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Joachim Meyerhoff
© Ingo Pertramer

Der Autor

Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, war vierzehn Jahre lang Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. In seinem sechsteiligen Zyklus »Alle Toten fliegen hoch« trat er als Erzähler auf die Bühne und wurde zum Theatertreffen 2009 eingeladen. 2007 wurde er zum Schauspieler des Jahres gewählt. Für seinen Debütroman wurde er 2011 mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis und 2012 mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Im September 2016 erhielt er den Nicolas-Born-Debütpreis, den Euregio-Schüler-Literaturpreis, im Januar 2017 die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz. Im Mai 2017 wurde Joachim Meyerhoff in der Sektion Darstellende Kunst in die Akademie der Künste aufgenommen und von der Fachzeitschrift Theater heute zum Schauspieler des Jahres 2017 gewählt. 2018 erhielt er für sein Prosawerk den Jonathan-Swift-Preis für Satire und Humor. Seit 2019 ist Joachim Meyerhoff Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne.

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Hamster im hinteren Stromgebiet

Vier Monate und ein paar zerquetschte Tage nach meinem einundfünfzigsten
Geburtstag musste ich ins Krankenhaus. Notfall.
Noch immer erfüllt mich diese Tatsache mit Staunen und stets
aufs Neue – drei-, viermal am Tag – erschrecke ich, werde ich
zornig, dass das, was passiert ist, mir passiert ist und ich es mir
nicht nur ausgedacht oder gelesen habe. Ich würde die Diagnose
gerne geheim halten. Gar nicht so sehr vor den anderen, eher vor
mir selbst. Sie hat etwas Brutales und ich scheue davor zurück,
den Vorfall beim Namen zu nennen, denn die genaue Bezeichnung
klingt wie ein gezogenes Schwert, das nicht lange fackelt,
und die Bilder, die sie heraufbeschwört, sind furchtbar. Natürlich
wusste ich, dass ein Lebensfaden jederzeit reißen kann. Dennoch
möchte ich davon erzählen, wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit
der Existenz von einem Moment auf den anderen
abhandenkommt. Man eben noch das war und jetzt dies sein
soll. Und ganz nebenbei ist das Schreiben eine gute Übung für
meine linke Hand, deren Finger noch zittrig sind. Sie erinnern
sich nur noch vage an die Positionen der Buchstaben auf der Tastatur
und geben ihr Bestes, nicht vorbeizufliegen. Somit ist der
Parcours gesteckt. Mit der Rechten wird gedichtet, mit der Linken
trainiert.

Die blonde Bombe halbiert sich

Während ich mit meiner vor wenigen Wochen volljährig gewordenen
Tochter an einer Hausarbeit über Bipolarität arbeitete,
wurde mir plötzlich übel. Ich stöhnte leise auf, eher
nachdenklich als besorgt, und kniff die Augen zusammen.
»Alles klar, Papa?« »Mir wird gerade ein bisschen komisch.
Geht sicher gleich wieder.« Ich musste den Blick vom Computer
abwenden, da sich mein Unwohlsein direkt aus der unangenehmen
Lichtintensität des Bildschirmes zu speisen
schien. Ich sah auf und innerhalb der nächsten Sekunden zerfiel
der Raum um mich herum. In den Wänden der Küche
begannen Partikel zu zucken, zappelnde Einzeller aus Licht
teilten und vermehrten sich und wuselten herum wie Mikroorganismen
unter dem Mikroskop. Die Oberflächen wurden
unscharf und sanfte Wellen schwappten durchs Mauerwerk.
Zwei großformatige Fotografien meiner Töchter gerieten in
Bewegung, ihre Gesichter trieben wie in einem Horrorfilm
unter einer milchigen Eisdecke auf und davon. Die Zimmerdecke
erschlaffte, hing durch und blähte sich mir entgegen.
Ich spürte die Wölbung meiner Augen. Um nicht vom Stuhl
zu kippen, legte ich die Handflächen auf die Tischplatte.
Mein linkes Bein fing sanft zu kribbeln an, auf dem Schienbein
eine Ameisenstraße, dann stärker und verlor seine für
mich eindeutige Position im Raum. Mit einer prickelnden
Entladung wich schlagartig alle Kraft aus dem linken Arm.
Obwohl ich versuchte, meine Handflächen weiter auf das
Holz zu pressen, drehte sich die eine auf den Rücken. Ich betrachtete
das mit Schrecken, da es tatsächlich so aussah, als
würde meine linke Hand nun sterben, als hätte sie einen
Schuss abbekommen und sich wie ein Soldat im Feld einer
schweren Verwundung ergeben. Nie wieder würde ich diese
Hand bewegen können, war ich mir sicher. Mein Kopf sirrte,
schrill und ungut, und in die Gedanken hinein fiel ein gleißendes
Licht, wodurch sie wie Luftspiegelungen zerflimmerten.
Links verschwand in dieser Welle mein halbes Gesicht.
Die Empfindung in Ober- und Unterlippe wurde vertikal geradezu
chirurgisch durchtrennt. Rechts mein alter Mund,
links kein Mund mehr, dafür ein unter und auf der Haut den
Schwung meiner Lippen verwischendes Summen. »Ist wirklich
alles klar, Papa?«, fragte meine Tochter und ich antwortete
leise: »Mir geht es nicht gut.« Es war mir absurderweise
leicht peinlich, mit etwas derart Drastischem unsere Arbeit zu
stören. »Ich brauche einen Krankenwagen.« »Was hast du?«
»Ich glaube, ich bekomme gerade einen Schlaganfall. Ich
muss sofort ins Krankenhaus.« Das war eine Formel, die ich
offensichtlich verinnerlicht hatte. Jede Sekunde zählte nun.
Schlaganfall und Eile waren unzertrennliche Begriffe. Zeit ist
Hirn! Dieser Slogan hatte monatelang auf Plakaten in Wien
geprangt. Schon lange hatte ich nicht mehr am Küchentisch
in der Wohnung meiner Töchter gesessen, da ich von ihrer
Mutter seit vielen Jahren getrennt war und dieses Verhältnis
immer noch von grausamen Verwerfungen und tastenden
Annäherungen bis hin zu freundschaftlicher Zuneigung
geprägt
war. Gerade hatten wir wieder eine Phase totaler
Funkstille hinter uns gelassen und waren einander nah. Die
Verletzungen, die ich ihr zugefügt hatte, waren so tief gewesen,
dass ich sehr wohl verstand, dass jederzeit alles erneut
explodieren konnte, und das, obwohl wir bereits ewige elf
Jahre getrennt waren. Aber ihr Anrecht auf Vulkanausbrüche
blieb bestehen. Natürlich haderte ich mit der Willkür der
Eruptionen, aber sie gehörten zu uns. Ich mochte es, dass wir
durch die Kinder verbunden waren und uns etwas beieinanderhielt,
das nicht den Launen der Zuneigung unterworfen
war. Und dennoch waren elf Jahre eine lange Zeit.
Meine elfjährige Tochter kam aus ihrem Zimmer, geriet in
Panik, mich in einem derart desolaten Zustand zu sehen, und
rannte, Tränen schluckend, um mich herum. Sie hat ein schönes
und erstaunlich großflächiges Gesicht für ihr Alter und
sämtliche Gefühle bilden sich in ihren Zügen überdeutlich
ab. Schon Minuten bevor sie zu weinen beginnt, kann ich
den Kummer heraufziehen sehen. Mir ging es sekündlich
schlechter. Die Mutter meiner Töchter kam in die Küche,
zwang sich zur Ruhe und versuchte, mich zu beruhigen, bat
mich darum, etwas zu trinken, mich hinzulegen. Doch auch
wenn ich es gewollt hätte, ich konnte mich nicht bewegen.
