100 Fragen an … Götz George (von Moritz von Uslar)

Er soll so derartig schlechtlaunig, böse und asozial rüberkommen, also … In­terviews wären praktisch nicht zu ma­chen. Wenn er doch mal redete, dann in zwei Wortschwällen, spätestens nach der zweiten Frage bräche er nämlich ab. Aha. So sitzt man dann, gleich entspannt – auch einfach glücklich darüber, dass man hier überhaupt sitzen darf – auf weißen Riesensofas in seiner Hamburger Wohnung. Zigarillos, Kaffee, Blicke in das wunderschöne weiße Winterleuchten über der Alster. Geht’s gut? Ja, klar geht’s gut! Na, dann ist gut! Haha! So kann man sich doch unterhalten. Er trägt Bart, die Goldbrille, Sweatshirt, weiße Flauscheschlappen. Wer sich für diesen Stil entscheidet, wer sich so wohl fühlt – ehrlich, der kann so schlecht nicht sein. Seine Freundin (groß, blond, Typ Ham­burger Prachtfrau) erkundigt sich noch einmal extra freundlich und ernst ge­meint, ob ihre Anwesenheit auch wirklich nicht störe. Nein. Wirklich überhaupt nicht. Schön.

1 Herr George, wann zuletzt einen schönen Kinoabend verbracht?
Götz George:
Gar nicht. Ich schaue mir die Filme lieber auf Video an. Ich bin… zu menschenscheu.

2 Popcorn oder Bier?
Nie! Wenn Kino, dann nur auf die Leinwand starren. Bloß nicht mit der Tüte knistern!

3 Wie bringt man den quatschenden Vordermann zum Schweigen?
Indem man sagt: »Nun halt doch endlich mal die Schnauze!« Dann är­gert man sich selbst.

4 Ihre erste Leinwandliebe?
Die kleine Französin … wie hieß die? Cécile Aubry. Das war meine große Liebe.

5 Welchen Götz-George-Film würden Sie gern nochmal im Kino sehen?
Solo für Klarinette. Den Totmacher.

6 Welchen Heinrich-George-Film muss man gesehen haben?
Viele. Große Schatten. Der Postmeis­ter. Eigentlich alle.
Kein Wort zu viel. Vorgebeugt, das bärtige Kinn in die Hände gestützt – gewissermaßen in Konzentrations­starre: So poltert es aus ihm heraus. Während der Fragen sind seine Augen zu. Warum? Hat er Angst? Wovor ei­gentlich? Bedeuten mehr Worte auto­matisch die Mehrdeutigkeit der Wor­te, also die Gefahr, missverstanden zu werden? Wohl schon. Fragestunde: das explizite Gegenteil einer Unter­haltung. Aufgepasst!

7 Morgenmuffel?
Ja!

8 Wann wachen Sie auf, wenn Sie sich keinen Wecker stellen?
Wenn ich nicht arbeite, um zwölf. Er­schöpfungsbedingt habe ich dann auch meine zwölf Stunden geschlafen.

9 Typische Götz-George-Worte gleich nach dem Aufwachen?
Ist das Wetter schön?

10 Welches Morgenritual nervt Sie?
Meine Morgengymnastik, also 120 Liegestütze, dann Dehnübungen. Dafür muss ich mir aber auch in den Hintern treten.

11 Wann ziehen Sie den Morgenmantel aus?
Ich flitze ja immer nackt hier rum.

12 Eine Person, die Sie definitiv nicht am Frühstückstisch aushalten?
Journalisten. Den Gärtner.

13 Wer darf mitfrühstücken?
Na, immer wieder meine Liebe. Ma­rika.
Die nickt ihm jetzt zu. Lächelnd. Schön anzusehen. Sie ist gut. Sie tut ihm gut. Tolle Freundin.

14 Die Zeitung, die Ihnen morgens schlechte Laune macht?
Ich lese keine, wirklich nicht. Ich habe mir das in den letzten zwei, drei Jahren abgewöhnt.

