Im Interview:

Jochen Rausch

Seit 30 Jahren erfindet der Fotograf Peter Bloom immer neue Geschichten, warum Astrid verschwunden ist, verfasst Theorien, wie es gewesen sein könnte, und lebt mit der Vorstellung, dass dieses Mädchen seine große Liebe war. Ohne ein Wort, ohne Ankündigung. Sie war einfach fort. Astrid war Peters erste Freundin. Nach monatelanger vergeblicher Suche haut er schließlich ab. Raus aus der bedrückenden Kleinstadt an der deutsch-deutschen Grenze, fort von seiner spießigen Familie, weg nach Amerika, wo er sich Bloom nennt. Erst als sein Vater im Sterben liegt, kehrt er nach mehr als 30 Jahren widerwillig zurück. Aber da ist auch diese alberne Hoffnung, Astrid zu finden.

Im Interview erzählt Jochen Rausch über die Authentizität der Geschichte und die zentralen Themen unserer Existenz, über Liebe und Tod.

»Das ewige Kommen und Gehen von Glück und Unglück«

In dem Roman geht es um das Verschwinden der 18jährigen Astrid. Im Vortext heißt es: Danke an Astrid, wo auch immer du bist. Wie authentisch ist diese Geschichte?

Tatsächlich verschwand Mitte der 70er Jahre ein Mädchen aus meinem Freundeskreis. Einfach so, an einem heißen Tag im Sommer, anscheinend ohne Grund. Alle waren geschockt. Wir waren jung und dachten bis dahin, es könnte uns schon nichts Schlimmes passieren, egal wie arg man es so trieb. Und dann so was.

Ist das Mädchen je wieder aufgetaucht?

Es ging mir nicht darum, ein Einzelschicksal zu erzählen. Es verschwinden andauernd Menschen. Manche tauchen irgendwann wieder auf, andere bleiben für immer verschollen. Die Geschichte von Astrid steht für die durch nichts zu ersetzenden Verluste, die man im Leben erfährt. Es geht um Vergänglichkeit, um das ewige Kommen und Gehen von Glück und Unglück, letztlich um die zentralen Themen unserer Existenz, um Liebe und Tod.

Restlicht wird aus der Perspektive des zurückgelassenen Freundes erzählt. Wie authentisch ist dies?

Wenn es meine persönliche Geschichte wäre, hätte ich sicher nicht die notwendige Distanz bekommen, das Geschehen literarisch zu verarbeiten. Aber diesen Fotografen, der all diese Fotos von dem Mädchen hat, den gab es wirklich. Er war sehr verzweifelt damals. Er sagte mir mal, wenn seine Freundin gestorben wäre, dann hätte er sich wenigstens von ihr verabschieden können. So blieb ihm nur ein großes dunkles Nichts. Er ist dann ins Ausland gegangen, hat eine Familie gegründet. Aber die Gedanken an das Verschwinden seiner ersten Liebe haben ihn auch dort nie verlassen.

Auch nicht nach mehr als 30 Jahren?

Das ist keine Frage von Jahren. Die erste Liebe ist für viele Menschen etwas ganz Besonderes. Ich bin irritiert, wenn jemand sagt, sich nicht an seine erste Liebe erinnern zu können. Bloom, der Fotograf, kann sich an jedes Detail erinnern. Und er hat all diese Fotos. Als er mit über Fünfzig an den Ort seiner Jugend zurückkehrt, hat man dort das Skelett einer jungen Frau gefunden. Und damit holt ihn die Vergangenheit sofort wieder ein, als sei seine Freundin erst gestern verschwunden.

Hilft es ihm, dass so viel Zeit vergangen ist, dass er älter geworden ist?

In gewisser Weise ja. Damals, als junger Typ, konnte Bloom das Rätsel nicht lösen. Aber jetzt, nach all den Jahren, wird ihm nach und nach klar, dass er den Schlüssel für das unerklärliche Verschwinden seiner Freundin schon von Anfang an bei sich trug. Ohne es auch nur zu ahnen.

In den letzten Jahren gab es mehrere spektakuläre Fälle jahrelanger Verschleppungen junger Frauen, zum Beispiel der Fall Natascha Kampusch in Österreich. Waren derartige Fälle eine Inspiration für Restlicht?

Nein, hier geht es nicht um einen Psychopathen, der Macht über einen Schwächeren ausüben will. In Restlicht handeln Opfer und Täter aus ähnlichen Motiven, sie wollen geliebt werden oder wollen jemand schützen, den sie lieben.

In die Geschichte ist die gesamte seinerzeitige Clique des Mädchens verstrickt. Sie begegnet dem Fotografen zunächst mit Argwohn, dann mit schroffer Ablehnung.

Alle fühlen Schuld. Alle haben Angst vor der großen Abrechnung. Dabei haben die Verlustgefühle des Fotografen und die Schuldgefühle der Anderen eines gemein: sie haben sich über drei Jahrzehnte gehalten und prallen jetzt aufeinander. Diese Konstellation hat mich sehr gereizt.

Bloom wirkt dabei stoisch, geht immer weiter, bringt sich in Lebensgefahr.

Ich kann darin nichts Negatives erkennen. Bloom glaubt an seine Sache, bleibt sich treu, sich und seinen Gefühlen. Das ist ihm wichtiger als alles andere.

Es gibt keinen strahlenden Helden in der Geschichte, sie gehen mit den Figuren nicht gerade zimperlich um.

Alle Figuren in Restlicht haben gute und schlechte Seiten, wenn man so will. Oft haben sie auch für destruktives Verhalten nachvollziehbare Gründe oder leiden an ihrer Schuld. Sie stehen sich also nicht wie Repräsentanten einer guten und einer bösen Seite gegenüber, sondern kommen sich eher zufällig in die Quere. Da ist kein Platz für Superhelden.

Restlicht spielt im ehemaligen Zonenrandgebiet. Sie beschreiben, dass von der Grenze zur DDR, den Minen und Selbstschussanlagen nichts mehr zu sehen ist – als habe sie nie existiert. Ist das eine Metapher für den Umgang der Deutschen mit ihrer jüngeren Vergangenheit?

Es gibt sicher eine kollektive Neigung, sich an negative oder schuldbeladene Ereignisse oder Zustände möglichst schnell nicht mehr erinnern zu wollen. Das ist aber sicher kein spezielles Charakteristikum der deutschen Seele. Eher ein allzu menschliches Verhalten, das nichts mit der Nationalität zu tun hat. Aber nicht alles, was vor Jahren war und was man vergessen will, ist tatsächlich vergessen.

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Restlicht

Jochen Rausch

RestlichtRoman

Broschur, Erscheinungsdatum: 21.08.2008

Was einfach so verschwindet, verschwindet nie ganz

Seit 30 Jahren erfindet der Fotograf Peter Bloom immer neue Geschichten, warum Astrid verschwunden ist, verfasst Theorien, wie es gewesen sein könnte, und lebt mit der Vorstellung, dass dieses Mädchen seine große Liebe war. Ohne ...


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