»Wie ich dank Shakespeare in Verona die große Liebe fand« GLENN DIXON

»Wie ich dank Shakespeare in Verona die große Liebe fand«

GLENN DIXON

Glenn Dixon lebt als Highschool-Lehrer in Kanada und nimmt jedes Jahr in der Abschlussklasse »Romeo und Julia« durch. Als er sich von Claire, seiner großen Liebe, betrogen sieht, verlässt er das Land und geht auf Reisen. Im italienischen Verona, vor dem berühmten Balkon, stößt er auf den Club der Julias: eine Gruppe von Frauen, die Tausende von Briefen beantworten, die jedes Jahr dort ankommen. Er wird der erste Mann in der langen Geschichte des Clubs der Julias. Durch die Auseinandersetzung mit all den Geschichten und Fragen erkennt er, dass die Briefe Leben verändern können – auch sein eigenes …

Diese große wahre Geschichte hat Leser auf der ganzen Welt begeistert – sie ist eine Hommage an Shakespeare, Verona und die Kunst des Briefeschreibens.

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Der Club di Giulietta und die Briefe an Julia

In einem winzigen Büro in Verona, Italien, kommen jedes Jahr mehr als 10 000 Briefe an. Sie alle sind adressiert an Julia, die Figur aus Shakespeares Drama Romeo und Julia. Sie handeln von gebrochenen Herzen und der endlosen Suche nach Liebe, kommen aus der ganzen Welt – und werden seit Jahrzehnten von einer Gruppe Frauen beantwortet, die sich »Julias Sekretärinnen« nennen.

Einige Menschen glauben, Romeo und Julia sei die wahre Geschichte zweier Liebender, die im Jahr 1302 in Verona lebten und deren Glück unter einem schlechten Stern stand. Wir werden die Wahrheit wohl niemals erfahren, doch die Figur der jungen Julia lebt weiter als Symbol einer einst perfekten Liebe.


»Kein Hindernis aus Stein hält Liebe auf, was Liebe kann das wagt sie auch.«
William Shakespeare, Romeo und Julia

Alles begann in den 1930er Jahren als Ettore Solimani, der Hüter von Julias Gruft, damit anfing, die ersten Briefe, die die Menschen am Grab hinterließen, einzusammeln. Er war so gerührt von den Worten der Liebenden, dass er begann die Briefe auch zu beantworten. So wurde er zum ersten Sekretär Julias. Trotz der Schnelllebigkeit unseres technologiegesteuerten Jahrhunderts, bewahren handgeschriebene Briefe auch etwas von den Emotionen, die der Schreiber zum Ausdruck bringen wollte. Deshalb führen auch heutzutage tausende Menschen weltweit die lange Tradition des Briefeschreibens fort und schicken ihre Briefe an Julia.

Im „Club di Giulietta“ werden alle Briefe gelesen, übersetzt und beantwortet. Sie verbleiben in einem einzigartigen Archiv von Liebesbriefen, das tausende Geschichten von Liebe und Liebeskummer enthält. Die Sekretärinnen Julias bieten sogar Führungen dieses Archivs an, die es ermöglichen, die Briefe zu bewundern.

Der “Club di Giulietta” beantwortet seit vielen Jahren die Briefe, die an Julia verschickt werden. Jeder einzelne dieser Briefe aus der ganzen Welt wird gelesen und auch beantwortet. Alle Sekretärinnen Julias beantworten die Briefe ehrenamtlich und erhalten so diese wunderschöne Tradition, die auch dazu beigetragen hat, dass Verona als Stadt der Liebe bekannt ist.

Copyright Foto: Annalisa Conter


Mehr über den Club di Giulietta

Leseprobe

1. KAPITEL
Verona, wohin als Szene unser Spiel euch bannt

Liebe Julia,
ich bin nicht mehr jung, aber es gab eine Zeit, ja, es gab eine Zeit, als ich an die Liebe glaubte. Ich erinnere mich an die Namen meiner Geliebten und sehe ihre Gesichter vor mir, jedes einzelne, ganz klar. Und dann sind sie weg. Warum kommt die Liebe zu einigen so leicht und weigert sich bei anderen, zu bleiben? Warum muss das so sein? Warum verwirrt uns das so schmerzhaft?

Ich las den Brief bis zum Ende. Er sah aus wie all die anderen auf dem Stapel, da war nichts wirklich Besonderes an ihm. Sie alle waren handgeschrieben – was so sehr von Herzen kommt, kann man nicht tippen. Man hatte sie gefaltet, voller Hoffnung in Umschläge gesteckt und zu Julia geschickt, wohnhaft in Verona.
Giovanna erschien in der Tür. »Ciao«, sagte sie. »Hast du Lust auf einen Kaf­fee?«
»Nein, ich … Danke, mir geht’s gut.« Giovanna trug sogar nachmittags Perlen. Sie kam näher, blickte auf den Brief, der vor mir lag, und las meine Gedanken. »Manche sind sehr berührend, oder?«
»Ich weiß nicht, wie ich den hier beantworten soll.«
»Ah«, sagte sie, zog einen Holzstuhl heran und setzte sich neben mich. Sie beugte sich über den Brief und rückte die Lesebrille zurecht. »Viele der Briefe sind voller Traurigkeit. Und manchmal sind sie auch sehr poetisch.«
»Aber was soll ich nur antworten?«
Sie sah mich an. »Manchmal reicht es den Leuten einfach nur, geschrieben zu haben.«
»Diese Frau schreibt so schön. Ich bin nicht sicher, ob ich – «
»Die Antwort«, fuhr sie den Brief tätschelnd fort, »findet sich oft in ihren Worten.«
»Aber – «
»Du musst wie ein Wahrsager sein, nach Zeichen suchen. Die Verfasser der Briefe werden dir sagen, was sie hören wollen.«
»Ich weiß nicht.«
Giovanna sah mich an, als sei ich schwer von Begriff. »Sie will wissen, dass ihr Leben gut ist, dass sie wertvoll ist, wichtig. Das will sie wissen. Und das musst du schreiben.«
»Und dann unterschreibe ich mit ›Julia‹?«
»Wenn du willst. Oder du unterschreibst mit ›Julias Sekretär‹.«
»Okay.«
Giovanna stand auf und strich ihr Kleid glatt. »Wir nehmen diese Verantwortung sehr ernst.« Sie drehte sich und ging zur Tür, wo sie innehielt, ihre schlanke Hand am Türrahmen.
»Ja, natürlich«, sagte ich.
»Also keinen Kaf­fee?« Sie warf mir einen letzten Blick zu.
»Nein, danke. Ich mache mich einfach an die Arbeit.«
»Va bene.« Sie sah mich einen Moment an, dann verschwand sie in den Flur.

Informationen zum Autor

Glenn Dixon hat viele Jahre als Lehrer an Highschools gearbeitet. Heute lebt er als Autor, Musiker und Filmemacher in Toronto. Er hat weit über 70 Länder bereist und inzwischen drei Bücher veröffentlicht.

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