»Alles geht immer schneller, aber das Lesen nicht« – Die Literaturkritiker Volker Weidermann und Volker Hage im Gespräch

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Der SPIEGEL-Literaturkritiker Volker Weidermann, Jahrgang 1969, spricht mit seinem Vorgänger, Volker Hage, Jahrgang 1949, über den Umgang mit neuen Büchern, über Erfahrungen mit sensiblen Autoren und über das ganz private Glück des Lesens.

Volker Hage, Volker Weidermann, wann und wie sind Sie beide zu Lesern geworden?

Hage In meinem Elternhaus gab es kaum Bücher mit Literatur, eher ging es um Verkaufspsychologie und Ähnliches. Natürlich habe ich Kinderbücher gelesen, mein Lieblingsbuch war »Die rote Zora«. Aber ich habe mich keineswegs mit 13 schon auf Tolstoi oder Thomas Mann gestürzt. Irgendwann hat ein Deutschlehrer allerdings festgestellt, dass Kafka für mich interessant sein könnte. Und dann habe ich die Tagebücher von Max Frisch für mich entdeckt, aber da war ich auch schon 16, 17 Jahre alt.
Weidermann Auch meine Eltern haben nur die üblichen Büchergilde-Bücher gehabt, das war also auch kein klassisch bildungsbürgerlicher Haushalt. Für mich ging es mit Asterix los und dem »Kleinen Nick«. Das habe ich Hunderte Male gelesen, die Asterix-Hefte konnte ich auswendig.
Hage Die Comics habe ich vergessen, ich habe mit Mickey Mouse angefangen!
Weidermann Dann ging es weiter mit Schneider-Büchern, der »Burg Schreckenstein« und den Internatsromanen. Die ersten sogenannten ernsten Bücher waren Geschichten von Stefan Zweig, Erzählungen von Thomas Mann, Maupassant. Ich erinnere mich, dass mein Vater mal – ich war 16 oder 17 Jahre alt – in mein Zimmer kam und sagte, ich solle nicht so viel lesen, ich würde sonst wunderlich. Wunderlich! Am Anfang freuen sich Eltern ja immer, wenn ihr Kind liest. Aber mit der Zeit haben sich meine Eltern wohl gesagt: Na ja, ein bisschen frische Luft täte ihm vielleicht doch gut.

Sie beide haben nach dem Abitur Germanistik studiert. Schon mit dem Ziel, Kritiker zu werden?

Weidermann Das fing dann langsam an, ja. Obwohl einem klar war, dass das eigentlich aussichtslos sein würde. Ich habe in Heidelberg mit etwa 500 Erstsemestern angefangen, Germanistik zu studieren. Wir wurden bei einer Einführungsveranstaltung gefragt, wer Journalist werden wolle. Und bestimmt 400 hoben die Hand. Vielleicht 100 wollten noch Lektor werden.
Hage Als Schüler wollte ich eigentlich Luftfahrtjournalist werden, ich hatte ein großes Faible für Flugzeuge und habe schon mit 15 in einem Motor-Magazin einen ersten Artikel über die deutsche Luftfahrtindustrie veröffentlicht. Die wussten gar nicht, wie jung ich war. Aber parallel habe ich auch in der Schülerzeitung über Literatur geschrieben. Und mit dem Beginn des Germanistikstudiums war das Ziel dann klar. Wann hast du denn deine erste Buchkritik veröffentlicht und wie kam es dazu?
Weidermann Ich hatte erst die üblichen frustrierenden Erfahrungen. Beim »Darmstädter Echo« wollte ich ein Praktikum machen und dort hieß es nur: »Sie können kommen, wenn Sie Erfahrungen vorweisen können.« Aber dann gab es damals eine winzig kleine Neugründung, sie nannte sich »Zeitung für Darmstadt« und war extrem politisch, eine Art Gegenzeitung zum »Echo«. Und dort konnte ich endlich schreiben. Über Gedichte von Dürrenmatt habe ich meinen ersten Artikel veröffentlicht. Ich glaube, dass kaum jemand weiß, dass der überhaupt Gedichte geschrieben hat.
Hage Ich hatte einen Trick. Weil ich ja wusste, dass mich keiner kennt, habe ich berühmte Schriftsteller interviewt und diese Interviews dann einfach angeboten, das waren Gespräche mit Grass, Kempowski, Jürgen Becker, Ernst Jandl. So kam ich in die »Akzente«, in die »Zeit«. Gedruckt wurden diese Stücke, weil das berühmte Namen waren, nicht, weil ich die Interviews geführt hatte.
Weidermann Guerillataktik! Sehr gut!

