100 Fragen an Karl Lagerfeld – von Moritz von Uslar

Moritz von Uslar: »100 Fragen an«, 2004

Empfang im »Dorint Hotel«, Berlin, bei ihm, der einem immer noch als Erster einfällt, wenn von Couture, Paris, den großen Stoffen, überhaupt Kreativität – la créativité! – die Rede ist: er, Karl der Große, Karl le Grand. Er ist dieses Wochenende im April in Berlin, um eine Ausstellung seiner Fotos zu eröffnen und für ein Buch zu werben. Warten; bitte noch ein bisschen warten, es geht jeden Moment los. An der Rezeption hört man die Bestellung von Suite 220 mit: »Zweimal Zanderfilet und Gemüse, gedünstet, für Monsieur Lagerfeld. Es eilt!« Letztlich hat man dann zwei Stunden auf ihn gewartet. Oben, im Halbdunkel, sitzen fünf, sechs Typen, unter ihnen der fast zu Tode gehypte Dior-Designer Hedi Slimane (Karl trägt Hedis weiße Hemden), jung, großäugig, aufrecht sitzend, in einen Apfel beißend. Oh, schöne Gegenwart und Zukunft! Dagegen wirkt Karl wie das gesamte Jahrhundert, das gerade vergangen ist. Er liegt da mit angezogenen Knien auf einer Chaiselongue, alles in Schwarz (Stiefeletten, Sonnenbrille), und sieht natürlich auch blendend aus. Genauer: Er sieht aus wie die Schmalspur von Karl Lagerfeld. Am liebsten würde er wohl hundert Fragen lang über seine Hunger-Erfolge reden (von 106 auf sechzig Kilo runter), den Gefallen tun wir ihm aber nicht. Tatsache ist ja auch, dass praktisch jeder alles über ihn weiß. Also über die nahe liegenden Themen reden wie Karriere, Schönheit, Vergänglichkeit, Dandytum, Blabla. Wieso? Das sind doch schöne Themen. Näher ran! Auf! Auf!

1 War sofort klar, in welchem Hotel Sie wohnen?

Karl Lagerfeld: War nicht klar, ich habe ja mal eins eingerichtet, im Grunewald. Es liegt allerdings zu weit draußen, und die Besitzer haben gewechselt.

2 Ihr Remodelling-Vorschlag für den Berliner Gendarmenmarkt?

Da muss ich noch mal hingucken. Ich finde den Blick vom »Dorint« schöner als den vom»Adlon« auf die Verkleidung des BrandenburgerTors.

3 Echt wahr, dass die Gäste anhaltend applaudierten, als Sie und Ihre Entourage gestern Abend das Restaurant »Borchardt « betraten?

Davon habe ich nichts bemerkt.

4 Woher kommt das Grau am Himmel?

Das stört mich nicht, ich bin kein Sonnenfanatiker. Wir in Hamburg Geborenen mögen Grau.

5 Mal Lust gehabt, einen schöneren Himmel zu entwerfen?

Das könnte man sich bestenfalls ausmalen, also – nein. Ich bin für den Himmel auf Erden.

6 Wann zuletzt jemandem gegenübergesessen, der seine Sonnenbrille nicht abnimmt?

 Das ist keine Sonnenbrille, sondern mein Augenschirm, eine Brille mit getönten Gläsern. Ich würde nie sagen: Nehmen Sie Ihre Brille ab! Aus einem ganz bestimmten Grund nicht: Ohne sie sehen die Menschen krank aus. Es ist also auch in Ihrem Interesse, dass ich die Brille nicht abnehme.
Er: natürlich ein ausgezeichneter Redner. Das Gespräch bis hierher – papperlapapp, mais oui, huhu, schubidu, die Lagerfeld-Geräusche, mit eingerechnet – hat zirka eine Minute gedauert. Er wirkt amüsiert, konzentriert, locker. Topform. Die letzte Frage hat er Hedi übersetzt, der freundlich hört und nickt. Et oui?

