11 Fragen an Tom Hillenbrand, Autor von Hologrammatica (ACHTUNG, SPOILER!)

© Stephanie Füssenich

Vorsicht: Dieses Interview mit Tom Hillenbrand kann Spuren von Spoilern enthalten. Besonders “verräterische” Stellen haben wir rot markiert.

Herr Hillenbrand, in Ihrem neuen Thriller Hologrammatica sind die sozialen Medien Schnee von gestern, die digitale Revolution Alltag und die Künstliche Intelligenz das zentrale Thema. Nebenbei erweisen Sie Scifi- und Crime-Noir-Säulenheiligen wie Dick, Ballard, Lem oder Chandler literarische Referenz und warten auch mit einer geopolitischen Neuordnung der Welt auf. Welche Lage findet der Leser in »Hologrammatica« vor?

Die Geschichte spielt 2088. Der Klimawandel ist in vollem Gange, weite Teile der Welt sind aufgrund des Temperaturanstiegs unbewohnbar, Sibirien ist das neue gelobte Land. Gleichzeitig ist die Weltbevölkerung drastisch gesunken und beträgt nur noch ein Drittel der jetzigen. Die Nationalstaaten sind fast alle implodiert. An ihre Stelle sind sogenannte Föderativen getreten, zum Beispiel EURUS, ein Zusammenschluss der EU mit der Russischen Föderation. Klingt alles dramatisch, aber die Lage ist keineswegs hoffnungslos, sondern sogar verhalten optimistisch. Der Mensch besiedelt allmählich den Weltraum und neue Technologien machen das Leben auf der Erde recht angenehm.

Am Ende des 21. Jahrhunderts ist die Welt aber in jeder Hinsicht anders als wir sie kennen, und das hat mit dem titelgebenden Holonet zu tun. Was genau ist das und wie funktioniert es?

Holographie ist allgegenwärtig. Die Technologie ist so weit fortgeschritten, dass sie auf die gesamte wahrnehmbare Welt angewendet werden kann und auch wird. Ist eine Hausfassade baufällig, projiziert man holographischen Putz darüber. Hat jemand einen Pickel auf der Stirn, holografiert er ihn einfach weg. Das Ergebnis ist eine Welt auf Hochglanz, die aber letztlich nur schöner Trug ist. Die Gesamtheit dieser holographischen Modifikationen nennt man Hologrammatica, daher der Name des Buches.

Holomasquen, Stripper-Goggles, Holopolish, Naked-Space, Sie erschaffen eine ganz neue Welt. Wie nah ist diese Zukunft bereits und woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Das ist alles nicht mehr so weit weg. Technologien wie Magic Leap oder Microsoft Hololens können bereits heute dreidimensionale Objekte in einem Raum hineinprojizieren oder auch herausrechnen. Da ist die Idee, dass dies auch ohne Brillen und zu jeder Zeit überall funktioniert, eigentlich nur die logische Extrapolation. Außerdem schwirrt das Konzept einer holographischen Realität ja schon lange durch die Science-Fiction, man denke an das Holodeck bei Star Trek. Der Unterschied ist, dass bei mir die gesamte Welt zum Holodeck wird.

Haben Sie selbst schon Erfahrungen mit Hololens und Co gesammelt?

Ja, ich habe das ausprobiert – sowohl die VR-Brille Oculus Rift als auch Microsoft Hololens. Vor allem letztere fand ich sehr beeindruckend. Man sieht durch die Brille immer noch die normale Realität, aber Einzelheiten verändern sich. Objekte schweben im Raum, die Farbe des Teppichs ändert sich oder in einer Wand taucht plötzlich ein Fenster auf, durch das man eine virtuelle dreidimensionale Straße sehen kann. Ich glaube, dass wir von diesen Technologien in nächsten Jahren eine Menge im Alltag sehen werden.

Der Detektiv in Hologrammatica heißt Galahad K. Singh und ist Quästor. Wie müssen wir uns diesen Helden vorstellen?

Galahad Singh ist Londoner und hat, wie der Nachname andeutet, indische Vorfahren. In der Welt von Hologrammatica findet gerade eine wahre Völkerwanderung statt. Aufgrund der Holotechnologie ist es sehr einfach, zu verschwinden und sein vorheriges Leben hinter sich zu lassen. Deshalb gibt es sogenannte Quästoren wie Singh, die darauf spezialisiert sind, vermisste Personen aufzuspüren. Singh ist ein etwas schwieriger Typ, ein depressives Millionärssöhnchen mit musikalischer Ader und einem Hang zu Depressionen. Er sucht nach Verschwundenen, aber eigentlich geht es ihm um eine persönliche Suche, die mit seiner Familiengeschichte zusammenhängt.

Eine Kryptologin aus einflussreicher Familie verschwindet und Galahad Singh soll sie aufspüren, haben wir es also im Kern mit einer klassischen Detektivgeschichte zu tun?

Das könnte man anfangs sicher denken. Ein zynischer Privatdetektiv, eine Klientin die unangekündigt in seinem Büro auftaucht, das verschwundene Mädchen mit dem dunklen
Geheimnis. Aber, so viel kann man verraten, diese Krimistruktur löst sich nach spätestens 200 Seiten in Wohlgefallen auf und das ganze verwandelt sich eher in einen ziemlich epischen Thriller.

