Im Interview:

Markus C. Schulte von Drach

Markus C. Schulte-von Drach

Eine Münchner Sonderkommission ermittelt in einer beunruhigenden Mordserie. Wie ein Schatten überfällt der Mörder seine Opfer, wie ein Schatten bewegt er sich durch das Netz der Ermittlungsmaßnahmen. Spezialeinheiten, Gerichtsmedizin, modernste Kriminalistik – doch kein Hinweis auf den Täter. Sie haben die DNA, können mit Sicherheit sagen, wo sich der Täter in den letzten sechs Monaten aufgehalten hat. Sein Vorgehen ist immer gleich. Experten haben ein detailliertes psychologisches Profil erstellt, doch nichts bringt sie auch nur in die Nähe eines Verdachtes. Stattdessen geht die Mordserie weiter. Doch diesmal schlägt der Täter an den unterschiedlichsten Orten der Welt zu. Es werden brutale Überfälle aus Hawaii, Schottland und Boston gemeldet. Die Suche nach dem Mörder wird zu einem weltweiten Wettrennen: Etwas lässt sich nicht mehr aufhalten.

»Wir sind nicht fähig, frei zu entscheiden.«

Was ist die Geschichte des Buchs?

Es geht einmal um die Suche nach einem Serienmörder. Er hat kein erkennbares Motiv und die Verbrechen sind extrem brutal. Was ist das für ein Mensch? Warum tötet er? Wie wurde er zu einem solchen Monster? Und: Woran kann man ihn erkennen? Diesen Fragen gehen die Ermittler mit Hilfe von Psychologie und Profiling nach, nachdem sie sonst nicht weiterkommen. Und am Ende erleben sie eine große Überraschung. Dann gibt es mit Hans Bauer einen Polizisten, der mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Er findet während der Ermittlungen schließlich Antworten auf seine Fragen nach Schuld und Verantwortung.

Wie sahen Ihre Recherchen zu Der fremde Wille aus? Haben Sie auch in Polizeikreisen recherchiert?

Die Themen, mit denen sich das Buch beschäftigt, interessieren mich schon lange. Ich habe im Rahmen meiner Arbeit mit einigen Wissenschaftlern Interviews geführt und viel Fachliteratur gelesen. Außerdem war ein Münchner Ermittler so nett, mir mehre Stunden lang zu erklären, wie eine Mordkommission arbeitet. Ich habe versucht, die Polizeiarbeit halbwegs realistisch darzustellen. Man geht der Story zuliebe natürlich Kompromisse ein.

Wissenschaftsstoff in Thriller zu verpacken hat eine lange Tradition. Haben Sie sich deshalb für dieses Genre entschieden?

Als Wissenschaftsjournalist sehe ich mich in der Rolle eines Vermittlers zwischen Forschung und Öffentlichkeit. Thriller sind eine wunderbare Möglichkeit, dieser Aufgabe nachzukommen. Außerdem habe ich selbst eine Vorliebe für Wissenschaftsthriller.

Sie beschäftigen sich in Der fremde Wille mit Profiling und das hat offenbar viel mit Psychologie zu tun. Ist die Psychologie mit den Erkenntnissen der Neurowisschenschaft vereinbar?

Ja. Psychologen greifen auf die Erkenntnisse der Hirnforscher zurück und viele Neurowissenschaftler versuchen, Beobachtungen der Psychologen auf der Ebene der Hirnregionen und Nervenzellen nachzuvollziehen. Vielleicht kann man sagen, man nähert sich von zwei verschiedenen Seiten unserem Verhalten und der Arbeitsweise unseres Denkorgans.

Sind Sie noch fähig, frei zu entscheiden?

Nein. Keine Chance. Alle unsere Handlungen stehen am Ende einer Kette von Ereignissen, die uns genau dahin geführt haben, wo wir sind. Jeder Augenblick hängt ab vom Augenblick davor mit seinen äußeren Zwängen und inneren Zuständen. Ich versuche mal, es anders zu verdeutlichen. Sie entscheiden sich, eine Bank zu überfallen. Im Tresor finden Sie eine Zeitmaschine, mit der Sie sich genau in den Augenblick zurückversetzen, in dem Sie die Entscheidung für den Überfall treffen. Sie und die Welt sind exakt wieder so wie zuvor. Hätten Sie jetzt die Freiheit, sich gegen den Banküberfall zu entscheiden? Natürlich nicht. Sie sind, wer Sie sind, und unter bestimmten Bedingungen entscheiden Sie sich eben so, wie Sie sich entscheiden. Das geht physikalisch gar nicht anders. Selbst wenn Sie vor einer Entscheidung abwägen, ist das nur ein Prozess, an dessen Anfang schon feststeht, wie er ausgeht – von quantenphysikalischen Effekten mal abgesehen. Bleibt zu hoffen, dass die Argumente, die Ihnen zur Verfügung stehen, von vorn herein stärker gegen einen Bankraub sprechen.

