»Für Pessimismus ist es zu spät« (Dankesrede von Eva Menasse anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises)

© Maik Reuss

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit einem Klimaforscher, das den Titel trug, „Für Pessimus ist es zu spät“. Sprachlich betrachtet ist das ein großartiger Satz, weil darin noch viel mehr steckt als in anderen guten Sätzen. „Pessismus“ ist hier das einzige scharf konturierte Wort, während die anderen fünf nur Stammzellen der Sprache sind, kleine Wörter mit Dutzenden Einsatzmöglichkeiten. Aber in dieser Kombination drücken sie so vieles gleichzeitig aus: den Ernst der Lage wie die Notwendigkeit, ja Dringlichkeit des Handelns. Und sie transportieren, das ist vielleicht das Wichtigste, sogar ein Gran Humor. Denn den Pessimismus muss man sich auch leisten können. Wem das Dach über dem Kopf brennt, der sitzt üblicherweise nicht auf dem weichen Sofa und jammert. Tut er es doch, wird er zur komischen Figur, aber im dramatisch-existenziellen Sinn: der Jammerlappen im Inferno.

Gernot Wagner, ein Österreicher, der in Harvard forscht, nannte den Klimawandel das „perfekte Problem“. Selbst wenn wir Menschen es schaffen würden, unsere Emissionen von einem Tag auf den anderen abzudrehen wie einen Lichtschalter, dann würden die Temperaturen erst recht und mit katastrophalen Folgen hochschnellen. Warum? Weil wir nicht nur das klimaschädliche CO2 in die Atmosphäre blasen, sondern auch das luftverschmutzende SO2, das in den erdnahen Schichten hängen bleibt und damit die Sonneneinstrahlung abmildert. Es wirkt für die malträtierte Erde wie ein Sonnenschirm. Die Luftverschmutzung mindert also die schlimmsten Folgen unserer Emissionen, auch wenn sie im Jahr 3 bis 6 Millionen Menschen tötet.

Das perfekte Problem ist eine Formulierung, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Sie scheint der perfekte Ausdruck für unsere Lage. Gernot Wagner ist sich keineswegs sicher, ob die Wissenschaft in der Lage sein wird, eine Lösung für die Klimakrise zu finden. Aber selbst wenn, wäre sie politisch nicht durchsetzbar. Unsere Anstrengungen waren schon bisher eher erbärmlich. Stichwort Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die ich meinen Kindern noch vor kurzem als Beweis dafür aufgetischt habe, dass es die Weltgemeinschaft schon einmal geschafft habe, in Sachen Klima zusammenzuarbeiten: Jeder Kühlschrank, jedes Deo trug eine Zeitlang den jubilierenden Aufkleber „FCKW-frei“. Eitel dachten wir, wir hätten die Welt gerettet. Nur leider wurden diese schädlichen Stoffe durch noch viel schädlichere Stoffe ersetzt, wodurch sich die Krise enorm beschleunigte. Das wusste man damals aber noch nicht. Wie so oft in der Geschichte tun wir etwas, ohne zu ahnen, was herauskommt. Nur sind unsere Taten heute ungleich machtvoller als früher. Wir sind den Göttern, die wir einst angebetet haben, schon ziemlich ähnlich geworden, leider ohne ihren göttlichen Plan. Die Aussichten sind apokalyptischer denn je. Und trotzdem, oder gerade deshalb sagt dieser Klimaforscher voller vibrierender Energie: Für Pessimismus ist es zu spät.

Dieser Geist passt zu Ludwig Börne. Er war der Prometheus der deutschsprachigen Publizistik, er hat ihr das Feuer gebracht. Für sein scharfes, wie ein Schwert geführtes Wort ohne Rücksicht auf Höflichkeiten oder Comment verehren wir ihn bis heute. Als im Jahr 1819 einem Frankfurter Juden verboten wurde, wie jeden Sonntag auf einen Schoppen Wein nach Bornheim zu gehen, weil er durch sein bloßes Unterwegssein antisemitischen Aufruhr verursachen könnte, schrieb Börne: Wenn man Reisenden, um sie vor Straßenräuberei zu schützen, das Reisen verbietet, hieße das ja, Zahnschmerzen durch Kopfabhacken zu heilen. Das ist ein typischer Börne-Satz: Knapp, anschaulich und ohne falsche Sentimentalitäten.

