»Amoklauf eines Geschmacksterroristen« (Der Spiegel) Empörte Stimmen aus dem Erscheinungsjahr von »Soloalbum«, Erinnerungen von Christian Ulmen und andere Fundstücke

»Amoklauf eines Geschmacksterroristen« (Der Spiegel)

Empörte Stimmen aus dem Erscheinungsjahr von »Soloalbum«, Erinnerungen von Christian Ulmen und andere Fundstücke

Vor 20 Jahren, am 24.8.1998, erschien der Debüt-Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre: »Soloalbum«. Noch vor Erscheinen löste dieses Buch leidenschaftliche Diskussionen aus, galt als beispielhaft für alles Mögliche, wurde wahlweise als »keine Literatur« abgekanzelt oder auch, weit schlimmer, als »Kultbuch« bezeichnet. Jenseits dieser Betriebsdebatten-Routinen aber hatte dieses Buch umgehend vor allem eines: begeisterte Leser. »Soloalbum« wurde Schullektüre, Klassiker, wurde verrissen und geliebt, verfilmt und kopiert, verlacht und gekauft (weit über 400.000 Exemplare), ins Dänische übersetzt und bei »Rock am Ring« vorgelesen.
Jedes Jahr wieder wird es entdeckt – und nach erneuter Lektüre zum Jubiläum fällt einem auf: »Soloalbum« löste wohl viel mehr Meinungen aus als es angeblich enthält (den besten Werbeslogan stiftete der SPIEGEL: »Amoklauf eines Geschmacksterroristen«).


»Mal gucken, was mir einfällt« – CHRISTIAN ULMEN über »Soloalbum« und manch anderes

Meine Ex-Freundin schenkte mir das Buch wirklich mit den Worten: »Hier, ich konnte das nicht weiterlesen, der klingt wie du.« Ich habe »Soloalbum« dann in zwei Nächten gelesen und fühlte mich trotz ihrer abwertenden Geste sehr geehrt. Und erkannt. Und fand auch: Ja, das hätte ich schreiben können, wenn ich schreiben könnte. Aber ich dachte auch, ich sei der Steppenwolf. Oder Herr Lehmann (wobei…) – weil sehr gute Bücher das eben können, diese Verschmelzung. Und wenn ich »Verschmelzung« schreibe, erinnere ich mich, wie schwer mir die ersten Gespräche mit dir fielen, Stuck, weil ich immer dachte: Nee, das Wort sagt man nicht, »Verschmelzung«, das ist ihm zu unpräzise, zu groß, kitschig. Du schienst schnell gelangweilt von Geschwafel – mit Recht natürlich; wenn ich nicht darauf achtete, mich konzentriert und auf den Punkt zu artikulieren, musste ich mit einem verbalen Kinnhaken, auf jeden Fall mit einem abrupten Themenwechsel rechnen.

Unsere Reise mit der absurden Müllhalden-Wanderung in Portugal kam später, oder? »Sei mal Punkrock und komm jetzt hierher, ich zahl auch!«, hattest du gesagt. Und dann flog ich auf deine Kosten zu dir ins Hotel. Du mochtest die aufdringlichen Kellner nicht, die nach jedem Bissen fragten, wie uns das Frühstück schmeckt.
Wir sind abends mit zehn spanischen Studentinnen auf deren Studentenwohnheimzimmer gegangen – so verheißungsvoll bis hierhin, so dösbaddelig im weiteren Verlauf: Eine der Studentinnen hatte einen roten Punkt unter ihrer Schuhsohle. Sie war in irgendwas reingetreten. Tomate. Du lachtest und fragtest, ob das wohl Kickers-Schuhe seien. Sie verstand den Witz nicht. Du erklärtest dann den Spanierinnen auf Englisch das Prinzip der Kickers-Schuhe aus Deutschland, auf deren Schuhsohlen links ein roter und rechts ein grüner Punkt war, damit Kinder lernen konnten, links und rechts zu unterscheiden. War ihnen kein Begriff alles. Von da an hatte keine von denen mehr mit uns geredet. Dann erinnere ich nebulös, dass wir irgendwas beim Friseur gemacht hatten spätabends. Ließen wir uns Ohrlöcher stechen? Kann das sein?
Wir spielten in einer Kneipe ein Computerspiel-Autorennen gegeneinander, zwei Lenkräder, zwei Monitore, die Sitze bewegten sich in Lenkrichtung. Ich hatte alle Spiele gewonnen. Und du warst sehr verärgert darüber. Richtig verärgert. Nicht laut, aber ich konnte es sehen. Gegrämt hast du dich. Wahrscheinlich war es auch unhöflich und undankbar von mir, dich als Urlaubs-Gastgeber nicht gewinnen zu lassen.

