Vierundzwanzig Türen #20 (Stephanie Kratz, Lektorat Sachbuch)

2013 haben wir unsere Autoren gefragt, ob sie für uns ihre Türen öffnen möchten. Bei Klaus Modick borgten wir uns für unseren Adventskalender den Titel seines Romans »Vierundzwanzig Türen«. Klaus Modick war übrigens auch der erste unserer Autoren, der uns einen kleinen Einblick in sein Reich gewährte.
Zwei Jahre später, 2015, haben wir bei Buchbloggern und Buchhändlern angeklopft. Wir wollten wissen, »Wer bist Du, was sind Deine Orte«? Und wir fragten, welches Buch aus unserem Programm sie Ihnen, unseren Lesern, empfehlen möchten.

2017 – Der Bahnhofsvorplatz erstrahlt, dieses Jahr kehren wir vor unserer eigenen Tür: Vierundzwanzig Mitarbeiter von KiWi stellen ein Buch vor, das sie besonders beeindruckt hat – und verlosen es bei Instagram und bei Facebook. Viel Vergnügen!

Tür 20: Stephanie Kratz (Lektorat Sachbuch) über »So schön wie hier kanns es im Himmel gar nicht sein« von Christoph Schlingensief

»Wie oft habe ich ihn vermisst in den letzten Jahren! Wie oft habe wahrscheinlich nicht nur ich mich gefragt, welche künstlerischen Antworten Christoph Schlingensief auf all die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der letzten Jahre gefunden hätte. Seine Stimme fehlt so sehr – auch sieben Jahre nach seinem Tod. Und wenn das Vermissen überhandnimmt, dann blättere ich durch ‚So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!‘ und bin jedes Mal ein wenig getröstet  – dieses Protokoll einer Selbstbefragung eines Künstlers angesichts von Krankheit und Tod ist für mich bis heute die schönste Liebeserklärung an diese Welt und an das Leben, die ich je gelesen habe. Wer’s noch nicht kennt: Unbedingt lesen! Ich verspreche: Dieses Buch macht glücklich – ich glaube, nicht obwohl, sondern weil es um den nahe rückenden Tod und das Nicht-Sterben-Wollen kreist. Benjamin von Stuckrad-Barre schrieb damals einen der klügsten Sätze über ‚So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!‘: „Seine Ratlosigkeit macht dieses Buch zu einem wahrhaftigen Ratgeber.“ So ist es!!!!!! (Ausrufezeichen waren Christophs Leidenschaft …)

Dass ich die Lektorin von „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ sein durfte, dafür bin ich heute noch unendlich dankbar. Die Arbeit mit Christoph und seinen Texten war einzigartig und beglückend. Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen: Wie ich mich vor neun Jahren in der Adventszeit atemlos durch diesen Papierberg abgetippter Tonbänder gelesen habe, wie immer neue Tonaufzeichnungen dazu kamen und ich manchmal daran verzweifelte, diesen Berg mündlicher Selbstgespräche in ein Buch zu verwandeln, wie Christoph mir täglich ellenlange SMSe schickte (ich musste mir ein neues Handy zulegen …), um Vorschläge zu machen – es waren wunderbare, intensive Wochen! Auch wenn die Nacht vor Drucklegung dann doch arg nervenaufreibend war, weil der Autor selbst um drei Uhr morgens nochmal sicher stellen wollte, dass ich die ein oder andere zu private Passage auch wirklich gekürzt hatte. („Bist du sicher? Ganz sicher? Kannst du mir Seite Soundso noch mal schicken? Nur zur Sicherheit! Bitte!!!!!“)

Persönlich kennengelernt habe ich Christoph erst am Tag der Veröffentlichung des Buchs. Was eine zu Beginn ziemlich merkwürdige Begegnung war, weil ich da jemandem zum ersten Mal gegenüber saß, den ich doch durch seine Texte schon so gut zu kennen glaubte, und er von mir so gut wie nichts wusste. Doch bald war es einfach nur schön, mit ihm auf seinem Berliner Balkon zu sitzen und zuzuhören, wie er Zukunftspläne schmiedete: für neue Theaterinszenierungen, einen Film, für sein Operndorf in Burkina Faso, ja, auch schon für ein neues Buch. (Daraus wurde dann posthum „Ich weiß, ich war’s“, das Fragment eines Selbstporträts, herausgegeben von seiner Frau Aino Laberenz.) Es folgten noch zahlreiche Treffen in Theaterkantinen, auf Probebühnen, bei Lesungen, die jedes Mal ein großes Glück für mich waren. Weil Christoph Schlingensief –selbst als er schon sehr, sehr krank war – eine Lebensenergie verströmte, die einzigartig war. Ein bisschen von dieser Energie ist für uns Weiterlebenden in „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ eingefangen. Ein Geschenk für Kranke wie Gesunde!

Lieber Christoph, frohe Weihnacht! Wir KiWis vermissen dich!«

 

4 Kommentare

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  1. Sibylle K

    Dieses wunderschöne Buch möchte ich gerne lesen…

  2. Roland

    Ein wahrhaft toller Ratgeber …

  3. K.Waldmann

    …. stimmt, so schön kanns im Himmel nicht sein, oder doch?
    Ich werde das Buch auf jeden Fall lesen, es ist für mich wie Ruf: Lies mich!

  4. Sagota

    Schlingensief war schon großartig – viel zu früh gegangen, stimmt (die Besten gehen immer viel zu früh…) Sehr gerne würde ich dieses Sachbuch und Teilselbstportrait über ihn lesen!

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