Im Interview:

Susanne Klingner

»Selbermachen scheint auf jeden Fall ansteckend zu sein«

Die Journalistin Susanne Klingner startete den Selbstversuch. Sie wollte wissen, was die Faszination am Arbeiten mit den eigenen Händen ausmacht und warum es eine neue Sehnsucht nach dem einfachen Leben gibt.

Ein Jahr lang machte sie so viel wie möglich selbst: vom Käse bis zur Seife, vom Cocktailkleid bis zum Christstollen, von den Schuhen bis zur Zahnpasta, vom Gärtnern bis zum Renovieren. Und schrieb zu guter Letzt ein Buch darüber: Hab ich selbst gemacht. 365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte.

Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam, welche Erfahrungen sie machte, und was ihr Fazit aus diesem Do-it-your-self-Jahr ist.

Selbermachen heißt heute nicht mehr, dass blasse Frauen alleine in der Wohnstube Platzdeckchen häkeln. Vielmehr hat sich in den letzten Jahren eine neue Generation von jungen Frauen entwickelt, die das Heimwerkern, Gärtnern und Nähen zum neuen Trend aufleben lassen. Wieso hattest du das Bedürfnis, mit den eigenen Händen zu arbeiten?

Ich habe gemerkt: Die machen nix. Die hacken den ganzen Tag auf einer Tastatur herum, aber produzieren nichts wirklich – das ist doch irgendwie deprimierend. Also dachte ich mir: Die können mehr und ich probiere mal aus, was sie alles können. Ich wollte am Abend oder wenigstens am Ende der Woche sehen, was ich tagsüber gemacht habe.

Du hast dich dazu entschieden, ein ganzes Jahr lang so viel wie möglich selber herzustellen. Wie lange hielt deine anfängliche Euphorie? Hattest du dir zu viel vorgenommen oder lief alles so, wie du es dir vorgestellt hast?

Bei jeder neuen Idee, was ich als nächstes anpacken wollte, war die Euphorie wieder riesig. Und dann gab es zwei Möglichkeiten: Entweder es lief super, dann blieben Freude und gute Laune natürlich bei mir. Oder es klappte nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte – das Brot sah unappetitlich aus, die Hosentaschen wollten sich einfach nicht richtig herum einnähen lassen, die Gemüsepflanzen im Garten gingen ein anstatt eine gigantische Ernte hervorzubringen -, dann war ich schon auch immer wieder frustriert oder auch ganz ernsthaft deprimiert. Erfolg und Niederlage sind beim Selbermachen viel intensiver als z.B. bei meiner normalen Arbeit. Da kann ich einen Text auch noch mal überarbeiten; aber eine verschimmelte Zucchinipflanze ist eine verschimmelte Zucchinipflanze.

Als Journalistin beschäftigst du dich tagtäglich mit gesellschaftlichen Phänomenen, aber inwiefern wurdest du bei der Umstellung deines Konsumverhalten mit politischen Hintergründen konfrontiert – Stichwort Do-It-Yourself-Bewegung vs. H&M-Shirt ?

Wenn du zwanzig Stunden an einem Abendkleid genäht oder einem Paar Schuhe gearbeitet hast, fragst du dich ganz zwangsläufig, wie es sein kann, dass es beides auch für zwanzig Euro zu kaufen gibt. Einen Stundenlohn von einem Euro pro Arbeitsstunde fände ja jeder von uns ganz und gar inakzeptabel. Aber wenn andere Menschen unsere Konsumwaren produzieren, nehmen wir diese Ausbeutung ganz selbstverständlich hin. Jeder Mensch, der Dinge selbermacht, wird diesen Billigkonsum früher oder später hinterfrage. Gut so.

Von einen Tag auf den anderen alles selber zu machen bedeutet vermutlich eine Menge unangenehmer Einschnitte im alltäglichen Leben. Hast du dir Freiräume eingeräumt oder Regeln aufgestellt, mithilfe derer du Projekte abwägen konntest?

