Rede von Helge Malchow zur Buchpremiere Maxim Billers »Sechs Koffer«

Maxim Biller, Foto (c) Christian Werner

Auszüge aus der Rede von Helge Malchow zur Buchpremiere Maxim Billers »Sechs Koffer« (am 3. September 2019, Villa Elisabeth in Berlin)

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Maxim Biller, lieber Malakoff Kowalski, liebe Rachel Salamander,

Sechs Koffer ist ein virtuos konstruierter, sprachlich in fast klassischer Schönheit erzählter Familienroman, der um ein Verbrechen vor vielen Jahrzehnten kreist, ein Verbrechen, das alle Familienmitglieder, u.a. die vier Söhne des Opfers, ihr ganzes Leben gefangen hält und das bis in die Gegenwart ausstrahlt.

Er erzählt eine Flüchtlingsgeschichte, die zurück geht bis in die stalinistische Diktatur in der Sowjetunion, in die Nachkriegsjahre der jungen Tschechoslowakei, den 68er Aufstand in Prag, ins Berlin der frühen 50er und der späten 70er, kurz: in den Wahnsinn des Kalten Krieges auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Und er wird erzählt aus der Perspektive unserer heutigen Zeit, in der unerlöste Gespenster der Geschichte uns weiter lähmen und quälen.

Und: wir hören von einer jüdischen Familie, von Smil, von Dima und Natalie, von Wladimir, Lev und Sjoma, die nach dem Holocaust erneut und doppelt von der Geschichte belagert werden: von der stalinistischen Diktatur und vom allgegenwärtigen Antisemitismus auch nach dem Holocaust.

Wie in Akira Kurosawas Film „Rashomon“ aus dem Jahr 1950, in dem verschiedene Versionen desselben Ereignisses erzählt werden, ist der Roman eine Art Ermittlung oder eine Untersuchung – wie im Übrigen fast alle großen Romane der Literatur oft versteckte Kriminalromane sind: Immer geht es darum, den Schleier, der auf den Dingen liegt, zu heben. Den Schleier, der aus Lügen entsteht, aus perspektivischer Wahrnehmung, aus Interessenblindheit, aus Klischees, getrieben von Ängsten, von sexuellem Begehren, von Ehrgeiz oder Neid.

Ich erwähne das auch wegen einer grotesken Rezension des Buches in einer Tageszeitung, in der Maxim Biller vorgeworfen wird, antisemitische Klischees zu verwenden – wo doch der gesamte Roman gerade die Blindheit thematisiert, die aus antisemitischen Klischees entsteht. Wie gut, dass Clemens J. Setz in der FAS vorgeführt hat, wie erhellend eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem solchen Buch aussehen kann.

Die bemerkenswerte Entdeckung des Romans ist, dass die verschiedensten Wahrheiten über das Verbrechen, das das Erzählen in Gang bringt, nebeneinander bestehen bleiben. So wird dieser Roman auch eine kleine Studie über unsere Wahrnehmung, über Erkenntnis schlechthin, die zu einer Warnung führt: Vorsicht vor einfachen, beruhigenden Antworten. Respekt vor der Vielfalt der Sichtweisen, leben mit der kognitiven Dissonanz. Oder noch anders: Das Verständnis für den einzelnen Menschen für seine Einzigartigkeit ist größer als der Wille zur Dingfestmachung des Täters auf dem Opfer-Altar der Gruppe.

Der Religionsphilosoph René Girard behauptet, dass alle menschlichen Gemeinschaften, selbst heutige Staaten, auf einem verdrängten Verbrechen errichtet sind, das die Menschen dann mit Ritualen und Beschwörungen immer wieder zugleich heraufbeschwören und verdrängen. Man könnte Maxim Billers Familienroman als eine Art therapeutisches Gegenprogramm betrachten: Mutiges Hinsehen, Erzählen, in Sprache übersetzen, aufklären und dadurch: wirklich heilen, aus dem ewigen Kreislauf von Schuld und Verdrängung heraustreten, zumindest als erzählerische Utopie.

In den Kinos läuft gerade ein großartiger Dokumentarfilm über die Familie Brasch von Annekatrin Hendel [Trailer]. Auch jüdische Emigranten. Auch nach 1945 im Räderwerk der kommunistischen Diktatur, diesmal heißt diese DDR. Und auch hier: die seismographische Wahrnehmung der historischen Detonationswellen bis in die Gegenwart. Thomas Braschs berühmtes Buch hieß: „Vor den Vätern sterben die Söhne“. Die Auschwitz überlebende Filmfigur Hanka Zweigova in „Sechs Koffer“ zitiert den Titel fast wörtlich und antwortet: „Das verstehe ich nicht, Herr Doktor. Ich halte es nicht aus, dass ich immer noch da bin und Maminka und Tatinek weg sind.“ Was ist das größere Leid? Keine Antwort!

Literatur ist, wie Sie wissen, kein Mittel zur politischen Unterweisung, auch keine Kolumne. Aber bei der Lektüre dieses Buchs kann man sich in diesen Tagen nicht vor der Frage schützen, welche Gespenster gerade wieder an unsere Tür klopfen. Schon deswegen braucht dieser Roman Massen von Lesern.

Maxim Biller steht mit seinem Buch in einer langen Kette von jüdischen Erzählern, einige Namen tauchen im Roman selbst auf, etwa Ossip Mandelstam, andere lohnt es zu erwähnen, z.B. den großen jüdischen Autor Bernard Malamud, der Maxim Biller näher steht als der öfter erwähnte Philip Roth.

Mit „Sechs Koffer“ hat Maxim Biller – wir kommen langsam zur Musik – nach der großen Orchester-Sinfonie Biografie vor 2 Jahren ein hochverdichtetes Kammerkonzert komponiert, zu dem ich Maxim Biller gratuliere. Ich freue mich auf die Zukunft und wünsche diesem herausragenden Roman all den Erfolg, den er verdient!!!

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