7 Martin-Luther-Fan?

Martin Luther … nein. Ich bin katholisch. Obwohl ich weiß, dass er geholfen hat, die deutsche Sprache zu reformieren.

8 Ihre preußischste Tugend?

Die Art und Weise, wie mein Körper gebaut ist. Preußische Uniformen von vor dem Ersten Weltkrieg sehen bei mir gut aus.

9 Erst die Arbeit, dann das Vergnügen?

Ich bin nicht ehrgeizig. Wenn Arbeit kein Vergnügen ist – ja, dann wird es sowieso grauenhaft.

10 Was würden Sie entwerfen, wenn Sie noch mal ganz am Anfang Ihrer Karriere stünden?

Man entwirft nicht unbedingt die besten Sachen am Anfang seiner Karriere. Dieser Jugendkult –was für eine kindische Idee! Junge Designer gehen so oder so zu viel auf den Flohmarkt. Man kann die Elemente aktualisieren oder verallgemeinern. Es ist aber nie zu spät, etwas Neues zu entwerfen.

11 Welche drei Vokabeln beschreiben die Kultur von Chanel?

ZMS. Zeitloser, moderner Style.

12 Anstrengend, dass Chanel eine eigene Hochkultur ist?

Nein, seien wir ehrlich, davon profitiere ich.

13 Haben Sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt Ihrer Karriere als Underground begriffen?

Underground, dieses Wort bedeutet heute nichts mehr. Es sollte verwendet werden, wenn von der Untergrundbahn die Rede ist.

14 Welcher Ihrer Entwürfe war rückblickend betrachtet genial?

Rückblick – schon falsch. Rückblicken soll man, wenn man aufhört zu arbeiten. Das ist ja ein richtiger Trend heute: zurück. Die Leute gefallen sich so in der Vergangenheit, dass sie ihre Gegenwart vergessen und Zukunft blockieren. Wir müssen aber von unserer Zukunft leben.

Das hat er alles oft, vielleicht zu oft gesagt. Es kam wie auswendig gelernt daher. Es bedeutet nichts. Ein Lagerfeld- Ding ist, dass er antwortet, noch während die Frage gestellt wird. Natürlich, sein flinker Geist, seine Ungeduld, er ist ja ein Genie. Aber wir kennen uns aus mit Genies. Tempo anziehen! Schneller fragen!

15 Die Firma Ihrer Wachsstifte?

 Faber-Castell.

16 Was zuletzt gezeichnet?

Die Kollektion Croisière für Chanel, Thema »French Café«.

17 Wen zuletzt fotografiert?

Lachen Sie mal! Monsieur Jospin und Monsieur Chirac, natürlich auf getrennten Bildern, beide posierten, als ob sie schon Präsident wären. Ist das nicht komisch?

Doch, das ist komisch. Schneller! Komischer! Seinem Geist von hinten auflauern und auffahren!

18 Was malt sich schneller hin als eine lachende Sonne?

Eine Karikatur à la Gulbransson, dem Simplicissimus-Karikaturisten, von Freunden, Angestellten, Berühmtheiten. Wo man mit einer Linie den ganzen Charakter reinkriegt.

19 Was fällt Ihnen noch leichter als Zeichnen?

Es ist ja nur Mittel zum Zweck. Man kann sich Illusionen hingeben. Kann ich irgendetwas gut genug? Ich habe in der Beziehung Glück, da ich in drei Sekunden alles – wirklich alles – zeichnerisch ausdrücken kann. Was kaum einer meiner Kollegen kann.

20 Welche sexuelle Fantasie beflügelt Ihre Arbeitskraft?

Sexualität als Antrieb, das ist wohl doch ein bisschen Klischee, nicht? Meine Kreativität hat andere Quellen. Bilde ich mir ein.

21 Welches Ding nehmen Sie arbeitend am liebsten in die Hand?

Natürlich den Zeichenstift.

