Abdruck: Ranga Yogeshwar – Das Buch verrät den Leser

Das Buch verrät den Leser (aus: »Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel«)

Download. Der neue Roman ist da. Auf Ihrem elektronischen Reader blinkt das bunte Icon des Titels auf. Doppelklick. Sie beginnen zu lesen. Während Sie Zeile für Zeile in die Geschichte eintauchen, verfolgt die winzige Frontkamera über dem Bildschirm Ihre Augenbewegungen. Sie erfasst Ihren Blick, weiß genau, wohin Ihre Augen wandern, Wort für Wort, Abschnitt für Abschnitt. Wenn Sie das Ende der Seite erreichen, blättert das Gerät automatisch um auf die nächste Seite. Ganz schön praktisch! Sie lesen weiter, ungestört, denn das aktive Umblättern hemmt den Lesefluss. Mit diesem Feature können Sie sich ganz auf den Roman konzentrieren.

Ranga Yogeshwar
Copyright Foto: Klaus Görgen

Szenenwechsel. Danderyd bei Stockholm im Februar. Ich bin verabredet mit Ingenieuren des Forschungszentrums von Tobii Technology. Meine Tour wurde vom Swedish Institute organisiert, eine viertägige Rundreise mit einem dichten Besuchsprogramm in diversen Hightech-Schmieden des Landes. Ich will herausfinden, wieso gerade Schweden so innovativ ist. Das Land zählt mit seinen knapp zehn Millionen Menschen zwar weniger Einwohner als das Bundesland Baden-Württemberg, doch die Innovationsfähigkeit dieser Nation ist beachtlich: Der erste Reißverschluss, der erste Herzschrittmacher, Tetra Pak, Skype, Spotify … all das wurde hier erfunden.

Im Labor von Tobii Technology experimentiert man mit technischen Anwendungen des corneal-reflection eye-tracking. Wie lassen sich Geräte durch die Bewegung der Augen steuern? Vincent, ein junger Entwicklungsingenieur des Unternehmens, ist begeistert von den Möglichkeiten der neuen Technik: »Unser Auge ist der schnellste Zeiger, schneller als jede Handbewegung, schneller als jede Computermaus oder jedes Trackpad. Mit unserer Technik können wir das Blickfeld genau erfassen, und das verspricht neue Anwendungen zum Beispiel in der Werbung, in der Medizin oder in der Psychologie. Wir helfen Menschen, die aufgrund einer Querschnittslähmung ihre Arme nicht mehr bewegen können. Mit unserem Eye-Tracking-System sind sie in der Lage, ihren Rollstuhl mit den Augen zu steuern.«

Mir fallen die Bilder und Postkarten an der Wand auf, sie zeigen überwiegend jüngere Patienten, die davon berichten, wie die Tracking-Technik ihr Leben verändert hat. »Wenn du mit einem der Betroffenen sprichst, dann weißt du, warum wir hier so intensiv forschen! Ein junger Mann hat mithilfe unserer Technik an einer Schachmeisterschaft teilnehmen können und sogar gewonnen!« Vincents Freude und Begeisterung sind echt. Technik kann für diese Menschen Wunder vollbringen und ihnen den Alltag erleichtern.

Der junge Ingenieur erzählt von anderen Anwendungsgebieten. Eye-Tracking wird inzwischen eingesetzt, um den gefürchteten Sekundenschlaf bei Autofahrern zu vermeiden. Smart Eye überprüft dabei die Augenlidbewegungen, die Blickrichtung und Kopfhaltung des Autofahrers und empfiehlt eine Pause, sobald das System erste charakteristische Anzeichen von Müdigkeit erkennt. Eine weitere Anwendung befasst sich mit der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Durch das Eye-Tracking erkennt man, wohin Menschen auf einem Bedienpult blicken. Anlagenbauer können so das Layout der Steuerungsknöpfe optimieren. Wenn Testpersonen zum Beispiel eine Warnanzeige ständig übersehen, dann wird die Position der Anzeige entsprechend verändert. So haben die Techniker die wichtigsten Informationen der Industrieanlagen auch tatsächlich im Blickfeld.

