Uwe Timm: Dankesrede zum Schillerpreis der Stadt Mannheim 2018

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Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren,

vielleicht kennt der eine oder andere von Ihnen die Wirkung eines Emeticum.  Es erzeugt Erbrechen und in milden Gaben große Müdigkeit und Schläfrigkeit am Tage, frühzeitiges Einnicken und tiefen festen Schlaf, Kurzatmigkeit, verlangsamten, unregelmäßigen Puls und blasse, kalte, mit klebrigem Schweiß bedeckte Haut.  Das wäre die Wirkung  gewesen, wenn der Arzt Friedrich Schiller, wie er behauptet,  dieses Mittel seinem Theaterstück „Die Räuber“ beigegeben hätte. Ironisch fiktionalisiert schreibt er über sich: „Er soll Arzt bei einem wirtembergischen Grenadier-Bataillon sein, und wenn das ist, so macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre: So gewiß ich sein Werk verstehe,  so muß er starke Dosen in Emeticis ebenso lieben als in Aestheticis, und ich möchte ihm lieber zehen Pferde als meine Frau zur Kur übergeben.“

Nun wissen wir, die damaligen Zuschauer haben sich nach der Premiere der Räuber  1782 hier, in Mannheim, nicht übergeben, sind auch nicht eingeschlafen, sondern ganz im Gegenteil, sie waren außer sich, es gab Aufschreie,  Zuschauer sollen sich schluchzend in die Arme gefallen sein.

Diese Bewegung, ja Erregung ist denn wohl dem anderen Mittel geschuldet – den Aestheticis: Eine auf Wirkung ausgerichtete Handlung mit Intrigen, Verwechslungen, mit typisierten Figuren, der edle Karl Moor, sein niederträchtiger jüngere Bruder  Franz, die reine Amalia, der greise Graf,  Bandenmitglieder, Aufrechte wie Räuber Roller,  finster Mordlüsterne wie Schusterle und Spiegelberg, und all jene Räuber, die von ihren Taten berichten, Taten, die wir in dem Stück nie sehen – all die Morde, Vergewaltigungen und Brandschatzungen in den Wäldern Böhmens.  Schillers Aesteticis, toben sich in der Sprache der Räuber aus, einer bildhaften, überbordenden, rhythmisiert strömenden, hin und wieder durch jähe Stopps unterbrochene  Sprache, die ihren Widerpart in der zwischen eigentlich und uneigentlich changierenden Rede Franz Moors findet. Dieser Zweitgeborene, darüber hinaus durch Hässlichkeit Benachteiligte, will das Unrecht der Natur – und die Natur ist ungerecht – durch einen ausgeklügelten Plan korrigieren.  Er will den rechtmäßigen Erben, seinen Bruder Karl,  beiseite räumen. In einem Monolog legt Franz Moor sich zurecht, wie und mit welchen Mitteln er die Herrschaft in der reichsunmittelbaren Grafschaft an sich reißen kann. Woher kommt die Stimme des Gewissens, die uns sagt, was böse ist?  „Verflucht sei die Torheit unserer Ammen und Wärterinnen, die unsere  Phantasie mit schröcklichen Märchen verderben und grässliche Bilder von Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, daß unwillkürliche Schauder die Glieder des Mannes noch in  frostige Angst rütteln, unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unsere  erwachende Vernunft an Ketten abergläubischer Finsternis legen – Mord! –wie eine ganze Hölle von Furien um das Wort flattert – die Natur vergaß, einen Mann mehr zu machen – die Nabelschnur ist nicht unterbunden worden – der Vater hat in der Hochzeitsnacht  glatten Leib bekommen – und die ganze Schattenspielerei ist verschwunden.“

Da ist kein Punkt, nur Kommata, etliche Gedankenstriche, ein Ausrufungszeichen hinter Mord und dann dieses enigmatische „der Vater hat in der Hochzeitsnacht glatten Leib bekommen“. Es ist eine dieser Stellen, die ich vor gut fünfzig Jahren  in einem zerfledderten Reclamheft angestrichen habe.  Sie lässt einen anderen Schiller sprechen als den, mit dem meine Generation aufgewachsen ist, mit seinen Kalendersprüchen, Sprichwörtern (fast 40 Seiten füllt Büchmanns „Geflügelte Worte„  mit Schiller-Zitaten). Das Auswendiglernen der Balladen und Gedichte, deren Zeilen mir zuweilen noch jetzt durch den Kopf geistern, auch in abgewandelten Fassungen, zu denen der hohe Ton, der Reim, der Rhythmus und die Bildwahl zuweilen reizen.  Wir kennen von August Wilhelm Schlegel die witzige Parodie von „Würde der Frauen“. Und es gibt die derben  Schülerblödeleien. Ein poetisches Volksvermögen, das samt seiner Vorlagen  inzwischen leider verloren gegangen ist.