22 Stolz auf Ihre Handschrift?

Sie ist ein weiterer zeichnerischer Ausdruck. Ich schreibe alles, Faxe und Briefe, mit der Hand. Schreiben ist für mich auch Telefonersatz. Ich hasse Diktieren und Buchstabieren. Ich habe nie eine dreisprachige Sekretärin gefunden, die etwas anderes als Geschäftsbriefe schreiben kann.

23 Rom, Biarritz, Monte Carlo – wo steht Ihr Lieblingsschreibtisch?

In Paris stehen vier, zu einem großen zusammengestellt.

24 Warum singen Sie nicht?

Weil ich die Stimme nicht habe. Ich werde auch sicher nie einen Roman schreiben.

25 Was können Sie besser als Goethe?

So prätentiös bin ich nun auch wieder nicht. Selbst seine Zeichnungen bewundere ich.

26 Manchmal selbst genervt von Ihrer Vielseitigkeit?

Man würde lieber noch ein paar Seiten dazutun.

27 Schlafstörungen?

Gott sei Dank nicht. Es gibt ja nichts Schöneres als Schlafen. Gleich bleibende Geräusche, Auto, Zug und Flugzeug sind gut. Weshalb ich nicht Auto fahre.

28 Korrekt, dass man über sechzig tendenziell nur noch vier Stunden Schlaf braucht?

Ich schlafe sieben. Seit ich 42 Kilo abgenommen habe, wache ich einfach nicht früher auf.

Signal: Er möchte über seine Diäten befragt werden. Es haben ihn aber alle großen Zeitungen über seine Diät befragt (er fühlt sich super, ist nicht krank, er wiegt so viel wie mit 18). Wir machen das, wie gesagt, nicht.

29 Ihr lustigstes Vorurteil gegen die Psychoanalyse?

Ich hasse sie. Da glaube ich überhaupt nicht dran. Das ist für Leute, die mit sich selbst nicht ehrlich sind. Wie Lou Salomé an ihren Freund Rilke schrieb: Tue es nie, es tötet die Kreativität!

30 Welche Krankheit hat für Sie den größten Glamour?

Die Tuberkulose der Kameliendame in dem Film mit Greta Garbo. Aber nicht in Wirklichkeit. In Wirklichkeit ist kein Kranker glamourös. Mein Lieblingskranker in der Literatur ist natürlich Molières Eingebildeter Kranker, aber ich hoffe doch, dass die Menschen gesund sind, die ich mag.

31 Ihr Lieblingsmedikament? Doliprane. Wirkt gegen Muskelkater, Erkältung, Grippe. Ganz geniales Mittel.

32 Mal einen Freund mit Ihrer Arbeitswut in den Wahnsinn getrieben?

Diese Sorte Verzweiflung gibt es bei mir nicht, dafür bin ich zu gleichgültig. Bei mir ist Arbeit ruhig, kühl, organisiert. Ich hasse Hysterie.

33 Sich ständig weiterentwickeln – wohin eigentlich letzten Endes?

Eben dahin: weiter.

34 Geht es um Unsterblichkeit?

Es kommt auf die Krankheit an.

35 Welchen Grund gibt es für all die Schufterei, außer die Unfassbarkeit der Tatsache, dass man einmal nicht mehr sein wird?

Es sind Milliarden vor uns gestorben, warum sollen wir aus uns einen so dramatischen Fall machen? Das erinnert mich an das Mädchen, das seinen Vater fragt, was man gegen den Tod tun kann. Er antwortet: Nimm Schlammbäder, dann gewöhnst du dich schon mal an die Idee. Ich möchte übrigens verbrannt werden, damit ich möglichst spurlos verschwinde.

36 Wo sitzt oder liegt der komplett relaxte Lagerfeld?

Vor Ihnen.

37 Ihr letzter wertvoller Gedanke?

Das sind die unfertigen. Ich bin ja akut Aphorismus-gefährdet – hier ist gleich einer: Es kommt immer besser, als man denkt. Zu viele Gedanken führen zu nichts.