Wie sind Sie denn an diese Schriftsteller herangekommen?

Hage Nach einer Lesung, zum Beispiel. Günter Grass habe ich dort einfach angesprochen und dann interviewt, übrigens noch als Schüler, das Gespräch erschien in meiner Schülerzeitung.
Weidermann Donnerwetter! Du bist ja quasi als SPIEGEL-Literaturchef auf die Welt gekommen! Bei mir war das ganz anders. Ich bin den ganz klassischen, langen Weg gegangen. Ich habe mein erstes Praktikum bei der Heidelberger »Rhein-Neckar-Zeitung« gemacht, in Dossenheim, und über wirklich alles geschrieben, was in der Region so los war, aber nichts über Literatur. Mein entscheidender Schritt war dann die »taz« in Berlin. Ich habe sie immer gelesen und bin dort eines Tages einfach reinmarschiert, auch in so einer Art Guerillamodus, aber damals war ich auch schon Mitte 20. Ich habe denen so sinngemäß gesagt: »Ich lese euch, und mir reicht das jetzt mit der ›Rhein-Neckar-Zeitung‹.« Als ich dann das Praktikum bei der »taz« hatte, bin ich zum Studieren nach Berlin gegangen und habe von da an regelmäßig frei für sie geschrieben. Die »taz« hatte halt immer Bedarf. Nach dem Studium hat man dann für mich eine Stelle geschaffen.
Hage Und bei mir war’s statt der »taz« die »FAZ«. Einer meiner Professoren an der Hamburger Uni, Karl Ludwig Schneider, schrieb gelegentlich für die »FAZ«. Und der hatte gehört, dass die jemanden suchen. Ich habe mich also beworben. Und Marcel Reich-Ranicki hat dann nur gefragt, was ich denn schon so publiziert hätte. Also habe ich ihm meine Interviews und Rezensionen geschickt. Und dann sagte er: »Gut, dann probieren wir das mal.«
Weidermann Wie alt warst du damals?
Hage 25. Ich lebte damals in einer Wohngemeinschaft und habe meine Mitbewohner gefragt: »Soll ich wirklich zur ›FAZ‹ gehen, die ist doch so rechts?« Worauf unser größter Sozialist sagte: »Natürlich gehst du dahin. Beim Klassenfeind lernen ist immer gut.« Du hast ja viele Jahre nach mir auch für die »FAZ« geschrieben und später als Redakteur bei der Sonntagszeitung »FAS« gearbeitet. Wie kam es dazu?
Weidermann Ich hatte Frank Schirrmacher, den damals für das Feuilleton zuständigen Herausgeber, bei einem Joseph-Roth-Seminar in Heidelberg kennengelernt, ich hatte es ehrlich gesagt ein bisschen darauf angelegt. Wir haben uns gut unterhalten, und ich durfte ein Praktikum in der »FAZ«-Literaturredaktion machen. Und als dann die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« gegründet wurde, 2001, bekam ich ein Angebot, dorthin zu wechseln.

Sie beide verbindet, wenn man das so sagen darf, schon eine gewisse Chuzpe, mit der Sie Ihr Berufsziel erreichen wollten und auch erreicht haben. Stimmen Sie zu?