Der Unwille gegen Schiller resultierte für uns aus dem spürbaren Erziehungsdruck, den seine lyrischen Werke ausübten, insbesondere die Balladen, mit denen man als Schüler traktiert wurde. Es ist Ironie, dass Schiller, der so wunderbar über das Spiel und den Spieltrieb als Ausdruck ästhetischer Vollendung des Menschen geschrieben hat,  zum Inbegriff  lustfeindlichen Lernens der Poesie wurde.

Erst später, am Braunschweig-Kolleg, durfte ich einen anderen Schiller kennenlernen. Eine leidenschaftliche Deutschdozentin behandelte „Die Räuber“  im Unterricht.  Ich habe damals über den biographischen Bezug zu dem Stück  gearbeitet, der ja ganz wesentlich zur Entstehungsgeschichte des Dramas und seiner Aufführung gehört. Die bedrängende Situation des Autors in Stuttgart als Arzt in dem württembergischen Grenadier-Bataillon, gegängelt und bedrückt durch den Hof, durch den Herzog,  knapp gehalten – wie aus Notwehr ist dieses Stück geschrieben, im Selbstverlag und anonym erschienen, heimliche Reisen nach Mannheim, Arrest wegen unerlaubten Entfernens, bittende Briefe an den Theaterdirektor Dalberg,  Arbeit als Regimentsarzt, ein Rezept Schillers bezeugt nach heutiger pharmakologischer Kenntnis, der kurierte Grenadier muss eine starke Natur gehabt haben, Schreibverbot durch den Herzog,  Änderungen an dem Stück, Verschuldung, heimlicher Theaterbesuch, die Bemühungen des Zweiundzwanzigjährigen hier, in Mannheim, eine Anstellung am Theater zu finden, und schließlich die Flucht mit einem Freund, das hieß Desertion, höchst dramatisch, zwei Pistolen wurden eingesteckt.

Das Studium der Biografie wie die Lektüre des Stücks waren von einem bewundernden Staunen begleitet. Keine moralischen Verdikte, keine Anleitungen, keine glättenden Deutungen, sondern eine radikale Infragestellung der Moral, das Bewusstwerden der Zwänge der Gesellschaft, der Kultur. Der Druck der Anpassung an die gesellschaftlichen Normen, begleitet vom Wunsch nach Entlastung, nach Befreiung. Dieser Blick von Franz Moor in die eigenen Abgründe,  auch die finstersten Phantasien kamen hier zu Wort, nicht zensiert oder relativiert. Das liest sich wie ein Vorgriff auf die Moderne, man glaubte, den wir damals so intensiv lasen, Gottfried Benn zu hören. So setzt sich der vorhin zitierte Monolog von Franz Moor fort:  „Es war etwas und wird nichts, und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt – der Mensch entsteht aus Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gärt wieder zusammen in Morast,  bis er zuletzt an den Schuhsolen seines Urenkels unfläthig anklebt. Das ist das Ende vom Lied – der morastige Zirkel der menschlichen  Bestimmung, und somit – glückliche Reise, Herr Bruder!“

Es ist die bildhaft rücksichtslose, zynische Bestimmung des Nihilismus. Wenn Gott nicht ist, und er ist nicht, dann ist der Mensch frei. Er ist der transzendental Obdachlose. Seine Behausung muss er sich selbst zimmern. Vielleicht ist das gesamte Werk Schillers der Versuch, dieser Negation, die er einmal in solcher Schärfe formuliert hat, einen Sinn entgegenzusetzen, das Spiel, das Schöne, die Freiheit des Menschen, eine existentielle Freiheit, die ihn, den Obdachlosen, in der Solidarität mit all den anderen in die Pflicht nimmt, ein Leben zu gestalten, das in der Eigenverantwortung und in der Verantwortung gegenüber den anderen seinen Sinn findet.

