Sommerliche Landpartie mit Autoren – Aus dem Verlegerleben#5

Es gab keinen besonderen Anlass, keine Notwendigkeit, keinen Hintergedanken. Die Idee, die deutschsprachigen Autoren des Verlages zu einem Treffen einzuladen, entstand in launiger Stimmung am Ende einer Mittwochsbesprechung, kam ins Protokoll, geriet dann für einige Zeit in Vergessenheit und erfuhr eine Wiederbelebung, als wir das Programm der Bücher verabschiedeten, die im Herbst 1996 erscheinen sollten.
Ich ließ mich von der allgemeinen Begeisterung anstecken, wollte aber – bevor ich mein endgültiges Okay gab – mit Dieter Wellershoff sprechen, um zu hören, was er von dem Plan hielt. »Ja«, meinte er, »es ist gut, wenn sich die Autoren kennenlernen. Aber, um Gottes willen, keine ganze Woche! Drei Tage genügen.« – Dann gab er mir noch den Rat, keine Außenstehenden, vor allem keine Literaturkritiker als Beobachter oder Kommentatoren einzuladen.

Vor der Verlagsvilla: Autorentreffen Ende August 1996

Vor der Verlagsvilla: Autorentreffen Ende August 1996

Gaby Callenberg, unsere Pressechefin, zog Erkundigungen ein. Ziel war es, im Bergischen Land einen Veranstaltungsort zu finden. Leicht war das nicht. Die Hotels waren entweder zu klein, zu abgelegen oder zu hässlich. Zwei kamen in die nähere Auswahl: Das eine lag unter einer Hochspannungsleitung an einer Fernstraße, wir entschieden uns für das andere. Es hatte den Charme der 70er-Jahre, aber brauchbare Räume und ein Schwimmbecken mit stark gechlortem Wasser. Wir buchten vom 29. bis 31. August. Das Kaff, in dem das Hotel lag, hieß Nümbrecht. Artikel lesen ›

»Rio gewann haushoch«: Rocko Schamoni erinnert sich an Rio Reiser

»König von Deutschland«. Rio Reisers Autobiographie

»König von Deutschland«. Rio Reisers Autobiographie

»König von Deutschland«, »Macht kaputt, was euch kaputt macht«, »Junimond« — Rio Reiser hat sich in unser kulturelles Gedächtnis eingesungen, und seine Kampf- und Liebeslieder inspirieren bis heute junge Musiker. Seine Autobiografie ist zugleich eine alternative Geschichte der Bundesrepublik. Ein Buch über eine wilde Zeit.

VORWORT (zur Neuausgabe von »König von Deutschland« anlässlich des 20. Todestag von Rio Reiser am 20. August 2016)

von Rocko Schamoni

Ich lernte Rio Reiser erst kennen, als ich in den frühen Achtzigern bereits selbst ins »Music Bizz« eingestiegen war. Rio avancierte zum König von Deutschland und ungefähr zur selben Zeit brachte mich die Polydor ins Rennen, man wollte mich zum neuen jungen Deutschpopsuperstar aufbauen. Zwei unserer Singles wurden gleichzeitig auf die Bahn geschickt. Rio gewann haushoch, von mir bekam quasi niemand etwas mit, ich wurde von der Staubwolke verschluckt, die er hinterließ. Artikel lesen ›

12 Fragen an Paula Fürstenberg #21

In den Salons des 19. Jahrhunderts waren Fragebögen ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Marcel Proust beantwortete auf einer Geburtstagsparty einen Fragebogen, der ob des berühmten Antwortgebers vielerorts gerne veröffentlicht wird und 38 Fragen umfasst. Wir möchten uns im Vergleich dazu aufs Wesentliche beschränken, und bitten an dieser Stelle unsere Autoren um Antworten auf 12 Fragen. Fragen, die um das Schreiben kreisen, die uns auf der Zunge brennen und am Herzen liegen. Artikel lesen ›

Unverlangt eingesandt

Kietenheuer

 

Im Keller steht ein Aktenordner von Herlitz. Er trägt die Bezeichnung „Kuriosa“. Darin befindlich: ein Best of der unverlangt eingesandten Manuskripte, Leserbriefe, bizarres Lob, heftige Kritik, Seltsamkeiten.

