Eva Menasse: Antrittsrede als Mainzer Stadtschreiberin

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Rede zu Verleihung des Literaturpreises »Mainzer Stadtschreiberin des Jahres 2019« von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz an Eva Menasse, gehalten am 7. 3. 2019 im Mainzer Rathaus.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Mainzer haben wirklich Humor. Obwohl ich heute erst zum dritten Mal in dieser Stadt bin, kann ich das besser bezeugen als manch andere. Vor fünfeinhalb Jahren habe ich hier meine erste Auszeichnung bekommen, den Gerty-Spies-Preis. In meinem Dank damals habe ich nicht nur über die Namen der einzelnen Preise sinniert – also über die Frage, ob mancher Autor vielleicht lieber einen Jandl- als einen Rilke-Preis, einen Karl-Valentin- als einen Thomas-Mann-Preis bekommen würde oder hätte – , sondern auch darüber, was einem Preise gelegentlich abverlangen. Man kriegt sie oft nicht ohne Gegenleistung, und damit meine ich keineswegs die selbstverständliche Vorleistung, dass man, um überhaupt ausgezeichnet zu werden, ein paar ordentliche Texte geschrieben haben sollte.

Inzwischen sind sogar Elemente des Showbusiness in die Literaturszene eingedrungen. Schauspieler, die einem Oscar so nahegekommen sind, dass nur noch vier Konkurrenten sie von der Goldstatuette trennen, sollten fähig sein, im Fall der Niederlage ein hochmütig-elegantes oder ein dramatisch am Boden zerstörtes Verlierergesicht zu machen, denn für sie, die Darsteller und Rampensäue, wurde das theatralische Shortlist-Verfahren erfunden. Schriftsteller haben andere Begabungen – sie könnten sich wahrscheinlich den perfekten Mord am Konkurrenten bis zum letzten Blutstropfen oder Hautfetzen ausmalen – , aber für das Blitzlichtgewitter, das auch über den verkniffenen Verlierern niedergeht, sind sie weniger prädestiniert. Damals, bei meiner schönen ersten Literaturpreis-Feier hier in Mainz fielen mir – um den diesbezüglich vorbildlichen, weil ganz gegenleistungs-freien Gerty-Spies-Preis zu rühmen – auch noch viele andere Unannehmlichkeiten ein, die einen mit einem Preis ereilen können, und so entschlüpfte mir, unbedacht und schlecht informiert, auch ein boshafter Halbsatz über das Stadtschreiberwesen. Es gab ein paar zarte und höfliche Buhs. Sie waren so leise, dass ich sie, während ich sprach, für Publikumshusten hielt. Erst nachher mahnte mich jemand, dass es wohl nicht sehr schlau gewesen sei, sich ausgerechnet hier über Stadtschreiber lustig zu machen, eine angesehene und im Übrigen auch gut dotierte Auszeichnung, auf die die Mainzer sehr stolz seien. Oh, antwortete ich beschämt, die krieg ich dann wohl nicht mehr.

Dass ich nun hier stehe, ist also ein unumstößlicher Beweis für den Mainzer Humor. Hinter meinem schlechten Witz damals versteckte sich aber eine legitime Frage: Warum haben Sie, warum wollen Sie, warum leisten Sie sich: Einen Stadtschreiber? Was erwarten Sie nun von mir, was haben Ihnen die 34 anderen vor mir gegeben und gebracht, dass Sie beharrlich weiter machen?

Das Wort Stadtschreiber und die Tatsache, dass ich heute in mein Amt eingeführt werde, verweisen ja bewusst auf den historischen, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit so bedeutsamen Beruf. Der historische Stadtschreiber war mächtig, wenn nicht gar der mächtigste in der Stadt. Bei ihm liefen die Fäden zusammen, er war eine Art Gerichtspräsident, Notar, Chefdiplomat und oberster Verwaltungsbeamter in einem. So ein Stadtschreiber, oft bestellt auf Lebenszeit, konnte eine Stadt groß machen oder ruinieren, je nach seinen Fähigkeiten. Keins von beiden werden Sie mir zutrauen oder von mir verlangen.