15 Die Tageszeit, in der Sie am zuver­sichtlichsten sind?
Immer abends, zwischen sechs und acht. Da ist der Kreislauf am stabils­ten.

16 Würden Sie sagen: Ja, ich bin ein lau­nischer Mensch?
Muss man sein als Künstler. Aber ich versuche, die Launen nicht raushän­gen zu lassen, die guten nicht, die schlechten nicht. Meine Launen rich­ten sich ausschließlich gegen mich selbst.

17 Haben Sie einen Groll?
Manchmal – ich kann das dann nicht formulieren – kommen so viele Er­eignisse auf mich zu. Dann bin ich sehr betrübt.

18 Grundsätzlich: Ist es eine Scheiß­welt?
Nein. Aber wir Menschen sind zu in­stabil.

19 Nützt Scheiße-Schreien?
Nein. Man wird nur heiser.

20 Haben Sie jetzt gerade schlechte Laune?
Überhaupt nicht.

21 Woran erkennt man, dass Sie jeden Moment explodieren können?
Es staut sich an, es entlädt sich. Wenn ich berufsbedingt das Klassenziel nicht erreiche, habe ich feuchte Hände. Aber dann kriege ich mich schon wieder in den Griff. Es bringt ja nichts. Man macht nur sich und seine Umwelt kaputt.

22 Wann zuletzt gelacht?
Ich bin ein fröhlicher Mensch, naiv, im Grunde genommen ein Kind. Und das ist wichtig.

23 Sind Sie gut im Entschuldigen?
Musste ich mir angewöhnen. Fiel mir nicht leicht. Auf einmal merkte ich: Es tut dir gut!

24 Bei welchem Regisseur müssen Sie sich noch entschuldigen?
Die müssten sich bei mir entschuldi­gen!
Gelächter! Haha! Und: Huhuhu! Da wird man doch wohl mal lachen dür­fen! Oder gerade der falsche Moment? Sie lacht. Er lächelt auch.
Nein, ehrlich. Weil sie mich oft in so eine Ecke gedrängt haben, in die ich nicht wollte. Im Laufe der Jahre hat man es dann raus, gegenseitig Respekt zu haben und den auch zu zeigen.

25 Wie haben Sie sich bei Gottschalk für Ihren Wetten, dass …?-Auftritt entschul­digt?
Ich bin unter falschen Voraussetzun­gen eingeladen worden. Ich dachte, wir reden über einen Film, einen sehr ernsthaften, und sei es auch nur für zwei Minuten. Und er hat den Film gar nicht gesehen! In dem Moment, wo ich da vor einem Saalpublikum und den Millionen vor der Röhre sitze,bin ich unsicher. Kannsein,dass ich dann undiplomatisch reagiere. Aber das ist nicht böse gemeint. Die Zeitungen schreiben: der arrogante Arsch. Aber das war ich gar nicht. Ich war ein verunsicherter Arsch.

26 Sie sind Ku’damm-Berliner, stimmt’s?
Nein. Ich kenne mich mit der Peri­pherie meiner Stadt eigentlich gar nicht mehr richtig aus.

27 Ihre Lieblings-U-Bahnlinie in Berlin?
Ich bin seit, weiß gar nicht, 1960 nicht mehr U-Bahn gefahren.

28 Wo gibt’s die beste Currywurst?
Wahrscheinlich in Duisburg.

29 Schnauzen Sie mal was auf Berline­risch!
Weeßjarnich. Gibt eigentlich keinen Grund.

30 An welcher Ecke sah die Berliner Mauer besonders poetisch aus?
In Steinstücken, zwölf, 15 Kilometer hinter dem Schlachtensee. Da bin ich jeden Tag mit dem Mountainbike drauf gestoßen und dachte: Gott. Da müsstest du jetzt weiterfahren kön­nen.

31 Was nervt Sie an Berlin Mitte?
Der Bauboom. Das Über-den-Tisch‑Ziehen. Das Wegdrängen. Der Ehrgeiz. Die »Büroflächen zu vermie­ten«-Schilder. Die ganze Aufregung.