Sie telefonierte. Es kostete alle Mühe, meinen halben Körper
auf dem Stuhl zu halten und über die wegradierte Seite nicht
in Panik zu geraten. Ich hatte Sorge, kotzen zu müssen.
»Wann kommt denn der Krankenwagen?« »Gleich da! Die
sind gleich da, Papa. Mama hat ja gerade erst angerufen.« Bereits
in diesen ersten Momenten beruhigte mich der Anblick
meiner älteren Tochter auf geradezu magische Weise. Ihre
großen, wunderschönen Augen strahlten mich an. Sie trägt
Kontaktlinsen, und auch wenn sie keinen Silberblick hat,
sieht man doch, dass ihre Sehschwäche mit über fünf Dioptrien
enorm ist. Natürlich erkannte ich auch in ihren Augen
Angst, aber sie blickte mich so offen und stark an, dass meine
Verzweiflung nicht eskalierte. »Wird alles gut, Papa. Mein
liebster, liebster Papa, es wird alles gut.« Ich nickte. Diese
winzige Neigung des Kopfes fühlte sich an, als würde ich
kopfüber in einer Schiffsschaukel über den Scheitelpunkt
kippen. Und dann folgte ein Salto des Zimmers mit mir als
Dreh- und Angelpunkt. Mit der rechten Hand hatte ich die
Tischkante gefunden und umklammert, den rechten Fuß
stemmte ich wie bei einer Vollbremsung gegen die wild an
mir zerrende Desorientierung auf den Küchenboden. Der
linke Fuß tapste mal hierhin, mal dorthin, steppte führerlos
herum. Ein verstörender Anblick außerhalb meiner Einflussnahme.
Es sah aus wie in einem Trickfilm, in dem einzelne
Gliedmaßen ein Eigenleben führen und beispielsweise nach
einem vehementen Richtungswechsel des Oberkörpers die
Beine abreißen, weiterrennen und vom Torso wieder eingeholt
werden müssen. Meine linke Hand lag wie amputiert herum
und gehörte nicht mehr zu mir. »Wann kommt der
Krankenwagen?« »Die sind unterwegs.« Die Mutter meiner
Kinder legte mir die Hand auf die Schulter, was angenehm
und irritierend zugleich war. Schon lange hatte ihre Hand
dort nicht mehr gelegen. »Mir geht’s nicht gut.« Sprechen
kann ich immerhin, dachte ich. Um mich zu vergewissern,
dass meine Erinnerung nicht gerade dabei war zu kentern
und für immer in der Tiefsee zu versinken, machte ich einen
Selbsttest und suchte nach irgendwelchen Textzeilen. Absur-
derweise verhakte ich mich in einem Schlager, an den ich
Jahrzehnte nicht mehr gedacht hatte, den aber die Attacke
nun freigeschaltet zu haben schien. Ich sang innerlich: Wenn
du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst, ein
Mädchen kann das nicht. Schau in meine Augen und dann
schau in mein Gesicht. Das ging gut. Die Reihenfolge der
Worte stimmte. Oder nicht? Gleich noch mal. Wenn du
denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst. »Juliane
Werding«, flüsterte ich. Alle sahen mich besorgt an. Meine
kleine Tochter fragte mich, was ich gesagt hätte, und ich wiederholte
es. »Juliane Werding!« Exotisch blieben die Worte in
der Luft hängen. Ich dachte schneller. Und dann noch mal.
Funktionierte. Und doch verpuffte die Gewissheit über die
Richtigkeit der Zeilen bereits mit der letzten Silbe. War denken
jetzt wie schwimmen? Würde ich ertrinken, wenn ich für
einen Augenblick mit dem Erinnern aufhörte? War die Katastrophe
im Gehirn vielleicht mit einem »Best of Verschüttet«
zu beheben? Was, überlegte ich, muss ich jetzt denken, um
auch in Zukunft denken zu können? Oder war das schon
genau
die Art wirrer Gedanken, die mich von nun an begleiten
würden? Komm, forderte ich mich auf, denk an etwas,
das seit Jahrzehnten vollkommen ungedacht geblieben ist.
Auch Gehirne sind voller Fossilien. Wenn du eine vor Ewigkeiten
abgelegte Erinnerung findest, kannst du sicher sein,
dass auch die unzugänglichsten Winkel deines Archivs nicht
eingestürzt sind. Ich hörte und roch meine kleine Tochter
hinter meinem Rücken atmen. Sie putzt ungern Zähne und
liebt Salami. Mein Kopf wollte in Ruhe gelassen werden und
doch zwang ich mich zu denken, mich durch das Wirrwarr
aus Angst und Taumel hindurchzudenken. Meine Töchter
und ihre Mutter rückten nah an mich heran. Je eine Hand in
der Luft, um mich zu beruhigen oder im Notfall zu stützen,
so wie man Betrunkene, die nicht angefasst werden möchten,
nach der Sperrstunde aus der Kneipe geleitet. Alle drei setzten
sich, standen aber sofort wieder auf, extrem ruckartig, wie ich
fand, und liefen kreuz und quer in der Küche herum. Ihre
Körper hinterließen schweifartige Schlieren in der Luft, verblassende
Kondensstreifen, gespeist aus den Farben ihrer
Kleidungsstücke. »Wie lange wird es dauern?« Ich bekam
keine Antwort oder hörte sie nicht. In meinem linken Innenohr
rangierte ein Knarzen vor und zurück. Oder hatte ich die
Frage nur gedacht und gar nicht ausgesprochen? Ich konzentrierte
mich, steckte mein Hirn in den Spitzer. Ich musste
mich durch Erinnerungen wiederbeleben, mir selbst eine
Hirnmassage verpassen. Nimm einfach alles, was aufblitzt,
forderte ich mich auf, und präzisiere es! Was kleines Heiteres,
damit dich die Zeit nicht totschlägt. Ich bin sieben und in der
Förderklasse für Legastheniker. Wir spielen Teekesselchen raten.
Ich nehme Schmied – den, der Pferde beschlägt, und den
Kette rauchenden Bundeskanzler. Alle raten, ein ewiges Hin
und Her, keiner kommt drauf. Tolles Gefühl. »Also gut«, sage
ich und lüfte mein Geheimnis: »Der Hufschmied und Helmut
Schmied.« »Der heißt Schmidt«, fährt mich die Lehrerin
genervt an: »Das ist doch kein Teekesselchen!« Sie schrieb die
beiden Worte an die Tafel. Schmidt und Schmied. Direkt untereinander,
aber ich konnte keinerlei Unterschied erkennen.
Noch Jahrzehnte später ploppte meine Enttäuschung zuverlässig
auf. Mit Legasthenikern Teekesselchen raten spielen!
Was für eine Gemeinheit. Immerhin, immerhin, dachte ich,
denken geht. Und beschloss: besser bewegungshalbiert denken
können als fidel, aber erinnerungsamputiert herumrennen.
»Wann kommt denn dieser Krankenwagen endlich?«
Die Mutter meiner Kinder drückte ihre Zigarette aus, deren
Rauch sie rücksichtsvoll weit aus dem Fenster gelehnt um die
Ecke geblasen hatte, und rief erneut bei, wie es in Österreich
wesentlich verheißungsvoller heißt, »der Rettung« an. Doch
meine Rettung ließ auf sich warten, nahte nicht. Mutter meiner
Kinder ist schon ein verlogener und letztendlich herabwürdigender
Ausdruck. Die Frau, mit der ich mal gelebt, mit
der ich zehn Jahre verbracht, mit der ich zwei Töchter habe,
wird da brutal weggeschnitten und rückstandslos ins Mutterfach
verfrachtet. Aber Ex geht noch weniger. Da saust stets
die Guillotine mit hinunter, in der die Ex exekutiert wird,
da bleibt dann nicht einmal die Mutter übrig. Meine kleine
Tochter kam zu mir und streichelte mir über den Rücken.