Nach demselben Prinzip lässt sich auch Werbung ganz neu und zielgerichtet gestalten. Bei manchen Anzeigen übersieht der Kunde zum Beispiel den Markennamen. Den kann man jetzt effektiver in den Fokus des Betrachters rücken. Schon bald wird diese Technik in jedes Smartphone und jeden Laptop eingebaut werden. Auch in der Internetwerbung gelten dann neue Spielregeln: Sie wird nur noch dann abgerechnet, wenn der Nutzer sie auch tatsächlich ansieht.

Wohin eine Person zuerst blickt, kann auch viel über ihren inneren Zustand verraten. »Probier’s doch mal selbst«, fordert Vincent mich auf. Ich nehme Platz vor einem Spezialmonitor. Am Rand des Geräts befinden sich zwei winzige Kameras und Infrarotsensoren, die meine Augenbewegungen verfolgen. Vincent weist mich kurz ein und kalibriert das System auf meine Augen. Hierbei muss ich auf ein Fadenkreuz blicken, das zunächst in der Mitte und dann an den Ecken des Bildschirms auftaucht. Dann sehe ich mir einige Bilder an. Eine Landschaft, eine Straße mit Menschen, eine Werbetafel, eine Partyszene …
»Die ist hübsch, oder?« Erwischt! Vincent schmunzelt. Offensichtlich habe ich bei einem der Bilder einer attraktiven Frau auf die Brüste geschaut, und das Tracking-System hat es registriert. »Das machen alle, sex sells«, lacht mein Gegenüber.

Jede meiner Augenbewegungen wird vom System festgehalten. Anschließend zeigt mir Vincent mein persönliches Beobachtungsmuster. Bei Gesichtern fixiere ich unbewusst sofort die Augen, gefolgt vom Mund, erst danach taste ich den Rest ab, doch immer wieder springe ich zurück auf die Augen.
Jetzt zeigt er mir ein Spiel, angelehnt an das bekannte Moorhuhn-Schießen, bei dem ich das Gewehr nur mit den Augen ausrichte. Mit einem Lidschlag kann ich nachladen und schießen. Das System ist rasend schnell, und mir wird bewusst, welches Potenzial in dieser Augensteuerung steckt.

Beim nächsten Beispiel geht es um Textverarbeitung. Ich kann mit den Augen Wörter markieren und auf dem Bildschirm verschieben. Eye-Tracking erfasst genau, ob ich einen Absatz beim Lesen auslasse oder eine Textpassage erneut lese. Natürlich protokolliert das System, was ich tatsächlich lese, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Früher haben lesefaule Schüler »Effi Briest«, »Woyzeck« oder »Faust« beiseitegelegt und vor der Prüfung lediglich die Zusammenfassung studiert. Mit der Eye-Tracking-Technik kann der Lehrer in Zukunft genau überprüfen, ob die Schüler auch tatsächlich die Klassiker studiert haben. »Die armen Schüler,«, sage ich zu Vincent. »Big teacher is watching you!«

Zurück zu Ihnen und Ihrem Roman. Der Plot ist spannend, und Sie können gar nicht aufhören weiterzulesen. Ihre Leseaktivität wird dabei ständig direkt ins Netz übertragen. Die Verlage wissen also, in welchem Kapitel Sie sich gerade befinden und wie lange Sie am Abend zuvor noch vor dem Einschlafen weitergelesen haben. Welcher Verlagsmitarbeiter wüsste nicht gerne, ob und wie seine Käufer das Buch lesen? Bei den E-Readern lässt sich dann sehr genau analysieren, ob die Mehrheit der Leser zum Beispiel an einer bestimmten Textpassage aussteigt. Wenn die Leserschaft nach Kapitel 2 aufgibt oder etwa beginnt, in den Absätzen hin und her zu springen, könnte das ein Indiz für Lange-weile sein und ein Hinweis darauf, dass der Autor diese Passage seiner Geschichte vielleicht überarbeiten sollte.

