Im Interview:

Verleger Helge Malchow

An den Glutkernen der Gesellschaft/ Interview mit der WELT vom 12.6.2010

Helge Malchow, Verleger von Kiepenheuer & Witsch, über seine Lehrervergangenheit, nächtliche Anrufe von Autoren und die Zukunftschancen eines Buchverlages.

Eigentlich ist das ein Ding der Unmöglichkeit: Seit gut dreißig Jahren arbeitet der in Düsseldorf aufgewachsene Helge Malchow in Kölns größtem Verlag, Kiepenheuer & Witsch. Seit gut einem Jahrzehnt leitet er diese zentrale Sammelstelle für alles, was literarisch angesagt und gesellschaftlich relevant ist. Heute feiert Malchow in Köln seinen sechzigsten Geburtstag. Alle Autoren sind eingeladen – von Harald Schmidt bis Uwe Timm, von Bastian Sick bis Jürgen Rüttgers. Helge Schneider macht die Musik. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Die Welt: Herr Malchow, Ihre Mutter ist 84 Jahre alt. Ist sie stolz auf ihren Verlegersohn?

Helge Malchow: Schon. Auch. Aber sie fragt mich immer noch, nach mehr als dreißig Jahren, warum ich den Lehrerjob, diesen Traumberuf schlechthin, aufgegeben habe. Studienrat! Das war übrigens auch ein interessanter Beruf. Ich habe gern unterrichtet, und in manchen Punkten war es eine gute Ausbildung für das, was ich heute mache.

Sind Sie nicht ein bisschen Studienrat geblieben? Ein Verleger ist ja auch ein Pädagoge.

Unter anderem. Ich habe schon in der Schule immer Sehnsucht danach gehabt, selbst Einfluss zu nehmen darauf, was als gute, wichtige Literatur in diesem Land angesehen wird.

Kiepenheuer & Witsch hatte mit linken Autoren wie Böll und Wallraff immer auch den Anspruch, Politik zu machen. Kann ein Verlag noch die Gesellschaft verändern?

Die Gesellschaft verändern – sowas wagt man ja heute kaum noch auszusprechen. Aber die Debatten beeinflussen und bereichern, das geht, und das hat bei uns eine ganz lange Tradition. Ein Verlag sollte kein hermetischer Ort sein, kein ästhetizistischer oder kulturkonservativer Gegenentwurf zur jeweiligen Gegenwart. Wir sind immer auf der Suche nach den Glutkernen der gesellschaftlichen Entwicklungen.

Und was ist dabei der Job des Verlegers?

Er muss ein Sensorium dafür entwickeln, in der Literatur das zu entdecken, was die Köpfe in diesem Land in Bewegung bringt, Literatur, die uns klüger und sensibler macht. Und wenn er die gefunden hat, muss er sie kommunizieren, sie in die Gespräche, in den Diskurs hineintragen. Und der Verleger muss für das, was er für wichtig hält, einstehen, auch als Person. Deswegen hab ich ja auch eine reihe Prozesse geführt. Für Heiner Müller, für Bret Easton Ellis und für Maxim Biller.

Die Causa Esra ging ja bis nach Karlsruhe. Ist das nicht auch eine Quälerei?

Das war, wie ich finde, ein notwendiger Kampf für die Autonomie und Freiheit der Kunst – und gegen die Anfechtungen aus der politischen Wirklichkeit. Das quält mich nicht, das ist meine Arbeit.

Der Literaturbetrieb klagt gerne darüber, dass es keine großen Verlegerfiguren mehr gibt.

Den Vergleich mit den angeblichen Schlachtrössern von damals, halte ich (übrigens auch in der Politik) für Romantisierung. Es gibt doch Michael Krüger bei Hanser, Jörg Bong bei S. Fischer oder Alexander Fest bei Rowohlt. Die machen alle eine großartige Arbeit. Aber sie treten nicht mehr auf wie Gutsherren, Zigeunerbarone oder Zirkusdirektoren. Die Zeiten sind heute zum Glück vorbei.

Werden Sie nachts von Christian Kracht oder Dieter Wellershoff angerufen und um Lebenshilfe gefragt?

Die Beziehung zwischen Verleger und Autor ist immer eine intensiv persönliche. Nur ein Chefarzt oder ein Notar muss so viele Geheimnisse mit sich herumtragen. Das macht auch einsam. Weil man diese Geheimnisse natürlich bei Strafe des Untergangs nicht preisgeben darf.

Suhrkamp ist unlängst aus Frankfurt nach Berlin gezogen. Kiepenheuer & Witsch hat sich entschieden, in Köln zu bleiben – und neue Räume am Dom zu beziehen.

Das war eine bewusste Entscheidung für einen erneuerten Kulturförderalismus. Den alten wird es nicht mehr geben, wir haben ja jetzt erfreulicherweise eine Metropole, und die heißt Berlin. Aber wenn man als Verleger in der Welt unterwegs ist, fällt einem schon auf, wie bedauerlich beispielsweise in Frankreich das Gefälle ist zwischen Paris und dem Rest des Landes. Städte wie Köln, Hamburg, München oder Frankfurt können aber kulturelle Leistungen auf höchstem Niveau erbringen. Und sie tun das auch. Das hält die Regionen lebendig und lebenswert. Und die Konkurrenz unter den Städten sorgt außerdem für eine demokratische Befruchtung.