Es erstaunte mich ein wenig, wie ihre Berührung an einer
genauen Linie zwischen meinen Schulterblättern ins Nichts
hinüberglitt. Mitten in der Welt wird etwas unsichtbar und
dann wieder sichtbar. Mein Rücken konnte zaubern und eine
Kinderhand verschwinden lassen. Meine Zunge fühlte sich
rau und geschwollen an. Wie eine Tierzunge, dachte ich, wie
die einer uralten Schildkröte vielleicht. Die verschiedensten
Tierzungen kamen mir in den Sinn, leckten mir durch die
Gedanken. Unser Hund hatte im Zungenrosa schwarze Flecken.
Haben die Römer tatsächlich Nachtigallenzungen gegessen?
Als Kind hatte ich meine Hand in das noch zahnlose
Maul eines Kälbchens gesteckt. Es saugte mit Wildheit
und es war mir unmöglich, meine Hand zwischen dem rauen
Gaumen und der pumpenden Zunge wieder herauszuziehen.
Ich begann zu weinen. Das Kälbchen verdrehte vor Gier
seine großen Augen, sabberte und lutschte stoßweise. Meine
Mutter kam, zerrte an meinem Arm und versuchte, das Maul
aufzubiegen. Schließlich griff sie dem scheinbar völlig ausgehungerten
Tier in die Nasenlöcher, riss an dessen Schnauze
herum und es öffnete seine Kiefer. Blau angelaufen und vollgesabbert
zog ich meine Hand aus seinem Schlund heraus.
Ich weinte den ganzen Weg bis zum Haus und hielt die tropfende
Hand in die Höhe, trug sie durch das Dorf wie eine
ekelhafte Standarte.
Warum dachte ich ausgerechnet jetzt an banale Kindergeschichten?
Gab es da nichts der Hirnkatastrophe Angemesseneres?
Immer wieder rannte meine kleine Tochter zum Fenster,
um Ausschau nach der Rettung zu halten. Sie trug ein
kariertes Hemd mit Krawatte, die Haare streng zum Zopf gebunden.
Dazu ihre Brille! Sie sah aus wie ein Zauberlehrling
in Aufruhr. Einer ihrer beiden oberen Schneidezähne steht
hinter der Zahnreihe, wird mehr und mehr von den anderen
zurückgedrängt und hätte längst mit einer Spange korrigiert
werden müssen. Eines der vielen Themen, über das ich
durch die Trennung mein Mitspracherecht eingebüßt hatte.
Plötzlich rief sie: »Er ist da!« Ich hielt die Hand meiner ältesten
Tochter fest und klammerte mich an ihren Blick, der
mich immer auch ein wenig an den Blick meines mittleren
Bruders erinnert, der schon so viele Jahre nicht mehr lebt.
Ich bin tatsächlich inzwischen weit mehr als doppelt so alt
wie er, seit er mit einundzwanzig Jahren bei einem Autounfall
verstarb. Schon fünfunddreißig Jahre durfte ich länger leben
als er. Schon fünfunddreißig Jahre hab ich mich biografisch
von ihm entfernt. Schon seit fünfunddreißig Jahren versuche
ich verzweifelt, sein Verblassen aufzuhalten. Bis heute habe
ich seinen Verlust nicht bewältigt und den Schock über seinen
brutalen Tod in mir eingefroren. Auch er hatte genau wie
meine Tochter sehr schlechte Augen und nach zig Modellen
abenteuerlicher Brillengestelle bekam er Kontaktlinsen. Seine
massive Kurzsichtigkeit war im Gesicht meiner Tochter wiederauferstanden.
Wofür sie mir einerseits leidtat, andererseits
war ich aber auch oft von dieser Blickverwandtschaft gerührt.
Ich hörte Stimmen im Treppenhaus. Der in den Abstellraum
weggesperrte Hund bekam einen Kläffanfall. Das hochfrequente
Bellen ließ eine ganz bestimmte Region in meinem
Kopf schmerzen, die ich noch nie zuvor derart separiert wahrgenommen
hatte.
Zwei Sanitäter kamen in die Küche gepoltert. Schleppten
eine nie zuvor gesehene Art Krankensänfte herein. Ihr professioneller
Pragmatismus kam mir vom ersten Moment an
gestelzt vor. Sie hatten das natürlich gelernt, diese freundliche
Sachlichkeit, aber ich spürte bei einem der beiden eine
gewisse Unsicherheit. Lange, war ich mir sicher, ist der noch
nicht dabei. Mir wurde in die Pupillen geleuchtet. Mein Zustand
hatte sich in den letzten Minuten stetig verschlechtert
und die motorische Entmündigung schritt weiter voran. Ich
war zwar klar im Kopf und konnte sprechen, aber die gesamte
linke Seite war wie von einer schweren Last erstickt
und drohte mich durch ihre unkontrollierbare Schlaffheit
vom Stuhl zu ziehen. Die Gravitation hatte etwas Bösartiges
und zerrte gierig am geschwächten Teil herum. Ich fasste mir
mit der rechten Hand ins Gesicht, massierte die Haut und
versuchte zu ertasten, ob mein Mundwinkel herabhing, ob
mich das für Halbseitenlähmungen typische Erscheinungsbild
bereits verunstaltet hatte. Doch ich konnte keinerlei Verzerrung
feststellen. »Können Sie den linken Arm bewegen?«
Ich schüttelte den Kopf und wurde durch die Bewegung
abermals von einem heftigen Über- und Nachschwappen
des Raumes überrollt. Mir wurde schwindelig. So schwindelig
wie noch nie. Die Winkel des Zimmers schwangen auf
und zu, schnappten nach mir. Die gesamte Geometrie
des Raumes war in Auflösung begriffen und drehte mich durch
die Mangel. Gegenstände und Wände gaben ihre feste Form
auf, fransten aus, wucherten in- und übereinander, schmolzen,
verflüssigten sich und schlugen über mir zusammen, verschluckten
mich. So, das war es, dachte ich, jetzt kotz ich und
kipp um. Doch dann beruhigte sich der Raum wieder, gewann
an Kontur und der halbe Mensch, den ich noch spürte,
kauerte nach wie vor am Tisch. Für Momente war mir gewesen,
als ob zwei verschiedene Arten von Anziehung auf mich
eingewirkt hätten. Die eine Kraft hatte alles Physische nach
unten wegsacken lassen, die Organe wie aus einem großen Eimer
einfach auf die Fliesen geleert, die andere Kraft aber hatte
alle Bilder und Gedanken nach oben weggesogen. Die Finger
der linken Hand, der ganze linke Arm hatten ihre Form verloren
und brannten lichterloh. Die Sanitäter klappten ihre Koffer
auf und sortierten Gerätschaften auf den Tisch. Der Ältere
war beleibt, schnaufte und war unzweifelhaft der Chef, der
Ich-habe-schon-alles-gesehen-Typ, der Jüngere hingegen war
vermutlich ein Zivildienstleistender oder, wie es im Österreichischen,
die Unterwürfigkeit betonend, heißt: ein Zivildiener. Er hatte am Unterarm
eine Tätowierung, ein Dreieck, das eine Pizzaschnitte samt einer Scheibe Salami
und einem Champignonumriss darstellte. Selbst in meinem besorgniserregenden
Zustand wunderte ich mich über die stümperhafte
Selbstverschandelung. Wer tätowiert sich freiwillig ein Stück
Pizza in die Haut? Mir fiel ein, dass mir meine älteste Tochter
genau diesen Trend einmal zu erklären versucht hatte. Keine
farbenfrohen Drachen oder asiatischen Schriftzeichen seien
mehr in Mode, sondern selbst oder von Freunden gestochene
Motive. Man sitzt im Park, hatte sie geschwärmt, trinkt Bier,
kifft ’ne Runde und braucht nichts weiter als eine Nadel und
die Patrone aus dem Füller. »Einer aus meinem Jahrgang«,
berichtete sie, »hat sich ein Eis tätowiert.« »Toll.« »Und eine
Freundin von mir eine Brezel.« »Eine Brezel? Das kann nicht
dein Ernst sein? Als ich so alt war wie du, haben sich viele
das Yin-und-Yang-Zeichen tätowiert. Und jetzt Brezeln?«
»Du verstehst das nicht, Papa. Es geht eher ums Machen als
ums Haben.« »Aber das Machen dauert einen Abend, das Haben
den Rest des Lebens.« »Es spielt einfach gar nicht so eine
Rolle.« 
»Spüren Sie das?« Der Unsichere der beiden Sanitäter
strich mir über den Arm. Ich hatte zwar seine Hand die Bewegung
machen gesehen, aber nichts davon gemerkt. »Nein.«
»Und das?« Er hob meinen Pullover hoch und pochte mir
auf die Brust. »Ich spüre den Druck, aber nicht die Berührung.
