Die Möglichkeit einer Insel – Alexander Gorkow über riskante Urlaubsrituale, Helikoptereltern am Strand und Mallorca

Alexander Gorkow hat ein Buch über Mallorca geschrieben, den Traumort seiner Kindheit. Ein Gespräch über den Humor der Mallorquiner, riskante Urlaubsrituale, Helikoptereltern am Strand und warum es so verdammt schwer geworden ist, sich zu erholen.

ILLUSTRATION: ALEX GREEN / FOLIO

Kiefernwälder, Steilküste, ein schneeweißes Hotel und davor feiner Sandstrand, an dem türkisblaues Meer nippt: Willkommen in der Bucht von Canyamel im Nordosten von Mallorca. Hier erlebte der Journalist und Buchautor Alexander Gorkow (51) legendäre Urlaube mit seinen Eltern. Mehr als dreißig Jahre später kehrt er in das Paradies seiner Kindheit zurück. Von dieser Reise handelt sein Bestseller Hotel Laguna – Meine Familie am Strand.

Herr Gorkow, wenn Sie an Mallorca denken, was kommt Ihnen da zuerst in den Sinn?
Ein Geruch von Meersalz und Honig, denn so riecht das Harz, das an heißen Tagen aus den Kiefern tropft. Ein Duft, der sofort Erinnerungen an Urlaub und Kindheit weckt.
Viele Erinnerung aus der Kindheit ranken sich um Urlaube. Warum?
Gute Frage. Vielleicht weil unsere Eltern im Urlaub anders waren. Zumindest haben wir sie da anders erlebt. Gerade die Generation der heute 50-Jährigen. Mein Vater und meine Mutter hatten als Kinder die für sie sehr schlimmen Jahre der Naziherrschaft und des Krieges überstehen müssen. Das Trauma war noch präsent, mein Vater wäre in Russland fast verhungert. Diese Erlebnisse prägten alles, auch die Art, wie wir damals Urlaub machten. Die gemeinsame Freizeit, sie sollte etwas Besonderes sein, ein Hochamt für die Familie. Man putzte sich dafür heraus. Mein Vater hatte immer Anzug und Krawatte dabei, für die Abende an der Hotelbar.
Das war Anfang der siebziger Jahre – der Beginn des Massentourismus auf Mallorca. Wie war die Insel damals?
Im Nordosten war Mallorca noch recht unerschlossen. Italien, das war damals unter den südlichen Urlaubsländern das reichbestickte Sommerkleid, wie Cees Noteboom mal geschrieben hat. Im Vergleich dazu wirkte das raue Spanien auf Noteboom wie ein in der Sonne bretthart getrocknetes Frotteehandtuch. Lange Zeit sahen die Einheimischen auch in Mallorcas Küsten nur nutzloses Brachland: Denn im Sand wuchsen keine Kartoffeln, dort fand keine Ziege Gras. Der Legende nach, haben sich die alten Bauern sehr gewundert, als immer mehr blasse Nordeuropäer kamen und sich zur Erholung an die heißen Strände legten. Was das denn sei, dieses sich Erholen, fragten sie. Die Jüngeren erklärten dann, das sei eine Art Siesta. Die Deutschen würden fast ein Jahr lang ganz auf die Siesta verzichten, um sie dann zwei Wochen lang am Stück zu machen – am Morgen, am Mittag und am Abend. Einer der alten Mallorquiner soll über diese völlig verrückte Eigenart so gelacht haben, dass er an einem Herzinfarkt starb. Wahrscheinlich stimmt die Geschichte nur halb. Aber sie ist zu gut, um nicht weitererzählt zu werden.

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Wie haben sich Ihre Eltern damals im Urlaub entspannt?

