Zum Abschied: Uwe Timm über Gaby Callenberg

(Foto Gaby Callenberg, © Melanie Grande)

Kennengelernt habe ich sie auf der Frankfurter Buchmesse. Der damalige Messeempfang von Kiepenheuer & Witsch war nicht zu vergleichen mit den Bacchanalien der früheren Rowohlt- oder Wagenbach-Empfänge. Bei dem Kiwi-Empfang 1986 ging es recht solide zu. Es gab Bier und einen von allen gefürchteten, aber vom Verleger sehr geschätzten Leberkäs. Man musste ihn essen, damit man nicht nach dem zweiten Glas Bier umfiel. Ich stand in der Schlange, als sich eine junge blonde Frau, elegant, höflich und ein wenig zurückhaltend, vorstellte: Gaby Callenberg. Sie werde in Zukunft in der Presseabteilung arbeiten. Die sollte reoganisiert werden, weil sie, um es vorsichtig auszudrücken, etwas chaotisch war: Leseexemplare wurden wie aus einer Tombolatrommel verschickt, Bücher erreichten, teils mit Begleitbrief, die falschen Kritiker oder die verstörten Witwen längst Verstorbener.

Mit Gaby Callenberg änderte sich das sofort. Eine gar nicht so selbstverständliche Qualität, die Fähigkeit zur perfekten Organisation. Sie setzt sorgsame Arbeit, genaues Timing und die Unterscheidung von dem, was wichtig und was weniger wichtig ist, voraus. Ich kann mich in der nun 33 Jahre dauernden Zusammenarbeit an keine Panne erinnern. Dabei ist das Erstaunliche, dass Gaby Callenberg, auch unter großem Zeitdruck, stets ruhig und freundlich bleibt. Sie hätte von ihren Qualitäten her auch dort Managerin werden können, wo es nur wenige Frauen gibt, bei VW zum Beispiel, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sie, die so korrekt ist, die Manipulation der Abgaswerte geduldet hätte.

Aber sie hat ja auch nicht Betriebswirtschaftlehre, sondern, ihrer Neigung folgend, Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist staunenswert belesen, auch in der englischen, französischen und spanischen Literatur. Mit ihr über Bücher zu reden, über die eigenen wie die anderer Autoren, ist gleichermaßen Lust und Gewinn. Man wird nicht mit gefühligen Meinungen konfrontiert; was ihr an einem Roman, einem Sachbuch gefällt – oder nicht gefällt – erklärt sie aus der Struktur und der Sprache. Und auch das ist ihr wichtig: Ob es eine neue kritische Sicht auf ein Problem eröffnet. Auffällig dabei ist, wie sicher sie zu ihrem begründeten Urteil steht, sich nicht irgendwelchen dominanten Meinungen anpasst. Eine intellektuelle Redlichkeit zeichnet sie aus, die ihr die Achtung der Feuilletons eintrug. Man glaubte ihr, wenn sie ein literarisches Werk als bemerkenswert empfahl, auch wenn man diese Wertschätzung nicht unbedingt teilte.

Eine knifflige Situation für all diejenigen, die in der Presseabteilung daran arbeiten, dem Buch die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen: Nicht alle Bücher können gleichermaßen gefallen. Das ist die anstrengende Paradoxie dieses Berufs, müssen doch alle Bücher in der Öffentlichkeit als wichtig vertreten werden. Und das, obwohl die Entscheidungen über die Veröffentlichung nicht in der Presseabteilung getroffen werden. Dem Zynismus, zu loben, was man selbst nicht lobenswert findet, ist Gaby Callenberg nicht erlegen. Ihre nachdenkliche Art kam ihr zustatten, wenn sie erklärte, warum ein bestimmtes Buch Aufmerksamkeit verdiene, eine redliche Empfehlung bekam man von ihr, nicht den heißen Tipp für den Roman des Jahres. Für den sie sich, wenn sie denn davon überzeugt war, wiederum vehement begeistern konnte.

Ihre Sicherheit in den Einschätzungen hat folgerichtig dazu geführt, dass sie auch das Marketing übernahm und 2002 in die Geschäftsleitung des Verlages aufrückte. Dabei war ihr unbeirrt realistischer Blick sicherlich ein Korrektiv in dem so wunderbar vom rheinischen Frohsinn bestimmten Verlag Kiepenheuer & Witsch, der, das sei hier einmal gesagt, gottlob nicht der Versuchung erlag, nach Berlin umzuziehen.

Was sie neben dem Talent zur Organisation, der Begeisterung für die Literatur, der Ehrlichkeit im Urteil, noch ganz wesentlich mitbrachte, war ihre Schutzmantel- Bereitschaft. Ein katholischer Begriff, ich weiß, aber der Dom liegt ja vis-à-vis zum Verlag. Augenscheinlich unverdrossen begleitete sie die Autorinnen und Autoren zur Messe, zu Interviews, Lesungen. Dämpfte den Stress ab, dem jeder Autor auf der Messe ausgesetzt ist, wenn sein Buch, das ihm über Jahre nah war, nun veröffentlicht, plötzlich fremd wird. Und da der Roman ja Teil des Autors selbst ist, übersetzt sich das in eine große Verletzbarkeit durch böswillige oder schludrige Kritiken. Sie konnte sich über solche, wie sie fand, unsachlichen Verrisse, ärgern, ja, empören. Man war also mit seinem Kummer nicht allein. Eine ideale Pressechefin muss eben auch über therapeutische Fähigkeiten verfügen. Oder sagen wir es so: als kluger Schutzengel Buch und Autor begleiten. Sie griff ein, wo die Fragerei endlos oder unqualifiziert war. Und wie hätte man ohne sie bis zum nächsten Auftritt wartend herumsitzen können?

So haben wir über Politik, Kinder und Bücher geredet, und einmal, weil am späten Abend noch viel Zeit war und im Backstage viele bekannte Gesichter herumstanden, sind wir in eine nahegelegene Baracke gegangen, eine Vereins-Kneipe, saßen zwischen verschwitzten Amateurkickern, die über den Schiedsrichter schimpften und gnadenlosen Torschüssen nachtrauerten, die an die Latte gegangen waren. Worüber wir redeten, weiß ich nicht mehr, über dies und das, aber wir haben viel gelacht. Wir wollten immer noch mal hingehen. Die folgenden Messen jedoch waren derart mit Terminen vollgestopft, dass wir es nicht geschafft haben. Jetzt könnten wir einmal ganz gelassen diese Kneipe besuchen. Das immerhin ist etwas, was zwar mein Bedauern über ihren Abschied nicht gerade mindert, aber doch eine Perspektive öffnet. Und dann, liebe Gaby, ziehe bitte dazu eine Deiner schönen, roten Jacken an.

Uwe Timm

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