32 Stimmt es, dass in Berlin Mitte mehr Münchner als Berliner leben?
Das würde ich mit Ja beantworten.

33 Was haben Berlin und das Ruhrge­biet gemeinsam?
Menschlichkeit. Humor, eine gewisse Lässigkeit im Umgang. Gerade die alten, die Mauer-Berliner haben das drauf.

34 Wo in Berlin möchten Sie begraben sein?
Ich halte es da mit meiner Mutter, die ein Seebegräbnis vorzog. Das heißt, unauffällig und anonym abtreten.

35 Wer war der Götz von Berlichingen?
Ein Revolutionär. Ähnlich dem Tell oder Florian Geyer.

36 Stimmt es, dass der Völkische Beob­achter Ihre Geburt gemeldet hat?
Das kann sein. Es gab eine Karte, die mein Vater an seine Freunde verteilt hat. Auf der stand »Uns ist ein Götz geboren«.

37 Wo hängt das Max-Beckmann-Ge­mälde, auf dem Ihre Eltern zu sehen sind?
Nationalgalerie in Berlin.

38 Netteste Erinnerung an Hans Albers?
Er kam wohl auch mal zu uns nach Hause, da waren ja viele, Otto Dix, die Selma Lagerlöf. Aber ich habe keine persönliche Erinnerung an ihn. Er war der einzige Mann, der es ge­schafft hat, meinen Vater eifersüchtig zu machen. Albers spielte mit meiner Mutter in Liliom, dem Theaterstück von Franz Molnár, sie war ja ein äu­ßerst entzückendes und hübsches junges Ding. Da hat er sich gefragt: Was stellt der Kerl mit meiner Frau an, wenn ich nicht dabei bin?

39 War das Wort Scheiße bei Ihnen da­heim verboten?
Überhaupt nicht. Ich bin sehr anti­autoritär, quasi nicht erzogen, ich habe mich selbst erzogen. Ich wollte immer, da mein Vater früh gestorben ist, der Mutter den Mann ersetzen.

40 Korrekt, dass Ihr Vater eigentlich Heinz Georg Schulz heißt?
Ja. Er hat sich umbenannt.

41 Spontan – die Szene, in der Sie Ihren Vater vor sich haben?
1946, vor dem Lager in Sachsenhau­sen. Er trug einen Militärmantel, der ihm wesentlich zu groß war, was bei seiner Statur etwas heißen will. Er hatte etwa achtzig Pfund abgenom­men. Ich lief auf ihn zu, er hob mich hoch. Es war die letzte, eine innige Umarmung.

42 Erinnern Sie ihn bunt oder schwarz­weiß?
Schwarzweiß.

43 Ein typischer Vater-Spruch?
Der Kleene soll zum Frühstück kom­men.

44 Hieß er Papi, Vati oder Vater?
Pamso. Mutter – aus unerfindlichen Gründen – Tusch, mein Bruder Ümpe. Ich war der Putzi.

45 Hat der Pamso den Putzi oft gehau­en?
Er hat mich über die Massagecouch gelegt und mit der Reitpeitsche ver­sohlt. Ich war nicht immer folgsam, wie mir meine Mutter sagte. Mein Spruch war: »Pamso, du bist doof.«

46 Eine Krawatte von Ihrem Vater ge­erbt?
Ich habe eigentlich alles von ihm, einen Ulster, den Schminkstuhl. Die eiserne Faust vom Berlichingen ist so ein Rudiment, von dem ich glaube, dass da der Geist Georges drinsteckt.

47 Hätte er verhindert, dass Sie Schau­spieler werden?
Hätte er gelebt, hätte er es natürlich verhindert. Sein Satz war: »Ein Genie in der Familie reicht.« Er woll­te, dass seine Söhne Musiker werden.

48 Eine Teenagersünde, die Sie Ihrer Mutter nicht gebeichtet haben?
Die erste Liebesnacht mit unserer Hausangestellten. Sie war 19, ich 14.

