringen die dramatischen Flüchtlingsbewegungen, die auch auf Europas koloniale Vergangenheit zurückgehen, die verdrängte Kolonialzeit zurück ins Blickfeld. Eine Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord in Armenien im vergangenen Sommer hat auch den deutschen Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia wieder in Erinnerung gebracht. Die Bundesregierung hatte im Juli 2016 den Massenmord an den Herero und Nama erstmals offiziell als Völkermord eingestuft – rechtliche Folgen dieser Einschätzung allerdings ausgeschlossen. Vertreter der Herero und Nama haben nun aber am 5. Januar 2016 in New York eine Sammelklage eingereicht. Sie fordern von Deutschland Entschädigungen für die während der deutschen Kolonialherrschaft begangenen Verbrechen an ihren Völkern.

Die Neuausgabe von 2016, der Roman erschein erstmals 1978 in der AutorenEdition

Die Neuausgabe von 2016, der Roman erschein erstmals 1978 in der AutorenEdition

Genau an dieser Stelle empfehlen wir die Neu- und/oder Wiederlektüre eines Romans, der wie keine zweiter die damaligen Ereignisse und die koloniale Mentalität vergegenwärtigt.
Die Rede ist von Uwe Timms Morenga aus dem Jahr 1978, der die Geschichte vom Aufstand der Herero in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, als grandiosen historischen Roman erzählt. 1904 führte das Deutsche Kaiserreich dort einen erbarmungslosen Kolonialkrieg gegen aufständische Hereros und Hottentotten. An der Spitze der für ihre Freiheit kämpfenden Schwarzen stand Jakob Morenga, ein früherer Minenarbeiter. Was von 1904-1907 in dem heute unabhängigen Namibia geschah, hat Uwe Timm in einer geschickten Montage von historischen Dokumenten und fiktiven Aufzeichnungen verdichtet. Artikel lesen ›

Maxim Billers Roman »Biografie«: Balzac reloaded?

Der Schweizer Literaturkritiker Stefan Zweifel über Billers letztes Buch

Ich erinnere mich gut, wie ich nach 300 Seiten Lektüre von „Biografie“ ein Gespräch mit Maxim Biller in Zürich absagen wollte, weil ich die Kraftmeiereien seiner Figuren reflexartig auf den Autor zurückprojizierte. Mich nervte die „cool-uncoole“ Pose, und ich neigte wie viele Kritiker dazu, Anspielungen wie „der kamerageile Schriftsteller“ oder „du kleine, traurige, deutsche Woody-Allen-Kopie“ als eitle Selbstinszenierung Maxim Biller zuzuschreiben und mit seinen Kolumnen kurzzuschließen.

Doch aufgrund meiner Erfahrungen, was einem Kritiker blüht, wenn er wie Elke Heidenreich nichts oder nur 50 Seiten von Büchern wie Heideggers „Schwarzen Heften“ oder Christian Enzensbergers „Nicht Eins und Doch“ liest, setzte ich mich der Leseerfahrung aus. Bald erfasste mich Billers Lust an der Provokation, die man aus den Hasskolumnen kennt. Aus den Tempo-Jahren, deren Stil meine Jugend mit Sehnsucht geprägt hatte, da er für mich, im biederen Zürich sitzend, so unerreichbar war, worauf ich damals, aus narzisstischer Kränkung, immer mit kristallkalter Kritik reagierte, um meinen Abgott Woody Allen zu schützen, den Biller genauso demontierte wie den Sexappeal von Mickey Rourke, dem ich mich in masochistischer Selbstgeißelung des Zeitgeiststrebers hingab. Nun, im Rückblick, genoss ich diese Demontage meines damaligen Selbst. Und doch hatte ich mit dieser Lust am präpotenten Provo-Text den kühnen Wurf des Buches noch immer verkannt. Artikel lesen ›

Wir Alkoholiker: Günter Wallraff über »Nüchtern« von Benjamin von Stuckrad-Barre

Wir Alkoholiker

Günter Wallraff  über »Nüchtern am Weltnichtrauchertag« von Benjamin von Stuckrad‐Barre und das eigene Verlangen nach Rausch

