»Dem kann man zu hundert Prozent vertrauen, der dreht uns keinen Blödsinn an!«

Mona 8 Uhr 30
Die Kollegin aus dem Lektorat: Mona Lang

Unterwegs mit KiWi-Vertreter Stephan Lehmann

Darf ich mal mit?

… fragte die Lektoratsmitarbeiterin (ich) frech den Buchhandelsvertreter Stephan Lehmann, nachdem ihr diverse Buchhändler zum x-ten Mal von ihm und seiner Arbeit vorgeschwärmt hatten: „Dem kann man zu hundert Prozent vertrauen, der dreht uns keinen Blödsinn an!“ Schluck! Blödsinn? Aber wir verlegen doch gar keinen …

Was ich zu wissen glaubte, war: Es geht alles sehr schnell. Und: Es geht nicht allzu viel um den Inhalt des jeweiligen Buches. Genau davor warnt mich Stephan auch noch mal sanft bei unserem schnellen Kaffee um 9 Uhr morgens in Bad Godesberg, kurz vor unserem ersten Termin in der wunderbaren Parkbuchhandlung. Ich hatte mir gewünscht, in meiner Heimatstadt Bonn mitzureisen, dort kenne ich die meisten Buchhandlungen, teilweise die Buchhändler. Kann ja nicht schaden.

Die Parkbuchhandlung wird von Mutter und Sohn Ter-Nedden geführt, die ich sehr mag, also freue ich mich, sie überraschen zu können. Nach meinem etwas zu lautem „ÜBERRASCHUNG!“ schaut Frau Ter-Nedden etwas verwirrt, denn Stephan hatte mein Mitkommen vorher angekündigt. Achso.

Man kennt sich, man mag sich. Man freut sich auf Stephan. Und dann die erste Überraschung für mich: Diese gewieften Buchhändler sind perfekt vorbereitet. (Fast) jede Vorschauseite ist mit einer Zahl versehen.

Ich habe mir selbst und Stephan versprochen, dass ich mich zurückhalte, nur beobachte. Und dann sind wir ruckzuck schon bei meinem ersten Herzenstitel und da steht eine für mich viel zu kleine Zahl. Autsch. Ich muss mir ganz fest auf die Zunge beißen und einsehen, dass Frau Ter-Nedden ihr Publikum doch viel besser kennt als ich. (In Gedanken mache ich mir eine Notiz, ihr das Buch trotzdem zu schicken.)

Barbara Ter-Nedden
Barbara Ter-Nedden und KiWi-Vertreter Stephan Lehmann

Wir sitzen übrigens für das Vertretergespräch auf Thronen mitten in der Buchhandlung. Immer wieder kommen (morgens um 9.30 Uhr!) Kunden herein. Auch hier: Man kennt sich, man mag sich. Toll. Schön. Eine ältere Dame möchte ein „Bücherabo“ erwerben: jeden Monat eine Überraschungs-Taschenbuch-Neuerscheinung per Post ins Haus. Ich bin begeistert und noch viel mehr begeistert mich, dass diese Dame, die bestimmt schon über 80 ist, dieses Angebot nutzen will.

Zurück zu unserem Gespräch. Jetzt kann ich live und in Farbe sehen, was dieses „Vertrauen“ zu seinem Vertreter bedeutet. Auf den Seiten, auf die Frau Ter-Nedden und ihre Mitarbeiter keine Zahl geschrieben haben, ist Stephans Einschätzung gefragt. Ein paar Sätze zu dem Buch, eine kurze Vorabschau der Marketingmaßnahmen oder Medientermine. Das geht wirklich alles sehr schnell, dabei haben wir auf der Vertreterkonferenz doch ausführlich… Nein. Halt. Diese Menschen hier sind Profis, die kennen ihren Job und arbeiten perfekt Hand in Hand. Frau Ter-Nedden sagt bedeutungsschwer in meine Richtung: „Ohne Vertreter wie Stephan Lehmann wären wir aufgeschmissen!“ Wow.

Zwischendurch immer wieder die Frage: „Leseexemplar gelesen?“ Ja. Nein. Vielleicht. In meinem Kopf passieren die langen Diskussionen über Auswahl, Sinn und Form jedes einzelnen Leseexemplars Revue. Erschrocken linse ich auf den wackeligen Stapel im Hinterzimmer und erinnere mich daran, dass es ja auch noch so viele andere Verlage gibt. (Und wissen Sie was? Die verschicken AUCH Leseexemplare!) In Gedanken versunken merke ich kaum, dass es schon vorbei ist. Nur eine Stunde für all unsere Titel? Aber: Das war ein guter Termin für KiWi, fast alle Bücher werden im Herbst in dieser Buchhandlung liegen. Weiter geht´s zu der weitaus größeren Buchhandlung Bücher Bosch nur 100 Meter entfernt von der Parkbuchhandlung.