38 Führt Konzentration zwangsweise in die Einsamkeit?

Gar nicht. Einsamkeit ist Batterien aufladen; dass man das und das versucht, hier und da mal hintapst und niemand vom Ergebnis meiner Versuche abhängig ist.

39 Welcher große Künstler ist kein komplett Asozialer?

Ich bin asozial. Aber ich bin kein großer Künstler.

Moritz von Uslar: »100 Fragen an«, 2004

40 Hat das Wort »Inspiration« für Sie auch einen ekligen Beigeschmack?

Eklig nicht, aber es ist beinahe immer ein Passwort für Faulheit, eine Entschuldigung für Nichtstun. Auf die Inspiration warten: So geht es eben nicht. Inspiration kommt beim Arbeiten wie der Appetit beim Essen.

41 Einverstanden, dass »kreativ« das Pestwort unserer Zeit ist?

Kreativität ist ja vor allem eine Art Honorarrechtfertigung geworden. Menschen geben einen irre aktiven und aufgeregten Lebensstil vor, damit sie ihre überhöhten Gelder verlangen können. Das zweite Pestwort ist der jeune créateur. Wenn er nicht mehr jung ist, der junge Kreative, will kein Mensch mehr von ihm hören. Für mich sind die Leute interessant, die das machen, was ich selbst nicht kann, weil mir das nicht entspricht – für diese Leute interessiere ich mich so, wie Jean Rostand, der Naturwissenschaftler, Insekten beobachtete. Übrigens war er Sohn des Edmond Rostand, der den Cyrano de Bergerac schrieb.

42 Lieber Kaiser Karl oder Karl Lagerfeld?

Der Kaiser ist ja bei uns ein schwieriges Kompliment. Das Wort »Kaiser «, an einen deutschen Vornamen gebunden, erinnert ja nicht nur an Karl den Großen, sondern auch an so einen armen Kerl wie Wilhelm II.

43 Lieber Louis XIV oder Alter Fritz?

Der Alte Fritz ist mir teilweise unsympathisch. Ich finde ihn ganz witzig, wie er in seiner Jugend gegen seinen Vater revoltierte und was er als junger Mann für Sachen bauen ließ. Aber der Siebenjährige Krieg und so, sein letztlich doch zynischer politischer Realismus – finde ich nicht so gut. Als Kind war ich ein glühender Alter-Fritz-Verehrer. Ich habe sogar eine Kopie vom Menzel-Gemälde Die Tafelrunde.

44 Gutes Verhältnis zum Kaiser Franz?

Von Österreich? Hohenstaufen? Das müssen Sie präzisieren.

45 Wäre es nicht noch schicker, König zu sein?

Das kommt darauf an, ob wir eine absolute oder konstitutionelle Monarchie haben. Wir müssten also erst einmal die Frage der Verfassung klären, bevor ich mich entscheide. Natürlich, ich wäre lieber König als Präsident einer Republik. Lieber von Gott gewählt als vom Volke.

46 Das feinste Abendessen, zu dem Sie je geladen waren?

Ich bemühe mich, die feinen Essen zu vergessen, weil ich anders essen möchte und muss.

47 Wie isst man Spargel?

Die affektierte Sache mit den Spargelzangen gibt es nur in Deutschland. Woanders tut man es mit der Hand.

48 Kennen Sie eine sexuellere Delikatesse als Austern?

Da denke ich an das, was aus der Nase kommt, wenn man erkältet ist. So erotisch finde ich das nicht.

49 Welcher gekonnte Regelverstoß verrät den Mann von Welt?  

Da gibt es den Ausspruch des Literaturkritikers und Schöngeists Barbey d’Aurevilly: Die Leute sollen die Regeln einhalten, man selbst kümmert sich besser nicht darum.

50 Das stilvollste Schimpfwort?

Ein französisches: Bordel de cul.