49 Wäre Ihr Vater heute nicht bombig stolz auf Sie?Ich glaube nicht. Weil sich die Zeiten geändert haben. Was er für die Deut­schen war – der Volksschauspieler –, das habe ich nicht erreicht. Den Re­spekt, die Grandezza, mit der man einem Schauspieler begegnete – gibt’s alles nicht mehr. Man hätte nie ge­wagt, ihn persönlich anzugreifen, ihn zu kritisieren. Außer in seiner Arbeit.

50 Mal einen ganzen Tag lang nicht an Ihren Vater gedacht?
Er ist eigentlich immer präsent.

51 Rückblickend, nach 52 Jahren als Schauspieler: Hat sich der ganze Ärger gelohnt?
Unbedingt.

52 Wer hat Ihnen als Erster von der Schauspielerei abgeraten?
Meine Mutter. Glaubst du wirklich, dass du das durchhältst? Ein Leben lang? Das kann sehr eng, sehr tra­gisch werden.

53 Nachvollziehbar, dass die Schau­spielerei früher als unseriös galt?
Das waren Clowns. Das war der Ruf: Hängt die Wäsche weg, die Gaukler kommen. Heute fällt es mir schwer, wenn ich auf Ämtern oder am Zoll nach meinem Beruf gefragt werde, zu sagen: Ich bin Schauspieler. Es gibt zu viele davon, die es eigentlich nicht sind.

54 Spielen Sie immer? Oder nur dann, wenn die Kamera läuft?
Ich habe den Spieltrieb in mir. Aber ich bin auch gern einfach ich.

55 Was hat Ihnen Heinz Hilpert vom Deutschen Theater in Göttingen beige­bracht?
Ja, alles. Ich war im festen Ensemble, er war mein Übervater. Gütig und streng.

56 Haben Sie eine Sprechausbildung?
Fischers Fritz fischt frische Fische. Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid. Aus dem Kleinen Hey.

57 Ist Nuscheln eine Kunst?
Natürlich. Beim Schimanski setze ich sie ein. Einen Bullen, der Hochdeutsch spricht, kenne ich nicht. Einer, der sich bemüht, Hochdeutsch zu spre­chen, ist mir immer unsympathisch.

58 Sind Sie besser, wenn ein Regisseur Sie quält? Oder wenn Sie quälen?
Im Gegenteil. Den Regisseur zeich­net Sensibilität aus. Seine Liebe zum Schauspieler. Niemals Gewalt.

59 Inwiefern sind Sie Alte Schule?
Die Disziplin. Die fünfzig Jahre. Die kriegst du nicht weg. Ich bin immer der Erste am Set. Wenn eine Taxe kommt, dann stehe ich zehn Minuten zu früh da.

60 Einen SS-Kommandanten, den Mas­senmörder Haarmann, den KZ-Arzt Mengele: Läuft es darauf hinaus, dass Sie den Teufel selbst, also Hitler, spielen?
Das wäre eine Herausforderung. Und Herausforderungen nehme ich an.

61 Welche Shakespeare-Rolle wäre es?
Richard III., der Punk, der Huren­sohn.

62 Ihre Lieblings-Karl-May-Rolle?
Das war meine Jugend, die Grund­ausbildung. Das Arbeiten mit jugo­slawischen Kaskadeuren, mit Kut­schen und Pferden. Die Schulung meiner Körperlichkeit: So musst du springen, dich so abrollen, dich so bewegen. Herrlich. Ganz entschei­dende Erlebnisse.

63 Macht es Spaß, mit 62 mit einem Köpper ins Duisburger Hafenbecken zu springen?
Die Angst ist der Regulator. Deswe­gen habe ich das immer präzise aus­gemessen. Es lohnt sich. Wenn da vierzig Mann am Set klatschen – hallo! Dann bist du der King.