Weidermann Ja, man muss es wirklich unbedingt wollen. Unbedingt. Und sich auch nicht abwimmeln oder entmutigen lassen durch irgendeine Kritik. Wenn man nur so hingeht und sagt, ja, ich probiere das mal, und wenn’s nichts ist, dann macht es auch nichts: Das funktioniert definitiv nicht!

Aber man muss sich auch auf Umwege einlassen und akzeptieren, dass man sein Ziel vielleicht erst später erreicht?

Weidermann Ja, ich habe dieses Ziel nie aus den Augen verloren. Selbst bei der langweiligsten Mülldeponie-Reportage habe ich immer gewusst, was ich später mal machen möchte. Aber so ein Umweg ist eigentlich der direkte Weg. Ich hätte unmöglich mit der Literaturkritik gleich anfangen können. Ich musste mit dem Allgemeinen beginnen, ich musste das journalistische Schreiben wirklich erst mal lernen.
Hage Für mich war die »FAZ« dieser Umweg. In den Sechzigerjahren war das Feuilleton der »Zeit« das Leitmedium überhaupt. Und schon damals hatte ich als junger Leser dieses Feuilletons den geheimen Wunsch, eines Tages Literaturchef der »Zeit« zu werden. Aber dann holte mich erst einmal Reich-Ranicki nach Frankfurt. Elf Jahre später klappte es mit dem »Zeit«-Traumjob. Aber wenn man endlich dort gelandet ist, wo man unbedingt hinwollte, dann ist es manchmal gar nicht so doll. Nach sechs Jahren ging es weiter zum SPIEGEL. Dort habe ich 22 Jahre lang sehr gern gearbeitet.

Kann es sein, dass Ihre Generation, Volker Hage, es leichter hatte, in den journalistischen Beruf einzusteigen, als das bei späteren Generationen der Fall war?

Hage Das kann ich nicht objektiv beantworten. Die Befürchtung, dass man sowieso keinen Job bekommt, gab es schon damals.

Aber Sie haben nicht mit 500 Erstsemestern zusammen angefangen, Germanistik zu studieren?

Hage Nein, so hoch waren die Zahlen 1969 nicht. Aber Germanistik war natürlich schon damals die Anlaufstation für all jene, die nicht so richtig wussten, was sie mal werden sollten. Ich dagegen wusste das ganz genau.
Weidermann Für mich waren diese ersten Jahre an der Uni total entmutigend. Ich habe 1990 in Heidelberg angefangen, bin ein Jahr in Schottland gewesen und dann 1994 nach Berlin gegangen. Eigentlich wurde einem ständig gesagt, dass man da draußen keine Chance haben würde.
Hage Hattest du nie einen Professor, der dich gefördert hat?
Weidermann Es gab in Heidelberg einen Akademischen Oberrat, Gerhard vom Hofe, der erst einmal selbst so begeistert war, einen so emphatischen Lehrenden habe ich nie wieder erlebt. Und der hat mich dann tatsächlich auf die Spur gebracht, der hat mich ins Literaturarchiv nach Marbach geschickt, er hat meine Texte gelesen und erkannt, dass die vielleicht doch eher journalistisch und nicht wissenschaftlich geschrieben waren.

Wer sich als junger Mensch für Literatur begeistert, will vielleicht gar kein Kritiker werden, sondern Schriftsteller. Warum sind Sie beide diesen Weg nicht gegangen?

Hage Also, das Vergnügen, zu erzählen, schließt sich ja mit der Kritik nicht völlig aus. Aber ich verrate hier mal, dass ich als junger Mann mit 21 Jahren meinen ersten Roman geschrieben habe, der dann zum Glück nicht veröffentlicht worden ist. Und als ich ein paar Jahre später zur »FAZ« ging, habe ich das Projekt Schriftstellerei auf die Zeit nach meiner Kritikerarbeit vertagt.
Weidermann Für mich kam das nie infrage. Ich habe nicht einmal heimlich geschrieben. Ich habe die allergrößte Bewunderung fürs Schreiben und für die Schriftstellerei, aber mir fehlt allein schon die Fantasie, um so etwas zu machen.