51 Die tollste Orgie, bei der Sie je zugesehen haben?

Ich bin kein Voyeur. Was ich über Andy Warhol alles gelesen habe! Das waren keine Orgien, das waren Stehempfänge. Unvergesslich wird das immer erst dreißig Jahre später. Für den Moment war das okay, nicht sonderlich amüsant, wenn man nicht selbst trinkt und keine Drogen nimmt.

52 Tanzen Sie? Ich mache Ballroom Dancing, das ist wie Gymnastik, nur amüsanter. Dafür habe ich einen eigenen Tanzlehrer und Tanzsaal. Ich lade Freunde ein und gebe kleine Bälle. Es werden alte Tänze, Salontänze, getanzt. Keine Presse. Sehr intim, sehr charmant.

53 Korrekt, dass Deutsche noch geschmackloser sind als Franzosen und Engländer?

Sagen wir, Italiener kümmern sich einfach mehr um ihr Äußeres, und das ist alles, was man von Unbekannten sieht und sehen möchte. Deutsche, Franzosen und Engländer leben ihren Alltag allesamt auf einem niedrigen Niveau.

54 Ihr Lieblingsvorurteil gegen die Franzosen?

Eine gewisse Arroganz, ein intellektueller Snobismus. Da weigert sich eine Madame Tasca, die unsere Kultusministerin war, Berlusconi zur Buchmesse in Paris zu empfangen. Man kann ihn mögen oder nicht mögen, das braucht sie nicht zu diskutieren. Er wurde vom italienischen Volk gewählt.

55 Ihre Lieblingshochkultur? Anders gefragt: Zu welcher Zeit an welchem Ort waren die guten Sitten auf ihrem Höhepunkt?

Schwer zu sagen. Vielleicht Le Grand Siècle, das 17. Jahrhundert in Frankreich.

56 Die charmanteste Seite von Ernst August von Hannover?

Oh, so viele. Er ist einer der tollsten Männer, die ich kenne, warm, herzlich, vielleicht nicht mit Paparazzi. Sein Ideenreichtum, seine Großzügigkeit! Er macht die amüsantesten Geschenke. Wirklich außergewöhnlich.

57 Echt wahr, dass Lady Di mal für Sie Modell gestanden hat?

Nein, sicher nicht. Sie trug und kaufte Chanel.

58 Welches Fotomodell hat zuletzt Ihretwegen geweint?

Hoffentlich keines. Man sollte alles nicht zu ernst nehmen.

59 Sagen Sie immer noch – französische Aussprache – Clodia, anstatt – deutsch – Claudia Schiffer?

Bitte, das ist alles zu lange her.

60 Ihnen ist aber schon klar, dass Sie ein Herzensbrecher sind?

Jetzt stutzt er. Zum ersten Mal. Ein kleiner, feiner Erfolg über die Formulier-, Gesprächs- und Geräuschmaschine Lagerfeld.

Nein, das kommt mir nicht so vor.

61 Sind Sie nicht maßgeblich schuld am ganzen Modelwahn?

Vielleicht, aber man kann nur einen Wahn auslösen, der einem Bedürfnis entspricht. Hollywood war nicht auf der Höhe. Bis heute. Bis Nicole Kidman kam.

62 Kennen Sie einen schönen Menschen, der dumm ist?

Guter Punkt. Nicht-hübsche Leute, die sich für intelligent halten, meinen immer, dass die hübschen dumm wären. So simpel ist es aber nicht. Eine gewisse kreative Intelligenz kann – über die Jahre – verschönern. Während einfache, durch nichts als die Gene begründete Schönheit nachlässt.

63 Welches Buch macht schön?

Jedes Buch, das den Geist bereichert – zurzeit sind das Stummfilm-Bücher und ein Buch über den Berliner Architekten Muthesius. Ich habe heute allein wieder kistenweise Bücher gekauft.

64 Fällt Schönsein leichter, wenn man einen Schampus intus hat?

Das können Sie mich nicht fragen. Ich hasse Champagner. Ich trinke keinen Alkohol.