« »Bitte versuchen Sie doch mal, die linke Hand zu bewegen
und sie sich auf den Kopf zu legen.« Ich sah mir meine
verblichenen Finger an. Ich wusste nicht, auf welcher Nervenbahn
ich ein Signal hätte senden können. »Geht leider
nicht.« Zu zweit hoben sie mich in die Höhe und bugsierten
mich in die absurd anmutende Trage hinein. In solchen Dingern,
dachte ich, trägt man tattrige Grafen die Wendeltreppe
hinauf, um sie zu entsorgen und in den Burggraben plumpsen zu lassen.
Ich sah meine älteste Tochter an und flehte:
»Kannst du bitte mitfahren? Bitte.« Ich glaube, ich war eigenartig
laut, und während ich angeschnallt wurde, rief ich ihrer
Mutter zu: »Bitte, kann sie mitfahren?« »Na klar fährt sie
mit!« »Ich komm mit, Papa. Klar komm ich mit.« »Und bitte,
ruf Sophie
an.« »Natürlich, Josse, mach ich.« Josse war der
Name, an dem die Mutter meiner Töchter für mich in all den
Jahren seit der Trennung festgehalten hatte. Eine Vertraulichkeit,
die es über alle Gräben zwischen uns hinweg in die Jetztzeit
geschafft hatte. Sie sah mich an. »Das wird wieder gut
werden, Josse! Ganz sicher. Wir sind bei dir.«

Und der Gewänder flatternde Bänder

Schaukelnd, mit schlackernden Gliedern, ging es die Treppe
hinunter. Intensiv vertont vom Schnaufen der Sanitäter. Ihr
Keuchen klang wie ein Vorwurf: Patient zu groß, Patient zu
schwer, zu viele Treppen. Sie atmeten mir sozusagen direkt
ins schlechte Gewissen. Die Klappen des Krankenwagens
standen bereits offen, standen eigenartig schräg in der Luft.
Ich machte mir sogleich Sorgen um deren Aufhängung, wies
die Sanitäter auf die Fehlstellung der Scharniere hin. »Da
stimmt doch was nicht mit Ihren Türen.« Meine Tochter sah
mich fragend an und ich begriff, wie verschroben meine Beobachtung
klang. Sie hievten mich in das geöffnete Maul.
Abtransport einer gekappten Marionette. Im Inneren wurde
ich – eins, zwei, drei, hau ruck – in einen anderen Stuhl hinübergewuchtet
und abermals angeschnallt. Auf der tauben
Nackenseite verkrampfte sich meine Muskulatur und zog mir
den Schädel Richtung Schulter. Der eine Sanitäter war völlig
außer Atem hinter dem Steuer verschwunden, der andere
nahm einen Telefonhörer von der Wagenwand. »Wir bringen
Sie in eine Stroke-Unit-Ambulanz. Wir brauchen jetzt nur
noch die Zuweisung, dann geht’s auch schon los.« »Wie lange
wird das dauern?«, fragte ich. Meine Übelkeit dehnte sich immer
weiter aus. »Zwei, drei Minuten. Maximal.« Meine Tochter
hatte sich nah zu mir gesetzt und beruhigte mich. »Sehe 
ich irgendwie komisch aus?«, fragte ich. »Nein, null, Papa.
Du siehst aus wie immer.« »Spreche ich undeutlich?« »Nein,
kein bisschen.« Ich war mir nicht sicher, ob sie mir die Wahrheit
sagte. Meine Zunge steckte in einer gefühllosen Hülle,
wie in einem pelzigen Präservativ, und wenn ich sie im Mund
herumschob, fühlten sich meine Zähne weich an. So als
könnte ich sie mit der Zunge linksseitig aus dem Zahnfleisch
herausdrücken. Wir warteten. Auf der Straße fuhr eine der
für Wien so typischen Kutschen vorbei, deren Hufgetrappel
mir immer schon ein wenig zu kitschig geklungen hatte. Unglaubwürdig
laut, so als hätten die Fiaker verborgene Lautsprecher
integriert, die den perfekten Hufsound verstärken,
knallten die traurigen Gäule ihre Eisen aufs Pflaster. Ich hörte
das Getrappel und war für einen Augenblick heilfroh, dass
ich gleich mit einem Krankenwagen davonbrausen und nicht
mit einer Krankenkutsche in ein vorsintflutliches Spital verfrachtet
werden würde, wo die Ärzte Leichengift unter den
Fingernägeln hatten und ein Aderlass das Nonplusultra aller
medizinischen Weisheit war. Besser Gaspedal als Galopp.
Mein Zeitgefühl war ebenso wie mein Raumgefühl verrutscht
und eine aberwitzige Wahrnehmung streifte mich. Was, wenn
das taube Fleisch in kribbelnder Schwerelosigkeit konserviert
werden würde? Denk nicht so einen Blödsinn, befahl ich mir,
fang nicht an, verrückt zu spielen. Es kostete mich mehr und
mehr Mühe, den Kopf aufrecht zu halten. Ich kämpfte sehr
darum, nicht zu weinen. Ich konzentrierte mich ganz bewusst
darauf, zu atmen, ein, aus, ein, aus, und die Fragen zu beantworten,
die mir sporadisch vom Sanitäter gestellt wurden.
Beim ersten Durchgang dachte ich tatsächlich noch, dass es
um das Abklären wichtiger Informationen ginge, doch dann
wiederholten sich die Fragen. »Wie heißen Sie?« »Wann sind
Sie geboren?« »Wie alt sind Sie?« »Wie ist Ihre Adresse?« Da
begriff ich, dass es um nichts anderes ging als darum, mich in
gedanklicher Bewegung zu halten, mich nicht wegdriften zu
lassen. Mir ging die Fragerei auf die Nerven. Das Blaulicht
rotierte tonlos über die Hausfassaden. Ich hatte damit gerechnet,
dass mit dem Eintreffen der Sanitäter meine Rettung beginnen
würde, aber da hatte ich mich gründlich geschnitten.
Es gab Probleme bei der Zuteilung. »Bitte, wir müssen jetzt
mal los. Es ist doch wichtig, dass ich schnell ins Krankenhaus
komme.« Ich bemühte mich redlich, nicht vor Angst zu kollabieren,
und drückte eine der Töchterhände, die bei Kälte
sehr rau werden. Sie hat ihre Salben-, Creme- und Sonnenmilch-
Abscheu nie ganz überwunden. Was waren das für
Kämpfe am Ostseestrand mit ihr als Kind! Das gegen seinen
Willen eingecremte Mädchen schmeißt sich in den Sand,
wälzt sich und rast als panierter Derwisch auf und davon.