Wenn man sich also gegen die Literatur und für die Kritik entscheidet, hat man wahrscheinlich Vorbilder, denen man nacheifert. Wer war das bei Ihnen beiden? Marcel Reich-Ranicki?

Hage Ja, unbedingt, aber natürlich gab es auch noch andere Vorbilder.
Weidermann Ebenfalls Reich-Ranicki, nicht so sehr wegen seiner aktuellen Zeitungskritiken, sondern wegen seiner Bücher, seinem Band »Nachprüfungen«, zum Beispiel, oder »Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur«. Ich sage immer, dass ich eigentlich bei ihm studiert habe, mithilfe dieser Bücher. Aber sicherlich gab es noch andere: Benedikt Erenz von der »Zeit«, beispielsweise. Oder früher Willi Winkler, auch in der »Zeit«.
Hage Hast du gerne Literaturkritiken gelesen?
Weidermann Eher literaturhistorische Texte, also Texte über Bücher aus vergangenen Epochen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich um Gegenwartsliteratur gekümmert habe.

Aber als Literaturredakteur schreibt man doch hauptsächlich über Neuerscheinungen.

Weidermann Ja, ich musste mich dem dann auch annähern. Dein Artikel, Volker, über die Enkel von Günter Grass, also nach seinem Nobelpreis 1999, war für mich wichtig. Das war die Zeit, in der ich schreibend die aktuelle Literatur für mich, wenn man so will, erobert habe, und das war damals ja auch eine tolle Aufbruchszeit.
Hage Bei meinem ersten Chef, Marcel Reich-Ranicki – er war kein einfacher Chef, aber einer, bei dem man viel gelernt hat –, spielte es schon eine wichtige Rolle, dass man sich bei den Gegenwartsautoren und in der Literaturszene gut auskannte. Sonst hätte ich den Job dort gar nicht bekommen.

Heißt das auch, dass man die Autoren persönlich kennen musste?