Damals haben wir Camus und Sartre gelesen und auch versucht, es war ein Jugendphänomen, ihre Philosophie zu leben. Wir wollten, begeistert von der Sprache der „Räuber“, begeistert von dem Mut, der Wut, dem existentiellen Protest gegen die Gesellschaft, den wir in diesem Werk zu finden glaubten, das Stück im Kollegtheater aufführen, daher die Anstreichungen in dem zerfledderten Taschenbuch. Allerdings mangelte es an  willigen Protagonisten – und viele wären nötig gewesen.  So blieb es bei dem Plan und beim Lesen, Diskutieren und umsonst Streichen von Szenen. Statt der Räuber kam schließlich „Impromptu oder der Hirt und sein Chamäleon“ von Eugène Ionesco auf die Bühne, nur fünf Personen, bescheiden und harmlos, aber dennoch ein in die Zeit passendes absurdes Theaterstück.

Für unsere  Inszenierung der „Räuber“ sollte nicht nur diese Fragen nach dem Sinn, nach Verantwortung, nach Moral gestellt werden, wir wollten das Stück in die Gegenwart rücken.

Politische Kabalen, Rankünen gab es im November 1962 genug, es war, wogegen auch in Braunschweig ein paar Menschen zum Protest auf die Straße gingen, die Zeit der Spiegel-Affäre, die Zeit des zähen Abschieds Konrad Adenauers von der Macht, der Versuche, die Wahl Ludwig Erhards zu verhindern.

Erstaunlich, dass heute Konservative die Adenauerzeit wieder verklären wollen. Dabei waren die fünfziger und frühen sechziger Jahre für empfindsame Gemüter mit dem Gefühl der Lähmung verbunden, etwas Ranziges, Überständiges hatte die Zeit, diese Politiker in Anzügen mit weitem Hosenschlag, die Zigarren, die schwarzen Limousinen, aus denen die Wirtschaftsführer wie sie damals hießen, kletterten, der Chauffeur in Hab-acht-Stellung, die Mütze vor der Brust, Reden, in denen Intellektuelle Uhus, später Pinscher genannt wurden,  eine verdruckte Sexualität,  Frauen, die ihren Ehemann fragen mussten, ob sie arbeiten oder ein Bankkonto eröffnen durften, Schwulenwitze im Fernsehen, Witze über Schwarze, Kopfnüsse gegen Schüler, Assistenten, die Professorenfrauen beim Zusammenlegen der Leibchen helfen mussten, Bundeswehrgeneräle mit dem Ritterkreuz um den Hals (nur das Hakenkreuz musste entfernt werden).   Diese Lebensform war in jener Zeit, in den Jahren 1962/63, zum Anachronismus geworden, passte auch nicht mehr zu den Erfordernissen der Wirtschaft, die qualifizierte Arbeitskräfte brauchte, nicht vertikale, sondern flache Entscheidungsabläufe, Kooperation, Eigenverantwortung. Mitbestimmung. Eine Forderung in Betrieben und seit 1966 auch an den Universitäten. Die Konflikte an den Universitäten, wo sich die Strukturen am  wirksamsten gehalten hatten, brachten das Ende der paternalistischen Odinarien-Universität.

Ein juvenil studentischer Protest gegen ein „tintenklecksendes Säkulum“, lässt  Karl Moor sagen: „Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.“

Die kleine reichsunmittelbare  Grafschaft Moor ist selbst ein Anachronismus. Der alte, senile Graf, der die Intrigen und Lügen seines zweitgeborenen Sohnes nicht durchschauen kann,  ist nicht mehr regierungsfähig.

In „Über den Gemeinspruch“, schreibt Immanuel Kant: „Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d.i. eine väterliche Regierung (imperium paternale)… wo also die Unterthanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genöthigt sind, um, wie sie glücklich sein sollen, bloß von dem Urtheile des Staatsoberhaupts, und, da dieser es auch wolle, bloß von seiner Gütigkeit zu erwarten ist, ist der größte denkbare  Despotismus.“  Das ist denn wohl der tiefere, über die narzisstische Kränkung hinausgehende Konflikt, aus dem Karl Moor handelt und zum Räuber wird.  Ein Widerstand gegen eine als ungerecht, als  überlebt empfundene Herrschaftsform, woraus das Recht des Widerstands entspringt.

