Trauerrede von Helge Malchow auf Dieter Wellershoff

Liebe Maria Wellershoff, liebe Irene, liebe Marianne, lieber Gerald Wellershoff,

Marianne hat uns alle in ihren Erinnerungen an ihren Vater in dieser Woche im „Spiegel“ ergreifend und voller Liebe gezeigt, was für einen besonderen Menschen die Familie am 15. Juni verloren hat.

Literaturkritiker haben ausführlich beschrieben, welch herausragende Bedeutung Dieter Wellershoffs Werk für die deutschsprachige Literatur der Gegenwart hat.

Die 9-bändige Werkausgabe, fast 8.000 Seiten, seiner Schriften dokumentiert schon quantitativ ein gigantisches Oeuvre, in dem die Romane und Erzählungen neben autobiografischen Schriften, Essays, Hörspielen, Drehbüchern, Vorlesungen, literaturtheoretischen Grundlagentexten und Gedichten stehen.

Allein dies ist eine Lebensleistung, die in ihrem Rang, ihrer Vielfalt und in ihrer Spannweite überwältigend ist. Fast nicht zu fassen ist dann allerdings, in welchem Maße Dieter Wellershoff darüber hinaus durch seine langjährige Tätigkeit als Verlagslektor bei Kiepenheuer & Witsch bundesdeutsche Kulturgeschichte geschrieben hat:

Als er 1959 im Alter von 34 Jahren von Joseph Caspar Witsch gebeten wurde, ein wissenschaftliches Programm für den Verlag zu entwickeln, sind durch ihn zwei Schriftenreihen entstanden, die „Neue Wissenschaftliche Bibliothek“ und die „Studienbibliothek“, eine in leuchtend gelben Einbänden, eine in leuchtend rot, durch die dann Generationen von Studenten der Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Psychologie, der Geschichte, der Literaturwissenschaft und Philosophie Grundlagenwissen ihrer Fächer erhielten. Ich gehörte auch dazu. Viele dieser „Reader“, insgesamt weit über 100, herausgegeben von Dieter Wellershoff in Zusammenarbeit mit bedeutenden Wissenschaftlern wie Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler, Alexander Mitscherlich oder René König sind bis heute Standardwerke, durch die die Wissenschaften der jungen Bundesrepublik nach der Düsternis der Nazizeit wieder internationales Niveau erreichten.

Aber auch damit nicht genug: Neben dieser Fulltime-Aktivität macht Dieter Wellershoff den Verlag in kürzester Zeit zu einer der ersten Adressen für neue deutsche Literatur, die K&W trotz des großen, aber singulären Heinrich Böll, dessen Bücher Dieter Wellershoff auch lektorierte, zuvor nicht gewesen war.

Dazu entwickelte er strategisch eine weitgefasste neue Realismustheorie, die „Kölner Schule des neuen Realismus“, die in die Literaturgeschichte einging. Er lancierte Anthologien und Konferenzen und wurde zum Entdecker und Förderer zahlreicher jüngerer Autoren von Nicolas Born bis zu Rolf Dieter Brinkmann. Die heutige Bedeutung des Verlags für Gegenwartsliteratur wäre ohne diesen Grundstein undenkbar.

Ich muss es als gegenwärtiger Verleger des Hauses noch anders sagen: Dieter Wellershoff war durch seine Bücher, seine Programmarbeit und seine nie abreißenden Impulse, Ideen, auch Kritik, seine Freundschaft und Neugier die geheime geistige Wirbelsäule, die das ganze Verlagsgebilde über viele Jahrzehnte hinweg trug und zusammenhielt – über drei Verleger- und Verlagsepochen hinweg bis ins Heute – über die Adenauerjahre des J.C. Witsch, die Aufbruchs- und Reformjahre nach 68 von Reinhold Neven DuMont bis in die kulturell und politisch komplizierten Jahre nach 1989, dem Ende der deutschen Teilung und des Kalten Krieges und der Jahrtausendwende mit dem 11. September 2001.

Woher nahm Dieter Wellershoff die Energie, den Antrieb für diese bestaunenswerten Höchstleistungen, für die er mit zahlreichen Preisen geehrt worden ist, leider nicht mit dem Büchner-Preis, und die ihm die Zuneigung so viel Leser, Buchhändler und Schriftstellerkollegen eingebracht hat?

Jeder, der das Glück hatte, Dieter Wellershoff persönlich zu erleben, bei der Arbeit oder privat, wusste genau, was ihn nicht antrieb: er war frei von Eitelkeit, Künstlerexzentrik, Karrierestreben, Konkurrenzdenken und Selbstdarstellung. Er war trotz seines enzyklopädischen Wissens und seiner Erfahrung bescheiden, neugierig auf andere, zuvorkommend, höflich und immer an der Sache interessiert, am Argument, nie am öffentlichen Effekt.