Ich kenne diesen Ordner noch aus meiner Ausbildung, damals stand er noch nicht im Keller, sondern im Büro der inzwischen abgetretenen Kollegin, bei der ich zwei Wochen lang Manuskripte prüfen durfte.  Diese ehemalige Kollegin muss diesen Ordner angelegt oder zumindest verwaltet haben. Ganz hinten im Ordner findet sich das erste Schriftstück, es stammt aus dem Jahr 1978, dabei handelt es sich um ein Exposé, das sich mit dem „Krebsproblem“ beschäftigt. Im Fokus steht die vom Autor „selbstständig gewonnene Erkenntnis“, dass sexuelle Not („Orgasmusmangel“) die wahre Ursache für zahlreiche Krebserkrankungen ist. Aha, wird die geschätzte Kollegin gedacht haben, das ist ja kurios!, und heftete es ab. Heftete ab bis 2015, sammelte Seltsamkeiten, siebenunddreißig Jahre lang. Artikel lesen ›

Nilz Bokelberg: »Ich konnte schon immer überall lesen«

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Ich konnte schon immer überall lesen. Im Auto, in der Bahn, beim Rumlaufen – überall. Es ist extrem hilfreich, dass ich keinen Führerschein habe und nicht schwimmen kann, denn bei beiden Tätigkeiten ist lesen vermutlich gar nicht so leicht. Ich hab mir neulich aber sogar ein „Duschbuch“ gekauft, das so ausgestattet ist, dass man es unter der Dusche lesen kann. Es ist eine Anleitung zum Singen, angeblich Co-geschrieben von einer ehemaligen Casting-Show-Teilnehmerin. Ihre Tipps sind sehr albern und naheliegend; ich würde von der Lektüre des Buchs zwar nicht abraten, aber sie auch nicht gleich aus vollem Herzen empfehlen. Als ich es gekauft habe, habe ich mich tierisch gefreut, dass jemand meine Bedürfnisse so gut erkannt hat: Unter der Dusche lesen ist schon seit meiner Jugend ein großer Traum. Damals hatte ich einen Stapel „Duschcomics“ – das waren zum größten Teil Micky Maus-Hefte, die ich aus meinem privaten Comic-Fundus aussortiert hatte. Wenn ich nun duschen ging, nahm ich eines der Hefte mit in die Kabine, feuchtete es etwas an und klebte es dann an die Duschwand. So konnte ich, handfrei, die Geschichte lesen. Perfektes Duschtainment! Artikel lesen ›

Post aus …

Da ist man endlich weg, hat seine Ruhe und die genau richtigen Bücher im Gepäck. Lässt sich von der Sonne wärmen, flaniert, kauft ein paar hübsche Karten oder verausgabt sich beim Nichtstun. Isst gut, schläft gut, entspannt vielleicht auch beim Aktiv-Urlaub (lesen, umblättern …). Kurz: Ist mit dem süßen Leben auf einmal per Du.
Doch kurz vor der Abreise fällt es einem ein. Die Postkarten. Man. Muss. Postkarten. Schreiben. Und das, obwohl man bereits in den sozialen Netzwerken ein veritables Selfiegewitter abgefeuert hat (Man wollte ja nur mal zeigen, wo man sich gerade befindet!). Aber manche Menschen haben einfach den persönlichen Gruß verdient. Wenn das doch nur nicht so viel Arbeit machen würde.
Hier kommt die Lösung: Wir haben für Sie vorgeschrieben. Schneiden Sie unsere Karten einfach entlang der gestrichelten Linie aus, kleben Sie sie auf Ihre Postkarten, Marke drauf, Briefkasten, fertig. Natürlich können wir nicht alle Länder abdecken, aber eine Flasche Tipp-Ex kann da Abhilfe schaffen. Streichen Sie Lago Maggiore und Bretagne, schreiben Sie einfach Kroatien drüber oder Kreta oder Mecklenburgische Seenplatte. Merkt kein Mensch. Aber alle werden sich freuen.