Meine Kraft entwich den Muskeln und zu einem Häuflein
Elend zusammengeschrumpft saß ich im Krankenwagen. Ich
versuchte, meine linken Finger zu bewegen, mit aller Gewalt,
und als es gelang, war es, als liefe Elektrizität durch die Hand.
Ein heftiger Stromschlag, der die Glieder meiner Finger wie
frisch geköpfte Aale zucken ließ. Unter größter Anstrengung
machte ich eine Faust und der Stromkreis schloss sich. Meine
Hand war wie ein Käfig voller irregeleiteter Impulse. So als
hielte ich in ihr eine Brut ungestümer frisch geschlüpfter
Blitze verborgen. Wie das zappelte und zuckte. Die drohende
Ohnmacht tanzte um mich herum, war mal vor mir, mal hinter
mir, umkreiste meine Stirn und schoss mir im Sturzflug
mit zusammengefalteten Schwindelschwingen in die Magengrube.
Meine Tochter forderte den Sanitäter auf, noch einmal
in der Zentrale anzurufen. »Es tut mir leid, ich kann da nichts
machen. Wir brauchen einen Platz für ihn in der Stroke.«
»Aber verdammt, warum dauert das so lange?«, rief sie schon
lauter. »Sie sehen doch, wie es meinem Vater geht.« »Ich
müsste jeden Moment die Zuteilung bekommen.« Wir warteten.
Ausnahmezustand im Stillstand. Ich schützte meine
Augen mit der rechten Hand vor dem Neonlicht im Wagen
und flüsterte: »Das kann doch nicht sein, dass wir hier jetzt
ewig rumstehen.« »Es geht sicher gleich los, mein liebster
Papa.« Es roch nach Zigarettenrauch und ich vermutete, dass
sich der wieder zu Atem gekommene Sanitäter hinter dem
Steuer eine angesteckt hatte. Päuschen und Panik, Luftlinie
nur einen Meter voneinander entfernt. Ich versuchte, am Gestank
vorbeizuatmen. Doch da sah ich einen paffenden Chinesen
durch das schmale Heckfenster blicken. Ich erkannte
ihn sogleich als den Besitzer und Koch des Restaurants im
Erdgeschoss. Er machte die Daumen-hoch-Geste, als stünde
eine Space-Shuttle-Mission bevor, und grinste ein schwarzlöchriges
Lächeln. Meine kleine Tochter verbrachte in seinem
Restaurant gerne Zeit, da er ebenfalls eine Tochter hatte und
sie umsonst Eierreis futtern durfte, so viel sie wollte. Einmal
hatte sie gesehen, wie der Besitzer seiner Tochter mehrmals
ins Gesicht geschlagen und sie auf Chinesisch angeschrien
hatte. »Die ist sechs Jahre alt und hat nicht mal geweint,
Papa. Kerzengerade ist sie dagestanden und der hat zugeschlagen.
Und ich weine schon, wenn du zu mir sagst: ›Bürste
mal deine Haare, du siehst aus wie Catweazle.‹ Dabei weiß
ich nicht mal, wer das sein soll.« Meine ältere Tochter hingegen
hasste das Restaurant, da die Gäste im sogenannten
Schanigarten
herumgrölten. Das markant zerfurchte Gesicht
des Restaurantbesitzers hing wie ein zerknitterter Lampion
im Krankenwagenfenster und leuchtete gespenstisch im Blaulicht.
Um ihn loszuwerden, machte auch ich die Daumenhoch-
Geste. Er nickte und verschwand. Meine Tochter flüsterte
ihren momentanen Wortfavoriten, der eigentlich immer
passte: »Absurd.« »Dieses Warten macht mich mürbe«, sagte
ich und mehrmals: »Mir geht’s nicht gut, Mumme.« Abermals
hörte ich das Schlagen von Hufeisen und während ich
meine linke Hand mit der Rechten knetete und mein anarchischer
Fuß seine nervöse Choreografie abhüpfte, dachte ich
an eine Kutsche, die ich eines Morgens mit meiner älteren
Tochter zusammen gesehen hatte. Wir hatten, wie eigentlich
immer an Sonntagen, die Wohnung gleich nach dem Aufwachen
leise verlassen und ihre Mutter schlafen lassen. Wir spazierten
durch das menschenleere Wien, als wir aus der Ferne
wildes Hufgeklapper vernahmen. Wir sahen die schnurgerade
Straße hinab. Eine schwarze Kutsche, gezogen von schwarzen
Pferden mit weißen Gamaschen, kam herangeprescht. Noch
nie hatte ich einen der Fiaker in solchem Tempo gesehen. Die
oft erbärmlich abgehalfterten Tiere waren normalerweise in
ihrem Trott gefangen und die Scheuklappen wiesen den müden
Blick um die ewig gleichen historischen Ecken. Doch
diese Pferde galoppierten mitten durch den dritten Bezirk.
Die Kutsche kam näher und ich sah, dass niemand auf dem
Kutschbock saß. Keine Melone weit und breit über dem vom
vielen Warten dick gewordenen Fiakerfahrergesicht. Ich
nahm meine damals noch kleine Tochter an den Schultern
und zog sie von der Straße weg in einen Hauseingang. Die
Kutschpferde dampften vorbei, entfesselt, schwarz glänzend
und schäumend, die Hufeisen in die sonntägliche Morgenstille
knallend. Bei der kleinsten Unebenheit des Asphaltes
hüpfte der Fiaker und hob ab, so schnell war er. Meine Tochter
und ich waren überwältigt vom höllischen Gefährt und
sahen ihm, vorsichtig aus dem Eingang tretend, hinterher.
»Wow!«, staunte meine Tochter. Am nächsten Tag stand die
Geschichte in der Zeitung. Der restalkoholisierte – oder wie
es im Wiener Idiom heißt: »restfette« – Fiakerfahrer war direkt
nach dem Aufschirren vom Kutschbock gefallen und
hatte seine Tiere dadurch dermaßen aufgescheucht, dass sie
den gesamten Weg vom außerhalb der Stadt gelegenen Stall
bis zum Stephansdom durchgaloppiert waren. In den engen
Gassen der historischen Altstadt war der Fiaker umgestürzt,
was die Tiere aber nur weiter aufgestachelt hatte. Mit Vollspeed
ging es durch die weltberühmte Wollzeile. Seitlich hin
und her rutschend demolierte die Kutsche über fünfundzwanzig
Autos. Doch die Pferde ließen sich nicht irritieren
und rasten bis zum Ziel, wo sie schnaubend mit zertrümmerter
Kutsche stehen blieben und auf Touristen zu warten begannen.
Als Erste in der Reihe!
Der Sanitäter sah auf die Uhr und wurde selbst allmählich
unruhig. Er stand auf, klopfte an eine kleine Scheibe, die der
Fahrer vorne beiseiteschob. Ich verstand nicht, was sie sagten,
und es kam mir so vor, als hätten sie absichtlich stark im österreichischen
Idiom gesprochen. Er schob das Türchen wieder
zu. »Vielleicht müssen wir den Einzugsbereich erweitern,
wenn im Stadtzentrum nichts frei ist.« »Aber wie kann das
denn sein?«, fragte ich. »Können wir nicht einfach losfahren?
Bringen Sie mich doch in irgendeine Notaufnahme. Ins
AKH!« »Das geht nicht. Die schicken uns weg. Sie müssen in
eine Stroke.« »Wie lange stehen wir hier denn schon?« »Zwanzig
Minuten bestimmt«, fuhr meine Tochter den Sanitäter an.