Galahad wird es im Laufe der Handlung, wie sein Name schon andeutet, mit Schwertkämpfern zu tun bekommen, allerdings von ganz anderem Zuschnitt als seinerzeit noch die Ritter der Tafelrunde. Haben Sie sich die sogenannten Hardlights, die kristallinen Photonenstrukturen, ausgedacht oder gibt es so etwas tatsächlich?

Halb und halb. Die experimentelle Physik kennt schon heute so genanntes „solid light“. Dabei handelt es sich nicht wirklich um kristallines Licht, sondern um einen gekoppelten Zustand von Licht und Materie in einem Medium, der sich mathematisch so verhält als ob die Photonen in dem Medium Teilchen mit Masse und Wechselwirkung wären. Auf jeden Fall sind die Hardlights eine sehr futuristische Technologie.

Ihr Roman Drohnenland war eine Dystopie, spielte zumeist in Brüssel und galt als Scifi-Noir-Thriller. In Hologrammatica gibt es eine optimistische Grundstimmung, obwohl der Eiffelturm gesprengt und durch eine Holografie ersetzt wurde und die Menschheit auch sonst einiges an Schaurigem überlebt hat. Was zum Beispiel hat es mit dem Turing-Zwischenfall auf sich?

Um der Klimakrise Herr zu werden, baute die Menschheit eine Künstliche Intelligenz (KI), einen Computer namens Aether, der eine Lösung für die Erderwärmung erarbeiten sollte. Das war in den Vierzigerjahren und die Sache ging mächtig schief. Der Computer machte sich beinahe selbstständig. Seitdem sind intelligente Computer verboten und eine UNO-Behörde wacht streng über die Einhaltung des KI-Sperrvertrags. Auch ist man aufgrund des Tueing-Zwischenfalls viel strikter, was Datensicherheit angeht – alles wird dreifach verschlüsselt, eine umfassende Überwachung á la 1984 gibt es deshalb nicht. Natürlich gibt es immer noch Leute, die gerne wieder so einen intelligenten Computer hätten, und dieser Umstand spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle.

Singhs Suche nach der verschwundenen Kryptologin verweben Sie mit dem uralten Wunschtraum der Menschheit nach Unsterblichkeit. Dafür nehmen die Hologrammatica-Protagonisten Wahnwitziges in Kauf, es gibt waghalsige Experimente mit Künstlicher Intelligenz. Ist das nicht ziemlich weit hergeholt?


Zunächst einmal: Unsterblichkeit ist der Heilige Gral. Wäre sie möglich, würden viele Menschen alles tun, um sie zu erlangen. Ob es überhaupt geht, wissen wir nicht. Aber wenn es möglich wäre, einen sehr intelligenten Computer zu erschaffen, könnte der vielleicht herausfinden, wie ein menschliches Gehirn en detail funktioniert und es dann digital nachbauen. Und falls dies ginge, ließe sich der Inhalt eines organischen Gehirns vielleicht auf eine Festplatte übertragen – mind uploading nennt man das. Das ist ein theoretisches Konzept, aber ein nachvollziehbares.

Die Frage, die Sie hier stellen ist also nicht, kommt die KI, sondern wann kommt sie und welche Gefahr oder welche Chance wird sie für die Menschheit darstellen?

Ich denke, ob sie kommt, ist gar keine Frage mehr. Vielleicht kommt zunächst nicht der eine Skynet-Computer. Was wir auf jeden Fall bald haben werden, sind Rechner, die sehr viele komplexe menschliche Aufgaben genauso gut oder besser erledigen als wir – juristische Schriftsätze verfassen, Ressourcenplanung durchführen, Städte planen. Selbst wenn es keinen Großen Computer gibt, der plötzlich ein eigenes Bewusstsein und ein eigenes Ego entwickelt, werden wir ganz sicher eine Menge an Kontrolle und Entscheidungen an Maschinen abgeben. Ich vermute, dass da ein Punkt kommen wird, an dem uns die Kontrolle darüber entgleitet. Entweder weil wir zu bequem sind oder weil die Maschinen uns intellektuell überholen. Tesla-Chef Elon Musk warnt nicht zu Unrecht davor, das wir hier möglicherweise etwas beschwören, dass wir nicht kontrollieren können.

Ausgerechnet das kleine Luxemburg besitzt in Hologrammatica die meisten Raumschiffe und ist im All eine ökonomische Weltmacht, die Palladium, Platin und Kobalt fördert. Das ist doch Ihrer Sympathie für das Großherzogtum geschuldet, oder?

Natürlich ist das eine kleine Verneigung vor den Luxemburgern, die ich sehr schätze. Aber das Großherzogtum strebt ja in der Tat an, der wichtigste globale Standort für Asteroidenmining zu werden. Nach dem Vorbild der Satellitenbranche will Luxemburg die notwendigen regulativen und finanziellen Anreize dafür schaffen, dass sich die Bergbaufirmen der Zukunft im Großherzogtum niederlassen. Ich denke mir diese Dinge doch nicht aus!

 

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