»Alle outen sich, aber dann irgendwie doch nicht.«

Franziska Seyboldt

Angststörungen treten laut einer internationalen Studie häufiger auf als Depressionen. Und doch sind sie immer noch ein Tabuthema. Franziska Seyboldt will dies mit »Rattatatam, mein Herz« ändern.
Vorabdruck III

Sabine beugt sich interessiert in meine Richtung und wirft dabei fast ihren Gin Tonic um. »Und um was geht es in dem Text, an dem du gerade arbeitest?«, ruft sie. In der Bar ist es laut, in mir drin wird es kurz ganz still. Es ist eine Sache, über die Angst zu schreiben, aber eine völlig andere, über sie zu reden. Und dann auch noch in der Öf­fentlichkeit. Vor allem, da es nicht bei der einen Frage bleiben wird. Es folgen weitere, bis die Angst schließlich den Abend erobert hat. Bei den anderen als Thema, bei mir als Gefühl. Denn das Sprechen über die Angst führt zwangsläufig dazu, dass sie plötzlich auftaucht. Ich will sie aber auf keinen Fall herbeireden. Also, was tun? Die Auskunft einfach verweigern? Ich probe den Satz: Ich spreche grundsätzlich nicht über laufende Projekte. Albern. Was soll’s, denke ich, besser, ich gewöhne mich schon mal dran. »Ich schreibe eine Geschichte über Angst«, sage ich und wische meine Hände so unauf­fällig wie möglich an meiner Hose trocken, wobei sich Abermillionen kleiner schwarzer Fussel lösen, die an meinen Handinnen­flächen kleben bleiben. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass sich die Angst den einzigen freien Hocker an der Bar gekrallt hat und ein Bier kippt. Da, sie zwinkert mir sogar zu! Igitt. Ich schaue wieder zu Sabine. »Ah, so gesellschaftlich? Flüchtlinge, Terror, Pegida?« »Nein, es geht um Angststörungen. Also, um meine Angststörung.« »Ach, das hast du? Wusste ich gar nicht.« Klack. Ich höre, wie die Schublade in Sabines Kopf mit der Aufschrift Psycho einrastet. Eng da drin. Mag sein, dass ich mir das nur einbilde, aber ich habe das Gefühl, dass sie mich auf einmal anders anschaut. Prüfend. Neugierig. Interessiert. Die Angst ihrerseits starrt mich an und knallt ihr leeres Glas auf den Tresen. Kann die nicht ausnahmsweise mal jemand anderen stalken? Sie schüttelt den Kopf. Wie immer scheint sie zu wissen, was ich denke. In Großbuchstaben schickt sie mir eine telepathische Botschaft quer durch den Raum: HOCHVERRAT! Okay, das hatte ich erwartet. Schließlich haben wir einen Pakt: Das, was zwischen uns ist, bleibt zwischen uns. Wenn ich hinter ihrem Rücken mit anderen über sie rede, breche ich ihn. Und nicht nur das: Ich werde sie sogar bald in der Titelgeschichte einer großen Tageszeitung an den Pranger stellen. Lästermaul, formt sie mit ihrem Mund, und während Sabine irgendwas erzählt, landet ein zusammengeknüllter Zettel auf meinem Tisch. Ich entfalte ihn und lese: Na warte, du Miststück. Jetzt erst recht. »Wie äußert sich denn deine Angst?«, höre ich Sabine fragen. Ich überlege kurz, ob ich ihr erzählen soll, dass die Angst meistens sehr eloquent mit mir diskutiert und uns momentan eifersüchtig beobachtet, lasse es aber sein. »Durch Panikattacken«, sage ich. »In der UBahn zum Beispiel. Oder beim Arzt.« Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, aber so ist es jedes Mal, wenn ich versuche, die Angst zu erklären. Sie eignet sich einfach nicht für Smalltalk, dafür ist sie viel zu komplex. Und vieles verstehe ich ja selbst nicht. »Der Cousin meiner Kollegin hat auch eine Angststörung«, sagt Sabine. »Ist auf irgendwelchen Drogen hängen geblieben.