Es mag an mir liegen, dass sich mir beim Nachdenken über den Nutzen eines heutigen Stadtschreibers sogleich ein anderes Wort aufdrängt, nämlich: Hofnarr. In Mainz mit seinem berühmten Karneval wäre das zwar ein wenig pleonastisch– „das ist ja wie Narren nach Mainz tragen“, könnte man zur längst fälligen Entlastung der griechischen Hauptstadt-Eulen sagen – aber mir gefällt die Berufsbezeichnung gut, besser eigentlich als Stadtschreiber. In seinem letzten Roman „Tyll“ hat Daniel Kehlmann gezeigt, was einen guten Hofnarren ausmacht: dass er nämlich kein Spaßmacher oder Unterhalter ist, sondern ein Wahr-Sager im Wortsinn, Quälgeist und Provokateur, einer, der seinem König alle Illusionsblasen so vor der Nase zersticht, dass dem die Fetzen ins Gesicht fliegen. Ein Hofnarr ist für seinen Herrscher die fleischgewordene Herausforderung: Wie lange lasse ich mir das noch bieten? Den Widerspruch, die Opposition, die Renitenz? Wie lange lasse ich mich noch kritisieren, in Frage stellen, lächerlich machen? Wie lange lasse ich mich zwingen, die möglichen Nachteile meines Regierens mitzubedenken? Jeder Herrscher kann sich seines Hofnarren ja mit einem Handstreich entledigen. Ein Fingerschnippen, und er ist weg.

Unschwer zu erkennen, wen ich mit den Hofnarren meine. Zwar ist nicht jeder Künstler ein geborener Störer und Dissident, aber durch unsere unabhängige und fragile Stellung in der Gesellschaft ist die sprichwörtliche Narrenfreiheit doch ein starker Auftrag und Antrieb. Diese Freiheit ist nicht jeden Tag gleich, sie kann so schnell verschwinden, wie sich der jeweilige Fürst mit dem Zeigefinger quer über die Kehle streicht. Das ist kein neues, sondern ein bleibendes Phänomen. Auch wenn die vielen kleinen Herrscherlein heute stattdessen mit der Maus klicken.

Zur Zeit ist es wieder besonders spürbar: Die Künstler sollen sich gefälligst benehmen. Für sie gelten dieselben Regeln wie für alle anderen auch, das ist so ein Satz, der immer gut klingt, obwohl er aus der Kleinkindererziehung stammt. Da die Kunst ihrer Natur gemäß auf öffentlichem Terrain spielt, läßt sich die Gereiztheit einer Gesellschaft sehr gut an ihrer Neigung zum Kulturkampf ablesen. Das kenne ich als Wienerin zwar von frühester Jugend an, als der „Kampf um die Burg“ nicht etwa die Hofburg, sondern das Burgtheater meinte, wo der böse Deutsche Claus Peymann dauernd den Vaterlandsverräter Thomas Bernhard inszenierte, woraufhin Boulevardpresse und Haiders Rechtspartei gemeinsam den österreichischen Weltuntergang ausriefen.

Der Unterschied ist, dass die Attacken heute von ganz rechts bis ganz links kommen, wobei es mir inzwischen widerstrebt, die Produzenten von Maulkörben überhaupt noch nach Lagern und Richtungen zu unterscheiden. Aktivisten stören brachial Theateraufführungen und Podiumsdiskussionen, auf der Buchmesse wird sich geprügelt. Es macht für die schützenswerte Sache, nämlich die Kunst- und Meinungsfreiheit, keinen Unterschied, ob Rechte das Berliner Gorki-Theater stürmen oder ob besorgte Bürger, die Angst vor einem Rechtsruck haben, Lesungen von Thilo Sarrazin oder Martin Walser zu verhindern suchen. Alles schon mal vorgekommen. Auch jenseits von Handgreiflichkeiten geht ein neuer Rigorismus um, der verbal aggressiv und hochwirksam im Diskreditieren ist – sehr vieles wird plötzlich als untragbar empfunden. Über manches könnte man lachen, wenn es sich um Einzelfälle handeln würde, aber leider ist das Gegenteil der Fall. Die absurden Einzelfälle verdichten sich zum Zeitgeist: Zuletzt gab es sogar um den Schlager „Baby it‘s cold outside“, in den USA einen kleinen Kulturkampf: Der Texte, so wurde behauptet, beschreibe im Grunde den Beginn einer Vergewaltigung.