Sie haben Bastian Sick »gemacht« und Frank Schätzing. Wie backt man Bestseller?

Da hat keiner ein Rezept. Erfolgreich werden Bücher, wenn sie einen unterirdischen Mentalitätsstrom anstechen, der bisher noch versteckt war. Wir bereiten im Moment die Publikation von Jonathan Safran Foers Tiere essen vor. Das trifft eine solche Strömung – die Politisierung der Ernährungsfragen. Plötzlich gibt es Veganer nicht mehr nur in esoterischen Kreisen. Als Foer mir vor drei Jahren erzählt hat, dass er als drittes Buch nicht etwa einen Roman plant, sondern einen Bericht darüber, wie er Tiere befreit, da dachte ich: Jetzt dreht er ab. Mittlerweile hat er mit dem Buch in Amerika schon Geschichte geschrieben. Er hat für einen ganzen Kontinent einen Diskurs übers Ernährungsverhalten angestoßen.

Was ist Helge Malchow eigentlich für ein Chef? Mit Verlaub: Den brutalen Boss nehmen wir Ihnen nicht wirklich ab.

Mein Ideal ist, dass sich die einzelnen Mitarbeiter ohne übertriebenen Stress und übertriebene Ängste mit großer Leidenschaft ihrer Arbeit widmen können. Damit die am Ende erfolgreich ist, muss ich ihnen vermitteln, dass jede Abteilung gleich wichtig ist. Andererseits gibt es natürlich Entscheidungen, die muss der Verleger allein treffen. Kiepenheuer und Witsch ist schließlich ein hochfunktional und effektiv arbeitendes Unternehmen und keine WG.

Sie sind seit zehn Jahren Teil von Holtzbrinck, einer Verlagsgruppe. Welche Folgen hatte das?

Wir können ruhiger arbeiten. Gerade in der Medienrevolution, in der wir gerade stecken und die alles in Frage stellt, was wir seit Gutenberg kennen.

Mathias Döpfner hat kurz nach Einführung des iPads prophezeit, die Verleger würden Steve Jobs noch auf Knien dafür danken, dass er das Ding erfunden und ihnen damit den Job gerettet hat. Teilen Sie die Ansicht?

Sagen wir mal so, ich würde Steve Jobs sicher nicht als Belzebub bezeichnen. Wir müssen jetzt verlässliche neue Strukturen finden, in denen Verlage – ob Zeitschriften-, Zeitungs- oder Buchverlage – ihre Erfahrung, ihre Kompetenz, ihr Können weiter in die gesellschaftliche Kommunikation einspeisen und für diese Arbeit auch honoriert werden. Wenn man dafür verlässliche Partner findet, sei es Google oder Amazon oder Apple, dann ist das tatsächlich eine Rettung. Wenn wir den Sprung schaffen in die neue Welt der digitalen Kommunikation, können wir Dinge entfalten, von denen wir als »Contentproduzenten« bisher noch nicht einmal geträumt haben. Aber natürlich läuft da auch ein Machtkampf ab, und selbstverständlich sind im Zweifel die Hebel von Google oder Amazon etwas länger als die der klassischen Verlage.

Sie beschäftigen sich schon ihr Leben lang mit Büchern. Gibt es allergische Momente, in denen Sie keine Bücher mehr sehen können?

Ich hab das Buch nie zum Fetisch gemacht. Peter Glaser hat einmal gesagt, das beste Buch des Jahres sei für ihn »Monarchie und Alltag«, die damals neue Fehlfarben-Platte. Es kann halt sein, dass in einem Jahr ein Film, eine CD, eine Fernsehserie wichtiger sind als ein Buch. Deswegen gehe ich auch viel ins Kino, auf Konzerte, ins Theater. Und zum Fußball. Das relativiert die Bücher. Im Übrigen gilt die allergische Reaktion ja immer nur für die eigene Arbeit. Ich habe keine Probleme damit, im Urlaub die Bücher der Konkurrenz zu lesen.

Sie sind jetzt sechzig. Bei Bertelsmann müssten Sie jetzt schon in Rente gehen. Wie sieht Ihre Exit-Strategie aus?

Ich habe keine. Und ich brauche erstmal auch keine. Denn Alter ist für einen Verleger nicht nur ein Nachteil. Mein Beruf hat, um ihn erfolgreich ausüben zu können, zu meinem großen Glück in einem Maße mit Erfahrung und Erinnerung zu tun, wie kaum ein anderer in unserer Gesellschaft. Außer Antiquitätenhändler vielleicht. Erinnerung und Erfahrung sind unmittelbares Kapital für einen Verleger, vor allem in einer Zeit, in der permanent Geschichte und Gedächtnis entwertet werden und ersetzt werden durch Funktionalität und Geschwindigkeit. Deswegen bin ich da eher lässig. Egal, was passiert, ich werde auch in den kommenden zehn, 15 Jahren Autoren, Bücher und Themen entdecken. Und wenn ich sie entdecke, werde ich mein Megafon auspacken und für diese Bücher kämpfen. Ob als verlegerischer Geschäftsführer oder in welcher Form auch immer. Ich muss nur selber merken, wann ich mental müde werde und im Kopf anfange zu humpeln.

© Die Welt

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