Mein Vater nahm mich mehrmals mit, wenn er im Meer schwamm. Das war ein Ritual. Man muss sich das so vorstellen: Ich war vier Jahre alt, konnte nicht schwimmen. Ich lag auf dem Rücken meines Vaters, hielt mich an seinen Schultern fest. Dann ging es hinaus aufs Meer, erstmal Richtung Tunesien, irgendwann zweigten wir ab zu einer Bootsanlegestelle, dann ging es zurück in die Bucht. Bis zu einer Stunde waren wir manchmal unter-wegs. Mein Vater war Kettenraucher, kein Sportler. Was für ein lebensmüder Wahnsinn das war, interessierte niemanden. Meine Mutter war vielmehr froh, dass sie ihre Ruhe hatte, ihren Campari schlürfen und mit meiner pubertierenden Schwester schwatzen konnte.
Heute würde Ihr Vater mit einer solchen Aktion wohl für Entsetzen unter den Helikoptereltern am Strand sorgen, ein Rettungsschwimmer würde ihn schnell zurückpfeifen.
Sicherlich. Und auch zurecht. Aber ich fühlte mich als kleiner Junge meinem Vater in diesen Momenten so nahe, wie sonst eigentlich nie. Auch ein Mallorca-Duft: Dunhill-Parfüm, eine Mischung aus Zitrone und Leder, das aus dem Nacken meines Vaters in meine Nase strömt, während wir durch das Meer am Cap Vermell treiben.
In ihrem Buch stellen Sie eine gewisse Wesensverwandtschaft zwischen Mallorquinern und Deutschen fest. Wie würden Sie den typischen Mallorca-Ureinwohner beschreiben?
Ein klassischer Mallorquiner ist für mich mein Freund Juan Massanet, der Direktor des Hotel Laguna, das in der Bucht von Canyamel liegt und seit den 1960er-Jahren von seiner Familie geführt wird. Wie so viele Einheimische wirkt er zunächst mürrisch und irgendwie morsch. Dabei ist er ein Stoiker, mit einer sensiblen, ungemein warmherzigen Seele – ich denke das ist typisch für das Wesen der Mallorquiner. Seit Tausenden Jahren wird ihre Insel überfallen: früher von Piraten und nordafrikanischen Islamisten, heute von deutschen und englischen Touristen. Und alle Eroberer haben sich auf ihre Art mal mehr, mal weniger daneben benommen. Doch die Mallorquiner sind dabei immer gelassen geblieben. Auch in Bezug auf ihre Vergangenheit, etwa die Jahre der Franco-Diktatur, sind sie lange äußerst begabte Verdränger gewesen. Darin sind sie den Deutschen sehr ähnlich.

„Ein guter Urlaub ist keine Pause vom Leben, sondern eine Einstellung zum Leben. Diese paar Tage im Sommer, wenn du die verpasst, die bekommst du nie wieder zurück.“

Sie arbeiten für die Süddeutsche Zeitung. Um ihr Buch zu schreiben, haben Sie ein Sabbatical von drei Monaten eingelegt und sich im Hotel Laguna eingemietet. Ist Ihnen das Aufschreiben der Erinnerung leicht gefallen?
Die Erinnerungen an die Orte und Erlebnisse waren sofort wieder da. Aber das Schreiben war schwer. Manchmal habe ich tagelang keinen Satz hinbekommen. Man fängt dann an zu labern beim Schreiben. Jeder Autor kennt das: man sabbelt selbstverliebte Phrasen und Platitüden. Erzählte ich meinem Freund Juan von meiner Mühsal, lachte er mich aus und meinte, ich hätte was Anständiges lernen sollen. Die Mallorquiner sind halt auch wunderbare Ironiker. Allein die erste Woche meines Sabbaticals habe ich übrigens damit verbracht, Ruhe zum Schreiben zu finden. Also sämtlichen Lärm der sozialen Netzwerke auszublenden, nicht ständig E-Mails zu checken und so weiter. Mir selbst endlich die Ruhe zu gönnen, die ich brauchte, das war eine irre Kraftanstrengung.