Nicht nur das Hässliche, Obszöne und Grausame, sondern bereits das Uneindeutige und Ambivalente sind derzeit sehr wenig gelitten. Alles wird enger, und damit auch das Spielfeld der Künstler, das zumindest theoretisch unendlich sein wollte.

Und deshalb war ich übrigens zum zweiten Mal, erst vor einigen Wochen, hier in Mainz: Um dabei zu sein, wie meinem Bruder, dem vielfach ausgezeichneten Schriftsteller Robert Menasse von Ihrer Ministerpräsidentin die Carl-Zuckmayer-Medaille verliehen wurde. Üblicherweise begleiten wir einander nicht zu solchen Veranstaltungen, in diesem Fall schien es geboten, weil die arme Zuckmayer-Medaille unversehens zum Politikum geworden war. Von zwei Fraktionen Ihres rheinland-pfälzischen Landtags war in aller verfügbaren Lautstärke gefordert worden, dass sie Robert Menasse wieder aberkannt werde. Ich will diese sogenannte Affäre nicht noch einmal breittreten, sie war lächerlich und beschämend, und etlichen Journalisten sind alle möglichen Kategorien durcheinander geraten. Ihre Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat zum Glück Umsicht, Haltung und Augenmaß bewahrt, Sie können stolz auf sie sein. Mir aber war bewusst, dass das nicht in jedem anderen Bundesland, mit jedem anderen Ministerpräsidenten so ausgangen wäre. Mir war vor allem sehr bewusst, welch enormer Schaden im andern Fall entstanden wäre. Nicht etwa für manch halbinformierte und dafür doppelt und dreifach übertreibende Kommentatoren und die pharisäerhaft aufgebrachten Politiker. Die haben sich, nachdem jeder seinen Stein geworfen hatte, allesamt wieder zurückgezogen in ihre ununterscheidbar lärmende Schar. Sondern für uns Künstler, uns Schriftsteller, die wir uns ganz freiwillig und um unseretwillen, aber doch so oft auch auf Ihren, des Publikums Wunsch und zu Ihrem Nutzen, exponieren.

Liebe Mainzerinnen und Mainzer, Sie können nichts dafür. Ihre Stadt kann nichts dafür, dass mir dieses inzwischen 35 Jahre alte und mit der Zeit berühmt und ehrwürdig gewordene Stadtschreiber-Amt gerade quer liegt. Die Zeiten sind schuld, dass ich mich so unbehaglich fühle. Wie oft habe ich in meinem Leben schon gehört, dass es Anmaßung sei, wenn Schriftsteller sich zu Politik und Zeitgeschehen äußern. Dass man in einem Schmähartikel von mir persönlich verlangte, ich möge erst mein „Rentenkonzept vorlegen“, bevor ich mich weiter politisch äußerte, ist viele Jahre her. Aber vor kurzem erst wurde Christoph Hein, der in der DDR Dissident war, vorgeworfen, dass er die Stasi verharmlose, und meinem Bruder, Nachkomme von jüdischen Überlebenden, dass er den Holocaust missbrauche. Die allgemeine Verunsicherung, diese zersetzende Folge der Digitalmoderne, hat uns Scharfrichter und Inquisitoren von allen Seiten und auf allen Kanälen beschert. Die Künstler in ihrem Zwischenreich voller Träume und Phantasien, in ihren Alchimistenlaboren voller Unernst, Eigensinn und Erfindung, sind ihnen eine leichte Beute. Alles gerät durcheinander. Auch hochgebildete Feuilletonisten twittern im Stundentakt, eine Tätigkeit, die sich nicht zufällig auf „gewittern“ reimt, und mitten in grellen Alpträumen wache ich auf und habe nun also ein Amt. Ist das nicht Amtsanmaßung? Wie kann ich es, wie darf ich mein Amt nutzen? Wird es mir eine Würde verleihen, die ich noch nicht habe?

