Im Interview:

Daniel Pennac

Er war selbst ein schlechter Schüler, einer von denen, die wie versteinert und mit dumpfem Hirn vor einem leeren Blatt sitzen oder auf Fragen mit Clownerien reagieren. Dennoch schafft Daniel Pennac schließlich das Abitur und wird – Lehrer. Aber er wird ein Lehrer, der diese Verletzungen und Demütigungen nie vergessen hat und der weiß, was es bedeutet, eine Niete zu sein. Und was es für diese Niete bedeutet, liebevolle Lehrer zu finden, die Verständnis haben und die Blockaden im Kopf lösen. In Schulkummer erzählt er von seiner eigenen Schulzeit und von den Stunden, die er später als Lehrer gibt, von seinen Methoden, um bei seinen Schülern Begeisterung fürs Lernen zu wecken. In kurzen, spritzig geschriebenen Kapiteln, im Stil an sein Erfolgsbuch Wie ein Roman erinnernd, beschreibt Pennac das Verhältnis von Schülern und Lehrern, ihren Umgang miteinander.

»Schulkummer ist ein Buch, das jeden angeht.«

Ihr Buch war in Frankreich ein Mega-Bestseller. Woher, glauben Sie, rührt dieser Erfolg? Ein ganz anderes Buch über Schule?

Vielleicht. Es ist ein Buch über den Schmerz. Über den Schmerz des Schülers, der nichts versteht, und über die Kollateralschäden bei den Erwachsenen, die mit ihm zu tun haben – Eltern und Lehrer. So gesehen ist Schulkummer ein Buch, das jeden angeht.

In Ihrem Buch Wie ein Roman erleben wir Sie als Meister des Motivierens. Sie erzählen, wie leseunwillige Jugendliche zu begeisterten Lesern werden. Geht es in Ihrem neuen Buch auch wieder ums Motivieren, ums Motivieren schlechter Schüler?

Ja und nein. Ich glaube, das Hauptthema ist die Angst des Kindes, das Probleme in der Schule hat. Und dann geht es darum, was wir Erwachsenen tun müssen, um die Kinder von dieser Angst zu heilen, um ihnen das beizubringen, das wir ihnen beibringen können.

Sie waren selbst ein schlechter Schüler und sind dann Lehrer geworden. War der eigene Schulkummer eine gute Voraussetzung für pädagogische Empathie?

Ich würde sagen, die Erinnerung an die eigenen Qualen als schlechter Schüler verwandelte sich in pädagogisches Wissen. Ich wusste, wie schmerzhaft Scheitern ist. Diese Erfahrung hat mir als Lehrer sehr geholfen, eine Erfahrung, die meinen Kollegen fehlte – fast alle waren sie gute Schüler.

Schlechte Schüler sind oft Faulpelze, Verweigerer, Aufmüpfige. Sie führen sich manchmal als Kasper auf und sind Nervensägen. Wie lässt sich diesem Problem begegnen? Gibt es Rezepte für diese Kinder, ihre Eltern und Lehrer?

Ich würde sagen, Faulheit (Frechheit, Gewalt, Auflehnung, Mogelei, Schwänzen, Ausreißen), das sind alles Folgen einer Existenz als schlechter Schüler, die wiederum ist die Folge jener Urangst, von der einige Kinder erfasst werden, wenn man ihnen Fragen stellt. Mir geht es zunächst immer um die Heilung dieser Angst. Ja, es gibt Mittel dagegen. Ich schildere sie in meinem Buch.

Manch einer prahlt, er sei – wie Einstein – ein schlechter Schüler gewesen. Nun haben Sie dem schlechten Schüler ein ganzes Buch gewidmet. Hat die Tatsache, ein schlechter Schüler gewesen zu sein, Folgen fürs Leben?

Ich glaube, der richtig schlechte Schüler brüstet sich nicht damit, einer gewesen zu sein. Nur Snobs geben damit an. Es ist eine sehr schmerzhafte Erinnerung, die beim Erwachsenen als Komplex fortbesteht, und damit brüstet man sich nicht.

Wie geht die Gesellschaft heute mit schlechten Schülern um? Wie schnell wird ein Kind aufgegeben, vor allem wenn es aus einem sozial schwierigen Umfeld, zum Beispiel aus einer Migrantenfamilie, kommt?

Ja, so ein Kind wird schnell aufgegeben. Und der Preis, den die Gesellschaft dafür zahlt, wird immer höher, denkt man an den sozialen Aufruhr.

Gibt es nach Ihren Erfahrungen eine Wechselwirkung zwischen einer unglücklichen Schulkarriere und dem Erfolgsdruck der Konsumgesellschaft?

Ja, denn der totale Konsum ist Teil einer »geliehenen Persönlichkeit«, die schlechte Schüler gern annehmen, um sich ein größeres Selbstwertgefühl vorzugaukeln.

Kinder werden heute oft sehr früh gedrillt, zu vermeintlicher Lebenstüchtigkeit erzogen, in der Hoffnung auf eine spätere Karriere. Wie sehen Sie das?

Welche Kinder? Aus welchem Milieu? Ich habe den Eindruck, dass die Kinder von heute, egal aus welchem Milieu, vor allem zu gelehrigen Konsumenten erzogen werden.

Und schließlich – wie war es bei Ihnen selbst? Wie schafft es eine Null, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden?

Durch die Begegnung mit bestimmten außergewöhnlichen Menschen, wie mein Vater, drei oder vier Lehrer, mein Bruder, meine erste Liebe… Und schließlich einfach durch den Prozess des Erwachsenwerdens, das bei mir allerdings langsamer vonstatten ging als bei anderen.

© Kiepenheuer & Witsch

Schulkummer

Daniel Pennac

Schulkummer

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 20.02.2009

Jedem Kind seine Chance

Schulkummer – Kinder, Eltern, Lehrer, alle kennen ihn. In einer gelungenen Verbindung von Kindheitserinnerungen und Lehrererfahrungen erzählt Daniel Pennac von seinem kreativen Umgang mit Schülern und ihren Problemen. Ein ungewöhnliches, ein ...


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