Die Romane der Zukunft werden optimiert werden, so wie heute schon viele Konsumprodukte. Aus ehemals freien Gedanken wird ein steuerbares Produkt. Bei heutigen Fernsehsendern ist dieses Quotendiktat im Minutentakt bereits seit Langem gang und gäbe. Die Quote wird nach jeder Sendung genau analysiert. Wenn die Zuschauerkurve einen signifikanten Knick nach unten aufweist, schauen die Verantwortlichen genauer hin. Geschieht das immer wieder beim Erscheinen eines bestimmten Modera-tors, so gibt es wahrscheinlich eine unangenehme Redaktions-konferenz. Die Quote zählt, die Quote bestimmt!

Während Sie also Ihren Roman lesen, protokolliert auch Ihr E-Reader, was und auch wie Sie lesen. Das System erfasst selbst winzige Schwankungen Ihrer Lesegeschwindigkeit. Daran erkennt man auch sofort, ob Sie ein Bücherwurm sind oder eher ein Gelegenheitsleser. Gerät der Leserhythmus bei bestimmten Wörtern wie »Polyvinylpolypyrrolidon« (ein Bindemittel, das u. a. in der Bierproduktion verwendet wird) aus dem Takt, ist der Nutzer höchstwahrscheinlich kein Chemiker. Wer hingegen bei Begriffen wie »Prosopagnosie« (die Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken) oder »Deuteranomalie« (die Grünsehschwäche) fließend weiterliest, scheint wohl medizinisches Vorwissen zu haben.

Die eingebaute Kamera erfasst außerdem Ihre Mimik und prüft, ob Sie, wie die vielen anderen Leser, bei der einen oder anderen Textpassage schmunzeln und lachen. Wie ist Ihre Reaktion bei einer spannenden Passage? Wie hoch ist Ihr Empathie-Index?

Schon heute kann man aus Gesichtern eine Vielzahl von Merkmalen herauslesen. Die mathematischen Algorithmen erkennen auf Anhieb den Zustand der Augen, der Nase oder der Mundwinkel. Binnen Bruchteilen einer Sekunde lesen sie daraus den aktuellen Gemütszustand einer Person ab. Manche Fotoapparate nutzen ähnliche Softwaremodule und aktivieren zum Beispiel erst dann den Auslöser, wenn alle Personen auf dem Bild ihre Augen geöffnet haben. Neuere Programme erfassen inzwischen immer genauer, ob eine Person lacht oder ob sie traurig oder wütend ist. Lachen dabei die Augen mit, oder handelt es sich nur um ein vorgetäuschtes Lachen? Natürlich können die Algorithmen auch in etwa das Alter der betreffenden Person am Gesicht abschätzen.

Der russisch-amerikanische Künstler Lew Manowitsch hat in seinem Projekt Selfiecity 120 000 Selbstporträts von Menschen aus Bangkok, Berlin, Moskau, New York und São Paulo untersucht. Die Selfies aus den fünf Städten wurden aus den riesigen Datenbeständen von Instagram herausgelesen und in einem mehrstufigen Prozess geordnet und ausgewertet. Manowitsch und sein Team wollten herausfinden, ob es markante Unterschiede zwischen den lächelnden Gesichtern in den fünf ausgewählten Städten gab. In Bangkok und São Paolo wird zum Bei-spiel auf Selfies mehr gelacht als anderswo. Das Moskauer Lachen liegt hingegen mit einem Durchschnittswert von 0,53 auf der »Smile Score« (Skala des Lächelns) eher hinten. In allen Städten sind es vor allem Frauen, die solche Selbstporträts schießen; in Moskau gibt es sogar 4,6 Mal mehr Frauenselfies als Männerporträts. Die Variation der Posen ist in São Paolo besonders ausgeprägt, mit einer durchschnittlichen Kopfneigung der Frauen von 16,9 Grad! Solche Analysemethoden stellen inzwischen massenhaft Material für eine neue Generation von Sozialwissenschaftlern bereit.