« Fehlt nur noch, dass sie fragt, ob ich ihn zufällig kenne. Wie in dieser Satire, in der sich ein Heteropaar wahnsinnig darüber freut, endlich mit einem schwulen Paar befreundet zu sein, und die beiden fragt, ob sie denn auch diese anderen Schwulen kennen würden, aus einer Stadt, die sehr weit weg ist. Aber vielleicht bin ich auch zu streng, und Sabine ist ehrlich interessiert. »Es sind tatsächlich mehr Leute betrof­fen, als man so denkt«, sage ich deshalb. Und denke: Augen zu und durch. Du machst das hier nicht für dich, sondern für alle anderen, denen es genauso geht wie dir. Trotzdem merkwürdig, dass ich automatisch zur Botschafterin für Angststörungen werde, nur weil ich ausspreche, dass ich betrof­fen bin. »Allein in Deutschland hat jeder Sechste im Laufe seines Lebens einmal eine Angststörung, das kommt gleich nach Depressionen und Alkoholismus.« »Wow, das wusste ich nicht«, sagt Sabine. »Ich lange auch nicht«, sage ich. »Liegt aber vielleicht unter anderem daran, dass man bei dem Wort ›Angststörung‹ jemanden vor Augen hat, der wahnsinnig schüchtern, verhuscht und schreckhaft ist. So einen richtigen Schisser halt.« An Sabines schuldbewusstem Lachen erkenne ich, dass ich ins Schwarze getrof­fen habe. Möglicherweise hat sie mich vorhin gar nicht in eine Schublade gesteckt, sondern nur versucht, beide Bilder irgendwie zusammenzubringen: das von der fröhlichen, unerschrockenen Kollegin, die sie schon lange kennt, und das von der Psychotante mit dem Knacks. »Stimmt«, sagt sie. »Angst passt eigentlich gar nicht zu dir.« Die Angst tippt sich im Hintergrund entrüstet mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Ich hebe entschuldigend die Schultern und schaue wieder zu Sabine. »Ja«, sage ich, »aber es gibt schließlich auch niemanden, zu dem eine Depression passt. Oder eine Essstörung. Sucht man sich halt alles nicht aus.« Sabine nickt. »Du schreibst aber nicht unter deinem echten Namen, oder?« »Doch«, sage ich. »Wenn schon, denn schon. Anonyme Erfahrungsberichte gibt es schon genug, guck mal ins Internet oder lies die Brigitte. Alle outen sich, aber dann irgendwie doch nicht. Und ich kann es sogar verstehen. Die wollen eben nicht, dass der Arbeitgeber das mitbekommt und denkt, sie seien verrückt.« »Aber du schon?«, fragt Sabine und lacht. »Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass das für mich irgendwelche negativen Auswirkungen hat. Die Angst hindert mich schließlich nicht am Schreiben. Bei vielen Betrof­fenen ist das anders, je nachdem, welchen Job sie haben. Und damit die irgendwann auch of­fen damit umgehen können, müssen vielleicht diejenigen den ersten Schritt machen, die nichts zu befürchten haben.« »Ganz schön mutig von dir, das öf­fentlich zu machen«, sagt Sabine. »Nicht mutig«, sage ich. »Nötig. Aber vor ein paar Jahren wäre so ein Outing für mich tatsächlich noch undenkbar gewesen.« »Was ist seither passiert?« Ich überlege. »Vermutlich musste ich erst mal selbst damit klarkommen. Jetzt sind die anderen an der Reihe.« Wir prosten uns zu. Als ich zur Theke schaue, ist der Hocker leer.

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→ Zum Vorabdruck I: »Als Sieb ist immer Tag der of­fenen Tür.«
→ Zum Vorabdruck II: »Wenn, wenn, wenn.«

Franziska Seyboldt
Rattatatam, mein Herz
18,00 €
ET: 11.01.2018

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