Ich hatte fünf Grundsätze: 1. Meinen Lebensstandard will ich beibehalten. 2. Dinge, die ich selbermachen kann, kaufe ich nicht, sondern mache sie auch selber. 3. Was einfach geht, mache ich grundsätzlich und das ganze Jahr über. 4. Was schwieriger ist, probiere ich und lasse mir eventuell helfen. 5. Nur was mich wirklich unglücklich macht, darf ich sein lassen.
Das heißt, ich musste und wollte nicht in den Wald ziehen, mir dort eine Hütte bauen und mein Essen selber jagen. Das Experiment sollte zivilisationstauglich sein, mich an meine Grenzen führen, aber ich wollte mir auch die Freiheit nehmen, Dinge sein zu lassen, wenn sie mich zu sehr deprimieren.

Wie reagierte deine Umwelt auf das Selbermachen? Hattest du viele Anhänger oder wurdest du belächelt?

Interessiert waren alle erst einmal. Und die einen sagten dann schnell, dass so ein Experiment für sie nichts wäre, weil sie »zwei linke Hände« hätten – woraufhin ich ihnen versucht habe zu erklären, dass jeder irgendetwas selbermachen kann. Die anderen waren ganz begeistert, fragten mich aus, machten Vorschläge, was ich alles selbermachen sollte und fragten dann alle paar Wochen nach, was ich in der Zwischenzeit selbst gemacht habe. Außerdem probierten viele Freunde selbst einiges aus, von kleinen Basteleien über Gemüse auf dem Balkon bis zu Selbstgestricktem. Selbermachen scheint auf jeden Fall ansteckend zu sein.

Welche Lebensbereiche hast du zum Selbermachen-Projekt erkoren?

Eigentlich alle. Vor allem in der Küche kann man ja alles selbermachen. Deswegen habe ich auch das ganze Jahr hindurch Brot und Kuchen gebacken, Butter gemacht, abends und am Wochenende warm gekocht, Marmelade eingekocht und so weiter. Dann habe ich einiges an Handarbeit ausprobiert, genäht, gestrickt, gehäkelt – denn Kleidung ist etwas, das man mit den entsprechenden Techniken sehr gut selbst machen kann. Neben diesen Alltagsdingen habe ich dann aber auch probiert, ein paar handwerkliche Projekte umzusetzen, also auch mal die Bohrmaschine und eine Säge in die Hand zu nehmen, ein paar außergewöhnlichere Dinge wie ein Paar Schuhe, Seife oder Zahnpasta selbst zu machen, und einen Garten habe ich angelegt, um mein eigenes Gemüse zu ziehen.

Inwiefern haben dir Blogs oder die gut vernetzte Online-Community der Do-It-Yourself-Bewegung helfen oder dich inspirieren können?

Das Internet ist Gold wert, wenn man zum Beispiel wissen will, wie man etwas Bestimmtes selbermachen kann. Einfach bei Google »XY selber machen« eingeben und schon kann man sich in einem Blog oder einem Youtube-Video ansehen, wie es funktioniert. Oder wenn man auf der Suche nach Geschenkideen ist: Ich habe ein paar Lieblings-Selbermachblogs als Bookmarks in meinem Browser, da klicke ich mich durch die Einträge und finde immer etwas, das der einen oder anderen Freundin gefallen könnte. Ich stelle mir das früher viel langweiliger vor: Man hat sich vielleicht mal ein Buch gekauft, in dem ein paar Strickmuster aufgeschrieben waren – aber so richtigen Austausch mit unendlich vielen Ideen und unendlich viel Inspiration, wie man sie jetzt online finden kann, das gab es ja nicht.

Und nach dem einem Jahr Selbstversuch? Was ist dein Fazit?

Schön war’s. Ich würde es wieder machen, auch wenn ich nach dem Jahr die ersten Wochen erst einmal froh war, nicht mehr ständig Brot backen zu müssen. Aber recht schnell siegte dann doch die Lust am Händebenutzen und ich saß wieder an der Nähmaschine, backte Brot und baute gemeinsam mit dem Mann eine alte Kommode um. Wer einmal mit dem Selbermachen anfängt, kann so schnell nicht mehr aufhören damit. Dafür macht es nämlich viel zu glücklich.

Hab ich selbst gemacht

Susanne Klingner

Hab ich selbst gemacht365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte

Broschur, Erscheinungsdatum: 19.05.2011

Die neue Lust am Selbermachen – das Buch zum Trendthema

Das Selbermachen ist längst zum Megatrend geworden – und es sieht ganz anders aus als früher: Baumärkte drehen die verrücktesten Werbespots, statt in den Schrebergarten geht’s zum urban gardening, Kreativ-Zeitschriften ...


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