Eines der Kamerasysteme bei Tobii Technology hat nicht nur meine Augenbewegungen, sondern auch die Weitung meiner Pupillen in Echtzeit erfasst. Bei starker Sonneneinstrahlung kontrahieren Pupillen und lassen so weniger Licht hinein, um das Auge vor zu viel Helligkeit zu schützen. Pupillen sind also eine automatische Blende. Doch bereits 1904 fiel dem Neurologen und Psychiater Oswald Bumke, damals Assistent an der Psychiatrischen und Nervenklinik Freiburg, ein zusätzliches Phänomen auf: Pupillen weiten sich auch bei einem Händedruck oder einem Willensimpuls. Mit der damaligen Technik konnte er bereits beobachten, »wie jede geistige Anstrengung, das Lösen einer Rechenaufgabe etwa, das Nachdenken über eine eben gestellte Frage im Pupillenspiel einen äußeren Ausdruck findet«. Die Pupillenerweiterung ist also auch ein Fenster in unser Innerstes. Inzwischen ist die Reaktion der Pupille auf psychophysische Einflüsse in vielen medizinischen Studien genauer erforscht worden. Wenn man den Probanden zum Beispiel Bilder potenzieller Sexpartner zeigt, dann weiten sich schlagartig ihre Pupillen. Das passiert, wie schon Bumke wusste, auch beim erfolgreichen Lösen von Aufgaben. Unser Gehirn belohnt uns und schüttet Neurotransmitter aus, die in uns ein positives Gefühl hervorrufen. In dieser biochemischen Kaskade von Glücksgefühlen kommt es auch zu einer Weitung unserer Pupillen. Beim Lösen der gleichen Aufgabe zeigen übrigens Personen mit einem höheren IQ weniger Pupillenerweiterung als jene mit einem geringeren IQ. Löst man in Versuchen Angst aus, so weiten sich die Pupillen – bei den »Intelligenteren« übrigens deutlicher. Diese körperliche Reaktion lässt sich nicht bewusst steuern und verrät einiges über unseren Gemütszustand.

Kehren wir mit diesem Wissen also zurück zu Ihnen und Ihrem Roman: Die eingebaute Kamera des Readers erfasst die Veränderung Ihrer Pupillen und damit Ihre emotionale Reaktion auf den Text. Diese Informationen werden kombiniert mit den Datenströmen zu Ihrer Lesegeschwindigkeit und Ihrer Mimik. Gewissermaßen gleichen Sie einem Patienten auf der Intensivstation, dessen Körperfunktionen mit einem Geflecht an Sonden und Messgeräten überwacht werden. Doch beim Lesen ist Ihnen nicht bewusst, dass Sie ebenfalls ausgelesen werden. Sie wähnen sich frei und unbeobachtet.

Auch Ihre sonstigen Aktivitäten werden protokolliert. Während Sie im Internet surfen, Mails schreiben oder online einkaufen, übermittelt ein weiterer Datenstrom, während Sie Buchstabe für Buchstabe eingeben, Ihre persönlichen Tippsequenzen. Die feinen zeitlichen Unterschiede, mit denen Sie zum Beispiel nach einem »e« ein »r« tippen, werden übermittelt und sind überraschend aussagekräftig. Gibt es ein typisches Tagesmuster? Sind Sie morgens schneller als am Nachmittag? Ist der Leistungsabfall groß, oder behalten Sie Ihr Tempo bei? Verändert sich Ihre Tippfrequenz vielleicht im Laufe von Wochen und Monaten? Und wie sieht es mit Ihrer Fehlerquote aus? Könnte vermehrtes Vertippen ein Hinweis auf Übermüdung oder gar auf eine Krankheit sein? Noch vor wenigen Jahren hätte man solch scheinbar belanglosen Details keine Aufmerksamkeit geschenkt, doch mit der unglaublichen Verarbeitungsgeschwindigkeit heutiger Systeme entsteht aus vielen dieser Datenströme eine wirkungsvolle Lupe, die Einblicke in Ihr Innerstes offenbart.

Das Buch liest Sie!

Nächste Ausfahrt Zukunft – Geschichten aus einer Welt im Wandel.

Inzwischen stecken Sie mitten in der Geschichte. Der Roman ist ungeheuer spannend, die beste Erzählung, die Sie je gelesen haben. Sie sind gefesselt, geradezu besessen, und können nicht anders, als weiterzulesen.

Der Spannungsbogen wurde, wie wir jetzt wissen, im Vorfeld auf seine maximale Emotionalität hin perfektioniert. Der Roman wurde zudem personalisiert und genau auf Sie zugeschnitten, er entspricht daher genau Ihren Vorlieben. Haben Sie es vergessen? Das Internet kennt Sie!