Und ihr erregter und sehr direkter Tonfall ließ den jungen
Mann ängstlich die Augen niederschlagen. Hatte es mich
etwa durch einen dummen Zufall genau an dem Wochentag,
genau zu der Tageszeit erwischt, zu der auch viele andere zusammengeklappt
waren? Gab es so etwas wie eine Stoßzeit für
Schlaganfallkandidaten? Da rief meine Tochter. »So geht das
hier nicht weiter! Wir stehen seit über fünfundzwanzig Minuten
auf dem Gehweg herum. Sie rufen da jetzt so lange an, bis
Sie einen verdammten Platz für meinen Vater bekommen.«
»Aber ich sag Ihnen doch, dass das nichts bringt. Die wissen,
dass wir hier stehen.« Ich mischte mich ein und rief: »Zeit ist
Hirn!« »Papa, ich mach das schon! – Das ist mir scheißegal.
Rufen Sie an! Los, mach schon!« Der Wechsel vom Sie zum
Du hatte es in sich. Obwohl es mir wirklich dreckig ging, war
ich in diesem Augenblick so schwer beeindruckt von meiner
Tochter, dass ich sogar halbseitig ein wenig lächeln musste.
Ich sah ihre klaren Augen, ihr wunderschönes offenes Gesicht
und hörte mit Staunen diese Entschiedenheit in ihrer Stimme.
Natürlich wusste ich, dass sie erwachsen war, selbstverständlich
hatte mir dies auch ihr achtzehnjähriger Geburtstag unwiderruflich
klargemacht, aber dass sie es wirklich war, begriff
ich restlos erst in diesem Augenblick. Ich brauchte hier rein
gar nichts in die Hand zu nehmen. Sie würde dafür sorgen,
dass ich rechtzeitig in ein Krankenhaus käme. Ich sackte im
Stuhl zusammen und ließ sie einfach machen. Dieser Augenblick
sollte mich im Nachhinein noch oft beschäftigen, da er
so punktgenau
den Moment markierte, da sich unser Verantwortungsverhältnis
erstmals umkehrte. Achtzehn Jahre lang
hatte ich ununterbrochen diese Verantwortung innegehabt.
Und durch die Trennung hatte sie sich noch entschieden potenziert.
Tausende Male hatte ich auf Gehwegen und Spielplätzen,
in Schwimmbädern oder auf Rolltreppen »Vorsicht!«
gerufen, hatte Hunderte Gläser voller Saft aus dem Fuchtelbereich
geschoben und mir Abertausende Gedanken gemacht,
wenn es meiner Tochter nicht gut ging. Und jetzt das.
Meine Verantwortung für sie hatte abgedankt und saß zusammengesunken
im Krankenwagen, während ihre Verantwortung
für mich jung und wild ihr Recht einforderte. »Mach
schon! Ruf da an!« Der Sanitäter wählte die Nummer. »Wir
stehen hier schon länger und brauchen dringend eine Stroke.«
Er nickte ein paarmal und hängte ein. »Die schätzen das null,
wenn man denen Druck macht.« »Mir egal. Was haben sie gesagt?
« »Sie erweitern die Anfrage jetzt auf alle spezialisierten
Stationen. Auch in der Peripherie.« »Wie lange wird es
dauern?
« »Müsste gleich losgehen. Aber die Fahrt wird dann
halt eventuell weiter sein.« »Egal!«, rief sie, »Hauptsache, es
passiert
mal was!« Nach fünf Minuten sagte sie: »Los, ruf wieder
an!« »Das kann ich nicht machen. Ich krieg da voll Ärger.«
Der Zivi verlor rapide an Umfang und steckte zunehmend
windig und inkompetent in seiner Sanitäteruniform. »Ruf
an, Mensch!« Ich war entzückt von meiner Tochter! Wie aufrecht
sie dasaß, mit ihren offenen Haaren und der lauten, fordernden
Stimme. Sie machte richtig Rabatz in der Karre. Der
junge Mann wählte erneut, wischte sich schweißigen Glanz
von der Stirn. Er sah kreuzunglücklich aus. »Ja, ich bin es
schon wieder. Ich brauch jetzt wirklich eine Zuteilung. Ich
hab hier einen akuten Notfall und wir stehen hier seit über
einer halben Stunde.« »Vierzig Minuten!«, brüllte meine
Tochter in Richtung des Telefonhörers. Man hörte jemanden
durch die weiße Muschel schreien, woraufhin der Zivildiener
wie beim Jüngsten Gericht seinen Namen nannte, nicht
strammstand, aber doch strammsaß und ihn dann lauter ein
zweites Mal wiederholte. »Johann Weidenfeller.« Nie wieder,
dachte ich, würde ich diesen Namen vergessen. Johann Weidenfeller
mit der Pizzaschnitte auf dem Arm. Er hängte ein
und schlug die Hände vors Gesicht. Kurz darauf klingelte das
Telefon und er bekam die Adresse eines Krankenhauses genannt,
rief sie dem Fahrer zu, der das Martinshorn aufheulen
ließ und den Motor startete. Endlich wurden die, wie es mir
vorkam, nur noch halbherzig über die barocken Fassaden rotierenden
Farben mit Filmmusik unterlegt. Mit quietschenden
Reifen kachelte der Krankenwagen in das Kurvenwirrwarr
der Stadt hinein. Mir war es vollkommen egal, wo sie
mich hinbringen würden. Die Angst, nicht nur Koordinations-,
sondern auch Gedankenschärfe eingebüßt zu haben,
überfiel mich erneut mit aller Wucht. Was, wenn ich nie wieder
Theater würde spielen können? War ein Schlaganfall nicht
das Unglücksszenarium schlechthin für einen Schauspieler?
Nicht mehr klar formulieren, keine Texte mehr memorieren
zu können, wäre mein Untergang. Das war doch wie Pianistenfinger
in der Kreissäge, Hörsturz bei Piloten, Achillessehnenriss
bei Tänzern. Um mich zu prüfen, sagte ich einen Text
auf, den ich schon seit langer Zeit auswendig kannte und den
ich mir immer gerne beim Joggen hersagte, um mich von der
Erschöpfung abzulenken. Der Text hatte einen guten Rhythmus,
die Verse federten leicht wie junge Gelenke. Ich suchte
nach einer sicheren Sitzposition, drückte meine lebendige
Flanke gegen die Lehne und flüsterte: Schwindet, ihr dunklen
Wölbungen droben! Reizender schaue freundlich der blaue Äther
herein! Wären die dunklen Wolken zerronnen! Sternelein funkeln,
mildere Sonnen scheinen darein. Himmlischer Söhne geistige
Schöne, schwankender Beugung schwebet vorüber. Ich war
überrascht, wie gut die Zeilen passten. Dann kam meine
Lieblingsphrase, da man sprachlich ungeheuer Schwung aufnehmen
konnte und sie sich gut für einen Spurt eignete: Und
der Gewänder flatternde Bänder decken die Länder, decken die
Laube, wo sich fürs Leben, tief in Gedanken, Liebende geben.
Laube bei Laube! Denken konnte ich die Zeilen, aber obwohl
ich nur flüsterte, spürte ich ganz deutlich, dass meine Artikulation
eingeschränkt war. Die weichen Zähne, die geschwollene
Zunge, die halbierten Lippen machten eine deutliche
Aussprache unmöglich. Ich bäumte mich auf und warf mich
gegen den Gurt. Meine Tochter erschrak, stützte mich, so gut
sie konnte, an der Schulter und drückte mich mit Kraft zurück
gegen die Lehne. »Was ist los, Papa? Was ist denn? Wir
sind gleich da.« »Kannst du mich gut verstehen?« »Was?«
»Verstehst du alles, was ich sage?« »Ja, klar. Jedes Wort.«
»Klinge ich nicht komisch?« »Nein.« »Hör mal: Wo wir in
Chören Jauchzende hören, über den Auen Tanzende schauen, die
sich im Freien alle zerstreuen.« Durch Lautstärke und Überartikulation
versuchte ich die Beweglichkeit der Zunge zu steigern,
durch Grimassen das Taube im Mund abzusprengen.