Bis heute ist sein Name Synonym für leidenschaftliche Auseinandersetzung. Börne stritt für Gerechtigkeit, für Gleichheit der Menschen und Religionen, für Vernunft und Aufklärung, gegen den Missbrauch staatlicher Gewalt. Die Stimme, die sich da plötzlich erhob, unerschrocken selbst gegen Metternich, den mächtigsten Mann Europas, muss für Zeitgenossen ungeheuer eindrucksvoll gewesen sein.

Börne war – Zufall oder Schicksal – der richtige Mann zur richtigen Zeit. Vor zweihundert Jahren hat er das Licht einer kulturellen Errungenschaft angezündet, das wir gerade ausblasen. Denn der Wettbewerb mit Worten, der Austausch der Argumente an einem überschaubaren und wiederauffindbaren Ort – das ist an sein Ende gekommen. Man kann deswegen aufgebracht oder verzweifelt sein, aber es ist so wahr und überprüfbar wie die Tatsache, dass gerade die Korallen und die Amphibien aussterben, und die Insekten sind dann auch bald soweit.

Das Ende ist nicht etwa deshalb gekommen, weil das Personal nicht mehr taugt. Gerade angesichts von Phänomenen wie Klima- und Finanzkrise, Trump und globaler Migration, arbeitet das intellektuelle, wissenschaftliche und journalistische Personal weltweit genauso tiefschürfend, fleißig und auch so angriffslustig wie zuvor. Das Ende ist auch kein bloßes Abgelöstwerden, wie es früher den Melkern, den Setzern, den Schneidern und Kürschnern widerfahren ist. Das wäre traurig, aber nicht dramatisch. Dramatisch ist jedoch, dass sich die Öffentlichkeit als solche, die sich zu Börnes Zeiten erst gebildet hat als eine zivilgesellschaftliche Gegenöffentlichkeit zum Staat und seinen Organen, gerade komplett auflöst. Ihre Bestandteile sind zwar noch da, aber so fragmentiert wie das Mikroplastik in den Ozeanen. Wen wollen wir denn heute noch erreichen, wenn wir in der Paulskirche sprechen, wenn wir in der ZEIT oder in der FAZ schreiben? Würde jemand dagegenwetten, wenn ich behaupte, dass die Süddeutsche- oder tazLeser ungefähr deckungsgleich sind mit der Summe der Facebookfreunde meiner analogen Freunde? Geschenkt, Gruppe eins mag derzeit noch etwas größer sein als Gruppe zwei, aber spielt das eine inhaltliche Rolle?