Ich darf an dieser Stelle das Werk „Friedrich Schiller und die Politik“  von Walter Müller-Seidel erwähnen,  bei ihm, diesem bedeutenden Germanisten, durfte ich im Nebenfach mein Rigorosum über den Sturm und Drang machen. Die Räuber haben mich, wie man sieht, durch verschiedene Lebensabschnitte begleitet. Müller-Seidel fand – wir schreiben das Jahr 1971 meine revolutionäre Deutung der „Räuber“ recht interessant. Das war nicht selbstverständlich, denn nach 1945 wurde das Stück eher ins Religiöse weisend interpretiert, unter anderem durch einen Germanisten, der sich von Schneider in Schwerte umbenannte. Als Hans Ernst Schneider war er Hauptsturmführer im Reichsicherheitsamt gewesen, ließ sich 1945 sterben, heiratete seine Frau erneut unter dem Namen Hans Schwerte und interpretierte  „Die Räuber“– wir sind in der Adenauerzeit  für die Zeitschrift  Deutschunterricht als Drama der Innerlichkeit. Die Germanistik ist eine geschmeidige Wissenschaft.

Mit dem Jahr 1968 – gestatten Sie mir die Exkursion, da sich dieses Datum  gerade zum 50. Mal jährt – kehrte die revolutionäre Interpretation der „Räuber“ zurück, wohl auch in den Aufführungen, die ich allerdings damals, vertieft in politische Arbeit und Theorie,  nicht verfolgt habe. Eine strukturelle Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Die Revoltierenden waren Studenten, kamen meist aus bürgerlichem Haus. Der Protest richtete sich gegen das Establishment, gegen die Ordinarien-Universität. Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren. Er richtete sich gegen die Funktionsträger, die, aus dem Nationalsozialismus kommend, immer noch als Staatsdiener, Richter, Professoren, Polizisten, Lehrer den Ton angaben.

Hinter dem Protest der Studenten stand der Wunsch nach einer Gesellschaft, in der es mehr Solidarität geben sollte, mehr Gleichheit, auch unter den Geschlechtern, ein kritisches, lustbetontes Zusammenleben. Es ist nicht schlecht,  in einer Zeit, in der sich konservative, nationalistische Gruppierungen bilden, sich ein wenig die Errungenschaften von 68 ins Gedächtnis zu rufen. An das, was sich in der Pädagogik, in der Psychiatrie, was sich im Umgang mit Randgruppen verändert hat. Ein anderer kritischer Blick auf die Länder der – wie man damals sagte – Dritten Welt.  Schiller lässt Karl Moor in dem Dialog mit dem Pater die Heucheleien der Kirche aufzählen: „ …predigen Liebe des Nächsten, und fluchen den achtzigjährigen Blinden von ihren Thüren hinweg – stürmen wider den Geiz, und haben Peru um goldener Spangen willen entvölkert und die Heiden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt –…“

Mit den Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze im Mai 1968, die nicht verhindert werden konnten,  fand die Studentenbewegung ihr Ende.  Die Gruppen lösten sich auf, einige von ihnen machten sich auf zum langen Marsch durch die Institutionen. Einige verliefen sich dabei, landeten am rechten Rand, andere bildeten kleine rigide kommunistische Gruppen, etliche passten sich an, wurden Manager oder Politiker, wiederum andere wurden Lehrer, Professoren und Sozialarbeiter,  und einige wählten den Weg in den Untergrund, in militante Aktionen.  Die RAF, Rote Armee Fraktion, die je nach Medium Bader-Meinhof-Gruppe oder -Bande genannt wurde, ist schon damals von literarisch Gebildeten mit den Räubern verglichen worden. Ein Vergleich, der die Unterschiede deutlich hervortreten lässt. Diese „Armeefraktion“ legitimierte ihre Aktionen durch eine absolut gesetzte Theorie und trug, weil im Grunde menschenfeindlich, technisch kalkulierend und rein taktisch ausgerichtet, nicht  die utopische Vorstellung des Gelingens in sich.

Schon der Anfang, die Befreiung Baaders, bei dem versehentlich ein alter Bibliotheksangestellter angeschossen wurde, zeigte auf absurde Weise beides: Dilettantismus und Menschenverachtung. Der Gründungsmythos hatte etwas Groteskes, wurde aber nicht kritisiert, sondern es bildete sich eine gegen jede Kritik abgedichtete Binnengruppe, der Psychologe Peter Brückner fand dafür die Bezeichnung „externe Lokalisation“, durch die der Krieg in Vietnam und die Kämpfe gegen die Befreiungsbewegungen in Südafrika, Namibia, Angola und Mozambique zur Selbstlegitimation wurden. Da die deutsche Gesellschaft an der Ausbeutung und Unterdrückung dieser Länder beteiligt war, musste auch sie mit Gewalt bekämpft werden. Ein von Heinrich Böll unternommener Versuch,  mit den Mitgliedern der Gruppe ins Gespräch zu kommen oder auch nur deren Motive deutlich zu machen, wurde von einer hysterisierten Presse als Terrorsympathie diffamiert. Wie umgekehrt die Ablehnung der militanten Politik durch eine Mehrheit der Linken von RAF-Sympathisanten als angepasst und feige abgetan wurde. Die Sprache präformierte das Handeln. Auch der einfache Verkehrspolizist war ein Schwein, und das Schweinesystem musste mit allen Mitteln bekämpft werden.  So  führte eine Sprachlogik immer weiter in eine jedem Widerspruch verschlossene  Radikalisierung, die nur noch Funktionsträger sah, nicht Menschen und nicht Unbeteiligte.