»Einige klimmen über die Höhen, andere schwimmen über die
Seen, andere schweben, alle zum Leben, alle zur Ferne liebender
Sterne, seliger Huld.« Der Sanitäter sah während meiner verzweifelten
Rezitation starr auf den gewellten Boden des Wagens.
»Klingt das ganz klar?«, rief ich. »Ja, Papa. Total, wie immer.
« »Es fühlt sich so komisch an, wenn ich spreche. Als
würde nur Brei herauskommen.« Da ich nicht vorhersehen
konnte, in welche scharfe Kurve der Wagen als Nächstes einbiegen
würde, war ich den Fliehkräften wie ein Blinder im
Autoscooter ungeschützt ausgesetzt. Auch fehlten mir, um
mich zu stabilisieren, halbseitig die nötigen Reflexe. Mein linker
Nackenmuskel, meine gesamte linke Schulter schienen
wie billiges Fleisch in der Pfanne zusammengeschnurrt zu
sein: heiß, klein und sehnig. Ich sah mich gespiegelt im Fenster:
todernst und verängstigt. »Wie lange wird es noch dauern?
«, fragte meine Tochter den Sanitäter. »Wir waren da
auch noch nie. Ist außerhalb der Stadt.« »Ruf doch bitte Sophie
an und sag ihr, dass sie kommen soll.« »Ich hab Mama
schon geschrieben. Sie sagt ihr, wo sie hinmuss.« »Gut. Mir
ist so schlecht.« Die Mutter meiner beiden Kinder benachrichtigt
die Mutter meines einen Kindes, dachte ich und
wurde schlagartig glücklich, dass der Ernst der Situation uns
alle zumindest für den Augenblick ins Versöhnliche führte.
Kurz bedauerte ich es, kein Simulant zu sein, der durch eine
hanebüchene Show alle jemals gegen ihn erhobenen Vorwürfe
einfach hinwegfegte. Ich begann zu würgen und zu
schlucken. »Mir ist so wahnsinnig übel.« Ich hatte den Satz
noch nicht zu Ende gesprochen, da hatte mir der Sanitäter
schon eine Kotztüte gereicht. So engagiert hatte ich ihn bis
dahin noch nicht gesehen. Kurve für Kurve ging es durch ein
heimtückisches Labyrinth. Immer wieder suchte ich den
Blick meiner Tochter und sie strahlte mich an. Das gibt es
nicht oft, wurde mir klar, dass sich Kinder und Eltern lange
in die Augen sehen. Ich dachte an eine andere Höllenfahrt,
die ich vor Jahren mit ihr durchlebt hatte. Ständig waren wir
zusammen in der Stadt unterwegs gewesen, waren herumgestromert
oder gemeinsam auf einem Tretroller – meine großen
Hände außen auf der Lenkstange, ihre kleinen Hände innen
– herumgefahren.
An einem Morgen waren wir wie
immer früh aufgebrochen und hatten ein Sommerfest verschiedener
linker Vereinigungen auf der sogenannten Jesuitenwiese
im Wiener Prater besucht. Kommunisten, Anarchisten
und die Grünen brieten Würstchen und als Stargast
wurde Hugo Chávez aus Venezuela erwartet. Es gab ein nostalgisch
abgeblättertes Ufo-Karussell, das seinen Betrieb zum
Kummer meiner Tochter noch nicht aufgenommen hatte.
Das war natürlich genau die Situation, wo man als Vater
punkten sollte. Ich lief zum Besitzer, bat ihn um eine Extrafahrt
zum Sonderpreis. Trotz seiner grundsoliden antikapitalistischen
Haltung trieb er den Preis in unverschämte Höhen.
Wir durften einsteigen und zwängten uns in die enge Kapsel.
Steil hoben wir ab, waren erst langsam, wurden dann immer
schneller im Kreis gedreht, wobei unser Flugobjekt sich auf
und ab bewegte. Wir waren erstaunlich hoch in der Luft, sicherlich
vier, fünf Meter über dem Boden. Meine Tochter
konnte auf eine Hupe drücken und lachte, zog sich das Haargummi
vom Zopf, lehnte sich seitlich hinaus und schloss die
Augen. Nach einigen Runden begann mein Magen zu rumoren
und ich hielt nach dem Besitzer Ausschau. Zu meinem
Entsetzen war sein Kabuff leer. Runde für Runde kreisten wir
über globalisierungskritischen Bannern und langhaarigen
Kindern, die ihren langhaarigen Eltern dabei halfen, Stände
aufzubauen. »Wow, Papa! Wie lange wir fliegen dürfen.
Danke, Papa, danke!« »Mir langt es, ehrlich gesagt!« »Warum
denn das?« »Mir wird langsam schlecht.« Ich drehte und verschraubte
den Kopf auf der Suche nach dem desertierten
Besitzer.
Ein erster Geschmack von Erbrochenem kroch
meine Speiseröhre hoch. Da entdeckte ich ihn gestikulierend
an einem der Würstchenstände mit einem Kumpel beim
Morgenbierchen. Er hatte uns tatsächlich in seinem beschissenen
Ufo-Karussell vergessen. Ich fing an zu brüllen: »Ey,
wir wollen runter! Halloo! Haaalllloooo! Hier oben!« Den
Blick meiner Tochter werde ich nie vergessen. Verständnislos
sah sie ihren in Verzweiflung ausbrechenden Vater an. Mir
kam es so vor, als würde sich das hauchdünne Metall des Ufos
um mich herumbiegen.
Gleich würde die Kapsel abreißen
und ich als reiherndes Geschoss in die Baumkronen katapultiert
werden. »Eyyyyy du, Typ! Hey, hier oben!« »Papa, bitte!«
»Hilfe! Stopp jetzt! Hiiiilfe!« »Papa, nicht so laut, bitte. Ist
doch alles easy. Der kommt sicher gleich.« Viele Blicke waren
auf uns gerichtet, nur der entscheidende nicht. Ich sah lauter
gestreckte Arme auf uns deuten. Der Besitzer allerdings
nippte an seinem Halbliter-Pfandbecher und tratschte mit einer
Rastafrisur. Die Vogelperspektive gilt ja allgemeinhin als
machtvoll und erhaben. Der Blickwinkel, aus dem Steinadler
und Götter schwebend und thronend den Weltenlauf verfolgen.
Ganz anders bei mir. Ich hätte in diesem Moment gerne
mit jedem x-beliebig Gequälten der Antike getauscht. Was
war schon Steine hochrollen oder sich ab und zu mal die Leber
weghacken lassen gegen diese Höllenzentrifuge. Selbst
hin und wieder mit der eigenen Mutter schlafen, mein Gott,
das war doch alles halb so wild im Vergleich zu diesem lächerlichen
Martyrium. Jemand tippte den Besitzer an die Schulter
und zeigte in den Himmel. Ich sah ihn grinsen. Sicherlich
zwanzig Minuten ritten wir bereits auf Sinuskurven im Kreis.
War das etwa alles Absicht gewesen? War ich für ihn ein
Bonze mit adretter Tochter, der mal so richtig durchgeschüttelt
und ausgewrungen gehörte? Er trottete herüber –
schlurfte, wie nur Linke schlurfen können: aktiv inaktiv –
und stoppte das Gefährt. Die Ufos senkten sich, schnauften
pneumatisch aus, wurden langsamer. Aber die Welt drehte
sich einfach weiter. Der ganze Prater ein kreiselndes Roulette.