Hage Nun, das ist eine alte, knifflige Frage: Ist man befangen, wenn man einen Schriftsteller zu gut kennt? Wenn man von seinen Plänen und Projekten weiß? Beim Urteilen über ein Buch will man ja unabhängig bleiben, darf sich davon nicht beeinflussen lassen. Vor allem dann nicht, wenn ein neues Buch des Autors misslungen ist.
Weidermann Und wie schön, dass es 20 Jahre später gar keine knifflige Frage mehr war.
Hage Marcel Reich-Ranicki war da ganz entschieden: Das macht man nicht. Man liest die Bücher, trifft aber möglichst nicht den Autor, jedenfalls nicht, wenn man über dessen Bücher schreiben will. Es gibt den berühmten Fall von Siegfried Lenz, der Reich-Ranicki nach dessen Ankunft in Deutschland sehr geholfen hatte und mit dem er eng befreundet war: Über Lenz hat Reich-Ranicki keine einzige Kritik geschrieben, was dem Schriftsteller wahrscheinlich gar nicht so lieb war. Das ist ein Standpunkt, den kann man haben, man muss aber nicht. Als ich eines Tages nach einer Amerikareise ein paar Porträts schreiben wollte, von John Updike etwa oder Philip Roth, da hat Reich-Ranicki das Gesicht verzogen. Aber ich habe es trotzdem gemacht.
Weidermann Aber er war ja auch gar nicht konsequent in dieser Frage. Auch Heinrich Böll hat ihm sehr bei seiner Übersiedlung nach Deutschland geholfen. Und als Böll damals einen neuen Roman veröffentlicht hatte, schrieb Reich-Ranicki sofort einen scharfen Verriss. Jeder von uns hätte gesagt: Lass es sein, es zwingt dich doch niemand! Zwei Jahre später sind die beiden sich dann wieder begegnet. Reich-Ranicki sieht Böll schon aus der Ferne, der kommt auf ihn zu, und Reich-Ranicki fürchtet bereits einen Skandal. Aber Böll umarmt ihn einfach und flüstert ihm nur ein Wort ins Ohr: »Arschloch«.
Aber jetzt, da wir darüber reden, fällt mir schon auf, dass es auch damals Ende der Neunziger bei der »taz« noch nicht selbstverständlich war, diese Porträts zu schreiben. Ich habe das trotzdem von Anfang an sehr gern gemacht, ich habe über Terézia Mora geschrieben, über Georg M. Oswald, Michel Houellebecq und viele andere.
Hage Und war es für dich problematisch, danach über ihre Bücher zu schreiben?
Weidermann Am Anfang ja, wenn mir ein Buch nicht gefallen hätte, hätte ich mich wahrscheinlich gar nicht mehr geäußert. Aber das lässt sich mit der Zeit nicht mehr aufrechterhalten. Irgendwann kennen sich ja alle und jeder kennt jeden. Dann gehört es einfach zur Aufrichtigkeit, die Leute entweder zu loben oder scharf zu kritisieren. Aber etwas Befangenheit bleibt natürlich trotzdem, das will ich nicht bestreiten.
Hage Es bringt dem Rezensenten ja auch wichtige Erkenntnisse, wenn er zum Beispiel den Roman eines Autors schon bei der Entstehung kennenlernt, wenn er im Gespräch mit ihm Zusammenhänge erkennt, die er sonst nicht erkannt hätte.
Weidermann Es gibt ja keine Kritikerpolizei, zum Glück. Alles, was mir das Buch reicher erscheinen lässt, gebe ich doch gerne weiter. Man kann auch offenlegen, dass einem etwas nicht selbst eingefallen ist, sondern im Austausch mit dem Autor deutlich wurde. Das ist alles legitim.

Reich-Ranicki hat noch großen Wert auf die klassische Form der Rezension gelegt. Die stirbt heute aus, oder?

Weidermann Es wird weniger, ja. Manchmal gehen sogar mir diese Mischformen zu weit. Ehrlich gesagt nervt es mich auch als Leser: Ich möchte nicht jeden Autor treffen, nein. Viele von den jüngeren Autoren sind auch nicht so interessant, zumal, wenn man noch keine große Biografie vorzuweisen hat. Man muss sich als Kritiker schon genau fragen, warum man jemanden treffen will.
Hage Verliert die Form der Rezension nicht auch deswegen langsam ihre Bedeutung, weil einfach immer weniger Zeitungen über Literatur berichten?
Weidermann Ich glaube, es ist unstrittig, dass Literatur an sich in der Gesellschaft an Bedeutung verliert. Aber es gibt leider auch nur noch sehr wenige Rezensenten heute, die so klug und unterhaltsam schreiben, wie es unser großes Vorbild Reich-Ranicki gemacht hat. Und wenn dieses geschützte Rezensionswesen in einigen Tageszeitungen überhaupt noch existiert, dann wird der Raum häufig nur dafür genutzt, langweilige Texte dahinzustellen, die in keinem Wettbewerb mit dem übrigen Feuilleton standhalten könnten.

Geht die Zahl der Rezensionen auch deswegen zurück, weil die Leser kein Interesse mehr an dieser Form haben?