Meine Antwort auf die Frage nach dem Antrieb ist nicht originell, er hat sie selbst so gegeben, sie lautet: Es war der 13. Oktober 1944.

Das war der Tag, an dem Dieter Wellershoff als 19-jähriger Soldat in einer dieser monströs-sinnlosen Rückzugsschlachten an der Ostfront in Litauen schwer verwundet wurde und das Vertrauen in den geordneten Gang der Dinge verlor. Es war das Erlebnis des Ausgeliefertseins an den Zufall, der über Leben und Tod entscheidet, das Erlebnis des Sterbens von Freunden links und rechts von ihm, des Verlusts von Sicherheiten durch das Kollektiv namens Vaterland, der Verlust des Vertrauens in Autoritäten, Ideologien oder Religionen als sinnstiftende Mächte.

Für mich ist deswegen sein autobiografisches Buch Der Ernstfall nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern der Schlüssel zu seinem Werk insgesamt. Ich kenne kein vergleichbares Buch in Deutschland, das derart schonungslos, nüchtern, genau, unmittelbar und aufrichtig schildert, was es bedeutete, als Soldat die Endphase des apokalyptischen Wahnsinns zu erleben, den heute Politiker als „Vogelschiss der deutschen Geschichte“ aus der Erinnerung entsorgen wollen.

Hier entstand Dieter Wellershoff lebenslanges Schreibprojekt, seine Auffassung von Literatur als notwendiges Instrument der Erkenntnis unsres Selbst im Angesicht verlorener Sicherheiten durch vorgeprägte Instanzen und Weltbilder. Seine Idee des Schreibens als aufrichtiges Exerzitium des in die Freiheit entlassenen Menschen, auch seine spätere Idee des literarischen Schreibens als Probehandeln, als das Durchspielen von Möglichkeiten auf der Bühne des Lebens, um den immer lauernden Abgründen unseres Daseins ins Auge zu schauen.

Ich selbst hatte es wie so viele meiner Generation mit einem Vater zu tun, der ähnliche Kriegserfahrungen hatte wie Dieter Wellershoff, der sich aber ins Schweigen flüchtete, in harmlose Anekdoten. Vielleicht auch, weil ich falsch gefragt habe, selbstgerecht, um meine moralischen Gewissheiten nicht zu verlieren. Mit dem „Ernstfall“ ist Dieter Wellershoff mein später Lehrer geworden, eine Art Idealvater, durch den ich Antworten bekommen habe auf das Warum und das Wie dieser Menschheitskatastrophe. Er hat mir gezeigt, wie man sich durch Erzählen befreien kann, nie endgültig, aber immer wieder, und dass hier der humane Kern der Literatur liegt, ihre Kraft als Erkenntnisinstrument, ein Instrument, das unsere Flucht in Klischees, in Unmündigkeit, in falsche Sicherheiten bekämpft. Durch eine Sprache der nüchternen Klarheit und Genauigkeit gelang es ihm, wie er es nannte, unsere Welt „erfahrbar“ zu machen. Er wollte uns durch seine Literatur nicht wie andere Autoren „erlösen“, sondern er wollte uns umgekehrt zeigen, wie sehr unser immerwährendes Erlösungsbedürfnis uns betrügen und verführen kann.

Dieter Wellershoff nannte diese anstrengende Tätigkeit die „Arbeit des Lebens“. Das klingt nicht sehr lustig und unterhaltsam.

Als wir alle von KiWi einmal am Weiberfastnachtsdonnerstag in der Kölner Südstadt Karneval feierten und in unseren Kostümen vor dem Backes, einem Lokal, standen und sangen, kam plötzlich Dieter Wellershoff in nüchtern-zivilem Anzug an uns vorbei und hatte sofort ein paar treffende analytische Bemerkungen über den komischen Gegensatz der Situation zwischen uns und ihm parat. Dann ging er weiter. Später gesellte sich ein komischer Bär in Vollkostüm zu unserer Gruppe, spendierte Kölsch-Runden und schunkelte mit uns. Irgendwann lüftete er seine Gesichtsmaske: Es war Dieter, voller Freude darüber, dass wir ihn nicht erkannt hatten.

Hier zeigte er uns sein anderes Gesicht – seine Freude am Spiel, seine Lust am Leben, seine immer präsente Offenheit für das „Lustprinzip“, wie er es nannte, bei allem Wissen darüber, wie sehr dieses konkurriert mit dem „Realitätsprinzip“.

Mit diesem Lachen behalte ich ihn in meinem Gedächtnis als einen großen, unbestechlichen Lehrer des Lebens und des Schreibens, vor dessen Leistungen wir uns in tiefer Dankbarkeit verneigen und die wir versprechen, lebendig zu halten.

Helge Malchow
27.6.2018

Foto: © Peter Peitsch / peitschphoto.com