Begrüßungsrede von Helge Malchow zur Buchvorstellung „Biografie“ von Maxim Biller

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© Christian Werner
write@christianwerner.org

 

Berlin, Deutsches Theater, 12. April 2016. Helge Malchow begrüßt zur Buchvorstellung des Romans »Biografie« von Maxim Biller, danach im Gespräch mit Adam Soboczynski (Die Zeit)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zu einem ganz besonderen Abend – der Premierenlesung von Maxim Billers Roman »Biografie«, einem Riesenwerk, erst einmal quantitativ, von 900 Seiten, an dem der Autor 10 Jahre mit höchster Anspannung und Anstrengung gearbeitet hat.
Aus verschiedenen Gründen liegt der Erscheinungstag schon ca. 2 Wochen zurück, so dass in der Zwischenzeit alle großen Zeitungen mit großen Rezensionen auf das Buch reagiert haben – und man kann nur sagen: es ging (und geht) hoch her.
Bevor ich auf einige dieser Stimmen zurückkomme, will ich Ihnen geradeaus und ohne Umwege ein paar Notizen vortragen, die ich mir in mein Notizbuch eingetragen hatte, nachdem ich das Manuskript zum 2. Mal gelesen hatte.
Sie lauten: Atemberaubend. Meisterwerk. Nervend. Gigantischer, globaler Plot. Monster-Comic. Holzhammerprovokationen. Voller Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Humanität. Monströse Sexperversionen im Überfluss. Die Makro-Ergänzung zum Mikromeisterwerk „Im Kopf von Bruno Schulz“. Vielleicht wäre der ursprüngliche Titel „Nach Buczacz“ doch richtiger gewesen? Maximaler, grenzenloser, durchgeknallter Witz. Sätze, die vor Inhalt platzen. Referenzen zu Philip Roth, zu Saul Bellow, zu Henry Roth. Zynismus. Zärtlichkeit und Moral eher versteckt, aber umso wirkungsvoller. Die ganze Welt: Tel Aviv, Berlin, Ukraine, Los Angeles. Sudan. Maximal idiosynkratisch. Figuren oft fast Karikaturen. Kein klassischer psychologischer Realismus. Geschichte als Farce. Oft großkotziger, über alles alles alles Bescheidwissender Erzähler. Zugleich: ratloser, einsamer, verlassener Erzähler. Weit ausgreifender Roman über die Großverbrechen des 20. Jahrhunderts: Faschismus und Stalinismus. Der Roman einer großen Freundschaft. Berührender Familienroman. Eine Art verzerrender Parabolspiegel, der das heutige Deutschland zeigt. Roman als Presslufthammer gegen ein zementiertes Bild der Deutschen über sich selbst. Picasso: von der „Schönheit hässlicher Bilder“. Figurenensemble wie ein Riesen-Wimmelbild.

Meine Damen und Herren, Sie sehen, ich habe das Buch atemlos gelesen, aber ich war ziemlich verwirrt. Und ich gestehe Ihnen, allen Menschen in meiner Umgebung, die das Buch bisher gelesen haben, ging es ebenso. Es gab und gibt alles: Empörung. Verehrung. Skepsis. Hass. Bewunderung. Verzweiflung. Befremdung. Verständnis. Jubel. Nur: Etwas Laues, Braves, Mittleres gab und gibt’s nicht.
Damit ist klar: das ist ein Roman, der Grenzen sprengt, Grenzen der Wahrnehmung, Grenzen des guten Geschmacks, Grenzen der bekömmlichen Umfänge. Grenzen des Anstands. Grenzen des historischen Selbstbildnisses deutscher Leser. Grenzen der sprachlichen Aufnahmefähigkeit. Grenzen des Humors. Grenzen des Wissens.