Mit Mühe krabbelte ich aus dem Raumschiff heraus und lief
bogenförmig in die Wiese hinein. Und dann fiel ich einfach
um und sah über mir die Wolken trudeln. Ich drehte den
Kopf und übergab mich in die Wiese. Auf allen vieren, wie
ein besoffener Köter, brachte ich zwei, drei Meter zwischen
mich und die stinkende Pfütze. Meine Tochter setzte sich neben
mich und streichelte mir etwas ratlos den Unterarm. Ich
hörte Kinder tuscheln und über mich lachen. Nach einer
Weile bat sie mich um Geld für ein Eis und verschwand.
Der Krankenwagen machte eine Vollbremsung, legte sich
schief und bog ab. Da übergab ich mich ergiebig in den Plastiksack,
der eine Art Profikotztüte war. Mit seinem Holzstiel
und dem versteiften Ring sah er aus wie ein Klingelbeutel
für die Kollekte in der Kirche. Von nun an übergab ich mich
in jeder weiteren Kurve. Der Beutel, den ich selbst halten
musste, wurde schwerer und schwerer. Das gelähmte Gemeindemitglied
war in Spendierlaune. Meine Tochter streichelte
mich. »Es kann nicht mehr lange dauern, Papa.« »Wo
fahren wir denn nur hin?« »Keine Ahnung.« Wir gelangten
auf eine größere Straße, der Krankenwagen fuhr schnell,
doch ganz offensichtlich nicht schnell genug. Wie ich oberhalb
der milchverglasten Scheiben durch einen Schlitz sehen
konnte, wurden wir von einem Lastwagen überholt. Waren
wir etwa auf einer Autobahn? Krankenwagen, die auf Autobahnen
von anderen Autos überholt wurden, hatten mich
schon als Kind fasziniert. Wie konnte es sein, hatte ich mich
damals gefragt, dass jemand schneller fahren durfte als diejenigen,
die einen Notfall transportieren? Das musste für jeden
Porschefahrer der ultimative Kick sein, hatte ich mir ausgemalt,
an einem Krankenwagen vorbeizuschießen, in dem mit
etwas Glück ein Sterbender lag. Dann hatte man es geschafft,
man war schneller als der Tod. Auch jetzt hörte ich, wie hochtourig
laufende Wagen an uns vorbeischossen. Ich wurde
schwerer und schwerer, spürte mein Gewicht im Anschnallgurt
und begann ungewollt zu stöhnen. Angst strich über die
Stimmbänder, gegen meinen Willen wurde in meiner Kehle
dramatisch musiziert. »Sind gleich da!«, rief uns der Fahrer
über die Schulter zu. Lang gezogene Kurven drückten mich
in den Sitz und schoben letzte Reste von Gallenflüssigkeit in
meinen Mundraum. Es ging durch einen Wald! Die Stämme
der Bäume im Blaulicht beeindruckten mich. Es waren Buchen,
bläulich geröntgt sahen sie aus wie die durchleuchteten
Gliedmaßen langbeiniger Riesentiere. Ein Knochenwald.
Ich dachte an einen Film, den ich einmal vor vielen Jahren
gesehen und niemals wieder vergessen hatte. Ich muss damals
fünfzehn oder sechzehn gewesen sein. Ein geheimnisvoller
Krankenwagen verfolgte Menschen, maskierte Häscher
kidnappten sie und in einem entlegenen Krankenhaus wurden
ihnen Organe entnommen. Das war schon bizarr, wie
mein Zustand den Zugriff auf so abseitig verschüttete Details
ermöglichte. Aus hinter Geheimtüren versteckten Kammern
drehten sich Begebenheiten ins Bewusstsein. Mehrmals
dachte ich die Namen der Darsteller: Jutta Speidel und Herbert
Herrmann. Bestimmt dreißig Jahre hatte ich dieses Namensgespann
nicht mehr geschirrt. Ich hatte die Haare von
Herbert Herrmann damals sehr bewundert, die sogar auf der
Flucht toll ausgesehen hatten, das wusste ich gleich wieder.
Ja, selbst ohne Organe, betäubt und zugenäht im Krankenbett,
hatte Herbert Herrmann super frisiert dagelegen. Und
Jutta Speidel trug während der tagelangen Flucht ein weißes
Unterhemd und darunter keinen BH. Sie hatte ununterbrochen
Todesangst und rannte viel. Das hatte mir damals gut
gefallen.
Die Sirene erstarb und unter Straßenlaternen hindurch
bogen wir auf ein Krankenhausareal ein. Doch noch waren
wir nicht am Ziel, denn der Fahrer hatte keine Ahnung, in
welchem der zig Gebäude die Spezialintensivstation
untergebracht
war. Von einem Moment auf den anderen war aus
dem entfesselten Blaulichtmonster ein pirschendes Raubtier
im ersten Gang geworden. Vorsichtig suchten wir das Gelände
ab. Ich war in meinem Stuhl, durchgeschüttelt und
leer gekotzt, am Ende meiner Kräfte angelangt und begann
zu weinen. »Ich kann einfach nicht mehr.« »Wir sind doch
da, Papa. Jetzt wird gleich alles gut. Du hast das so gut gemacht.
Jetzt hast du es gleich geschafft.« Der Fahrer drehte
die Scheibe hinunter und Luft, die nach Holz und feuchtem
Waldboden roch, strömte herein. Der Gestank meines Erbrochenen
und der Angstmief wurden aus dem Krankenwagen
geweht. Meine Tochter legte ihre Hand auf mein Bein, das
immer wilder da- und dorthin tappte, einen halben Charleston
tanzte. Dieses Bein schien aufgeregt zu sein in Anbetracht
der unmittelbar bevorstehenden Ankunft. Wir krochen an einem
Neubau mit quadratischen Fenstern vorbei. Durch den
schmalen Sehschlitz hindurch sah ich, kurz belichtet, eine
Frau mit Kopftuch in einem Nachthemd. Im Arm ein Paketchen
wiegend, eine klitzekleine Hand ihr entgegengestreckt.
Ihr vom Stoff wie gerahmtes Gesicht voller Zärtlichkeit, versunken
im winzigen Gegenüber. Obwohl sie nur über meine
Netzhaut huschte, war in dieser Momentaufnahme eine zeitlose
Zugewandtheit wie in einem sorgfältig komponierten
Gemälde konserviert. »Worüber lachst du, Papa?« »Ich lache
nicht. Mein Mund fühlt sich so eigenartig an.« Ich zog Grimassen.
Die Backenzähne steckten viel zu groß und unförmig
im summenden Zahnfleisch. Ich hatte mir wohl während der
Fahrt ins Wangenfleisch gebissen, schmeckte und schluckte
Blut, was meine Übelkeit weiter verstärkte. Der Krankenwagen
setzte rückwärts in eine Einfahrt und die Heckklappen
wurden aufgerissen. Ich rief: »Vorsicht mit den Türen.«
Nach der beschaulichen Rundfahrt über das Areal brach nun
erneut Hektik über mich herein. Ich wurde samt Stuhl aus
dem Wagen gehoben und konnte plötzlich geschoben werden.
Mein schlackernder Fuß rutschte von der Fußstütze
und geriet, ohne dass ich es merkte, unter die Räder. Der
Rollstuhl blockierte, mit mehreren ärgerlichen Stößen versuchte
der offensichtlich vollkommen unerfahrene Sanitäter
das Hindernis zu überwinden. Womit hatte er gerechnet? Einer
verkanteten Getränkedose, einer toten Ratte? Er rannte
um den Rollstuhl herum, ging in die Knie, zog meinen Fuß
grob unter dem Rad hervor und knallte ihn zurück auf die
Stütze. Wie schnell man doch zum Ärgernis für andere wird.
Auf mein geflüstertes »Entschuldigung, bitte« antwortete er
breit mit dem landestypischen »Nix passiert«. Das war nun
wirklich Ansichtssache.