Miese Bullenspiele: Autorenbesuch bei Jesper Stein in Kopenhagen

»Bedrängnis«. Das ist mehr als wörtlich zu nehmen. In seinem dritten Fall steckt Vizekriminalkommissar Axel Steen in der Scheiße, tiefer denn je. Mit Jesper Stein am Tatort Nørrebro.

Jesper Stein gehört zu den Autoren, die ihrer Stadt eine Geschichte geben. Eine dunkle. Ian Rankin tut dies für Edinburgh, und Manuel Vazquez Montalbán hat es für Barcelona getan.
Auf dem Weg über Kongens Nytorv – den Blick auf den weiten Platz versperren meterhohe Bauplatzwände, Kopenhagen bekommt gerade U-Bahn – nach Nørrebro reden wir über Barcelona, die Stadt, deren rauer Duft nach Urin, Fisch, Blumen und Sex aufbewahrt ist in den Kriminalromanen Vazquez Montalbáns. Nørrebro steht das gleiche Schicksal bevor wie dem  barrio gótico. »Sagt ihr auch Gentrifizierung dazu?«, fragt Jesper, und wie immer sind die abstrakten Begriffe global verwendbar.

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In der Mitte der Dronning-Louises-Brücke schieben wir unsere Räder von der breiten Bikelane auf den Bürgersteig, um uns umzuschauen. Im Süden begrenzen palastähnliche Häuser, deren Dachaufbauten an Paris erinnern, die reiche Innenstadt. Vom Norden her blicken Mietskasernen aus dem 19. Jahrhundert auf das Zentrum der Metropole. »Hinter den aufgemotzten Fassaden lagen früher kleine, enge Arbeiterwohnungen. Heute muss man Millionen hinblättern, wenn man hier wohnen will. Da oben auf dem Dach, du kannst noch das Gerüst erkennen, hing 2010, als ich meinen ersten Roman schrieb, eine Neonreklame für Irmahühnchen-Eier. Rote, weiße, grüne. Der Einschnitt darunter ist die Magistrale von Nørrebro.«

Vor ihm lag die Nørrebrogade wie eine Schlucht in der Häuserreihe, eine Öffnung in einem massiven Körper aus Stein und Stahl, Asphalt und Häusern, Hinterhöfen und Verstecken. Seine Stadt. Leben und Licht. Er trat in die Pedale und ließ sich in den funkelnden Korridor saugen, blendende Autoscheinwerfer, erleuchtete Busse, Blaulicht und Hunderte kleine Blinklichter von den Diodenleuchten der Fahrräder, umgeben von den grellen Schildern der 24-Stunden- Kioske, Bars und Kneipen. Benzingestank vermischte sich mit dem Duft nach Zimt, Kreuzkümmel, Fleisch und Frittierfett aus den zahlreichen Schawarmabuden. (Unruhe, 2012)

Damals, Unruhe spielt 2007, war die Nørrebrogade eine vierspurige Rennstrecke. Heute müssen sich die Autos mit zwei Spuren begnügen, die Fahrradwege haben sie zusammengedrängt. Wir biegen links ab, zwängen uns zwischen Straßencafés, Fahrradparkplätzen, auf denen die Räder nur darauf warten wie Dominosteine umzufallen, und orientalischen Gemüseläden durch. Die Straße weitet sich zu einem quadratischen, von hohen Bäumen beschatteten Platz, in dessen Mitte ein weites Feld als Sport- und Begegnungsraum abgesenkt ist.

Der Blågårdsplads liegt friedlich in der morgendlichen Sommersonne. Er ist ein Zentrum des Verbrechens in allen drei Romanen Jesper Steins. In denen regiert hier der Marokkaner Moussa über Hunderte von jugendlichen Immigranten. Sie sind seine Spitzel, Dealer, Kuriere und Schläger.

Der Blågårdsplads ist das Zentrum des Verbrechens (C) Tobias Gohlis
Der Blågårdsplads ist das Zentrum des Verbrechens © Tobias Gohlis

Diese Bandenkriege sind der historische Background zu Jesper Steins drittem Roman Bedrängnis, der dieser Tage auf Deutsch erscheint. Moussa, Großdealer und Koks schnupfender Boss der Blågårdsplads-Bande, ist mächtig unter Druck. Er ist wegen der Anstiftung zu Mord in drei Fällen angeklagt. Im Falle einer Verurteilung würde der in Kopenhagen aufgewachsene Marokkaner nach Afrika abgeschoben. Das will er mit allen Mitteln verhindern.

