Vierundzwanzig Türen #7 (Stefan Mesch – stefanmesch.wordpress.com)

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Vor zwei Jahren haben wir unsere Autoren gefragt, ob sie für uns ihre Türen öffnen möchten. Bei Klaus Modick borgten wir uns für unseren Adventskalender den Titel seines Romans* »Vierundzwanzig Türen«. Klaus Modick war auch der erste unserer Autoren, der uns einen kleinen Einblick in sein Reich gewährte.
Dieses Jahr haben wir bei Buchbloggern und Buchhändlern angeklopft. Wir wollten wissen, »Wer bist Du, was sind Deine Orte«? Und wir fragten, welches Buch aus unserem Programm sie Ihnen, unseren Lesern, empfehlen möchten. Es hat uns sehr glücklich gemacht, so viele begeisterte Reaktionen und Beiträge zu erhalten. Wir hoffen, auch Sie freuen sich, bekannte Gesichter unter den Bloggern und Buchhändlern wiederzusehen oder bisher unbekannte kennenzulernen. Jedes empfohlene Buch wird natürlich verlost. Entweder Sie nehmen an unserer großen Weihnachtsverlosung teil oder Sie versuchen Ihr Glück täglich bei Facebook.
*Oh! Wäre William Blake nicht Selfpublisher, sondern KiWi-Autor gewesen, würde unser  Adventskalender vielleicht auch »Die Pforten der Wahrnehmung« heißen. Wie auch immer. Treten Sie ein, nehmen Sie wahr!

 

Tür 7: Stefan Mesch – stefanmesch.wordpress.de

Ich bin…

Stefan Mesch, Kritiker für u.a. ZEIT Online und Deutschlandradio Kultur. Ich blogge auf www.stefanmesch.wordpress.com und arbeite an meinem ersten Roman, “Zimmer voller Freunde”, www.zimmervollerfreunde.tumblr.com

 

Ich zeige…

…das Gemeinschaftsbüro in Berlin, in dem ich letztes Jahr sieben Monate lang arbeiten konnte: das Weserland (Weserstraße 21, Neukölln).

Ich arbeite gerne in Coffee Shops und Gemeinschaftsbüros, und ich bin gern Liveblogger auf Literaturveranstaltungen, Buchmessen usw.: Den Laptop mitnehmen, schreiben – aber dabei immer auch Menschen sehen, kurz interagieren? Herrlich!

Weserland 3, Stefan Mesch

 

Weserland 2 Küche, Stefan Mesch

 

Weserland 1 Floating Space, Stefan Mesch 620px

 

Meine Buchempfehlung aus dem Kiwi-Programm: »Alles über Lulu« von Jonathan Evison

Ich habe mir die US-Ausgabe 2008 schicken lassen, während eines Praktikums bei Klett-Cotta, und war mir sicher: Das muss ins Programm des Klett-Imprints Tropen!

Damals schrieb ich:

 

»All about Lulu« spielt ca. 1975 bis 1991 in Santa Monica und Venice Beach. Ich-Erzähler William ist unglücklich verliebt in seine Stiefschwester Louisa. William ist nerdy, Lulu recht hübsch, beide sind witzig, klug – und kommen sich schnell nah. Familienausflüge, Gespräche, zu Beginn der Pubertät (dezente) Doktorspiele.

Wills Vater »Big Bill« ist einer der gefragtesten US-Bodybuilder und nimmt mehrmals an der Wahl zum Mr. Universum teil, die Mutter stirbt, kaum 20 Seiten nach Beginn, an Krebs; Will hat zwei jüngere Brüder, tumbe Zwillinge, alle lieben Fleisch und Wurst… und Will, der nervöse Vegetarier, wird als halbe Portion verlacht. „All About Lulu“ macht Spaß, gewinnt aber erst nach und nach an Tiefgang: Als Lulu mit 15 aus dem Cheerleader-Camp zurückkehrt, hat sie eine Kehrtwende hinter sich. Sie hält Will auf Distanz, bricht ihm das Herz.

Pubertäre Krisen. Romantische Verzweiflung. »No pain, no gain« ist die Big Bills Lebensmaxime, und unter Schmerzen wachsen im Lauf der 300 Seiten auch die Familienmitglieder von farbenfrohen Abziehbildern zu viel glaubhafteren, aber stark lädierten Charakteren. Aus der leichten Lektüre wird ein – oft: sperriger – Generation-X-Roman, aus harmlosen Kinderfiguren werden sehr viel ambivalentere Erwachsene. Das ist gut gemacht – und macht den Roman größer, als der Anfang vermuten lässt. Trotzdem verzettelt sich’s nach hinten raus ein wenig in Wills tristen Jobs (Fast-Food-Küchenkraft, Radio-Ansager), zweitrangigen Nebenfiguren (ein schmieriger Filialleiter, ein russischer, radebrechender Hausmeister, der Geist einer toten Katze) und spätpubertärem Gejammer.

Einzelne Szenen und Figuren sind so plastisch, kunstvoll, treffsicher in Tonfall und Psychologie, dass [stilistisch tolle!] Tableaus entstehen eines 80er-, 90er-Jahre-LAs, sehr literarisch. Manchmal: zum Heulen schön. Unbedingt veröffentlichungswert.

»All About Lulu« ist ein bunter, origineller, plastisch erzählter und psychologisch schlüssiger Zeit- und Jugendroman über die *Entscheidung*, etwas zu lieben, den Mut, weiterzumachen, und den Mut, aufzuhören. Große Themen, ohne viel Kitsch intelligent reflektiert. Ein Tropen-Tonfall [intelligent, witzig und literarisch], ein Tropen-Thema [emotional, gesellschaftlich und urban]. Ein einnehmendes, gefälliges Buch.

»Mr. Mesch? Wir haben die Rechte gerade verkauft«, mailte der US-Verleger: »An Kiepenheuer & Witsch, in Köln.«

Selten habe mich so geärgert – und gefreut.

Kiwi Stefan Mesch, Alles über Lulu, Foto Achim Reibach

 

 

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