Die verfügbaren Daten über Ihre Mobilitätsprofile, Ihre Freunde und Interessen in sozialen Netzwerken, Ihre Einkaufsprofile und Essgewohnheiten, all diese Datenströme werden über mächtige Algorithmen in die Story eingewebt. Gerade diese persönliche Note macht die Geschichte für Sie noch attraktiver. Die Romanfigur teilt Ihre Vorlieben, fühlt wie Sie, reagiert wie Sie, und diese geheimnisvolle Verbundenheit schafft eine immense Identifikation. Erst nach Tagen fällt Ihnen etwas auf: Während Sie abends ein Glas Wein genießen, blicken Sie aufs Etikett der Flasche: »Baron Philippe de Rothschild«. War das nicht auch der Lieblingswein des Protagonisten? Und die Fitnessuhr an Ihrem Arm oder der neue Milchschäumer aus Dänemark, mit dem Sie endlich den perfekten Milchkaffee zubereiten können? Ist das alles Zufall? Seitdem Sie dieses Buch lesen, haben Sie sogar Ihre Frühstückgewohnheiten umgestellt und genießen neuerdings Obstsalat mit Chiasamen.

Unbewusst beginnen Sie sogar damit, die Ansichten Ihrer Romanfigur zu übernehmen. Sie verwenden die gleichen Redewendungen, interessieren sich plötzlich für die gleichen Themen, und Ihre politischen Ansichten verändern sich. Auch Ihren Freunden ist es aufgefallen, dieses Buch scheint Sie zu beeinflussen.

Übrigens, Ihre Freunde tauchen ebenfalls im Roman auf. Ganze Szenen spielen in Ihrem vertrauten Umfeld. Auf frappierende Weise scheinen sich Ereignisse Ihres realen Lebens in dieser Geschichte zu spiegeln. Der Fahrradunfall, bei dem Ihre Tochter sich die Schulter verletzt hat: In der Geschichte ereignet sich die identische Szene. Und dann Ihr Geburtstag, fast surreal: Die Romanfigur feiert am selben Tag Geburtstag wie Sie! Als Sie morgens weiterlesen, steht es da, schwarz auf weiß: »Alles Gute zum Geburtstag, ich denke an dich!« Diese Annäherung ist unheimlich und faszinierend zugleich. Ihr Leben gleicht immer mehr dem Plot im Roman, oder ist es umgekehrt? Die Geschichte reagiert dynamisch auf Ereignisse in Ihrem Leben. Manchmal hinterlässt Ihre Romanfigur sogar Nachrichten für Sie auf Ihrem Smartphone: »Komm, lass uns joggen gehen …« Natürlich kennt sie auch Ihre Mobilnummer und weiß um Ihre Arbeitszeiten, Ihre Bewegungsmuster, Ihren Herzschlag … »Gute Besserung!« Ihr Roman hat gerade erkannt, dass es Ihnen heute nicht so gut geht. Welch eine Empathie!

Nie zuvor haben Sie mit solcher Hingabe die Seiten verschlungen, nie zuvor sind Sie so eingetaucht in diese andere und doch vertraute Romanwelt. Während Sie das 17. Kapitel verschlingen, erhalten Sie plötzlich eine verstörende Nachricht: Auf dem Bildschirm meldet sich Ihre Krankenversicherung und bittet Sie, sobald wie möglich einen Neurologen aufzusuchen. Die Anschrift der Praxis wird Ihnen auch gleich mitgeteilt, der Termin steht bereits in Ihrem Kalender. Der Text ist höflich verfasst und weist Sie darauf hin, dass es kleinere Unstimmigkeiten in Ihrem Datenpool gibt. Eine reine Vorsichtsmaßnahme natürlich, alles diene nur Ihrer eigenen Sicherheit. Zwei Tage später werden Sie den empfohlenen Arzt aufsuchen, der Ihnen offenbart, dass die automatische Analyse Ihrer Daten ein erhöhtes Risiko für Parkinson ergibt. Sie sind schockiert.

