»No – No – Notstandstod« von Jan-Christoph Hauschild aus »Mein 1968 – alte Erinnerungen, neue Texte«

Schulheft (Fach Deutsch) des Autors aus dem siebten Schuljahr (1967/1968)

Als Pitti, Ulli und ich auf den Schulhof kommen, ist er voll mit Schülern aus der Oberstufe. Üblicherweise hängen die meisten von ihnen vor Unterrichtsbeginn in ihren Klassen herum oder qualmen schnell noch eine im Raucherraum. Jetzt stehen sie in kleinen Gruppen zusammen, einige haben Plakate dabei und zusammengerollte weiße Laken, die an Stangen befestigt sind. Irgendetwas ist hier im Gange.
Trotzdem stellen wir uns nach dem ersten Klingeln wie gewohnt zu zweien auf, um geschlossen in unseren Klassenraum zu gehen. Da taucht unerwartet Helge Malchow auf, um uns zu begleiten, was er noch nie gemacht hat. Helge Malchow ist in der Unterprima und unser Mentor. Zu Beginn des Schuljahrs ist er in unsere Klasse gekommen, hat seinen Namen an die Tafel geschrieben und gesagt, dass man sich bei schulischen Problemen an ihn wenden kann. Jetzt wartet er vor der Tür auf Herrn Völker, und als Herr Völker kommt, spricht er mit ihm. Danach setzt sich Herr Völker ans Pult und Helge stellt sich vor die Tafel, um uns zu informieren. Morgen sollen nämlich vom Bundestag in Bonn die Notstandsgesetze verabschiedet werden. Ob wir wissen, was die Notstandsgesetze bedeuten? Niemand meldet sich.
Helge sagt, wenn die Regierung dann den Notstand ausruft, werden viele unserer Grundrechte, die im Grundgesetz garantiert sind, außer Kraft gesetzt, und das ist gefährlich für unsere Demokratie. Die Regierung darf dann unsere Briefe und unser Telefon kontrollieren, unsere Eltern können zum Militärdienst eingezogen werden, Autos können beschlagnahmt werden, und wenn es zu Unruhen kommt, darf die Bundeswehr auf die Bevölkerung schießen. Wer jetzt nicht aufpasst, darf sich nicht wundern, wenn er morgen in einer Diktatur wie im Dritten Reich lebt. Oder wie in Griechenland, wirft Herr Völker ein. Oder wie in Griechenland, wiederholt Helge. Sehr richtig. Die große Koalition aus CDU und SPD hat die Mehrheit im Bundestag. Sie wird die Notstandsgesetze beschließen, wenn wir uns nicht wehren. In ganz Deutschland gehen deshalb heute Arbeiter, Schüler und Studenten auf die Straße und protestieren, und auch am Schwann-Gymnasium hat der Aktionskreis für Demokratie alle Schüler zum Streik aufgerufen. Streik heißt, dass wir keinen Unterricht mitmachen sondern unser verfassungsmäßiges Recht wahrnehmen und uns dem großen Protestzug anschließen.
Wir haben trotzdem Fragen. In der 3. Stunde schreiben wir bei Herrn Hinke ein Diktat, sind wir dann zurück? Werden wir bestraft, wenn wir heute streiken? Müssen wir die Demonstration mitmachen oder können wir auch gleich nach Hause gehen? Ist morgen wieder Schule?

Helge bedankt sich bei Herrn Völker, dass er ihm die Gelegenheit zur Information gegeben hat. Zu uns sagt er, dass er hofft, viele von uns beim Protestmarsch wiederzusehen, um halb neun geht es los.
Herr Völker sagt, er überlässt es der Entscheidung der Klasse, ob wir heute am Unterricht teilnehmen oder nicht. Die Mehrheit ist für Streik, weil es noch besser als Hitzefrei ist. Hitzefrei gibt es frühestens nach der 4. Stunde, und im Mai sowieso nicht.
Auf dem Schulhof herrscht Gedränge. Die älteren Schüler sind schon auf dem Weg nach draußen, wir jüngeren schließen uns an. Plakate werden vor die Brust gehalten, die Stangen mit den Bettlaken entrollt und hin und her geschwenkt. Wir latschen durch das Tor und wenden uns nach links, die Schulstraße hinein. „SPD und CDU: Lasst das Grundgesetz in Ruh!“ rufen wir im Chor.
Passanten haben heute nichts zu lachen, sie müssen uns ausweichen, weil sie sonst von uns überrollt werden. Es geht nur langsam vorwärts, weil wir so viele sind. Manni und ich laufen irgendwo in der Mitte. Wo unser Zug anfängt und wo er aufhört, können wir nicht sehen.

Bebilderter Artikel in den »Düsseldorfer Nachrichten« vom 30.5.1968 aus dem Besitz des Autors

Wir ziehen zum Quirinus-Gymnasium. Da stehen schon ganz viele, die auch Plakate und Transparente dabei haben. „Treibt Bonn den Notstand aus“ ist darauf gepinselt. Sie reihen sich bei uns ein. Es heißt, dass wir gemeinsam zur PH marschieren, um uns mit den Studenten zu vereinigen. Weiter geht es, zur Nordkanalallee, am Alex vorbei auf die Kölner Straße, Richtung Grimlinghausen. Hier machen wir uns richtig breit. Polizisten regeln den Verkehr und passen auf, dass keine Autos in uns reinfahren.
Auf dem Hof der PH bleiben wir stehen. Die Transparente und die Plakate werden hochgehalten. „No – No – Notstandstod“ rufen wir im Chor. Ein paar Erwachsene bahnen sich kopfschüttelnd ihren Weg durch die Menge, weil sie in die PH rein wollen. Sind es Studenten oder Professoren? Niemand weiß es. Heraus kommt jedenfalls niemand, wahrscheinlich weil es der Direktor verboten hat.
Plötzlich heißt es, dass wir wieder nach Neuss zurückmarschieren. Vor dem Rathaus soll es eine Abschlusskundgebung geben. Als wir durch die Oberstraße ziehen, vorbei an Horten und an Möbel Trösser, finden Manni und ich, dass wir für heute genug gestreikt haben. Mittwochs haben wir sowieso nur vier Stunden, und die sind gleich um. Bei Juwelier van Wüllen bleiben wir stehen und tun so, als würden uns die Uhren im Schaufenster interessieren. Von Helge Malchow ist weit und breit nichts zu sehen. Bestimmt marschiert er ganz vorne mit. Ohne uns noch einmal umzudrehen, verschwinden wir in der Passage zum Omnibusbahnhof.

Jan-Christoph Hauschild lebt als Literaturwissenschaftler und Publizist in Bochum. Dieser Text  erschien ursprünglich im Buch »Mein 1968 – Alte Erinnerungen, neue Texte« (Aisthesis Verlag).

Lektüreempfehlung – die 68er im Programm von Kiepenheuer & Witsch:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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