»Der Verleger« von Benjamin von Stuckrad-Barre

MISCHKALKULATION

Der Verleger

Es ist früh am Tag, zwischen fünf und sechs Uhr, Frau Didio betritt Raum Nr. 207 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, das L-förmige Chefzimmer. Frau Didio saugt und wischt allmorgendlich den Staub des Vortags fort; alle zwei Monate kommt ein Fensterputzer, nicht unwichtig für diesen einmalig kölschen Ausblick: links das wuselige Ankunfts- und Abfahrtstheater des Kölner Hauptbahnhofs, geradeaus die zeitzahnbeknabberte Ewigkeit – der Dom. Zum nächsten Brauhaus sind es 80 Sekunden Fußweg, das RheinEnergieStadion sieht man zwar von hier aus nicht, man fühlt es als Kölner aber natürlich, und zur Unterstützung dieses Gefühls dient dem Verleger eine Dose 1.-FC-Köln-Drops gleich neben der Computertastatur.


Blick nach links auf die Bahnhofsuhr, geradeaus auf das Gotteshaus: Was und wem die Stunde schlägt – Verleger Malchow muss nur aus dem Fenster gucken.
Um kurz vor neun erscheint Barbara Ritter und öffnet zuallererst mal das Fenster zum Dom, durchlüften, der Verleger hat es gern warm in seinem Büro, »viel zu warm«, sagt Frau Ritter; Malchow nennt sie »meine Mitarbeiterin«, nie bezeichnet er sie als Sekretärin, Assistentin oder gar VORZIMMERDAME. Wer zu Helge Malchow vordringen will, ob telefonisch, postalisch oder in Person, muss an Frau Ritter vorbei, die erstens nicht umsonst so heißt und zweitens vom DRK ausgebildete Ersthelferin ist.
Nach dem Fensteröffnen schaltet sie den Computer des Verlegers ein, und während der lossummt und sich warmpustet, macht Frau Ritter ein wenig Ordnung auf dem Schreibtisch, dessen karminrote Linoleumoberfläche Malchow selbst ausgewählt hat, durchaus zu Frau Ritters Überraschung. Papierstapel, zwei dunkel-grüne Faber-Castell-Bleistifte, das Läufer-Plast-Radiergummi, den metallenen Herlitz-Doppelspitzer – alles bisschen geraderücken, nicht pedantisch, wohl aber mit einem Blick für die Art Symmetrie, die gute Laune macht.
Zwei Zettel liegen noch vom Vorabend in der Mitte des Schreibtischs, daran hat Malchow wohl gestern zuletzt gearbeitet, handschriftliche Titelsuche für ein Sachbuch – so ganz hat er ihn noch nicht, den Titel. Aber vielleicht ist er ihm ja nachts dann noch eingefallen.
Neben den 1.-FC-Köln-Drops: seine geliebte Büroklammerdose aus Speckstein, eine kleine Buddhafigur und ein Briefbeschwerer: Schätzings Schwarm-Auge aus Stein; Stiftebecher, Notizzettelbehältnis, eine funkgesteuerte Logitech-Maus und der Fujitsu-Siemens-Computer. Den hat er schon sieben Jahre lang, schätzt Frau Ritter, einen Laptop besitze er zwar auch, benutze ihn allerdings kaum noch, seit er ein Blackberry habe, diesen Alleskönner für die Jackett-Tasche – Mail, SMS, Internet, Kalender, Adressen. Gut zu wissen: Mails an Malchow landen automatisch immer auch bei Frau Ritter. Und sein Avaya-Telefon, Durchwahl: 37, ist grundsätzlich auf ihres umgeleitet, man kann also auch gleich Frau Ritter anrufen – ihre Durchwahlnummer ist die 21. 
Auf einem Rollcontainer linker Hand, Blickrichtung Hauptbahnhof, ragen einem erwartungsvoll die Anschlusskabel für das E-Book-Lesegerät entgegen, Stapel oranger und grüner Pappmappen, ein Päckchen Papiertaschentücher und Malchows Montblanc-Kolbenfüller, Modell »Senator President«, mit seinen Initialen auf der goldenen Mittelbanderole. Das dazugehörige 30-ml-Tintenfass, »Pelikan brillant-schwarz«, enthält, hoppla, blaue Tinte. Sehr alte, ja legendäre blaue Tinte, ein letzter Überrest aus der schönen alten Literflasche, aus der schon Dr. Nevens Füller jahrzehntelang betankt wurde – den Verlagsumzug im Sommer 2008 hat sie schließlich nicht mehr überlebt, beim Auspacken wurde das Malheur entdeckt: ein altes Joseph-Roth-Plakat, das viele Jahre oben in der Marienburg-Presseabteilung hing, war mit blauer Tinte besudelt, die Flasche zersplittert. Doch das kleine 30-ml-Gläschen war vorher abgefüllt worden und ist noch immer recht voll.


An der Wand hinter Malchows Schreibtisch hängen Autorenplakate: Wallraff, Foster Wallace, Hagena, Clapton, Sick, Hornby, DeLillo, Fischer, Timm, Lebert, Eminem … Eine herrliche Illustration des gefürchteten Wortes MISCHKALKULATION, diese aberwitzige Mixtur, deren Bestandteile wohl nichts eint als der gemeinsame Schmelzpunkt Malchow. 
Darunter ein USM Regalsystem, 5 x 2 Ablagefächer, Frau Ritter ist kurz um die Ecke, man kann also mal rasch die Fächer öffnen: Reißzwecken, Meditonsin, patentgefalteter Köln-Stadtplan, Additiva-Vitamin C + Zink Depot-Kapseln. Ein Fach weiter: Malchows Bar. Nie verkehrt, wenn mal ein Dichter vorbeikommt: Sherry, Aquavit, Grappa, Brandy, Wodka, Trüffel-Sahne-Likör, Sekt, Champagner, ein Aschenbecher, eine Tüte Kartoffelchips und ein Korkenzieher, an dem ein Schildchen befestigt ist: »Helges Korki«.


