Im Interview:

Alina Bronsky

»Träume können sowohl beflügeln als auch lähmen«

Alina Bronsky

Spätestens seit Ihrer Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb werden Sie als aufregendste Newcomerin der Saison gehandelt. Wie fühlt sich das an?

Ich bekomme ja gar nicht mit, als was ich gerade gehandelt werde. Viel spannender ist es für mich, dass mein erstes Buch jetzt in den Handel kommt.

Sie haben Medizin studiert, als Werbetexterin und Redakteurin gearbeitet, und sind nun Schriftstellerin: Was bedeutet das Schreiben für Sie?

Ein ganz, ganz großes Vergnügen. Fast so schön wie Lesen.

Wie ist Ihr erstes Buch entstanden? Wie arbeiten Sie? Alina Bronsky: Ich ziehe mich mit meinem Notebook in eine ruhige Ecke zurück, setze Kopfhörer auf und beginne zu tippen. So war das bei Scherbenpark, und so ist es heute noch.

Wer sind Ihre literarischen Vorbilder?

Ich bewundere alle, die es schaffen, einer Szene oder einem Charakter mit sehr wenigen Worten Leben einzuhauchen. Es gibt zum Beispiel einige russische Autoren, die hierzulande völlig unbekannt sind, die diesen knappen, präzisen und trotzdem sehr lebendigen Stil meisterhaft beherrschen. Absolut bewundernswert finde ich auch Schriftsteller, die es schaffen, eine eigentlich traurige Handlung komisch und lebensfroh zu erzählen – wie zum Beispiel Irene Dische in Großmama packt aus.

Ihr Debüt Scherbenpark ist sehr energiegeladen, die einzelnen Geschehnisse werden oft nur angerissen und nicht detailliert beschrieben. Außerdem ist der Sprachstil sehr schroff und direkt. Welche Rolle spielt die Sprache in Ihrem Buch und für Sie als Schriftstellerin?

Die gleiche Rolle, die sie für die meisten Menschen in den meisten Situationen spielt: Vermittlung von Inhalten. Allerdings ist es mir wichtig, mit den Worten sparsam umzugehen. Ich möchte schnell auf den Punkt kommen und mag keine langen sprachlichen Umwege.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Unterhaltungsliteratur machen. Scherbenpark zeigt jedoch eine gnadenlose Welt, in der unter anderem Mord, Drogen und sexuelle Gewalt passieren. Wie passt das zusammen?

Ich finde, sehr gut. Ich kenne kein spannendes Buch, in dem angenehme Menschen in einem schönen Umfeld einfach nur ein glückliches Leben führen. Die Spannung entsteht ja dadurch, dass der Leser mit dem literarischen Helden seiner Wahl dessen Katastrophen durchlebt.

Desweiteren haben Sie betont, dass Ihr Buch keine Sozialreportage ist. Sehen Sie in der Fiktion dennoch die Möglichkeit, auf die Realität aufmerksam zu machen?

Sicher – jede Fiktion, selbst Fantasy, verarbeitet die Realität. Doch im Gegensatz zu einer Reportage ging es mir in diesem Buch nicht darum, Tatsachen zu beschreiben. Ich wollte eine ausgedachte Geschichte erzählen, zudem aus der sehr subjektiven Sicht einer nicht ganz einfachen Protagonistin. Auf diese Weise kann man der Wirklichkeit aber in der Tat sogar näher kommen als durch einen Tatsachenbericht.

Gibt es eine Hauptaussage in Ihrem Buch?

Nein. Mir ging es nicht um Aussagen, sondern um die spannende Geschichte.

Sascha ist sehr intelligent, stark und beinahe furchtlos. Warum haben Sie eine weibliche Protagonistin für Ihren Roman gewählt und sie in so eine raue Umgebung gesetzt?

Es ist ja keine abwegige, dafür aber eine sehr geladene Konstellation, die für mich besonders interessant war. Sascha und ihre Umgebung gehören zusammen, sie sind zwei Teile eines Ganzen, doch dadurch befindet sich Sascha in einem Spannungsverhältnis, das für sie kaum auszuhalten ist. Wenn man eine Kleinigkeit daran ändert, verändert sich das ganze Buch. Wäre Sascha ein Junge oder wäre die Umgebung weniger rau, dann wäre es eine völlig andere Geschichte, die dann auch jemand anderes schreiben soll.

Die Männer im Roman hingegen sind entweder dumm oder haben einen schwachen Charakter. Ist das in Ihren Augen ein getreues Männerbild der heutigen Zeit?

Das ist wirklich lustig: Manche werfen mir vor, ein männerfeindliches Buch geschrieben zu haben, andere finden es geradezu schockierend frauenfeindlich. Es ist eben aus Saschas Perspektive erzählt. Männer sind ihr erklärtes Feindbild, doch sie schont ja auch die Frauen nicht. Ich teile Saschas Meinung bei weitem nicht immer. Es deckt sich aber durchaus mit meiner Erfahrung, dass Frauen schwierige Situationen etwas besser meistern.

Sascha ist hin und her gerissen zwischen den Welten. Da gibt es einmal das Hochhaus-Ghetto, in dem eigene Gesetze herrschen. Zum anderen das katholische Elite-Gymnasium sowie die gut situierte Welt von Volker und Felix. Wo fühlt sich das Mädchen Zuhause?

Dort, wo es nicht so hässlich, elend und bedrohlich ist wie im Ghetto, wo sie nicht dauernd als Exotin angestarrt wird und wo sie ungestört lesen kann – also bei Volker und Felix.

Sascha hat zwei Träume, die sie sich unbedingt erfüllen will. Wie wichtig sind Träume, um in der realen Welt zu existieren?

Träume können sowohl beflügeln als auch lähmen und unglücklich machen. Da muss also jeder selber in sich hineinhorchen, wie gut er mit seinen Träumen lebt.

© Kiepenheuer & Witsch. Alle Rechte vorbehalten.


Hörprobe Scherbenpark

Scherbenpark

Alina Bronsky

ScherbenparkRoman

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 21.08.2008

Jung, schnell, scharfsinnig – willkommen in Saschas Welt!

Auch das gibt es noch: Eine junge, unbekannte Autorin bietet in einer E-Mail dem Lektor ihr Manuskript an, der lässt es sich schicken, liest es gleich und macht eine Woche später ein Vertragsangebot.  Alina Bronsky hat ...


Leseprobe - online im Buch blättern

zurück zur Übersicht aller Interviews