Mit den Waffen der Frauen – Cora Stephan im Interview

Cora Stephan. Foto © Isolde Ohlbaum
Cora Stephan. Foto © Isolde Ohlbaum
Cora Stephan. Foto © Isolde Ohlbaum

OB KATZEN ODER DIE KANZLERIN, ob Kulturgeschichte des Krieges oder aktuelle Kommentare mit analytischer Tiefenschärfe: Als Autorin ist Cora Stephan eine Alleskönnerin und hat mehrfach Karriere gemacht – unter ihrem eigenen Namen mit Büchern über Politik und Geschichte sowie unter Pseudonymen, z.B. als Anne Chaplet mit preisgekrönten Krimis. Nun beweist sie ihr literarisches Talent mit ihrem persönlichsten Buch: Ab heute heiße ich Margo in dem es um zwei Frauen, zwei Töchter, zwei Kriege, zwei Deutschlands – und ein gemeinsames Schicksal geht. Ein mitreißender Roman über Zeitgeschichte als Familiengeschichte.

Im Büchermenschen Exklusiv-Interview spricht Cora Stephan über ihr Schreiben und über die Arbeit an »Ab heute heiße ich Margo«.

Offennbar liegen Ihnen Katzen sehr am Herzen, ob im Leben oder literarisch. So hat auch Margarete alias Margo aus Ihrem neuen Roman eine Katze. Was macht die Faszination aus?

Na, das weiß doch jeder: Ein Leben ohne Katzen ist möglich, aber sinnlos. Für einen schreibenden Menschen sind sie unentbehrlich, besonders, wenn sie mal wieder auf der Tastatur liegen. Was Margos Katze betrifft: Das ist meine Verbeugung vor Minka, der Katze meiner Mutter, die ihr in den letzten Lebensjahren gezeigt hat, wie tief man Tiere lieben kann, und die bis zum letzten Atemzug neben ihr auf dem Sterbebett lag.

Nicht nur enormes Wissen, sondern auch Leidenschaft prägt Ihre Veröffentlichungen über Geschichte und Politik. Was fesselt Sie daran?

Fesseln ist das richtige Wort. Politik ist ein notwendiges Übel, das einem manchmal die Kehle zuschnürt. Mehr noch als Politik beschäftigt mich Geschichte: Wir alle halten uns in einem historischen Resonanzraum auf, der unser Leben bestimmt. Ohne Vergangenheit keine Gegenwart. Und sind nicht die großen Menschheitserzählungen Grundlage allen Erzählens?

Tief in die Geschichte des 20. Jahrhunderts sind Sie nun in Ihrem ersten Roman eingetaucht…

Der Auslöser waren die Überlieferungen meiner Eltern und meiner Tante. Zu ihren Lebzeiten hätte ich mich an das Projekt nicht getraut, aber dann wuchs in mir das Gefühl, über so ein Leben wie das ihre schreiben zu müssen. Ich habe mich dafür tief in die Geschichte seit 1936 versenkt, tiefer als jemals zuvor, und zwar nicht als Historikerin, die von oben auf das Treiben der Menschen hinabsieht, sondern – beinahe! – als Beteiligte.

Was war Ihnen wichtig?

Ich habe versucht, immer auf Augenhöhe mit meinen Charakteren zu bleiben, nie schlauer zu sein als sie und nicht über sie zu urteilen oder gar sie zu verurteilen. Man lernt dabei verdammt viel über die eigenen Grenzen.

Zeitgeschichte als Familiengeschichte: Cora Stephans Roman »Ab heute heiße ich Margo«
Zeitgeschichte als Familiengeschichte: Cora Stephans Roman »Ab heute heiße ich Margo«

Worin bestehen die Berührungspunkte zwischen Leben und Roman?

Meine Tante Gudrun Käding war eine talentierte Fotografin und eine überaus genaue Chronistin. Wie sie ihre Jugend in Stendal und ihre Ausbildung beschreibt, liest sich noch heute großartig. Meine Eltern haben sich als junges Paar dank des Zweiten Weltkriegs über zehn Jahre damit begnügen müssen, einander Briefe zu schreiben. Und sie haben schriftliche Erinnerungen hinterlassen. Erst die Vergegenwärtigung ihres Erlebens in fiktionalen Charakteren hat mich viel über sie und ihre Generation gelehrt.

Im Mittelpunkt stehen starke Frauenpersönlichkeiten aus mehreren Generationen. Es beginnt 1936 mit Margarete und Helene. Wie würden Sie die beiden beschreiben?

Margarete alias Margo ist die Ehrgeizige. Sie braucht eine Aufgabe, an der sie sich reiben kann. Die Bilanzen müssen stimmen, ist ihre Devise. Und dass der Führer sich verrechnet hat, nimmt sie ihm besonders übel. Sie verdrängt, was nicht in ihre Vorstellung vom Leben passt. In ihrer Zielstrebigkeit ist sie durchaus rücksichtslos.

Und Helene?

Sie gerät im spanischen Bürgerkrieg zwischen die Fronten, das bestimmt ihr Leben. Selbst im KZ Buchenwald ist sie nicht eindeutig ein Opfer, auch wenn sie keine Täterin ist. Ich denke, sie hat da schon längst die Fähigkeit verloren, sich mit etwas zu identifizieren. Sie dient diesem und dem darauf folgenden System, ohne davon überzeugt zu sein. Erst zum Schluss versucht sie, die Splitter ihres Lebens – und die der anderen – wieder zusammenzufügen.

Mit Recherchen nehmen Sie es ganz genau …

Nur wenn man die Umstände begreift, in denen die Charaktere agieren, sind sie auch glaubhaft. Am großartigsten war die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs, dem besten Kenner der Stasi-Akten, und mit Jörg und Kristina Drieselmann vom Stasi-Museum.

Am Schluss lassen Sie betagte Romanfiguren Bilanz ziehen …

Ich bin heute noch zu Tränen gerührt über Margo, die zum Schluss Weisheit und Sanftmut ausstrahlt und ihren zielstrebigen Egoismus abgestreift zu haben scheint. Und doch hat sie ihrer Enkelin ein schwieriges Erbe hinterlassen. Helene und ihrer großen Liebe habe ich ein, wenn auch spätes, Happy End geschenkt …

© Büchermenschen, Magazin von www.hugendubel.de

 

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