Im vergangenen Sommer führte ich ein zufälliges Gespräch mit einem sehr erfreulichen jungen Mann, gerade dreißig, rhetorisch gewandt, intelligent, reflexiv. Wie sich herausstellte, war er an Politik nicht nur interessiert, sondern damit beruflich beschäftigt. Denn er berät Politiker, Parteien, manchmal sogar Ministerien, in Deutschland und in Österreich. Mit hochgezogenen Augenbrauen erzählte er, welchen Nachhilfeunterricht er täglich zu leisten habe. Manche seiner Kunden würden nämlich gesteigerten Wert auf die Anerkennung der deutschen Feuilletonleser legen. Aber diese Gruppe sei völlig bedeutungslos für seine Arbeit. Sie zählten einfach nicht, diese paar hunderttausend Menschen. Die deutschen Medien als Gesamtes hätten übrigens die Erfordernisse der Digitalisierung bis heute nicht begriffen, außer der New York Times falle ihm auch kein anderes altes Medium ein. Ich fühlte mich mit einem Schlag wie hundertzwanzig. In dieser Situation wären viele Fragen möglich gewesen, ich stellte aber, fast atemlos, nur zwei. Ich fragte als erstes, ob es ihm nicht leid täte um die enorme Verschwendung von Wissen und Erfahrung, denn diese Menschen, die noch immer diese komischen alten Zeitungen machten, würden doch über einen großen Schatz an, ja, ich sagte wohl wirklich, Content, verfügen, der vielleicht für das eine oder andere noch zu gebrauchen sei… Er zuckte die Schultern. Er habe das alles schon so lange nicht mehr gelesen, sagte er, ihm habe 4 aber auch nichts gefehlt. Als zweites fragte ich drängend, wo sich seine Generation und die noch Jüngeren, die vielzitierten digital natives, denn in Zukunft verständigen würden über ihre Anliegen, ihre Prioritäten, über das, was als nächstes zu tun sei, also über ihre Erwartungen an die Politik. Wo ist eure Öffentlichkeit, fragte ich, wenn ihr unsere nicht mehr nutzt, was ich ja sogar verstehen will. Wo sind die digitalen Wasserstellen, die ihr aufsucht, wenn ihr reden, streiten, verhandeln müsst? Er zuckte wieder die Schultern und sagte, das würde sich wohl erst mit der Zeit herausstellen. Er war dabei so gelassen wie die Zehnjährigen, die jedes elektronische Gerät erst einmal in Betrieb nehmen, auch wenn sie gar nicht wissen, was es ist.

Die Techno-Soziologin Zeynep Tufekci und der Politologe Ivan Krastev forschen dazu, zur Politik im digitalen Raum. Ihre Untersuchungen von Protestbewegungen wie etwa Occupy haben ergeben, dass ihnen eine langfristige Wirkung bisher versagt blieb. Für kurze Zeit machen sie eine Menge Wirbel, aber dann verpuffen sie. Menschen lassen sich so zwar effizient verknüpfen, aber schon bald laufen sie etwas anderem hinterher. Krastev schreibt, Protestbewegungen im Netz seien bisher eine Form der Partizipation ohne Repräsentation. Und dieser Befund gilt wohl auch für das Verschwommene, das unsere alte Öffentlichkeit ersetzt hat: massenhafte Teilhabe, aber die Fragmentierung jeder Wirkung und die Aufhebung aller Regeln. Reichlich vorhanden für alle sind nur Verunsicherung und Wut.

Natürlich gab oder gibt es nicht die eine Öffentlichkeit. Es gab immer viele davon. Als große und kleinere verschiedenfarbige Kreise lagen sie übereinander wie ein Schaubild aus der Mengenlehre: politische, wissenschaftliche, künstlerische Öffentlichkeit und diverse Untergruppen. Die politische Öffentlichkeit war lange ungerecht und beschränkt, wenn etwa in der Antike nur männliche Patrizier auf das Forum oder die Agora durften, die Fremden, die Frauen, die Sklaven aber natürlich nicht. Dank Gutenberg und seinen beweglichen Lettern bekamen aber immer mehr Menschen Zugang zu etwas, das man auch eine Plattform der Selbstvergewisserung nennen könnte. Zu Börnes Zeiten, dank unerbittlichen Streitern wie ihm, erhob sie sich machtvoll. Als Gegengewicht zum Staat bildete sich die Zivilgesellschaft heraus. Als drittes neben der episodischen Öffentlichkeit (auf der Straße, in der Kneipe), die es immer geben wird, und der sogenannten veranstalteten Präsenzöffentlichkeit (von der wir hier ein schönes, altmodisches Beispiel geben, sozusagen als in Glas gegossene Insekten) definierte Habermas schließlich die abstrakte Öffentlichkeit, die über Massenmedien hergestellt wurde. Als sie entstand, war sie verdächtig, weil sie einem Niveauverlust Vorschub zu leisten schien. Da hatten wir noch Sorgen, könnte man inzwischen sagen. Denn möglicherweise war diese sogenannte abstrakte, massenmediale Öffentlichkeit das Beste, was in einer zusammenwachsenden Welt zu bekommen war, einen historischen Moment lang, in jenem Wimpernschlag, bevor die Digitalisierung alles durchdrang. Das Beste im Sinne von: größte Verbreitung bei niederschwelligem Zugang. Tagesschau, Bildzeitung, die Samstagabendshow und der „Tatort“, dazu die Feuilletons und die Radios. Wir hatten etwas gemeinsam, zumindest in diesem Land, zumindest in diesem Sprachraum, wir wussten so ungefähr voneinander, und wie es uns ging. Zwar interessierten sich viele nur für den „Musikantenstadel“ oder „Deutschland sucht den Superstar“, aber zumindest das Feuilleton blieb tapfer dabei, alles, was größeren Anklang fand, zu analysieren und zu reflektieren. Man konnte daran glauben, dass es Orte gab, an dem die Zeitphänomene diskursiv aufbewahrt wurden. Man konnte davon ausgehen, dass diese gedachten Zwischenlager von den Entscheidern, den Vordenkern, den Oppositionellen und all denen, die einfach nur verstehen und sich verständigen wollten, regelmäßig aufgesucht wurden.