Ich bin ein wenig von Schiller und den Räubern abgekommen und will mit einem Geständnis darauf zurückkommen. Die Zeit am Kolleg war bei mir mit demWunsch verbunden, einmal selbst Theaterstücke zu schreiben. Es ist nicht dazu gekommen. Das hat verschiedene Gründe, der wichtigste ist sicherlich, dass der Roman eine mir gemäße Form ist, das langsame Vorantreiben des Stoffes, der Fragen, die meine sind, und das neugierige Nicht-Wissen, wie das Projekt endet. Was bei einem Theaterstück nicht gut möglich ist. Tragödie oder Komödie oder vielleicht beides, aber das Wissen gehört eben zu den Aesteticis, wie Schiller schreibt. Ich bin auch kein beständiger Theatergänger, nur hin und wieder, bin oft enttäuscht, manchmal erstaunt und selten begeistert. Eine dieser mich begeisternden Aufführungen war vor zwei Jahren die Inszenierung der „Räuber“ von Ulrich Rasche im Münchner Residenztheater.

Die Wucht dieser Inszenierung, der gleichsam mechanisierte Chor und die Franz Moor als eine unglückliche Kreatur spielende Valery Tscheplanowa – das war nicht politisch ausstaffiertes Theater, sondern eine Inszenierung sprachlicher Gewalt. Eine Sprachgewalt, die der körperlichen Gewalt vorausgeht. Die Hasssprache des Franz Moor, der sich deklassiert fühlt und den Hass auf sich, den Hass auf Menschen, auf die Welt herausschreit.  Man konnte hinausgehen und die Pegida hören. Das sind in München nur wenige, verstärkt allein durch Lautsprecher.  Aber was da laut wird, ist eine Brutalisierung der politischen Sprache, die selbstherrliche Gewalt des Ressentiments, das irgendwann zur Tat drängt.

Die uns neu bedrängenden Fragen zur bürgerlichen Freiheit gehören zu diesem Theaterstück und dem Dramatiker Schiller, der, von Arrest und Kerker bedroht,  in dieser Stadt Aufnahme und Schutz fand. Dass Mannheim ihm die Möglichkeit bot, „Die Räuber“ der Öffentlichkeit zu zeigen, war nicht nur ein Beitrag zur deutschen Literatur, sondern auch zur Demokratie, die nicht gewährt, sondern erkämpft werden musste.

Am Ende empfielt Karl Moor, nachdem er sich seines Eides entbunden hat, den Räubern: „Dienet einem König, der für die Rechte der Menschheit streitet.“  Ein solcher König wäre die Demokratie. Karl Moor, der edle Räuberhauptmann,  will sich für die Prämie, die  zu seiner Ergreifung ausgesetzt wurde, einem Tagelöhner mit „elf lebenden Kindern“ stellen.  Allerdings ist der Kopfpreis von  1000 Louisdor der Urfassung in der Mannheimer Fassung  auf 100 Dukaten heruntergesetzt.

Meine Damen und Herren, „Die Räuber“ haben mich, wie Sie gehört haben, recht lange durch mein Leben begleitet. Auch in Gestalt eines Buchs. Vor etwa dreißig Jahren wurde mir die Erstausgabe der Bühnenfassung angeboten, ein Exemplar, das auf einem wohl recht komplizierten Weg nach Südamerika gekommen war. Ich habe es mir nach einigem Zögern, es war nicht billig, gekauft.

Es hat nun mit mir seinen Weg hierher  zum Ursprungsort, gefunden.

Dank an den Oberbürgermeister und an den Magistrat der Stadt Mannheim, Dank an die Jury, und Dank Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.

Lesen Sie hier die Festrede von Moritz Rinke auf Uwe Timm: »Die Liebe in den Zeiten des Uwe Timm«

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