»Eine der wichtigsten Regeln ist: Du sollst keine Mitmenschen töten.«

Ist der Gedanke, dass wir keine freien Entscheidungen fällen können, nicht frustrierend?

Überhaupt nicht. Unser Fühlen und Denken ändert sich ja durch diese Erkenntnis nicht. Wir haben immer ohne Willensfreiheit gelebt und werden weiter mit dem Gefühl, wir hätten sie, weiterleben. Die Hauptsache ist, dass man sich als Person mit einem Ich erlebt und unser Bewusstsein und unsere Entscheidungen in sich stimmig sind. Wir sollten nur begreifen, dass Menschen Anstöße brauchen, um sich zu verändern. Die wichtigsten Konsequenzen könnte diese Erkenntnis für unser Rechtssystem haben. Man muss die Frage nach der Schuldfähigkeit überdenken. Was nicht bedeutet, Straftäter dürften nicht mehr eingesperrt werden. Die Gesellschaft muss sich natürlich schützen.

Inwieweit spielen in Ihren Augen noch gesellschaftliche Normen, bzw. erlernte Verhaltensweisen eine Rolle?

Sie spielen eine ganz wichtige Rolle. Wenn es zum Beispiel gesellschaftlich akzeptiert wäre, andere zum eigenen Vorteil umzubringen, wäre es mit dem Zusammenleben in Gruppen, das Menschen ja offenbar bevorzugen, bald vorbei. Es funktioniert besser, wenn wir humane Regeln befolgen. Eine der wichtigsten ist: Du sollst keine Mitmenschen töten. Dieses Gebot gehört grundsätzlich ins menschliche Verhaltensrepertoire. Allerdings müssen wir lernen, wer ein Mitmensch ist und wer aus welchen Gründen doch getötet werden darf. Da sind wir offensichtlich flexibel. Sonst gäbe es keine Kriege, keine Hinrichtungen, keine Morde. Und manche Menschen lernen die Regeln aus verschiedenen Gründen nicht oder auf eine Weise, die für andere gefährlich ist.

Wie manipulierbar sind wir?

Sehr. Sonst wäre Werbung nicht so erfolgreich. Sonst würden Politiker sich nicht ständig mit Babys auf dem Arm fotografieren lassen. US-Psychologen haben kürzlich eine sehr interessante Studie veröffentlicht: Einer der Forscher fuhr zufällig mit einer Testperson im Fahrstuhl und bat sie, ein Getränk festzuhalten. Im anschließenden Experiment sollten diese Versuchsteilnehmer dann den Charakter einer bestimmten Person zusammenfassen. Die Ergebnisse fielen unterschiedlich aus, je nachdem, ob jemand einen heißen Kaffee oder einen Eistee in der Hand gehalten hatte. Wenn das schon eine solche unbewusste Wirkung hat . . . wer weiß, ob nicht auch Krankheitserreger einen Einfluss auf uns haben könnten. Im Tierreich gibt es jedenfalls eine Vielzahl von Parasiten, die das Verhalten ihres Wirtes manipulieren.

Was ist die bedeutendste Erkenntnis aus der Verhaltensbiologie?

Da gehen die Meinungen sicher auseinander. Für mich ist folgende Erkenntnis besonders wichtig: Menschenaffen zeigen Verhaltensweisen und Fähigkeiten, die unseren sehr ähnlich sind. Sogar eine Art Selbstbewusstsein wird ihnen unterstellt. Bei Tieren gehen wir davon aus, dass sich ihre Merkmale im Laufe des Evolution entwickelt haben. Das gilt dann auch für die Menschen. Es gibt nur noch wenig, wo wir Exklusivität beanspruchen können. Aber angesichts der Forschungsergebnisse spricht meiner Meinung nach mehr dafür als dagegen, dass letztlich alle menschlichen Eigenschaften das Ergebnis der Evolution sind.

Werden uns die Themen Schuld und freier Wille in der Zukunft beschäftigen?

Davon bin ich überzeugt. Die Erkenntnisse der Hirnforscher und Psychologen werden uns sogar noch stärker beschäftigen als die Gentechnik.

Auf welches spannende Thema dürfen wir uns in Ihrem nächsten Buch freuen?

Ich habe zwar schon einige Ideen, aber ich glaube, es ist noch zu früh, um jetzt schon darüber zu sprechen. Ich hoffe Sie verzeihen mir, wenn ich noch nichts verrate.

© Kiepenheuer & Witsch


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