Weltweit leiden über sechs Millionen Menschen an Parkinson, einer neurodegenerativen Erkrankung, für die es bislang keinen biochemischen Test gibt. Die Krankheit beginnt schleichend, und erst mit der Zeit werden die Symptome unübersehbar. Bestimmte Nervenzellen des Mittelhirns sterben ab, wodurch die Produktion des Neurotransmitters Dopamin vermindert wird. In der Folge beobachtet man z. B. das schwächere Mitschwingen eines Armes beim Laufen oder einseitige Schulterschmerzen. Parkinson ist tückisch, da die ersten Anzeichen erst dann auffallen, wenn bereits die Hälfte der betroffenen Nervenzellen abgestorben ist. Neben der motorischen Einschränkung und dem typischen Zittern manifestiert sich die Krankheit auch in der Stimme, da sie die Muskeln des Stimmtraktes angreift und so auch die Stimmbänder beeinträchtigt. Bislang ist die Früherkennung schwierig, doch es gibt einen vielversprechenden Ansatz.

Der britische Mathematiker Max Little untersuchte bei Patienten mithilfe von Algorithmen den Erfolg von Stimmbandoperationen. Seine Software analysierte Stimmaufnahmen und versuchte anhand typischer Muster in den Variationen der Tonhöhe den jeweiligen Genesungsverlauf zu bestimmen. Eines Tages stellte ihm ein Kollege Tonproben von gesunden Probanden und von Parkinsonpatienten zur Verfügung. Little testete, ob seine Software nur aufgrund der Stimmanalyse beide Gruppen unterscheiden könne. Schon die ersten Versuche waren überraschend erfolgreich. Little optimierte seinen Algorithmus, und die Trefferquoten verbesserten sich zunehmend. Inzwischen kann sein Analyseprogramm mit einer Trefferquote von 99 Prozent den Unterschied zwischen Gesunden und Parkinsonkranken im Frühstadium ermitteln. Bislang machte er seine Experimente unter Laborbedingungen, doch in einem Folgeprojekt, der Parkinson’s Voice Initiative, schaltete Little in neun Ländern spezielle Telefonnummern und bat potenzielle Teilnehmer darum, Stimmproben zu hinterlassen. Little will seinen Algorithmus weiter optimieren, um nicht nur die Frühdiagnose zu verbessern, son-dern auch den möglichen Krankheitsverlauf aus den Daten »herauszuhören«. Noch wird den Teilnehmern Anonymität ga-rantiert.

Natürlich ist Gesundheit in unser aller Interesse, und es werden immer mehr mobile Health-Apps angeboten. Die nachlassende Orientierungsfähigkeit bei Alzheimer gilt als frühes Symptom des einsetzenden Gedächtnisverlusts, doch bislang gab es hierzu keine präziseren Erhebungen. Im Frühjahr 2016 beteiligte sich die Deutsche Telekom an einem Projekt, aus dem eine kostenlose Spiele-App namens Sea Hero Quest hervorging. Im Rahmen der Demenzforschung soll sie medizinische Vergleichsdaten liefern. Die App wurde von Wissenschaftlern des University College London, der Universität von East Anglia und der gemeinnützigen Organisation Alzheimer’s Research entwickelt. Die Spieler befinden sich auf einem Ozean und sollen Meereswunder suchen. Dabei manövrieren sie ein kleines Schiff oder bewegen sich schwimmend von einer Insel zu einer anderen. Die besondere Herausforderung besteht darin, dass die kleinen Seekarten nur für einige Sekunden sichtbar sind. Der Spieler muss sich den Weg zum nächsten Wunder einprägen, um ihn dann aus der Erinnerung zu finden. Die App sammelt also Daten über die jeweilige Orientierungsfähigkeit des Spielers. Mit diesen Basisdaten und den Anmeldeinformationen der Spieler erfasst man zunächst, wie sich alte und junge Menschen, Stadt- und Land-bewohner, Frauen und Männer in ihrem räumlichen Orientierungsvermögen unterscheiden. Weicht das Orientierungsvermögen eines Spielers deutlich vom ermittelten Durchschnitt ab, so könnte das ein Hinweis auf die beginnende Erkrankung sein. Langfristig will man damit die Frühdiagnose von Alzheimer verbessern.