Hage Jedenfalls ein geringeres als an der Form des literarischen Porträts, das ist bestimmt so.
Weidermann Die »FAZ« hat, wie der SPIEGEL übrigens auch, eine Zeit lang mit dem Readerscan, also einer elektronischen Messung, das Interesse der Leser an ihren Texten erforscht. Und Rezensionen kommen dabei immer ganz schlecht weg. Das Ergebnis lag praktisch bei null. Es ist ja auch viel schwieriger, einen lebendigen Text über etwas nur Gedrucktes zu schreiben. Die Leser wollen Storys über Menschen.
Hage Das alles führt dazu, dass viele Zeitungen keine Verrisse mehr haben wollen, nur Lobhudeleien.
Weidermann Ja, das ist ein Desaster, viele Zeitungen wollen nur noch Empfehlungen. Das schadet der Dynamik jedes Textes enorm.
Hage Ein Lob ist allerdings auch nichts wert, wenn man nichts mehr kritisiert.

Es hat sicherlich keinen Sinn, die Bücher unbekannter Autoren zu verreißen. Andererseits gibt es auch nur noch wenige Autoren, die schon so arriviert sind, dass sie diesen Schutzanspruch nicht mehr genießen sollten.

Hage Ja, davon gab es früher sicher mehr. Da gab es den neuen Böll, den neuen Frisch, den neuen Grass, Lenz oder Walser, den man selbstverständlich kritisieren konnte und musste. Da wollte auch jeder wissen, ob das neue Buch etwas taugt.

Für welche Autoren gilt das denn noch heute?

Weidermann Für die Leser der älteren Generation der neue Botho Strauß, der neue Peter Handke vielleicht.

Und das neue Buch von Juli Zeh für die jüngere Generation?

Weidermann Ja, zum Beispiel, oder Daniel Kehlmann, von Schirach. Als Kritiker leidet man inzwischen daran, dass es nur noch eine kleine Zahl von Autoren gibt, die in diese Kategorie gehören, die so prominent sind, dass ein Urteil über ihre neuen Bücher von den Lesern erwartet wird.

Wenn Sie, Volker Weidermann, Bücher für das Literarische Quartett im ZDF auswählen: Nach welchen Kriterien verfahren Sie?

Weidermann Das Ziel ist natürlich eine gute Mischung, man darf da nicht zu esoterisch sein, Populäres muss sich mit weniger Bekanntem mischen. So viele Büchersendungen gibt es ja nicht im deutschen Fernsehen. Das Angebot von Neuerscheinungen ist außerdem gigantisch. Selbstverständlich kann man sich vornehmen, mal einen ukrainischen Autor, den kaum jemand kennt, zu behandeln. Aber allzu viel von dieser Kategorie geht sicherlich auch nicht.

Zumal man dann wieder das Problem hat, dass man einen Unbekannten nicht verreißen kann, also wird die Sendung schlagartig weniger kontrovers und weniger unterhaltsam.

Weidermann Das wäre ja absurd: Sie kennen diesen Mann nicht und der schreibt auch noch schlechte Bücher? Nein, das geht nicht.
Hage Das ist ja auch eine Frage, wie die Kritiker miteinander umgehen. Diesen großen Streit um Literatur vermisse ich heute allgemein, nicht nur im Fernsehen.
Weidermann Das waren vielleicht auch andere Zeiten. Bei Reich-Ranicki ging es beim Streit um Literatur immer gleich um existenzielle Fragen, sozusagen um Leben und Tod. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Und das kann man auch nicht simulieren.

Gehen die Kritiker heute netter miteinander um?

Hage Mein Eindruck ist das schon. Früher gab es fast zwangsläufig die großen Konflikte bei prominenten Neuerscheinungen: Der Kritiker der »SZ« fiel über den der »FAZ« her, wenn ihm seine Meinung nicht passte, der Kritiker der »Zeit« über den des SPIEGEL – und umgekehrt. Das hat nachgelassen.
Weidermann Dabei waren das fast alle Schüler von Reich-Ranicki, also desselben Lehrers. Ich weiß es auch nicht, warum es heute diese Rituale, diese Auseinandersetzungen über Literatur, nur noch so selten gibt. Diejenigen, die heute in den großen Blättern über Literatur schreiben, haben tatsächlich alle fast gleichzeitig angefangen: Ijoma Mangold von der »Zeit«, Felicitas von Lovenberg von der »FAZ«, heute Chefin des Piper Verlags, Richard Kämmerlings, mit dem ich am selben Tag bei der »FAZ« begonnen habe, Gerrit Bartels vom »Tagesspiegel« in Berlin. Wir kennen uns alle, wir haben alle die gleiche Bewunderung für die Literatur, auch wenn wir nicht immer die gleiche Haltung haben. Ijoma Mangold, zum Beispiel, hat einen eher konservativeren Kanon mit Autoren wie Martin Mosebach und Botho Strauß, ich dagegen einen eher journalistischen, amerikanischen.