Dieses Amt möchte ich nun zumindest vorschützen, um Sie heute an etwas Wichtiges zu erinnern: Der Pakt zwischen Künstlern und Gesellschaft besteht darin, dass er von Künstlerseite dauernd gebrochen wird. Künstler zu sein bedeutet, keinen Auftraggeber oder garantierten Abnehmer zu haben, weniger Kompromisse machen zu müssen und das ganze Leben lang nur die eigene Sturheit und Unvollkommenheit als Gegenüber zu haben, an der man sich eben abarbeitet. Für diese Freiheit verzichten wir auf vieles, auf Planbarkeit, Sicherheit, auf stabile Einkünfte. Wir verzichten gern darauf. Theoretisch verzichten wir überhaupt auf alles, auf Rang, Ehre und Machtinsignien, alles also, womit man in der Gesellschaft aufsteigen kann. Wir verzichten auf alles, um im Gegenzug alles zu dürfen mit unserer Kunst. Denn nur diese entsetzliche, schwindelerregende und beglückende Freiheit macht es möglich, dass ab und zu Sätze geschrieben, ab und zu Kunstwerke geschaffen werden, die bleiben.

Ihre Rolle dabei ist ebenfalls paradox: Wenn Ihnen gefällt, was wir Ihnen vorstrampeln, dann beschenken Sie uns mit Ehre und Geld. Sie sind unsere Gönner, aber Sie müssen selbstlos bleiben. Mit Ihrem Geld und mit all den andern Vorzügen, wie etwa meiner Wohnung hier im Gutenberghaus, kaufen Sie nicht uns, sondern wir erkaufen uns damit weitere Freiheit. Und zwar Freiheit von Ihnen. Das, meine sehr geehrten Damen und Herren, sage ich in der verzweifelten Hoffnung, dass Sie mich richtig verstehen. Um meinen Dank für diesen Preis, für dieses Amt mit aller Ernsthaftigkeit und einer tiefen Verbeugung abzustatten, möchte ich Ihnen als Ihre neue Stadtschreiber-Hofnärrin die Wahrheit sagen. Denn diese Wahrheit scheint mir gerade nötig. Sie verdienen gewiss unsere Dankbarkeit, aber weil es für Sie leichter ist, zu verdienen, dient das, was Sie uns geben, uns nur dazu, nicht käuflich zu werden. In diesem Sinne dürfen Sie von uns keine Dankbarkeit erwarten. Wir werden Ihre Wünsche nicht erfüllen. Wir werden nicht tun, was Sie für richtig, für passend, für künstlerisch wertvoll halten. Wir werden Sie im Gegenteil oft ärgern, verstören, befremden. Wir machen das nicht absichtlich, es geschieht wie von selbst. Mit Ihrem großzügigen Preis werde ich ein verrücktes, möglicherweise größenwahnsinniges Projekt weiterverfolgen, das ich mir vor einer Weile in den Kopf gesetzt habe. Nichts anderes. Ich hätte das auch ohne Ihren Preis getan, aber nun wird es leichter sein. Natürlich hoffe ich, dass die Geschichten, die dabei entstehen, Ihnen irgendwann später einmal Freude machen, Sie unterhalten, Sie vielleicht sogar auf neue Gedanken bringen werden. Wenn überhaupt, ist Kunst umweg-rentabel, aber in den meisten Fällen nicht einmal das. Bitte sehen Sie das ein. Bitte richten Sie das den beiden betreffenden Landtagsfraktionen aus.

Aber dass Sie von Ihrer Seite den Pakt aufrechterhalten, den wir Künstler immerzu brechen müssen, dafür danke ich Ihnen heute von ganzem Herzen.

© Eva Menasse 2019

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