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Auch davon handelt Ihr Buch: Wie sich das Urlaubmachen verändert hat, etwa wie schwer es geworden ist, Ruhe zu finden.
Ich bin kein Digitalfeind. Twitter finde ich lustig, es macht Spaß, und wenn ich keine Lust drauf habe, lass ich es halt sein. Aber gerade aus der Perspektive des Alleinreisenden wirkt vieles erschreckend, wenn man anderen beim Ferienmachen zuschaut – und das haben wir Instagram zu verdanken, die womöglich noch größere Pest als Facebook: Man sieht Familien an reich gedeckten Tischen sitzen, sie lassen sich tolles Essen servieren, Garnelen, Langusten, guten Wein. Und dann starren sie nur ins Licht ihrer Smartphones, jeder wischt und drückt für sich darauf herum. Sie können nicht sprechen und nicht schweigen.
Sie haben sich nichts mehr zu sagen und machen keinen Hehl daraus. So erlebte ich das bei einer britischen Familie, wohlhabende Leute, typische Oberschicht. Ihr kleiner Sohn war der einzige am Tisch ohne Handy. Er war der einsamste Mensch. Woran wird er sich einmal erinnern, wenn er an den Urlaub auf Mallorca denkt?
Aber die schöne Bucht und das leckere Essen zu instagramen – das ist doch nichts anderes als digitales Postkartenschreiben, oder?
Ich bin mir sicher, mein Vater würde heute auch mit seinem Handy lustigen Kram verschicken. Wenn er damals während unseres Urlaubs zu Hause in Düsseldorf in seiner Firma anrufen wollte, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist, dann musste er zur Telefonzelle, und vor der stand eine lange Schlange mit rothäutigen Touristen aus Düsseldorf und Hannover. Das war sozusagen das Handy: groß, heiß und mit einer Tür zum Zumachen. Sich im Urlaub zu erholen, ist heute sehr viel schwerer gewor-den. Ich habe eine pflegebedürftige Mutter, die 89 ist, da will ich erreichbar sein. Ich arbeite für eine Tageszeitung
und muss die Nachrichtenlage im Blick behalten. Es gibt immer einen Grund, mal eben in die digitale Welt zu tauchen. Darum ist es so schwer, den Zustand echter Zerstreuung zu erreichen. Andauernd droht Einmischung von außen in innere Angelegenheiten. Ein guter Urlaub ist keine Pause vom Leben, sondern eine Einstellung zum Leben. Diese paar freien Tage mit deinen Kindern, deiner Familie, deiner Liebe – wenn du die verpasst, die bekommst du nie wieder zurück.
Fahren Sie dieses Jahr wieder nach Canyamel?
Klar, im Mai für ein paar Tage. Zunächst wieder alleine, danach kommt meine Familie dazu.

ILLUSTRATION: ALEX GREEN / FOLIO

Im vergangenen Jahr reisten 13 Millionen Urlauber nach Mallorca. Wird es langsam eng auf der Insel?
Gerade im Frühjahr hört und liest man ja immer wieder diese apokalyptischen Meldungen: Dass Mallorca in dieser Saison garantiert viel zu voll sei. Aber fast jedes Jahr fahre ich mit meiner Familie hin. Wir haben eine wunderbare Zeit und es ist eigentlich wie immer. Okay, die Strandliegen werden ein paar Cent teurer. Erstaunlich finde ich, wie locker die Insel den Ansturm wegsteckt. Vor allem die Hauptstadt Palma, für mich eine der schönsten Städte Südeuropas. Was Überfüllung bedeutet, erlebt man eher in Venedig. Aber ich finde es gut und richtig, dass sich viele Mallorquiner gegen jene Touristen wehren, die ihre Insel missbrauchen für Sauf- und Pöbelorgien. Da bin ich altmodisch.
Wenn Sie Ihrer sieben Jahre alten Tochter Charlotte Canyamel zeigen, sitzt sie dann auch auf Ihrem Rücken während sie ins Meer rausschwimmen?
Nein, meine Frau würde das zurecht niemals zulassen. Zwar rauche ich seit einem halben Jahr nicht mehr und genieße das sehr, weil ich mich deutlich fitter fühle. Trotzdem zeige ich ihr mein Kindheitsparadies lieber vom Kajak aus.

TEXT: REINHARD KECK
ILLUSTRATIONEN: ALEX GREEN / FOLIO

Das Interview enstammt der März/April 2018-Ausgabe von WINGS, dem Magazin von Eurowings (zur Epaper-Ausgabe des Magazins). Unsere Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von WINGS.

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