In der Blågårdsplads-Apotek stoßen Moussa und Axel zusammen (C) TGohlis
In der Blågårdsplads-Apotek stoßen Moussa und Axel zusammen (C) TGohlis

Eines seiner Instrumente ist Axel Steen, der Held im Steinschen Universum, der immer tiefer sinkt. In »Unruhe« (2012: uro) und »Weißglut« (2013: bye, bye, blackbird) betäubte er sein von Panikattacken geplagtes Herz mit Haschisch und Alkohol. Nun, in »Bedrängnis«, braucht er Kokain. »Axel Steen war ein Psychobulle, eine Rakete außer Kontrolle, ein verletzter Mann auf dem Weg nach ganz unten.« Moussa hat ihm eine Venusfalle gestellt. Axel ist es egal, ob Milena auf ihn angesetzt ist, Hauptsache, sie fickt gut. Und das tut sie. Er ist einsam, geschieden, voller Selbstzweifel, verzehrt sich in Sehnsucht zu Tochter Emma, die bei der Mutter und seinem Boss, dem Vizepolizeichef, lebt, der wiederum mit seiner Ex einen kleinen Sohn hat. Erst als Moussa droht, das von Milena aufgenommene Handyvideo mit Axel beim Kokainerwerb und Sexualverkehr seinen Vorgesetzten zu zeigen, schwant ihm Schlimmes. Wenn er den Zugang zu seiner Tochter behalten will, und das geht nur, wenn er seinen Job nicht verliert und am Knast vorbeikommt, dann muss er Moussa helfen, auch wenn er ihn lieber umbringen würde. Und so liefert der beste Mordermittler Kopenhagens Moussa entlastendes Material aus den Polizeiakten, lässt sich von dessen Schlägern als Bullenschwein beschimpfen, demütigen und verprügeln.

Alles für die nächste Line. Junkie-Hoffnung: »Ich hatte erst einen Blackout. Ich bin noch nicht ganz am Ende.«

Jesper Stein: »Mich hat es gelockt, diesen Mann bis ganz nach unten zu treiben, bis zu dem Punkt, an dem die Leser ihm nicht mehr folgen und ihn als Helden fallen lassen.« So selbstmörderisch lässt Axel sich auf Koks, Moussas Drogengeschäfte und seine Blågårdsplads-Schläger ein, dass man sein Ende nach jeder umgeblätterten Seite erwartet. Jeder Augenblick kann der des moralischen Zusammenbruchs sein, wenn Axel aus Selbstekel und Angst das einzige aufgibt, was ihn noch halbwegs aufrecht gehen lässt: seinen Hass auf die Verbrecher. Er soll sich an Strafaktionen gegen Verräter beteiligen, Moussa will den Bullen in seine Gang ziehen, ganz auf die andere Seite.

»Axel ist einer dieser Polizisten, die nur schwarz und weiß kennen. Wenn er einen Verbrecher, erst recht einen Gewalttäter und Mörder ausfindig machen kann, will er ihn stellen. Er folgt nur seinen eigenen Regeln. Ich habe ihn erfunden als eine jüngere Variante von James Ellroys Figur Lloyd Hopkins. Axel ist archaisch in seinen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Strafe, ein Polizisten-Typ wie Dave Robicheaux von James Lee Burke oder John Rebus von Ian Rankin. Aber er ist auch ein moderner Mann mit modernen Problemen: Sorgerechtsstreit, Einsamkeit, Liebe zu Emma, seiner Tochter, dabei die Belastung durch den Job. Einmal nimmt er sie in die Gerichtsmedizin mit, weil er keinen Babysitter hat.«

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Jesper Stein im Ørstedspark am Fundort der Leiche von Marie Schmidt (Weißglut) © TGohlis

Bevor Jesper Stein 2010 begann, Kriminalromane zu schreiben, hat er als Kulturreporter der Jyllands Posten – sein Chef Flemming Rose war auch der verantwortliche Redakteur für die Mohammed-Karikaturen – ausführliche Porträts seiner Lieblingsautoren und ihrer Protagonisten verfasst. »Ich habe mit Ellroy gesprochen, Michael Connolly hat mir in LA das Haus gezeigt, in dem Harry Bosch wohnt. Ich glaube, niemand hat ihnen so skrupulöse Fragen nach ihrer Schreibweise, nach dem Wieso und Warum ihrer dramaturgischen Entscheidungen gestellt wie ich.« Zehn Jahre war er als Gerichtsreporter und auch als Kriegsberichterstatter auf dem Balkan tätig. Was hat er gelernt? »Je schlimmer und brutaler die Geschehnisse, desto weniger Adjektive.«