Machen Sie beide einen Unterschied zwischen der beruflichen Lektüre von Literatur und der privaten? Also: Lesen Sie anders, wenn Sie wissen, dass Sie über dieses Buch nicht schreiben müssen?

Hage Natürlich stellt sich die Frage: Kann man als Kritiker noch lustvoll lesen, ohne Verwertungszusammenhang? Das ist für mich tatsächlich immer schwieriger geworden. Kaum stolpere ich irgendwo über einen tollen zitierbaren Satz, streiche ich ihn schon an, obwohl ich eigentlich nur Ferienlektüre vor mir habe.
Weidermann Ach, so machst du das? Wenn du bei Schnitzler einen schönen Satz gefunden hast, dann notierst du den gleich, um ihn später irgendwo zu zitieren? Hast du ein Büchlein dafür?
Hage Ja, habe ich auch.
Weidermann Also ich habe tatsächlich im Urlaub auch gern mal ein paar Balzac-Bände dabei, aber da schreibe ich nichts ab, ich habe auch keinen Bleistift, mit dem ich etwas anstreiche. Ich bin wirklich sehr glücklich darüber, dass ich immer noch so gern lese, obwohl ich beruflich so viel lesen muss.

Aber bei zeitgenössischer Literatur sollte man dann doch immer daran denken, dass man sie irgendwann beurteilen muss?

Weidermann Ja, das nervt. Man muss so viel anfangen zu lesen und bricht dann immer wieder ab, weil es einem nicht gefällt. Da haben es die Bücher auch manchmal schwer. Wenn man fürs Quartett auswählen muss und nach 20 Seiten immer noch nichts Bemerkenswertes geschehen ist, greift man notwendigerweise gleich zum nächsten Titel. Das ist dann schon blöd.

Viele Leser fragen sich ja, wie die Kritiker diese große Menge von Büchern überhaupt verarbeiten können.