Dem Historiker Per Leo verdanke ich den berechtigten Einwand, dass die Öffentlichkeit historisch gesehen niemals Mehrheitsmeinungen abgebildet hat. Dass Mehrheit und öffentliche Meinung unterschiedliche Phänomene sind, deren Kongruenz sich nicht von selbst versteht. Trotzdem, möchte ich beharren, gab es doch einmal diese halbwegs verlässliche Plattform, auf der, und sei es noch so grob und ungefähr, erfasst werden konnte, was uns bewegte und zusammenhielt. Diese Plattform denke ich mir als Fläche, als riesigen Platz, eben als Forum. Dieser Platz hatte zu allen Zeiten seltsame Ränder und die eine oder andere dunkle Ecke. Aber weil dieser Platz offen und grundsätzlich einsehbar war, galt hier der Rechtsstaat.

Heute haben wir etwas anderes, etwas, das in die Tiefe geht, aber nicht in die sinnbildlich wertvolle: Ein Bergwerk, in dem sich jeder sein eigenes Tunnelsystem graben kann, weitläufig und verzweigt, aber wo es dennoch möglich ist, niemals auf Widerspruch zu treffen. Zumindest kann man den Sammelplätzen und großen Kreuzungen ohne weiteres entgehen, womit diese ihre Bedeutung verlieren. Und es ist möglich, dort ungestraft alles zu tun, was an der hellen Oberfläche verboten ist.

In diesem Sinne meine ich: Die alte Öffentlichkeit ist vorbei. Sie wird nicht irgendwann vorbei sein, sie ist es schon. Die Digitalisierung, die wunderbare Effekte auf viele Lebensbereiche hat, hat auf ihrem Urgrund, der menschlichen Kommunikation, eine alles zerstörende Explosion verursacht. Für die Öffentlichkeit, die, mit all ihren Fehlern und Schwächen, einmal die informelle Macht der Demokratie war, hat es den Effekt, den es auf die Wirtschaft hätte, wenn jeder sich zu Hause sein eigenes Geld drucken könnte. Diese Zersplitterung in Millionen inkonvertibler Einzelmeinungen, diese Hyperinflation von Information, die die Information an sich zerstört, all dies unverbundene und beziehungslose Sprechen und Schreiben könnten wir Ludwig Börne, wenn er plötzlich wiederauferstehen würde, wahrscheinlich wirklich nicht erklären.