Der anonymisierte Datenpool von Sea Hero Quest gehört jedoch nicht etwa einer offenen Initiative, sondern ist das Eigentum der Telekom. Universitäten wie das University College London und andere Forschungszentren können lediglich den Zugang beantragen und später auf die Daten zugreifen. Das Gesundheitsbusiness scheint sich auszuweiten, und neue Player wie Telekommunikationsunternehmen spielen jetzt mit. Dahinter verbirgt sich eine Spekulation: Die anwachsenden Datenpools sind die Goldminen der Zukunft.

Bei Parkinson und Alzheimer gibt es plausible und nachvollziehbare Hypothesen für die Früherkennung: die Veränderung der Stimme oder die Verschlechterung der Orientierungsfähig-keit. Doch in Zukunft wird man weit mehr aus den komplexen Datenwolken herauslesen können. Die tatsächliche Magie von Big Data liegt im Erkennen bisher unentdeckter Korrelationen: im Geflecht der Tippmuster, Bewegungsprofile, Sprachveränderungen, Mimik, Pupillenvergrößerungen spiegelt sich unser innerer Zustand. Wie der Arzt an Ihrem Blutbild Ihren Gesundheitszustand ablesen kann, werden Datenanalysten mit Ihren Algorithmen die Datenwolken analysieren. Wem es dann gelingt, den feinen Variationen bestimmte Merkmale zuzuordnen, dem öffnet sich die Tür in ein verheißungsvolles Wissen. Bei der Rasterfahndung in den Siebzigerjahren reichte die Kombination weniger Merkmale der Mieter, wie die Zahlart der Stromrechnung, Meldedaten, die besondere Lage der Wohnung und Kfz-Daten, um aus dem resultierenden Muster den Aufenthaltsort der RAF-Terroristen herauszufiltern. Doch wie aussagekräftig wird erst ein Muster sein, das durch das Übereinanderlegen Tausender Merkmale entsteht? Die neuen Algorithmen werden registrieren können, ob uns ein Herzinfarkt droht, ob wir an Depressionen leiden, Geldsorgen oder Probleme im Job haben oder uns demnächst von unserem Partner trennen.

Ihr Handy weiß, ob Sie tanzen

Kehren wir zurück in die Gegenwart: Smartphones sind für viele von uns fast so etwas wie ein Teil des Körpers geworden. Der Apparat ist ein ständiger Begleiter, beim Joggen, Einkaufen, auf der Arbeit oder während der U-Bahn-Fahrt. Wer sein Handy ständig bei sich hat, generiert Daten, auch dann, wenn er nicht telefoniert oder ein Foto macht, denn das Smartphone gleicht einem Minilabor, vollgespickt mit elektronischen Sinnesorganen, die fortwährend ihr Umfeld erfassen. Die beachtlichen Fortschritte in der Sensortechnologie erlauben es inzwischen, unzählige physikalische und chemische Parameter auf kleinstem Raum zu erfassen und auszuwerten. Was einst nur mit einem teuren Laborschrank voller Elektronik möglich war, ist inzwischen auf die Größe eines Fingernagels geschrumpft.

Der Beschleunigungssensor in Ihrem Handy ist sogar noch kleiner, gerade mal drei mal drei Millimeter groß. Im Innern dieses Chips dient ein nur wenige Mikrometer breiter Siliziumstab als eine Art Feder. Bei jeder Bewegung wird der Stab durch seine Massenträgheit ausgelenkt und verändert dabei seinen Abstand zu einer Elektrode. Die winzigen Abstandsänderungen verändern die elektrische Kapazität, und so lässt sich die Beschleunigung Ihres Handys exakt bestimmen. Direkt daneben steckt ein winziger Luftdruckmesser. Auch dieser Sensor ist ein Wunderwerk der Technik: Eine nur zehn Mikrometer dünne Siliziummembran ist durchzogen von piezoresistiven Dehnungsstreifen, die sich bei Schwankungen des Luftdrucks verformen. In der Folge verändert sich der elektrische Widerstand. So lassen sich Luftdruckänderungen von gerade mal 0,12 Hektopascal ermitteln, was einem Höhenunterschied von zirka einem Meter entspricht.