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Ich habe dieses Büchlein, kaum größer als ein Notizbuch, sicher schon zwanzigmal in meinem Bekanntenkreis verschenkt. »Nüchtern« von Benjamin von Stuckrad-Barre. Ich schenke es all den Gelegenheits– und Gewohnheitstrinkern, all den sonst wie Süchtigen. Zu denen auch ich gehöre. Das Übliche halt: Beim Essen trinken, in Gesellschaft trinken, drei- bis sechsmal die Woche, jeweils mehrere Glas Wein trinken, auch mal eine ganze Flasche trinken.
Benjamin von Stuckrad‐Barre ist ein Suchtmensch. Über seine Abstürze hat er grausam ehrlich geschrieben, außer in »Nüchtern« auch in seinem neusten Werk »Panikherz«, es ist so etwas wie seine Autobiographie, die Story eines vielfach Abhängigen. Als er mit 17 mit dem Schreiben begann, hat er auch seine Suchtkarriere begonnen, um seinen »Helden« nachzueifern: den schreibenden Alkoholikern von Truman Capote über Charles Bukowski, F. Scott Fitzgerald, Alan Ginsberg bis Jörg Fauser.  Artikel lesen ›

Meine Reise zu den Abschlüssen großer Reisen I

Von Olaf Petersenn

Die zweite Hälfte der letzten Woche wurde für mich zu einer »Sentimental Journey« der ganz besonderen Art. Am Mittwoch, den 30.11., machte ich mich auf den Weg nach Kiel, um die Verleihung der Ehrenprofessur an Feridun Zaimoglu mit diesem ausgezeichneten Autor gebührend zu feiern.

Es war gleichzeitig eine Rückkehr zu meinen eigenen Wurzeln, denn ich kam 1988 nach Kiel, um meinen Zivildienst zu leisten, und blieb bis 2001. Während meines Studiums an der Christian-Albrechts-Universität begegnete ich Feridun zum ersten Mal, es muss so um 1991 gewesen sein. In der Mensa II betrieb sein Kumpel Günter Senkel einen Büchertisch mit großer Auswahl und vielen neuwertigen Exemplaren. Einen großen Teil meiner Studienbibliothek erwarb ich dort, vor allem stw-Bände von Habermas, Rorty und Sennet, aber auch das Gesamtwerk Arthur Schnitzlers in Einzelbänden und vieles mehr.

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Viva liebt dich oder Alte Schwärme revisited

                                                           Von Stefanie Jacobs

Es muss irgendwann 1993 oder 1994 gewesen sein, ich war zwölf oder dreizehn. Mein obligatorisches Nachmittagsprogramm nach der Schule lautete „Interaktiv“ auf Viva, wegen der Musikvideos, klar, aber vor allem wegen Nils. In den war ich damals nämlich verknallt, so verknallt, wie man es nur mit dreizehn sein kann, und in dem Alter drängt so was ja ziemlich stark nach außen. Also, bei mir jedenfalls.

Weil ich ihm unbedingt auch mal was schicken wollte, zerschnitt ich ein altes T-Shirt meiner Mutter, besorgte mir von einer Freundin einen Rest goldener (!) Häkelborte und aus dem Badezimmer einen ordentlichen Batzen Watte, und daraus nähte ich – was sonst? – ein dickes, rotes Herz. Mit Filzstift schrieb ich riesengroß Nils darauf, verzierte das Ganze sicherheitshalber noch mit ein paar Extraherzchen und schickte meine kissengewordenen Teenagergefühle an „Interaktiv“. Und siehe da, nach langem Warten wurde eines Nachmittags tatsächlich mein Herz in die Kamera gehalten! Artikel lesen ›

Ausgezeichnet: Laudatio auf Shida Bazyar zum Ulla-Hahn-Autorenpreis 2016

Laudatio von Stephan Lohr, 19.11. 2016 in Monheim/Rhein

 

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von links nach rechts: Preisträgerin Shida Bazyar, Ulla Hahn, Daniel Zimmermann (Bürgermeister der Stadt Monheim am Rhein) © Ulla-Hahn-Haus

 

„Es gilt das gesprochene Wort!

