KiWi-Verleger Helge Malchow über Dieter Wellershoff (1925-2018)

Dieter Wellershoff 1925-2018 © Peter Peitsch / peitschphoto.com

In den zahlreichen Nachrufen klingt zwischen den Zeilen bisweilen ein schlechtes Gewissen darüber an, dem Rang dieses Autors zu Lebzeiten nicht immer gerecht geworden zu sein. Und in der Tat: Es bleibt ein Armutszeugnis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, Dieter Wellershoff nicht mit dem Büchner-Preis geehrt zu haben. Allein „Der Ernstfall“ aus dem Jahr 1995: Es gibt kein vergleichbares Buch in der Gegenwartsliteratur, das derart schonungslos, nüchtern, aufrichtig und genau schildert, was es bedeutete, als 19-jähriger Soldat die Endphase des apokalyptischen Wahnsinns zu erleben, den heute Politiker als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ aus der Erinnerung entsorgen wollen. In gewisser Weise griff dieses literarische „Memoir“, diese Mischung aus erzählerischer Brillanz, präziser Selbstbeobachtung und ideologieresistenter Reflexion seiner Zeit voraus. Heute würde man es in einer Reihe mit anderen großen Werken der literarischen Selbsterkundung, wie etwa von Karl Ove Knausgård, sehen.

Aber auch Dieter Wellershoffs zahlreiche Romane, am erfolgreichsten „Der Liebeswunsch“(2000), erinnern uns daran, dass fiktionales Erzählen ein unersetzbares und notwendiges Instrument zur Welt- und Selbsterkenntnis ist. Seine theoretischen Schriften über Kunst und Literatur, etwa über Gottfried Benn, erinnern uns an eine Banalität: dass das Glück des Lesens durch Wissen gesteigert werden kann und dass dieses Wissen ohne Arroganz und Egozentrik vermittelbar ist. Als Verlagslektor hat Dieter Wellershoff dieses Wissen praktisch angewandt, er hat große Autoren wie Heinrich Böll betreut, bedeutende Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann oder Nicolas Born entdeckt und der deutschsprachigen Literatur bei seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch einen dauerhaften Ort geschaffen.

In Zeiten des Leserschwunds und der Krise des Buchhandels erinnert uns Dieter Wellershoff daran, dass Literatur eine höchst produktive Antwort auf die bittere Erfahrung der Zufälligkeit und der Krisenhaftigkeit unserer Existenz ist, die ja in Zeiten der Digitalisierung und globalen Erschütterungen nicht kleiner geworden ist. Dafür gilt ihm unser Dank.

Helge Malchow für Focus – Das Nachrichtenmagazin (23.6.2018) 

Lesen Sie hier die Trauerrede von Helge Malchow auf Dieter Wellershoff

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