64 Ihr dümmster Action-Unfall?
Die passieren immer bei den Proben.

65 Mal im echten Leben eine Tür einge­treten?
Obwohl? Aus Liebeskummer. In meiner Jugend. Sie hatte die Hotel­tür abgesperrt.
Zwischenstand: gelöster George. Er nimmt Feuer für seine Zigarillos an, ruckelt da auf seinem Sofa rum, gesti­kuliert. Es ist eine Freude. Die toughen Fragen: jetzt.

66 Ein Kritiker hat einmal – wohl explizit als Lob – über Sie geschrieben: »Der größte Schauspieler ohne Talent. Er kann nicht einmal gehen.« Kam das bei Ihnen als Lob an?
Nein. Gar nicht. Das war nur Wich­tigtuerei. Es kam sicher nicht von Herzen.

67 Finden Sie nicht cool, als Schauspie­ler nicht mal gehen zu können?
Ich kann ja gut gehen. Wie man heute Leute beschreibt, das finde ich eine unheimlich verletzende Mi­schung aus einfallslos und dumm und anmaßend. Ich komme aus einer anderen Generation. Ich kann damit nichts anfangen.

68 Wonach suchen Sie als Schauspieler?
Nach Wahrhaftigkeit.

69 Haben wir in Deutschland die dümms­te und asozialste Presse der Welt?
Ach was.

70 Worum beneiden Sie Gérard Depar­dieu?
Um den Freiraum, den er von seinem Land eingeräumt bekommen hat. Sie lieben ihn. Er kann alles spielen. Sie lassen ihn alles spielen.

71 Wonach riechen Sie?
Cool Water. Davidoff.

72 Gehören Sie zum starken Ge­schlecht?
Ich bin ein Mann. So viel steht fest.

73 Wie hätten Sie geheißen, wenn Sie ein Mädchen geworden wären?
Katharina. Ich sollte ja ein Mädchen werden.

74 Mal einem kleinen Tier das Leben ge­rettet?
Katzen, Schnecken, Igelchen. Sogar Motten!

75 Mal nachts betrunken durch die Her­bertstraße geirrt?
Ja. War ganz gut. Aber als es ernst wurde, wollte ich sie davon überzeu­gen, dass das doch keinen Spaß macht. Da wollte ich sie zur Heilsar­mee bekehren.

76 Sie können keinen Puff empfehlen?
Das liegt wohl daran, dass meine Karriere mich doch immer mit den schönsten Frauen der Welt konfron­tiert hat. Das war sehr reizvoll.

77 Finden Sie es lustig, dass Sie immer wieder für schwul gehalten werden?
Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich so einen Sexbomber darstel­le. Wie der Schimanski. Tenor: Wenn der so männlich ist, dann kann etwas nicht stimmen. Also ist er schwul.

78 Was kochen Sie sich auf Sardinien?
Nichts. Sogar die Spiegeleier bren­nen an. Ich esse aus der Hand.

79 Ihre Rekordzeit als Eremit auf Sardi­nien?
Drei Monate. Und zwar komplett allein. Januar, Februar, März 1980. Schlechtes Wetter, aber eine große Aufgabenstellung. Damals habe ich den Danton gelernt.

80 Besteht Gefahr, dass Sie von Sardi­nien einmal nicht zurückkehren?
Erst, wenn ich im Rollstuhl sitze. Der Traum tendiert dahin, einmal für immer fortzubleiben.

Lächeln, verschränkte Beine. Angst: verflogen. Stimmung: stimmt. Wenn man ihn – seine komische Schroff­heit, sein Einsiedler-Ding, all die ge­hemmte Herzlichkeit – begreifen will, dann besteht jetzt die Chance dazu. Go!

81 Ins Meer rausschwimmen: lieber al­lein oder zu zweit?
Zu zweit.

82 Was suchen Sie im Meer?
Amphoren. Delphine. Als ich fünfzig wurde, kam mir ein Schwarm gratulieren. Das war eigentlich das schöns­te Geschenk überhaupt.

