Vierundzwanzig Türen #23 (Philipp Rusch, Onlineredaktion)

2013 haben wir unsere Autoren gefragt, ob sie für uns ihre Türen öffnen möchten. Bei Klaus Modick borgten wir uns für unseren Adventskalender den Titel seines Romans »Vierundzwanzig Türen«. Klaus Modick war übrigens auch der erste unserer Autoren, der uns einen kleinen Einblick in sein Reich gewährte.
Zwei Jahre später, 2015, haben wir bei Buchbloggern und Buchhändlern angeklopft. Wir wollten wissen, »Wer bist Du, was sind Deine Orte«? Und wir fragten, welches Buch aus unserem Programm sie Ihnen, unseren Lesern, empfehlen möchten.

2017 – Der Bahnhofsvorplatz erstrahlt, dieses Jahr kehren wir vor unserer eigenen Tür: Vierundzwanzig Mitarbeiter von KiWi stellen ein Buch vor, das sie besonders beeindruckt hat – und verlosen es bei Instagram und bei Facebook. Viel Vergnügen!

Tür 23: Philipp Rusch (Onlineredaktion) über »Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944« von The Bodleian Library, University of Oxford.

»Der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944 ist ein Zeitdokument der besonderen Art, und er verlangt nach ebenso besonderer Zuwendung. Mein Exemplar zum Beispiel lege ich mir zu speziellen Anlässen als eine Art Beutelbuch um den Hals. Als sich jedenfalls vierhunderttausend britische Soldaten 1944 auf den Weg nach Deutschland machten, führten sie in den Taschen ihrer tadellos sitzenden Uniformen dieses Büchlein mit, spätestens am Tag nach ihrer Ankunft (denn viel mehr als eine Nacht benötigt es nicht, um den Leitfaden ganz zu lesen) wussten sie alles, fast alles über Deutschland, inklusive substanzieller Klischees. Und sie wussten auch: Die Befreiung des ehemaligen Feindes muss entschieden und streng vollzogen werden, dabei jedoch stets von vorbildlicher Zivilisiertheit, Fairness und Anstand geprägt sein.
Ein paar Kostproben aus den einzelnen Kapiteln:

WAS DIE NAZIS AUS DEUTSCHLAND GEMACHT HABEN – „… in Hitlers Ideologie stecken viele tief verwurzelte deutsche ‚Komplexe‘ wie etwa der Judenhass als ein Wunsch, über andere Menschen zu herrschen, und eine Bereitschaft zu glauben, dass sie selbst die Verfolgten sind.“

WIE DIE DEUTSCHEN SIND – „ Aber es mag Ihnen merkwürdig vorkommen, dass die Deutschen zugleich sentimental sind. Sie lieben melancholische Lieder. Sie neigen zu Selbstmitleid. Selbst kinderlose alte Ehepaare bestehen auf ihrem eigenen Weihnachtsbaum.

WIE DIE DEUTSCHEN LEBEN – „Zwei hervorragende Wurstsorten sind die Mettwurst und die Leberwurst.“

WAS MAN TUN SOLL – „Im Umgang mit Deutschen immer streng, aber fair sein“ / „Seien Sie vorsichtig mit Schnaps.“

Nicht nur im Leitfaden, auch in einem Schulungsfilm, der zeitgleich unter dem Titel ‚Deine Aufgabe in Deutschland‘ erschien, werden die Truppen vor Fraternisierung gewarnt; dort heißt es: ‚Fraternisierung heißt Freundschaft zu schließen‘. Umso erstaunlicher, dass sich im angehängten Sprachführer des Leitfadens für den fantasiebegabten Briten die Möglichkeit einer Annäherung verbirgt: Zwischen ‚hands up! / henda hohk‘ und essenziellen Fragen vergangener Tage wie ‚Are the trees in that wood thick? / Shtayen dee boyma disht in deezem vahlt?‘ steht dort folgender Satz: ,We are friends / veer zint froynda’.

Kurz: Dieses Buch ist das perfekte Geschenk für alle Geschichtsinteressierten – und für die anderen.«

 

 

1 Kommentar

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  1. Roland

    Ein total interessantes Buch der neueren Zeitgeschichte. Wirklich spannend.

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