Weidermann Und da kommt man zu der tollen Erkenntnis: Alles geht immer schneller in dieser Welt, aber das Lesen eben nicht. Man kann das nicht beschleunigen. Ich kann ja auch nicht schneller denken, nur weil ich es möchte.
Hage In den Sechzigerjahren gab es mal so eine Schule »Schneller lesen«, das ging tatsächlich schneller …
Weidermann Hast du das mal gemacht?
Hage Ja, das funktioniert, wenn man sich extrem konzentriert. Aber in dem Moment, in dem man ins Träumen kommt, geht es natürlich nicht mehr. Wir haben ja ein großes Problem: Wenn wir als Kritiker lesen, lesen wir immer auf ein Urteil zu, auf zitierbare Sätze. Dabei hat Peter Handke mal gesagt: »Die besten sind jene Bücher, die einen immer wieder dazu bringen, innezuhalten, aufzuschauen, gegenzuschauen, tief einzuatmen, sich von der Sonne bescheinen zu lassen, auch wenn diese nicht scheint.«
Weidermann Das ist ja sehr schön!
Hage Mit anderen Worten: Wenn man ins Träumen gerät, wenn man anfängt, eigene Fantasien zu haben, dann ist das Lesen schön. Das darf man aber nicht, wenn man streng für eine Rezension liest und arbeitet. Sonst braucht man die dreifache Zeit für die Lektüre.
Weidermann Ach, das geht schon. Wenn mich ein Buch wirklich gefangen nimmt und begeistert, dann vergesse ich für einen Moment alles, auch wenn ich darüber schreiben will. Sicherlich ist es lästig, dass man ab und zu etwas unterstreichen muss, weil man es zitieren will. Aber dieses Abschweifen gehört auch zum kritischen Lesen dazu. Ich habe übrigens mal eine Reaktion von Peter Handke bekommen, die mir sehr gefallen hat. Handke schrieb mir in seiner kleinen, kritzeligen Schrift: »Sie sind erkennbar ein Leser.« Ist das nicht schön?
Hage Wunderbar!
Weidermann Und wie ist das mit dir, hast du auch noch etwas Selbstlob beizusteuern?
Hage Bestimmt. Aber vorher will ich dich noch fragen: Welche Erfahrungen hast du sonst mit Autoren gemacht, die sich bei dir bedanken oder auch beschweren?
Weidermann Das Schöne ist, dass die Autoren, die sich auf das Empörteste über meine Kritik echauffiert haben, ob das nun Wondratschek, Simmel oder Botho Strauß war, dass also dieselben Autoren häufig nach ein paar Tagen von ihren Lesern Gratulationen und eine ganz andere, viel positivere Deutung meiner Kritik bekamen. Und es gab unter diesen Autoren eigentlich keinen, der dann nicht irgendwann später meinte: Habe ich mich vielleicht getäuscht?
Hage Nachdem ich 1992 ein Porträt über Walter Kempowski für den SPIEGEL geschrieben und sein Riesenwerk »Echolot« begeistert begrüßt hatte, erhielt ich einen der rührendsten Briefe, die ich als Kritiker je von einem Schriftsteller bekam. Es komme ihm so vor, als sei er jetzt erst »angekommen«, schrieb Kempowski. Und geradezu pathetisch: »Jetzt weiß ich es, Sie haben für mich zusammengezogen und formuliert, zu was ich da bin und was ich bin.« Das habe ich nie vergessen.

Sie beide bekommen von den Verlagen Massen von Rezensionsexemplaren der literarischen Neuerscheinungen zugeschickt. Wie gehen Sie damit um? Nach welchem System heben Sie Bücher auf?

Hage Natürlich Klassiker, Bücher, die ich schätze, schöne Ausgaben, Gesamtausgaben.
Weidermann Ich mache es genauso. In Berlin habe ich jetzt inzwischen drei Büros, in denen meine Bücher stehen. Es ist einfach wichtig, dass ich von den Autoren, die ich von Anfang an kritisch begleitet habe, auch alle Titel zur Verfügung habe. Gerade wenn ich noch mal über sie schreibe.
Hage Dazu kann ich etwas sagen, weil ich ja schon nicht mehr als Kritiker arbeite. Ich habe damals auch von allen wichtigen zeitgenössischen Autoren eigentlich alles aufgehoben. Wenn man aber jetzt zu Hause die große Bibliothek noch mal durchgeht, weil man ja nicht alles aufheben kann, dann sagt man sich bald: Über den oder den muss ich jetzt sowieso nicht mehr schreiben. So fällt es einem auch leichter, sich von diesen Büchern zu trennen. Ich nenne keine Namen, aber dann siebt man schon aus.
Weidermann Das mache ich jetzt schon so. Wenn ein Autor nur ein gutes Buch am Anfang geschrieben hat und danach nur noch drei Schrott-Bücher, dann kann ich auch alles gleich aussortieren. Ich brauche den Platz für anderes.

Dann kommen die Bücher, die einst mit so viel Herzblut geschrieben wurden, zum Bücherflohmarkt oder gar ins Altpapier?

Weidermann Das bleibt ja dann nicht aus, ja.

Das Gespräch wurde von Martin Doerry moderiert, es ist dem Buch »Wen liebte Goethes Faust?« entnommen.

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