Das Buch der Stunde – Helge Malchow über Julian Barnes’ neuen Roman

Heute erscheint der neue Roman von Julian Barnes in der deutschen Übersetzung von Gertraude Krueger. »Der Lärm der Zeit« ist ein Roman über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch, für den Guardian »ein großartiger Roman, Barnes’ Meisterstück. Wie in ›Vom Ende einer Geschichte‹ erzählt er ein ganzes Leben in einem schmalen Buch.«
Für Helge Malchow, Verlegerischer Geschäftsführer von Kiepenheuer & Witsch, geht der Stellenwert des Buches über sein ästhetisches Gelingen als Künstlerroman und über das geschilderte Schicksal eines der renommiertesten Komponisten des 20. Jahrhunderts weit hinaus:

Unsere politische Gegenwart ist ungemütlich geworden. Jeden Tag erleben wir von Neuem, dass zivile Selbstverständlichkeiten ins Wanken geraten und Angriffe auf demokratische Institutionen, auf Anstandsregeln, auf die Meinungs-, Religions- und Kunstfreiheit heftiger werden. Die brutalen Anschläge fanatischer Islamisten auf unsere säkularen Lebensverhältnisse gehören spätestens seit Paris und Brüssel genauso dazu wie die fremdenfeindlichen Anschläge auf Flüchtlingsheime von offen agierenden Rassisten und Populisten. Gemeinsam ist diesen antidemokratischen Bewegungen bei uns, aber auch weltweit, der Hass auf eine freie, pluralistische, offene Gesellschaft, auf eine humane öffentliche Sprache und Kultur. Wo immer diese Kräfte an die Macht kamen oder kommen, schlägt ihr Protestgewand sofort in Unterdrückung und Gleichschaltung der Gesellschaft um.
Vor diesem Hintergrund wird Julian Barnes’ Roman »Der Lärm der Zeit« zum Buch der Stunde.
Denn niemand kann dieses literarische Meisterwerk über das Leben des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch in den Zeiten der stalinistischen Diktatur lesen, ohne an die aktuellen Bedrohungen unserer Kultur zu denken. Der Roman erinnert uns daran, wie zerbrechlich der für uns oft so selbstverständliche Reichtum unserer freien Kultur ist. So kann die Veröffentlichung eines solchen Buchs bei den Lesern über den ästhetischen Genuss hinaus zur notwendigen Wachsamkeit beitragen und uns stark machen in Zeiten von Angst und Unsicherheit. Auch das ist die Aufgabe von Literatur.
Helge Malchow
 
© Alan Edwards/f2 2images
© Alan Edwards/f2 2images

Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter »Flauberts Papagei«, »Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln«, »Lebensstufen«. Für seinen Roman »Vom Ende einer Geschichte« wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet und 2016 mit dem Siegfried-Lenz-Preis für sein Gesamtwerk. Julian Barnes lebt in London.

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