65 Verstehen Sie, warum Kate Moss sich keinen schönen Freund genommen hat?

Das Leben ist kein Schönheitswettbewerb. Sie hat doch sehr schöne Boyfriends gehabt.

66 Welches Tier ist schöner als der Mensch?

Pferde. Hunde. Schlangen.

Unruhe in der Suite. Hedi, der Slimane, geht mit Mobiltelefon am Ohr und einem japanischen Mode-Geek ab. Grußlos, natürlich. So, Monsieur Lagerfeld, mon cher génie: Jetzt wird es handgreiflicher, gröber, gemeiner. Weniger Geist, wissen Sie. Es muss sein.

67 Was wiegen Sie mit Fächer?

Den habe ich aufgegeben. Heute raucht ja kaum ein Mensch mehr.

68 Was wiegen Sie ohne Fächer?

Sechzig Kilo.

69 Ihr Duft?

Uralte Parfums. Guerlain »Jicky«, Chanel No. 5, das klassische Lagerfeld, 1978 für mich entworfen.

70 Mal – nur zum Spaß natürlich – in ein Chanelkleid geschlüpft?

Nein. Ich habe keinerlei Neigung zum Transvestiten, nie gehabt. Aber ich bin schlank genug, um die Jeans der Models anzuziehen.

71 Die Marke Ihrer Haargummis?

Weiß ich gar nicht. Auf meinen Haarbürsten steht Denman. Odile Gilbert, die berühmte Haarkünstlerin, die alle Fotos und Schauen mit mir macht, bringt sie mir freundlicherweise aus Japan mit.

72 Wie viele Minuten gehen bei Ihnen täglich fürs Bürsten drauf?

Fünf Minuten, zweimal pro Tag.

73 Träumen Sie heimlich davon, Haare bis zu den Knien zu haben?

Das wäre ja ekelhaft, nein. Das wäre unmöglich, das anständig zu pflegen.

74 Schämen Sie sich nicht, jeden Tag Ihre Unterhosen wegzuschmeißen?

Was die Zeitungen sagen, habe nicht alles ich gesagt.

75 Ihr Lieblingsfrauenname?

Elisabeth, der meiner Mutter.

76 Der männlichste Vorname, den Sie sich vorstellen können?

Als Kind habe ich davon geträumt, Tankred zu heißen. Oder Carl Maria, wie von Weber.

77 Wenn Frau sein, dann am ehesten welche?

Das ist schon die dritte Frage, mit der Sie mich dazu überreden wollen, mich umoperieren zu lassen – das wird aber nichts. Ich bin an meine männliche Kondition gewöhnt. Wenn Frau, dann hätte ich das mit zwanzig werden sollen. Ich nehme die Ricarda Huch. Keine Schönheit, aber eine große Schriftstellerin. Tolle Frau.

78 Törnt Sie eher Kälte an oder Wärme?

Kühl ist mein Klima.

79 Wen zuletzt geliebt?

Solche Fragen habe ich mein Leben lang noch nicht beantwortet.

80 Ihre versauteste Seite?

Meine was?

Schreck. Schamlächeln. Wo man mit ihm, Monsieur, landen kann: im Ordinären! Klatsch! Ob die Frage ernst gemeint ist? Entschuldigung. Aber ja. Jaja. Es ist ja auch eine Saufrage.

Weiß gar nicht. Meine Selbstgefälligkeit vielleicht.

81 Können Sie ausschließen, dass Sie schnarchen?

Ich kann nur allein schlafen, ich halte nicht mal einen Hund aus. Also kann das niemand wissen.

82 Die Enthaltsamkeit von welchem Stoff macht am schärfsten?

Geldmangel. Wahrscheinlich. Ich habe das ja immer vermieden.

83 Gibt es etwas Schärferes als einen kühlen, weißen Raum?

Licht ist das Wichtigste. Keine Lichtduschen. Ich meine: keine Leuchter an der Decke. Alle öffentlichen Orte und Fahrstühle sind ja grauenhaft beleuchtet.