 

… von der Côte d’Azur

Postkarte Cazon

 

→ Christine Cazon, Stürmische Cote d´Azur

… aus Dänemark

Postkarte Bedraengnis
→  Jesper Stein, Bedrängnis

… aus den schottischen Highlands

Postkarte Pfau
→ Isabel Bogdan, Der Pfau

… aus der Bretagne

Postkarte Bannalec
→ Jean-Luc Bannalec, Bretonische Flut

… aus der Welt

Postkarte Entscheidung
→ Friederike Achilles / Philipp Rusch, Die beste Entscheidung unseres Lebens – wie wir einfach loszogen und um die halbe Welt reisten

… vom Laggo Maggiore

Postkarte Varese
→ Bruno Varese, Die Tote am Lago Maggiore

… aus Südfrankreich

Postkarte Sola
→ Yann Sola, Tödlicher Tramontane

… aus Schweden

Postkarte Sten
→ Viveca Sten, Tödliche Nachbarschaft

 

Das Gewinnpiel wurde beendet und die Gewinner benachrichtigt.

100 Fragen an … Götz George (von Moritz von Uslar)

Er soll so derartig schlechtlaunig, böse und asozial rüberkommen, also … In­terviews wären praktisch nicht zu ma­chen. Wenn er doch mal redete, dann in zwei Wortschwällen, spätestens nach der zweiten Frage bräche er nämlich ab. Aha. So sitzt man dann, gleich entspannt – auch einfach glücklich darüber, dass man hier überhaupt sitzen darf – auf weißen Riesensofas in seiner Hamburger Wohnung. Zigarillos, Kaffee, Blicke in das wunderschöne weiße Winterleuchten über der Alster. Geht’s gut? Ja, klar geht’s gut! Na, dann ist gut! Haha! So kann man sich doch unterhalten. Er trägt Bart, die Goldbrille, Sweatshirt, weiße Flauscheschlappen. Wer sich für diesen Stil entscheidet, wer sich so wohl fühlt – ehrlich, der kann so schlecht nicht sein. Seine Freundin (groß, blond, Typ Ham­burger Prachtfrau) erkundigt sich noch einmal extra freundlich und ernst ge­meint, ob ihre Anwesenheit auch wirklich nicht störe. Nein. Wirklich überhaupt nicht. Schön.

1 Herr George, wann zuletzt einen schönen Kinoabend verbracht?
Götz George:
Gar nicht. Ich schaue mir die Filme lieber auf Video an. Ich bin… zu menschenscheu. Artikel lesen ›

Miese Bullenspiele: Autorenbesuch bei Jesper Stein in Kopenhagen

»Bedrängnis«. Das ist mehr als wörtlich zu nehmen. In seinem dritten Fall steckt Vizekriminalkommissar Axel Steen in der Scheiße, tiefer denn je. Mit Jesper Stein am Tatort Nørrebro.

Jesper Stein gehört zu den Autoren, die ihrer Stadt eine Geschichte geben. Eine dunkle. Ian Rankin tut dies für Edinburgh, und Manuel Vazquez Montalbán hat es für Barcelona getan.
Auf dem Weg über Kongens Nytorv – den Blick auf den weiten Platz versperren meterhohe Bauplatzwände, Kopenhagen bekommt gerade U-Bahn – nach Nørrebro reden wir über Barcelona, die Stadt, deren rauer Duft nach Urin, Fisch, Blumen und Sex aufbewahrt ist in den Kriminalromanen Vazquez Montalbáns. Nørrebro steht das gleiche Schicksal bevor wie dem  barrio gótico. »Sagt ihr auch Gentrifizierung dazu?«, fragt Jesper, und wie immer sind die abstrakten Begriffe global verwendbar. Artikel lesen ›

Aus dem Notizbuch des Verlegers #23 (Neil Young)

Verleger Helge MalchowMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen neun Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen in unserer Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselnden zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow den Proust-Fragebogen für Blogger aus.

 

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Aus dem Notizbuch des Verlegers #22 (Renate Matthaei)

Verleger Helge MalchowMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen neun Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen in unserer Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselnden zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow den Proust-Fragebogen für Blogger aus. Artikel lesen ›