Hier kommt Frau Giese freudestrahlend auf uns zu. Stephan und sie kennen sich seit 30 Jahren! 30! Ich bin 28. Hier wird noch viel klarer, was ich in der Parkbuchhandlung schon beobachten durfte: 1. Die Buchhändler bereiten sich auf diese Termine penibel vor. 2. Man kennt sich, man weiß, was das Gegenüber mag und gut verkauft. Zu meiner Belustigung sagt Frau Giese manchmal so etwas wie „Das nehme ich einmal, das kauft der Herr Bunsenhof.“ Bücher Bosch Laden

Zwischendurch darf ich auch mal was erzählen, wobei Stephan immer schon gleich sagt: „Dazu kannst du ja mal KURZ was sagen!“ Das kann ich, ich hab das Buch ja schließlich lektoriert, ich lege los und… Hat sie schon verstanden, die schlaue Frau Giese. Na gut. Also, diese Buchhändler… Wahnsinn!

Auch das wird ein toller Termin für KiWi, große Freude über das Herbstprogramm. Ich würde gerne allen High Five geben, traue mich aber nicht. Bei Bücher Bosch gehen wir noch in die erste Etage, zum Koch- und Kunstbuch-Bereich. Ich bin jetzt total drin. Ich hab verstanden, wie das funktioniert. Ab jetzt bin ich offiziell Profi im Einschätzen von Vertretern und Buchhändlern. Ich freue mich heimlich über meine neue Expertise, da kommt eine nette Buchhändlerin auf uns zu und sagt: „Ich habe gehört, dass Sie jemanden aus dem Lektorat dabei haben, deswegen übernimmt heute meine Kollegin, ich plaudere sonst zu viel aus.“ Großes Gelächter. Ich bin verdutzt. Waren die jetzt alle so besonders gut vorbereitet und nett, nur weil ich dabei war? Bin ich denen auf den Leim gegangen?

Mein Fazit: Nein, bin ich nicht!

Mein Fazit Nummer 2: Buchhändler sind immer nett und sie lachen viel und sind aufgeschlossen und wahnsinnig gut vorbereitet, wenn der Vertreter drei Mal klingelt.

Frau Giese
Frau Giese und Herr Lehmann

Mein Fazit Nummer 3: Stephan, der alte Hase (Sorry, Stephan!), macht das so gut, weil er seine Buchhändler kennt, weil er ehrlich ist und weil man ihm vertrauen kann. Dass man in diesen Zeiten Worte wie „Vertrauen“ groß schreibt, leuchtet mir sofort ein. Großen Online-Händlern vertraut schließlich keiner mehr. Dem Internet sowieso nicht. Und wenn dann ein netter Vertreter mit dem Zug oder dem Auto vorbeikommt und ganz persönlich auf einem Thron mitten in der Buchhandlung sitzt und das Programm vorstellt, dann kann man das doch einfach nur schön finden.

 Text: Mona Lang

 

3 Kommentare

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  1. Esther Giese

    Danke für den Artikel, und deswegen vertrauen wir sehr gerne vielen Vertretern, mehr braucht man nicht mehr kommentieren.
    Eine gute Reise noch und herzliche Grüße aus Köln.

  2. Anja Mehrmann

    “Also, diese Buchhändler … Wahnsinn!”

    Als ich noch im Buchhandel gearbeitet habe, haben wir manchmal beim Eintreten eines Kunden heimlich Wetten darauf abgeschlossen, was der wohl gern liest … Kleidungsstil, Alter und Geschlecht ließen sehr oft treffende Vermutungen über die literarischen Vorlieben zu. Und dann wurde im Hinterstübchen (erstmal in dem oben auf dem Hals) gekramt und auf Wunsch ein paar Titel empfohlen…

    Und Verlagsvertreter sind der Oberwahnsinn, echt, unverzichtbar!

  3. Kleine Verlagskunde (ABC) | LitBlog Convention

    […] Außendienst „Ich versuche Buchhändlerinnen davon zu überzeugen, daß sie möglichst viele Exemplare der neuen Bücher bestellen, die in den Verlagen erscheinen, die ich vertrete. Und das machst du das ganze Jahr? Eigentlich gibt es zwei große Reisen, früher war das jedenfalls so. Das hat damit zu tun, daß die Verlage zweimal im Jahr neue Bücher herausbrachten, im Frühjahr zur Messe in Leipzig und im Herbst für Frankfurt. Zur Buchmesse? Genau. Und vorher reisen die Vertreter, also von Januar bis etwa April und dann wieder von Juni bis September. Aber das ändert sich gerade. Die meisten Verlage liefern ihre neuen Bücher inzwischen monatlich aus.“ („Die Liebe der Väter“, Thomas Hettche) So beginnt der Vater in Thomas Hettches sehr empfehlenswerten Buch „Die Liebe der Väter“ seiner Tochter die Vertreterarbeit zu erklären. „Die Liebe der Väter“ war übrigens der erste deutsche Roman, der einen Verlagsvertreter zum Protagonisten hatte. Und wer wissen möchte, wie ein Vertreter die Buchhändler überzeugt, dem sei der schöne „Reisebericht“ meiner Kollegin Mona Lang empfohlen: „Dem kann man zu hundert Prozent vertrauen, der dreht uns keinen Blödsinn an!“ […]

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