Allein durch die Kombination von Beschleunigungs- und Drucksensordaten lässt sich also nachvollziehen, ob Sie eine Treppe hinauf- oder hinabsteigen. Das charakteristische Auf-und-ab-Muster der Beschleunigung beim Treppensteigen verbunden mit der Zu- oder Abnahme des Luftdrucks ergibt ein typisches Muster. In Kombination mit dem Gyroskop-Sensor kann man sogar erfassen, ob die Treppe im Uhrzeigersinn hinaufführt oder nicht. Falls Sie beim Aufsteigen mit der Zeit langsamer werden, könnte das ein Indiz dafür sein, dass Sie müde werden, also ein Hinweis auf Ihre physische Kondition. Meldet der Sensor hingegen ein heftiges rhythmisches Hin und Her ohne entsprechende Luftdruckveränderung, und zeigen die GPS-Daten an, dass Sie Ihren Standort nicht verlassen, dann tanzen Sie vielleicht gerade. Durch die Einbeziehung der Uhrzeit lässt sich die Vermutung eingrenzen, denn es ist wahrscheinlicher, dass jemand abends um 23 Uhr tanzt, als morgens um 11 Uhr. Ein kurzer Abgleich Ihrer Ortsdaten verrät zudem, dass Sie gerade in einem Klub sind. Das eingebaute Mikrofon erfasst die Musik, die gerade läuft. Ihr Handy weiß, ob Sie tanzen – und zu welchem Song!

Ihr Smartphone verrät also, ob Sie gerade tanzen, Treppen steigen, schlafen, joggen oder sich an Ihrem Arbeitsplatz die Fingernägel lackieren: Der eingebaute BME680-Sensor besitzt zusätzlich einen winzigen Gasfühler, der auf flüchtige organische Stoffe in der Luft anspricht. Er reagiert auf Lösungsmittel, Klebstoffe, Reinigungsflüssigkeiten oder Alkohol.

Und nun frage ich Sie: Hätten Sie etwas dagegen, wenn die neue App auf Ihre Sensordaten zugreift? Sie brauchen lediglich den kleinen Schiebeschalter zu betätigen, neben dem steht: »Sensordaten freischalten«. Im hellgrauen Erklärtext heißt es lapidar: »Mit diesen Daten verbessern wir die Leistung bestimmter Dienste.« Na, wie entscheiden Sie sich?
Vielleicht wäre es fair, wenn neben dem Schalter stünde: »Dürfen wir Ihren Lebenswandel erfassen?«

In heutigen Smartphones gibt es Thermometer, Barometer, Beschleunigungssensoren, Hall-Sensoren, einen Fingerabdruck-sensor, GPS, einen Neigungsmesser, Luftfeuchtigkeitsmesser, Magnetometer, einen Näherungssensor, einen NFC-Sensor für die drahtlose Datenübertragung, einen Helligkeitssensor und dann noch die beiden Kameras (vorne und hinten), ein Mikrofon, einen Touchscreen, eine WLAN-Antenne und die winzige Sendeantenne. Offen gesagt bin ich voller Bewunderung, dass die Hersteller es schaffen, all diese Teile in einem so kleinen Gerät unterzubringen. In welchem Umfang der Betreiber unsere Aktivi-täten erfassen kann, macht mir hingegen eher Angst.

Ich vergaß übrigens, eines zu erwähnen: Als Sie nach der Aufforderung des Romans bei Ihrem Arzt erscheinen, erfahren Sie, dass dieser »Roman« kein gewöhnliches Buch ist. Er wurde von einem großen Pharmakonzern gemeinsam mit Ihrer Krankenversicherung entwickelt. Anhand der übermittelten Nutzerdaten wurde ein neues Früherkennungs-Screening möglich. Die spannende und bewegende Geschichte und die besondere Romanfigur sollen bei Ihnen bestimmte Reize auslösen. Ihre Reaktionen lassen sich dann erfassen und auswerten. Alleine durch diese Art von Früherkennung könne man Millionen im Gesundheitsbereich einsparen. »Seien Sie doch froh«, meint der Arzt. »Der Roman hat Ihnen vielleicht das Leben gerettet.«

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