Der 1965 geborene Jesper Stein hat seinem tragisch-romantischen Helden Axel Steen ein paar von den Problemen aufgehalst, mit denen er sich selbst herumschlagen musste. Nach der Trennung von seiner ersten Frau stürzte er sich in Arbeit und Alkohol, daher sind die Szenen, in denen Axel mit seiner Kokainsucht kämpft, so furchterregend authentisch. »Abgesehen von ein bisschen Hasch habe ich nur mit Alkohol zu tun gehabt. Das ist zum Glück geklärt. Heute lebe ich in einer stabilen neuen Beziehung und kümmere mich momentan vor allem um meine vier Töchter (zwanzig, neun und zweimal zweieinhalb Jahre alt).« Steins Frau arbeitet als Anthropologin und forscht unter anderem über Jugendliche, die vom IS fasziniert sind. Zum Schreiben geht er während der Schul- und Kitazeiten in die Königliche Bibliothek, dort herrscht Ruhe.

Axel Steens Wohnung: dritter Stock rechts neben dem lateinischen Kreuz aus Glasbausteinen (c)TGohlis
Axel Steens Wohnung: dritter Stock rechts neben dem lateinischen Kreuz aus Glasbausteinen © TGohlis

Bis vor zwei Jahren hat die Familie Stein in einer großen Wohnung in der Nørrebrogade 180 gewohnt. Doch als seine Kinder vom häufigen Anblick bewaffneter Polizisten verstört wurden, ist die Familie weggezogen. Jetzt wird das Apartment nur noch von Axel Steen bewohnt. Nicht weit entfernt stand bis 2007 das Jugendzentrum Ungdomhuset.

Als es abgerissen werden sollte, kam es zu schweren Straßenschlachten. Jesper: »Es war unglaublich. Ich war als Reporter dabei. Helikopter heulten durch die Luft. Einsatztruppen wurden auf das Hausdach abgeseilt, um die Besetzer von oben zu vertreiben. Nach einer Stunde war alles vorbei. Aber die amateurhafte Polizeiführung hatte nicht mit den Folgen gerechnet. Auf die mehrtägigen Straßenschlachten danach war sie nicht vorbereitet.«

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Ungdomhuset vor dem Abriss, 2006 fot. von EPO

Der konservativ-klerikale Verein faderhuset hatte das von Autonomen aus aller Herren Länder besetzte Haus erworben, auf Eigenbedarf geklagt und den Abriss durchgesetzt. Der Eigenbedarf wurde nie realisiert: Heute ist auf dem leeren Trümmergrundstück ein autonomer Gemeinschaftspark für die Anwohner entstanden.

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Ein letzter müder Kämpfer auf dem Trümmergrundstück des ehemaligen Ungdomhuset © TGohlis

Alle Fälle Jesper Steins enthalten einen Kern von realen Ereignissen. Sie sind identifizierbar wie die Adressen und Tatorte. Und setzen das friedliche Nørrebro in ein düsteres Licht: Traut dem Schein nicht! Ein Video spielt in »Unruhe« eine entscheidende Rolle. Polizei und Medien wollen den randalierenden Autonomen den Tod eines Dealers anlasten, dessen Leiche im nahegelegenen Assistenzfriedhof gefunden wurde. Axel Steen, wahrheitsbesessen und ideologieresistent, nutzt es, um die wahren Hintergründe – eine Manipulation des polizeilichen Nachrichtendienstes, der nach der Polizeireform von 2007 Imageprobleme auf Kosten von Migranten löst – aufzudecken. Nørrebro als Romanschauplatz: »Aus dem Fenster da oben wurde das Video aufgenommen.«

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Jesper Stein am Grab Dan Turrèlls © TGohlis

Der Friedhof, auf dem fast alle bedeutenden Schriftsteller und Wissenschaftler Dänemarks beerdigt sind, ist eine Ruhezone. Nicht weit vom Grab Kierkegaards liegt Dan Turrèll begraben. Er war ein großer Lyriker, Säufer und Krimiautor. Seine Fans legen ihm immer neue Wegzehrung aufs Grab: Bierdosen, Gedichte, eine Krone. Jesper Stein wurde 2015 mit der Dan-Turrèll-Medaille ausgezeichnet, obwohl seine Kriminalromane nicht gerade von dessen poetischer Sanftmut geprägt sind. Jesper Stein findet den »Goldenen Lorbeer«, einen Preis der dänischen Buchhändler für das beste Buch des Vorjahres, wichtiger. Nur drei oder vier Kriminalschriftsteller haben ihn bisher bekommen.

Tobias Gohlis

 

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Jesper Stein

Bedrängnis – Ein Fall für Kommissar Steen

Titel der Originalausgabe: Akrash
ISBN: 978-3-462-04901-5
Erschienen am: 09.06.2016

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Unruhe
Jesper Stein

Unruhe – Der Erste Fall für Kommissar Steen

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