Als wir uns bei MTV kennenlernten, war ich fasziniert von deinem Doppelkinn-Komplex. Den hatte ich nämlich auch. Sprach aber niemals darüber. Du hattest mehrmals darauf hingewiesen, dass man bitte darauf achten möge, dich nicht von unten zu filmen. War mir neu, dass man das so offen sagen kann, und dass das nur bedingt, fast gar nicht peinlich, eigentlich gar cool kam. Tat ich fortan auch: offen über mein Doppelkinn sprechen. 1998 muss das gewesen sein. Du warst zu Gast in meiner Sendung »Alarm«; jeder Gast durfte sich damals zwei Musikvideos wünschen, deine Wahl, mir unvergessen: »My Favourite Game« von den Cardigans und »Angels« von Robbie Williams. In beiden Videos wurde waghalsig schnell durch irgendwelche Wüsten gefahren, wenn ich mich recht erinnere: Nina Persson im Cabrio, Robbie Williams auf einem Motorrad. Möglicherweise hatte das allerlei zu bedeuten. Wir sangen beide mit bei »Angels«, ich hatte den Eindruck, wir mochten uns. Jedenfalls sahen wir uns von da an öfter. Ein oder zwei Jahre später besuchten wir zusammen ein Konzert von Robbie Williams in Berlin. An weitere Hamburg-Begegnungen kann ich mich nicht erinnern.

In Berlin aber, ja, da schliefen wir bei einer Freundin auf dem Boden. War das nach dem Robbie-Williams-Konzert? Du hasstest den Geruch von Katzenfutter, das überall in ihrer Wohnung lag. Wirklich überall.

Die Feier deines 25. Geburtstags begingen wir auf einer Berliner Bowlingbahn. Zur Begrüßung stecktest du mir noch auf der Türschwelle eine Pille in den Mund. Ich tat, als würde ich sie schlucken, weil du mich sonst nicht reingelassen hättest, und spuckte sie im Klo wieder aus. Fühlt sich noch heute an wie Verrat.

Im Sommer kauften wir uns Hollandräder und fuhren damit durch den Tiergarten. Du liebtest die seitlich gebogenen Hollandrad-Lenker, weil sie einem so eine aristokratisches Körperhaltung verliehen. Muss ich heute jedes Mal dran denken, wenn ich ein Hollandrad fahre. Alle zwei Jahre. Das königliche Sitzen.

Ich hatte widerrechtlich Parabolantennen auf das Dach meiner 90-Quadratmeter-Wohnung an der Prenzlauer Allee montieren lassen, um illegal britisches Fernsehen empfangen zu können. Ich hatte einen der ersten 16:9-Fernseher. Das war dir alles wahnsinnig egal. Du sagtest, ein Fernseher könne ruhig 4:3 sein, für das gelbe Jackett von Ulrich Meyer lohne sich all der Aufriss nicht. Darum waren wir nie gemeinsam bei mir auf dem Dach.



Take ist or leave it – Harry Rowohlt faxt ein testimonial

Benjamin von Stuckrad-Barres erster Verlags-Vertrag

Informationen zum Autor

Benjamin von Stuckrad-Barre, 1975 in Bremen geboren, ist Autor von »Soloalbum«, 1998, »Livealbum«, 1999, »Remix«, 1999, »Blackbox«, 2000, »Transkript«, 2001, »Deutsches Theater«, 2001, »Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft – Remix 2«, 2004, »Auch Deutsche unter den Opfern«, 2010, »Panikherz«, 2016, »Nüchtern am Weltnichtrauchertag«, 2016 und »Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal hinlegen – Remix 3«, 2018.

www.stuckradbarre.de


Soloalbum Jubiläumsausgabe

20 Jahre / 400.000 verkaufte Exemplare / verfilmt 2003 mit Matthias Schweighöfer und Nora Tschirner / der Urtext der End90er-Popwelle / Schulbuch und Wurfgeschoss – jetzt in einer Jubiläumsedition: mit weißem Jeanseinband.

Der Ich-Erzähler, gerade mal Anfang zwanzig, ist soeben von seiner Freundin verlassen worden; nach vierjähriger Beziehung nun per Fax der Schlussstrich. Ende, aus, vorbei. Gebührend wird der Verflossenen hinterher getrauert: Er ruft sie an, legt auf, geht joggen, sucht trinkend nach schnellem Ersatz, um doch nur wieder zurückzufallen, auf sie, auf sich und auf: Oasis, Götter des Britpop. »Soloalbum« erzählt von schönen Mädchen und blöden Partys, von coolen Platten und steinewerfenden Greisen; sehnsüchtig und böse zugleich.

Alle Bücher von Benjamin von Stuckrad-Barre

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