Abgeschottet voneinander graben wir unsere Tunnel: blind, empfindlich für kleinste Erschütterungen, erschreckt von lauten Geräuschen, die wir nicht genau orten können. Wir haben keinen Überblick mehr, kein Licht und keine Luft. Keinen Abstand mehr, weder zu unseren eigenen Emotionen noch zu unserer unmittelbaren Gegenwart. Großbritannien, ein sogenanntes Mutterland der Demokratie, gibt mit seinem unlösbaren Brexit-Drama gerade eine gruselige Vorstellung davon; in ihrer selbstmörderischen Kompromissunfähigkeit verkörpern die Parlamentarier ganz präzise ihre Wähler. Täuschen wir uns nicht, das könnte überall passieren, wir haben den monatelangen Krampf der letzten deutschen Regierungsbildung nur wieder verdrängt. Im schlimmsten Fall sind wir bald gar keine Gesellschaft mehr, sondern nur ein loser Verbund hochaggressiver Interessensgruppen, gerade noch mühsam zusammengehalten durch den relativen Reichtum des Erdteils, in den wir zufällig hineingeboren wurden.

Die gleißende Wut allerorten, die diskursive Erderwärmung gibt Zeugnis davon. Und die sinnbildliche Nähe all dieser Phänomene zum Klimawandel ist verblüffend: Shit-Stürme und politische Erdbeben, das Abschmelzen der Polkappen von Vernunft und Benehmen, die Zerklüftung von Weltbildern und die Verwüstung von Freundeskreisen. Es wird massenhaft geflüchtet, in den Extremismus oder ins beleidigte Schweigen, Kriege um Meinungshoheit lodern auf, alles in einem Ausmaß, das wir nicht kommen sehen und nicht für möglich gehalten haben.

Alles geht in Trümmer. Ehemalige Großparteien zerfallen zugunsten von Clowns, Komikern oder zynischen Glücksrittern. Nein, es reicht nicht zu sagen, dass sie offenbar schlecht gearbeitet haben, dass sie nun eben durch etwas anderes ersetzt werden, naturwüchsig, sozusagen. Ihre Bedeutung als Hafen ist damit nicht gewürdigt, als erstes grobes Ordnungssystem in einer hochdifferenzierten Gesellschaft. Unsere deutschen Großparteien benahmen sich rührenderweise umso inklusiver und mittiger, je unversöhnlicher die Stimmung wurde. Das beschleunigt ihren Untergang. Sie bemerken nicht, dass das Wort vom Sammelbecken zu einer Beleidigung geworden ist. In ein solches will niemand mehr steigen, es fühlt sich äußerst unhygienisch an. Die Gruppen, denen man noch vertraut, werden immer kleiner und exklusiver. Ein falscher Tweet, und man fliegt raus.

Es gibt nur ein Sammelbecken, das an Attraktion gewonnen hat: das der selbsternannten Totalopposition. Wer davon überzeugt ist, dass erst einmal alles zerschlagen werden muss, hat automatisch viel weniger Berührungsängste. Das hält die extreme Rechte so fest zusammen: die Loyalität des Abrisskommandos. Mit ihrer radikalisierten, Tabus brechenden Sprache haben sie alle anderen angesteckt: Wir haben inzwischen solche Angst vor ihnen und ihren unleugbaren Destabilisierungkräften, dass wir auch einander nicht mehr über den Weg trauen. Unsere Angst führt, im Gleichschritt mit dem Verlust der Öffentlichkeit, zum eigenen inneren Zerfall. Lieber exkommunizieren wir vormals geschätzte Gesprächspartner und diffamieren sie als neue Rechte, als dass wir uns auf das konzentrieren, was wir einmal viel besser gekonnt haben als die Rechten: Abwägen, analysieren und Widerspruch zulassen. Nicht den Kopf verlieren. Und sich den Humor bewahren. Einiges ist doch so absurd, dass lautes Lachen die beste Strategie wäre. Aber Lachen ist nur noch unter dem Label „Zynismus“ im Handel.