Hermeskeil. Hermeskeil?  Den Namen des Ortes, in dem die Autorin geboren wurde , wie der rückwärtige Klappentext ihres ersten Buches verrät, kannte ich sowenig wie ich wusste, wo er lag. Weit weg, klein, Rheinland – Pfälzische Provinz, Hunsrück. Da kommt sie her…

Dann: Hildesheim. Größer als Hermeskeil, Bischofssitz der gleichnamigen Diözese, Ort grandioser romanischer Basiliken, Universitätsstadt, immerhin etwas über 100.000 Einwohner. Gehobene Provinz. Da hat die Autorin studiert.

Heute: Monheim, oder soll ich sagen: Dondorf?, am majestätischen Rhein gelegen, nobilitiert auch durch einen Roman, dessen Autorin dem heute verliehenen Preis ihren Namen leiht…

Allesamt Orte, in denen es selbst tagsüber ruhiger bleibt als es Nachts leise ist in Teheran…

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Ein Spaziergang mit Volker Kutscher – von Uwe Kalkowski (»Kaffeehaussitzer«)

Ein Spaziergang mit Volker Kutscher

In meinem Blog Kaffeehaussitzer habe ich mich schon mehrmals mit der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath beschäftigt. Die Reihe ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es damit, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund.

Vor einigen Wochen fragte mich Philipp Rusch – der sich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch um die zahlreichen Social-Media-Kanäle kümmert – ob ich Interesse hätte, mich einmal mit Volker Kutscher zu treffen und aus dem Gespräch einen Beitrag für den KiWi-Blog zu verfassen. Klar, dass ich sofort zugesagt habe und so trafen wir uns an einem sonnigen Herbstnachmittag zu einem Spaziergang durch Köln-Klettenberg. Der Ort war nicht zufällig gewählt, da in Klettenberg Gereon Rath aufgewachsen ist. Deshalb dauerte es nur wenige Minuten, bis wir mitten im Thema waren. Denn Klettenberg ist auch einer der wenigen Stadtteile Kölns, der Bomberflotten und Beton-Architekten überstanden hat und heute kaum anders aussieht als vor 100 Jahren – prächtige Gründerzeithäuser säumen die kopfsteingepflasterten Straßen, aufwendig verzierte Jugendstil-Fassaden zeugen davon, dass dies schon immer eine gehobene Wohngegend war.

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Aus dem Notizbuch des Verlegers #27 (Michael Mittermeier + Buchverlosung)

malchow 350pxMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen neun Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen in unserer Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselungen zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow den Proust-Fragebogen für Blogger aus.

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Bretonisches Kochbuch – 4 Rezepte für ein Bretonisches Menü

Willkommen in der Bretagne!

Kommissar Dupin liebt die grandiose Vielfalt der bretonischen Küche. Das Amiral in Concarneau ist sein Stammrestaurant. Hier beginnt und beendet der Kommissar für gewöhnlich seine Arbeitstage. In diesem prächtigen Kochbuch stellt Jean-Luc Bannalec zusammen mit seinen Freunden Arnaud und Catherine Lebossé, den Besitzern des Amiral, Kommissar Dupins Lieblingsgerichte vor und erzählt vom Salz der Guérande, der Austernzucht, dem Geheimnis der Crêpes und von der Magie seiner Bretagne.
Wir haben wir für Sie vorgeblättert und vier Rezepte für ein Bretonisches Menü zusammengestellt. Bon appétit!

 

Aperitif

venusmuscheln

 

Fricassée de praires au piment d’Espelette
Frikassée aus Venusmuscheln mit Piment d’Espelette Artikel lesen ›

Aus dem Notizbuch des Verlegers #26 (Volker Weidermann)

malchow 350pxMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen neun Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen in unserer Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselungen zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow den Proust-Fragebogen für Blogger aus.

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