Andererseits: wir leben in einem Land, in dem diese Grenzen immer enger werden. Die Räume der Kunst, der Satire, der Literatur werden aus allen Richtungen, oft auch gutgläubig, immer enger gezogen.
In einer solchen Situation ist ein solcher Roman erst einmal eine Erweiterung dessen, was wir kennen und wissen und dürfen, ein Freiheitsgewinn.
Das zweite, was mir bei der zweifachen Lektüre immer wieder auffiel, war und ist seine Sprache, die in der deutschen Literatur so noch nicht hörbar war: eine fast schamlose Mischung aus zeitgenössischem Slang, fast Kleist’schen Hypotaxen, jüdischem Wortschatz + Witz, rhythmischem Drive, manchmal nah am Rap. Wahnsinnig lustig, geradezu irre lustig, dann wieder traurig. Auch oft superarrogant, der Erzähler. Auch beleidigend. Aber: immer sich dessen bewusst, was er anrichtet. Schonungslos gegen sich selbst. Und die Geschichte, die Figuren: Interessanterweise blieb ich dran. Auch nach 300 Seiten (im Gegensatz zu Ijoma Mangold). Komischerweise stört es mich nicht, dass diese Figuren, wie einige Kritiker moniert haben, nicht psychologisch fein gestrickt, sondern farcenhaft übertrieben, oft karikaturenhaft zugespitzt sind, grell. Auch nicht, dass die Sprache die Figuren und den Plot dominiert (wie Lothar Müller bemängelt). Dazu ist sie für mich zu originell, zu berauschend. Das hat mit der Energie, mit der Wucht zu tun, die den ganzen Roman trägt. Wo liegt der Motor für diese Wucht?

Diesen Motor gibt es, man spürt ihn von Anfang an. Und fast am Ende, nach 750 Seiten, nach einer Reise, die vor 14 Jahren einmal ein anderer jüdischer Autor, Jonathan Safran Foer unternommen hat (in „Alles ist erleuchtet“, bei ihm ging die Reise auch in die Ukraine, nach Trachimbrod), gibt es das Kapitel „Nach Buczacz“. Und nach diesem Kapitel, in dem der sterbende Schloimel, Noah Forlanis Vater, Überlebender des Holocaust, den beiden Freunden und Protagonisten Noah und Soli über die Pogrome in der Heimatstadt ihrer Väter erzählt, über die vier Vernichtungswellen, nach denen die jüdische Bevölkerung ausgerottet war, fahren die beiden Freunde im letzten Kapitel des Buchs selbst dorthin, in diese Stadt, oder in das, was von ihr übrig geblieben ist, von dieser Hölle der Menschheit. In diesen Passagen herrscht nun ein ganz anderer Ton. Und von hier aus sollte man das ganze Buch noch einmal lesen – und alles wird verständlich und sonnenklar – der Wahnsinn der beiden „Halbtoten“ Soli und Noah, deren hochgetunte, schrille Wahnsinnsgeschichte hier erzählt wird und die dort, im Wahnsinn von Buczacz, begonnen hat. Hier zeigt sich: die durchgeknallte Romanwelt ist die Antwort auf eine durchgeknallte Welt.

Dann wird man erkennen, der Graben zwischen denen, die die Hölle gesehen haben und ihrer Nachkommen auf der einen Seite und den Tätern sowie uns, den Nachkommen der Täter, auf der anderen Seite, ist tiefer als alle Gräben, die wir kennen, auch heute noch. Deswegen brauchte es diesen Biller‘schen Presslufthammer, diese 900 Seiten. Sie sind ein lauter Ruf über die Gräben zu uns herüber. Wir könnten ihn verstehen, auch wenn diese Hochgeschwindigkeitssprache vielen verständlicherweise erst einmal fremd vorkommt. Die, die einmal so ähnlich sprachen, sind ja „von uns“ ins Vergessen gestürzt worden. Leicht ist es nicht, das gebe ich zu. Aber lohnend. Und irrsinnig unterhaltsam auch, wenn man sich einmal auf die Melodie dieses sehr lauten Weckrufs eingelassen hat.

Ich wünsche Ihnen einen interessanten Abend.

Helge Malchow, Köln, den 12.04.2016

Biller Biografie Auf der Flucht vor ihren kleinen Verbrechen und großen Lebenslügen landen der deutsch-jüdische Schriftsteller Soli Karubiner und sein bester Freund, der Millionärssohn Noah Forlani, in Buczacz – einem kleinen Ort in der Ukraine, aus dem ihre beiden Familien einst von den Nazis verjagt wurden. Bis sie dort ankommen, erleben sie das größte Abenteuer ihres Lebens, pikaresk, wild und komisch.

»Maxim Biller kann schreiben. Mein Gott, und wie! ›Biografie‹ ist der große deutsche, jüdische Roman, auf den wir gewartet haben: wütend, traurig, episch, melancholisch und sehr witzig. Lesen Sie ›Biografie‹ – wirklich, lesen Sie das!« Daniel Kehlmann

 

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