Aus dem Notizbuch des Verlegers #22 (Renate Matthaei)

Verleger Helge MalchowMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen neun Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen in unserer Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselnden zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow den Proust-Fragebogen für Blogger aus.

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Dies ist der Blick aus meinem Büro, nach vorne heraus. Zur Seite liegt der berühmt/berüchtigte Kölner Bahnhofsvorplatz. Viele Nicht-Kölner wissen nicht, dass dieses gotische Gebäude zum Teil erst im späten 19. Jahrhundert fertiggestellt wurde, unangenehmerweise (für die Kölner) also durch die preussischen Machthaber. Den Anstoß, aus der über Jahrhunderte verwahrlosten Ruine (ohne Türme!) das heutige Bauwerk zu machen,  gab der Kölner Kaufmannssohn Sulpiz Boiserée.
Einen Verbündeten fand er in Johann Wolfgang von Goethe. Die abenteuerliche Geschichte dieses Projekts erzählt die frühere KiWi-Lektorin Renate Matthaei in ihrem gerade erschienen Buch »Sulpiz Boiserée und die Vollendung des Kölner Doms«. Unbedingt zur Lektüre empfohlen, ein Buch voller interessanter Details und spannender Episoden, das dieses frühe Kölner Start-up in die Geschichte Kölnsund Deutschlands im 19. Jahrhundert einbettet. Renate Matthaei hat ihre Zeit nach der Pensionierung überhaupt in den Dienst Kölner Kulturgeschichte gestellt und zwei wunderbare historische Studien veröffentlicht: über die Geschichte der Weiberfastnacht und des Kölschen Jecks. Beides Themen, die uns, wie man weiß, bei KiWi sehr am Herzen liegen …

 

RMDr. Renate Matthaei, geboren 1928, lebt in Köln. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie. 1960 bis 1993 Verlagslektorin bei Kiepenheuer & Witsch. Herausgeberin der wegweisenden Anthologien »Trivialmythen« (Frankfurt/Main: März-Verlag 1970) und »Grenzverschiebung«. »Neue Tendenzen in der deutschen Literatur der 60er Jahre« (Köln: Kiepenheuer & Witsch 1970).  Weitere Veröffentlichungen zu u.a. Luigi Pirandello und Heinrich Böll. Zuletzt erschienen »Matronen. Heilige Jungfrauen und wilde Weiber« (2001) und »Der Kölsche Jeck. Zur Karnevals- und Lachkultur in Köln (2009)«.

IMG_1869»Sulpiz Boiserée und die Vollendung des Kölner Doms«
Im Jahre 1808, mit 24 Jahren, beschloss Sulpiz Boisserée (1783–1854), Kaufmannssohn aus Köln, sein Leben der Vollendung des Kölner Doms zu widmen. Ein aberwitziges Unternehmen: Köln war eine französische Stadt, der Dom eine nahezu verwahrloste Ruine, die Gotik verachtet…
Aber Boisserée gelang es, Goethe als Unterstützer für sein Vorhaben zu gewinnen, den 19-jährigen preußischen Kronprinzen 1813 für den Kölner Dom zu begeistern, mit Schinkel 1816 den Weiterbau zu planen und schließlich 1842 Berater des Königs Friedrich Wilhelm IV. bei der Vollendung des Kölner Doms zu werden. Seine »verrückte« Idee war Wirklichkeit geworden.
Wie das möglich war und gleichzeitig der Kölner Dom in den Turbulenzen der Zeit immer mehr zum Politikum der Deutschen wurde, erzählt diese Biographie, die ein Licht wirft auf eine der ungewöhnlichsten und erfolgreichsten Bürgerinitiativen.

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