Auf dem REGALSYSTEM steht eine oben und vorn offene Holzkiste, etwas größer als DIN A4: Malchows Postausgangskorb. Wohl das älteste Stück hier im Raum, dieses von ihm schlicht »Korb« genannte Utensil hat er schon als Cheflektor benutzt, da kommen handschriftlich entworfene Briefe, Vorschau- und Klappentexte hinein, Frau Ritter tippt sie dann ab, zum mündlichen Diktat bittet er nie.
Schräg gegenüber des Schreibtischs steht ein schwarzer Eames Lounge Chair, den Malchow bei eBay ersteigert und dann höchstselbst in Krefeld oder so abgeholt hat – jetzt müsste er ihn nur noch ab und zu benutzen, die Idee war schließlich gewesen, auf oder vielmehr in diesem extrem bequemen Sessel Manuskripte zu lesen. Aber irgendwie ist ihm das Ding zu niedrig. Mittagsschläfchen ab und zu? Nein, sagt Frau Ritter.
Es ist jetzt viertel nach neun, halb zehn, der Verleger kommt herein, hat das Telefon am Ohr, begrüßt Frau Ritter mit freundlichem Nicken. Hin und wieder, so Frau Ritter, käme auch mal eine launige Bemerkung, pfeifen oder gar singen allerdings habe sie ihn in Raum 207 noch nie gehört. Die beiden siezen einander übrigens, und zwar immer, auch im Karneval.
Als Erstes guckt er sich nun die täglichen Verkaufszahlen an, Frau Ritter bringt ihm dazu eine Tasse schwarzen Tee; Kaffee trinke er kaum. Sie hatten mal vereinbart, dass er tagsüber mehr trinken solle, und zwar Wasser, eine Weile lang habe sie ihm also immer mal wieder ein Glas hingestellt, aber das fand er dann doch nervig, sagt sie, und so hat sie es schließlich wieder bleiben lassen. Links neben seinem Schreibtisch auf dem Teppichboden steht eine Flasche Raffelberger Medium, halb leer, immerhin.
Wenn sie ihm den Tee gebracht hat, schließt sie die Tür – er selbst lasse sie eigentlich immer offen, das ist die berühmte malchowsche Politik der offenen Tür. Jahrelang sei es so gelaufen, dass die Mitarbeiter schon während der »Ist Helge da?«-Frage die Hand an der Türklinke hatten und direkt reinmarschiert sind. Um den Andrang etwas zu kanalisieren, hat Frau Ritter die Regel eingeführt, dass man sie bitte vorher fragt, ob es gerade passt. Mittlerweile würden die anderen Mitarbeiter sich daran sogar halten.
Lassen wir das Kommunikationsgenie Helge Malchow, der jederzeit mit solipsistischen Dichtern wie Fußballern, mit Rockstars wie Politikern, mit wirklich jedem sofort ins Gespräch kommt, lassen wir ihn nun mal kurz allein und ungestört an seinem Schreibtisch sitzen.
Natürlich empfindet jeder Autor speziell sich und sein Werk als tragende Säule des Verlagsprogramms und jedes seiner Gespräche mit dem Verleger als ein Ereignis, dessen Protokoll Marbach nicht vorenthalten werden dürfe, logisch. Im spektakulärsten Moment hier in Raum 207 des Verlages Kiepenheuer & Witsch, an den Frau Ritter (die ein äußerst gutes Gedächtnis hat) sich erinnern kann, war jedoch überhaupt kein Autor zugegen. Niemand war da, Malchow saß ganz allein an seinem Schreibtisch und nahm sich gerade den von Frau Ritter sortierten morgendlichen Poststapel vor; ganz oben auf diesen Stapel hatte Frau Ritter einen Brief des Ministerpräsidenten Rüttgers gelegt, in dem Malchow mitgeteilt wurde, dass er mit dem »Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen« ausgezeichnet werde. Zwei, drei Sekunden Stille, dann rief Malchow sehr laut: »Ooooh!«
Da, sagt Frau Ritter, war alles drin, in diesem »Ooooh!«. Ob er dabei nach links auf die Bahnhofsuhr oder geradeaus zum Dom geguckt hat, ist leider nicht überliefert.

Benjamin von Stuckrad-Barre

Dieser Text stammt aus dem neuen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre: »Ich glaub, mir geht’s nicht so gut. ich muss mich mal irgendwo hinlegen«

»Einen bessern Chronisten unserer Zeit gibt es nicht.« Die Zeit

Benjamin von Stuckrad-Barre über: Boris Becker, Jürgen Fliege, Ferdinand von Schirach, Madonna, Christian Ulmen, Sommer ohne iPad, Urlaubsfragen, Helmut Dietl, Thomas Bernhard, Popshopping, Rainald Goetz, Fussball-WM, Tattoos, Schweinegrippe, Jan Hofer, Thomas Demand, Jörg Fauser, Helge Malchow, Axel Springer, Berlinale Harald Schmidts 2013, Walter Kempowski, Happy, Sunset Blvd.

 

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