Beides, die Zersplitterung und die erbitterten Kämpfe sind die Zerfallsprodukte der Streitkultur. Zehn Jahre Internet für alle, mobil auf die Hand, haben genügt, um uns das, was Börne und Heine vor zweihundert Jahren begründet haben, verlernen zu lassen. Die vielgerühmte Freiheit, dass sich jeder zu allem äußern kann, schafft die 8 gefährliche Illusion, dass das Aushalten anderer Meinungen nicht mehr nötig ist. Es war schon immer schwer, Kindern zu erklären, dass es keine garantierte Gerechtigkeit gibt, sondern dass man nur beständig an ihr arbeiten kann. Heute ist es schwer, Erwachsenen zu erklären, was ein Kompromiss ist und wozu man ihn braucht. Andere Meinungen dienen nicht mehr dazu, unsere eigenen zu überprüfen – sondern den Gegner zu markieren.

Und so ist die alte Öffentlichkeit an ihr Ende gekommen. Sie ist fast komplett ins Private diffundiert. Es ist nicht mehr annähernd festzustellen, wie es dem eigenen Nachbarn geht, welcher Minderheit er anzugehören wünscht oder welchen Phantasmen er gerade aufsitzt. Jeder hat seine eigene winzige Öffentlichkeit, er hat sie sich nämlich „personalisiert“. Das aber ist, nach allem, was man bisher sehen kann, so gefährlich wie eine Autoimmunkrankheit.

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich in aller Form und mit börnehaft glühendem Herzen bei der Stiftung und vor allem bei Florian Illies für die Zuerkennung dieses Preises. Es ist die größte Ehre, die ich mir denken kann. Börne hat mir immer viel bedeutet, aus seiner über die Jahrhunderte strahlenden Energie habe ich Kraft und Lust gezogen und mir bis vor kurzem bewahrt. Nun aber sind wir überlebt, er und Sie und ich.

Doch jedem Ende folgt ein neuer Anfang, auch wenn ich befürchte, dass wir uns diesen ohne uns vorstellen müssen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, dass ich größte innere Widerstände hatte, aufzuschreiben, was ich gerade gesagt habe. Ich wollte Ihnen meine Verzweiflung nicht zumuten. Aber am tiefsten Punkt fiel mir auf, dass sie, neben der Wut, vielleicht die andere große Emotion ist, die die Fähigkeit hat, Menschen über alle Differenzen hinweg zusammenzubringen. Und da fielen sie mir wieder ein, die Bilder, die wir alle gesehen, über die wir alle gesprochen haben, egal, in welchen Echokammern wir uns sonst vergraben. Es waren die schulschwänzenden Klima-Kinder, in Marsch gesetzt und angeführt von dem kleinen Mädchen mit den komischen Haaren.

Ich weiß nicht, ob es sich nur um meine letzte Hoffnung handelt und ob auch sie dasselbe schnelle Ende nehmen werden wie die oben beschriebenen Internet-Protest-Phänomene. Doch bis jetzt erscheint mir die Verzweiflung dieser Kinder so groß, dass sie die Widersprüchlichkeit ihres eigenen Verhaltens machtvoll übertrumpft. Sie sind bislang die ersten, die der Zersplitterung ihres Themas in tausend feindselige Untergruppen widerstehen. Sie kümmern sich nicht um die erwachsenen Zyniker, die den Kult um die kleine Schwedin verhöhnen, und nicht um die Verständnis heuchelnden Paternalisten, die ihnen empfehlen, die Sache den Profis zu überlassen. Sie sind zweifellos intelligent genug um zu wissen, dass die Herausforderung vor ihnen selbst nicht halt macht, dass auch ihre Eltern und sie selbst ihre Lebensweise massiv verändern müssen. Aber dass sie noch nicht perfekt sind, hindert sie nicht daran, aktiv zu werden. Das ist der Gegenentwurf zu den Verkrampfungen, die wir uns gerade leisten. Es ist fast ein perfektes Problem: Die Verzweiflung unserer Kinder ist die Hoffnung, die wir noch haben können. Ihre Streiks und Demonstrationen sind eine Wiederkehr alter, wirksamer, für alle sichtbarer Öffentlichkeit. Denn für uns alle gilt dieser eine Satz: Für Pessimismus ist es zu spät.

© Eva Menasse 2019

© Maik Reuss

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