83 Wie teilt man die Einsamkeit mitein­ander?
Indem man weiß, dass man sich liebt. Und nicht viel redet.

84 Warum verstehen Frauen nicht, dass es nichts zu sagen gibt?
Verstehe die Frage nicht. In meinem Leben haben die sehr viel gesagt. Manchmal zu viel.

85 Warum wollen Frauen immer gleich heiraten?
Ehrlich, keine Ahnung! Vielleicht kann Ihnen das der Boris Becker bes­ser beantworten.

86 Sind Sie für Babs oder für Boris?
Klar für ihn. Ein prächtiger Junge. Er wird über den Tisch gezogen, das kenne ich. Halte durch!

87 Wie erklärt man Frauen, dass man keine Kinder haben möchte?
Besser ohne Worte. Ab einem be­stimmten Alter mit einem extremen Beruf erklärt sich das von selbst.

88 Warum gibt es Frauen?
Wir bestreiten gemeinsam die schöns­te Nebensache der Welt.

89 Hat der Faustschlag ein zu schlech­tes Image?
Nein. Wir leben in einer brutalisier­ten Welt.

90 Haben Sie eigentlich nichts zu sagen?
Ich habe nicht viel zu sagen, stimmt. Es gab in sechzig Jahren Götz George praktisch nichts über mich zu erzäh­len. Ich mache meine Arbeit. Ich pisse keinem ans Bein. Ich fahre nicht be­soffen Auto. Ich bin eigentlich lang­weilig, weil der Beruf so spannend ist.

91 Manchmal traurig darüber, dass Sie kein Intellektueller sind?
Ich habe es nie gebraucht. Intellekt wäre für meinen Beruf fatal. Ich habe mein ganzes Leben gebraucht, um wieder naiv zu werden.

92 Letztes Bild in Ihrem Kopf, bevor die Schiffsschraube Sie rammte?
Keine romantischen Bilder, auch kei­ne Whiskymarke, wenn Sie das mei­nen. Ich dachte nur: Der ist bekloppt. Dann bin ich abgetaucht.

93 Wird im Himmel geschwiegen?
Hoffe sehr!

94 Mal daran gedacht, surfend Selbst­mord zu begehen?
Ich habe mir das ausgemalt. Du hast eine extreme Krankheit, aber noch die Kraft: aufs Brett! Weit raus, so weit wie möglich. Sich langsam ab­kippen lassen.

95 Wie pflegt man einen Schnauz?
Nagelschere. Wird meistens schief.

96 Hat Burt Reynolds sich seinen Schnauz von Ihnen abgeschaut oder Sie von ihm?
Ich habe meinen seit Ende der Fünf­ziger.

97 Sagen Sie »Schnauz«?
Einfach Bart. Mit Bart, denke ich, erkennt man mich nicht. Dasselbe gilt für meine Brillen. Da sind ja auch nur Fenstergläser drin.

98 Ihre hässlichste Lederjacke?
Aus Amerika, handgemacht, mit Perlen bestickt. War richtig verliebt in das gute Stück. Bis mich mal einer darauf ansprach: Ist die nicht biss­chen zu bunt für dein Alter? Also gut. Jetzt hängt sie im Schrank.

99 Wo hängt die Schimanski-Jacke?
Im Filmmuseum in Berlin.
Man sitzt dann noch. Draußen sinkt das Wettergrau ins Wasser. George erklärt, dass er neben viel Grün auch immer ein paar Prolos in seiner Nähe brauche – die gebe es hier auch, das sei ja gerade das Herrliche. Jawoll!

100 Wickeln Sie sich jetzt ein großes Handtuch um den Kopf, wenn Sie an der Alster spazieren gehen?
Die Hamburger sind Engländer, ganz lässig. Ist er das, der Arsch? Ja, isser. Lass ihn laufen. Weiter geht’s.

09. Februar 2001

 

Das Interview wurde erstmals im SZ-Magazin veröffentlicht, 2004 erschien es im Buch »100 Fragen an …« von Moritz von Uslar.

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