84 Welche ist die schönste Hauptsache der Welt?

Gibt es ja nicht. Alles, was wichtig ist, sollte schön sein. Oscar Wilde, der ja immer gern zitiert wird, hat gesagt: Die erste Pflicht im Leben ist es, eine Haltung einzunehmen. Eine zweite Pflicht hat bis heute noch niemand entdeckt.

85 Was passiert für gewöhnlich als Nächstes, wenn Sie die getönten Brillengläser abnehmen?

Nichts. Ich zeichne, lese, schreibe doch ohne Brille.

86 Ihr Ernst, dass es ganz ohne Sexualität geht?

Heutzutage haben die Leute das mit der Sexualität derartig aufgeblasen – und da mache ich kein Wortspiel. Sex wird übertrieben.

87 Wer hat den guten Ruf der Sexualität versaut?

Die Umstände. Gewisse Zeitungen. Das Mysterium der Sache ist tot. Es ist so eine Art Performance-Kunst geworden, eine Banalität wie gut essen gehen.

88 Was spricht für die große Liebe?

Alles, wahrscheinlich.

89 Fürs ewige Single-Dasein?

Mein Naturell.

90 Worin besteht noch mal der Unterschied zwischen allein und einsam sein?

Einsam ist, wenn Sie dasitzen, keiner will Sie, kein Geld, krank, isoliert. Wenn Sie kämpfen müssen, um Ruhe zu haben, dann ist Alleinsein ein Luxus.

Die letzten zehn Fragen. Monsieur lässt die Brille ein Stück auf der Nase runterrutschen – um sich mit dem kleinen Finger über ein Augenlid zu streichen. Dazu passt ein Stirnkräuseln, das signalisiert, dass er, le Grand, sich jetzt etwas anderes vorstellen könnte als Fragen zu beantworten. Oui! Oui!

91 Sind Sie eher 60 oder 68 Jahre alt?

In der Mitte.

92 Ihr Kosename für Hedi Slimane?

Hedi klingt doch schon wie ein Kosename.

93 Wäre es kein schönes Leben gewesen als Direktor von Glücksklee-Kaffeesahne?

Die gehört ja Nestlé, seit Ewigkeiten. 1960 ist mein Vater in den Ruhestand getreten, sieben Jahre später an Langeweile gestorben. Das hat mit mir nichts zu tun.

94 Wer erbt Ihren ganzen Zaster?

Wer weiß, wie viel ich habe? Reichtum ist eine Standpunktfrage. Im Verhältnis zu Bill Gates bin ich ein ganz armer Mann.

95 Wann hat Ihr Diener frei?

Ich habe genügend Diener, so dass das keine Rolle spielt. Aber wissen Sie: Jeder Angestellte ist ein Stempler weniger. Also soll man mir das mal nicht vorwerfen.

96 Immer noch Lust, ein schönes Schloss zu entwerfen?

Schloss nicht, ein Haus. Die große Frage ist das Wo.

97 Mal daran gedacht, einen Lagerfeld- Duft »Berlin« zu nennen?

Das überlasse ich anderen deutschen Designern.

98 Korrekt, dass Sie extra kein Intellektueller sind?

Ich bin betont anti-intellektuell. Ich bin nur kultiviert. Licht an. Nun möchte Herr Gerhard Steidl, Münchner Verleger, Buchprojekte mit ihm besprechen.

Karl Lagerfeld: Danke für Zeit, Geduld und – wie sagt man? – Humor. Humor ist immer toll.

99 Wann zuletzt Mensch gewesen?

In dieser Minute! Sehe ich denn so unmenschlich aus?

100 Was für einen Anzug trägt der liebe Gott?

Wohl nicht das, was er auf Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle anhat. Aber darin sieht er am besten aus.

24.Mai 2002

Aus »100 Fragen an« von Moritz von Uslar

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